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Psychological Transit Notes, Singapore

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Night food market across from Fu Lu Show Complex, stall after stall clad in foam and polymer plastic, covered with laminated color prints of laksa bowls, tou foo and noodles and neon-colored jelly desserts. Everything here is good, if a single dish was not, its vendor would be driven from their stall by a mob of blue-collar workers. Here, they gather to slurp mie and use their Samsung phones to watch the amped up stuff that evolved from american sitcoms in the studios of Chengdu. The satay tou foo may be the best chinese I had in months, despite the knifelike edges of the thin plastic spoon they handed me to ensure I finish every last drip of the spicy sauce. (03-28-17)

Lounging on one of the grey stretchers that line the Park Royal’s fifth-floor pool, the sounds of Pickering Street blend into Carsten Joost’s Ambush playing on my headphones. Unable to separate the faint pink noise that softly lines the track from the humming of cars. Singapore is measured and efficient, foregoing the transitional elements of urban life. Citizens and visitors alike are expected to be driven, moved, teleported from capsule to capsule, all but removing the urban fabric as ground for experience and life. There is soft light and well-kept brutalist architecture. There is Perrier with lime and always a hawker stall close by. Nowhere to be found is Tokyo’s depth and profoundly logical spirituality nor Seoul’s frantic pace and ubiquitous lust for consumption. It is an irritating place, but by now a far cry from Disneyland with the Death Penalty. An amalgam of soft places, connected by a pragmatic system of hyperlinks. An exceptionally fine void has formed around me, from the greenery draping concrete isohypses above to the domes of Esplanade, extending to the far right of my view. I am at ease, but the calm does not reach my heart. It may be emotional boredom, it may be my restless nature. (04-12-17)

The faint iridiscent glitter of small square tiles rushing past below me, reflecting Singapore’s hazy cloudscapes, distorted by my lazy swim strokes as I dive the length of the pool, imagining the view of an southeast asian metropolis gliding past, wondering whether it will still be there when I open my eyes. (04-12-17)

(Aus meinen Reisenotizen in Singapur.)

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Drei Orte in Kuala Lumpur

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Kuala Lumpur ist weniger eine Stadt als die südostasiatische Version des Sprawl – das Substantiv im Gibsonschen Sinne, nicht das Verb im Infinitiv. Es ist ein für europäische und (noch) zeitgenössische Verhältnisse unkontrolliert wachsendes Geflecht aus Tradition, Pragmatismus, dem Technologismus des vergangenen Jahrtausends und dem simplen Prinzip der Verdrängung: Masse erzeugt Druck und erschließt in der Folge Wege und Raum.

Somehow everything is infrastructure here01, und interessanterweise scheinen ihre Komponenten ihren eigenen Codices zu folgen. In dieser Hinsicht entspricht Kuala Lumpur seinem Land. Malaysia bezieht Identität aus Multikulturalität: muslimische Prägung, ethnische Bevölkerungsgruppen aus Indien und China sowie eine trotz allem spürbare indigene Präsenz.

In Kuala Lumpur ist das an wenigen Orten so evident wie am Central Market am Rande von Chinatown. Es ist sicherlich ein chinesisches Viertel wie es im ostasiatischen Raum häufig zu finden ist (think Garküche, tech repair shack, unlikely Yeezy colorways) – doch es ist durchdrungen von den Vibes und der Haptik des mittleren Ostens. Der Dayabumi-Komplex überragt das kleine Viertel wie ein Architektur gewordener Konjunktiv: Ein Turm ornamentierter Geradlinigkeit, ein entschlossener Entwurf, on point in seiner Slickness (und vermutlich eines der schönsten Gebäude, die ich gesehen habe).

Das Durcheinander Kuala Lumpurs ist bestimmt von Kontrasten wie diesen, zu denen mir kein adäquater Vergleich einfällt. Alles hier war niemals prä- oder post-, es ist urbane Biologie, das über-, unter- und ineinander Verwachsen in alle Richtungen, möglicherweise die Entsprechung des malayischen Dschungels. Drei Orte in Kuala Lumpur.

  • Lot 10 (Karte)

    Zu mehr oder weniger großen Teilen ist Kuala Lumpur ein Street Food Market, und war es bereits bevor dieser einigermaßen doofe Begriff existierte. Die Hawker Stalls (das ist ein Ausdruck) von Bukit Bintang (Jalan Alang und so weiter) durchzuprobieren ist eine lebensabschnittfüllende Aufgabe – und zugleich Kulisse für ein akkurates Cosplay der Ramen/Recruiting-Szene aus Blade Runner. Daher ist es praktisch, dass unter dem Namen Lot 10 eine Auswahl der besten und langlebigsten Street Food Stalls in den Keller einer Mall gedrängt wurde. Die Entscheidung zwischen Hokkien Mee, Roti Cannai, vielerlei Dumplings, Naan-Varianten und hundert anderen Optionen fällt dennoch hinreichend schwer. Alles hier ist von exzellenter Qualität und in vielen Fällen durch mehrere Generationen einer Familie erprobt und verbessert. Stressfreude erster Güte.

  • Feeka Coffee Roasters (Karte)

    Bukit Bintang ist das interessante Viertel in Kuala Lumpur – die Grenze zu unerträglich ist allerdings einigermaßen fließend, auf eine ähnliche Weise wie es in Itaewon der Fall ist. Beim Versuch, Amusement und expatkompatibler guter Laune aus dem Weg zu gehen, führte mich mein Weg an Feeka vorbei. Wie der Name vermuten lässt, handelt es sich um den lokalen Ort für Third-Wave-Kaffee, Gebäck und gute Vibes. Interessant, weil spezifisch, ist die Raumsituation: zwei kahle Geschosse, eine gerüstartige Terasse, Sitzplätze zwischen großen Blättern. Ruhe, wie sie nur in einem verlorenem Karton im tosenden Regen einer Stadt wie Kuala Lumpur existieren kann.

  • Tsujiri (Karte)

    In Kuala Lumpur gibt es eine Isetan-Dependance. Der Grund, auf dem dieses Kaufhaus steht, sollte japanisches Staatsgebiet sein – ein Besuch entspricht einem Augenblick Tokyo, in Ruhe und Schönheit. Das gilt im Besonderen für das Erdgeschoss und die Delikatessenabteilung im Untergeschoss. Abgesehen von 35 Sorten Junmai und Bento für Unterwegs gibt es hier in einem Halbrund eine Tsujiri-Filiale. Ihre Angestellten verkaufen die besten teebasierten Desserts der Welt. Chiffon-Kuchen, Hojicha-Bisquit, Matcha-Eiscreme, Matcha-Floats, Azuki – alles ist von perfekter Form und ebensolchem Geschmack. Eine Erinnerung an Omotesandō, samt seiner stillen Wärme und dem Grün und Schwarz. Unerwartet und in seiner gänzlich unmalayischen Auszeit-Erfahrung unbedingt einen Besuch wert.

  1. William Gibson – Disneyland with the Death Penalty, Wired (1993).↩︎
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Sechs Orte in Mailand

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Mailand ist eine gleichermaßen modern wie materiell. Was den urbanen Raum angeht, ist die Stadt ihren Nachbarn im Norden (Como, Bergamo und die italienische Schweiz) näher als der Toskana und den historisierten Orten ihrer südlichen Umgebung. Im Gegensatz zu Florenz und Siena ist die Entwicklung der Stadt auf die Gegenwart bezogen – und wie zu erwarten, findet sie hier in der (Innen-) Architektur ihren prägnanten Ausdruck.

Das Neue in Mailand hat seine Basis in Ideen, die in der Stadt verwurzelt sind. Die zeitgemäße Fortführung dieser Ideen führt zu bemerkenswerten Orten und Situationen, im Stadtraum und den Räumen der Stadt. Das Ergebnis ist eine Moderne im Dienst des gesellschaftlichen Moments, häufig mühelos aber stets bestimmt. Der Luxus dieser Stadt liegt in ihren Materialien und den Umgebungen, die sie schafft. Über einige davon habe ich mich bei meinem Besuch im April und Mai sehr gefreut.

  • Bosco Verticale/Porta Nuova (Karte)

    Überall in Mailand fügen sich Balkons und offene Dächer zu begrünten Terrassenkomplexen. Das ist richtig und naheliegend für diese Stadt. Es ist sehr erfreulich, dass diese Erkenntnis in stadtplanerischen Ausschüssen bestand hatte – und zur Akzeptanz einer solch konsequenten Lösung wie den Bosco-Verticale-Türmen führte. Bosco Verticale ist die Fortsetzung begrünter Dächer als Arkologie der Gegenwart. Die Farben des Komlexes sind bemerkenswert – die Palette aus Weiß, Schwarz und Grün (Yoichi Kimura wäre zufrieden) nimmt sich wohltuend aus gegenüber dem kontrastfreien Graubeige (dare I say Greige) des städtischen Materials. Pflanzen sind hier vollständig verwobener Rohstoff, auf eine Weise wie ich es sonst nur in Japan gesehen habe. Courage für ästhetische Vorschläge wie diesem machen Mailand zu einer Stadt des Hier und Jetzt – und Hoffnung auf eine progressive Zukunft europäischer Regionen.

  • Fioraio Bianchi (Karte)

    Die Piazza Carlo Mirabello in Brera ist an zwei Seiten mit fünfstöckigen Wohnhäusern umstanden, ihre Dächer begrünt, ihre Fassaden aus hellem Granit. Auf dem Platz gibt es einige Pappeln und drei Bänke, der Nachmittagssonne zugewandt. An der Ecke zur Via San Fermo liegt ein Blumenladen, in dem zum Aperitivo geröstetes Brot und Oliven auf den Tresen gestellt und einfacher Weißwein an die Intelligenzia der Stadt ausgeschenkt wird. Dieser Blumenladen heißt Florario Bianchi. Vor seiner Tür mit seinen Gästen auf dem Platz mit den Pappeln zu stehen, ist eine der besten Tätigkeiten, die mir für einen Abend im Mai einfallen.

  • Boffi Solferino (Karte)

    Mailand ist natürlich die Stadt der Möbelgestaltung und der „Einrichtung“01, und es gibt wenige Orte, an denen das nicht offenbar ist. Neben den diversen Galerien ist der Boffi-Showroom eine naheliegende Adresse auf diesem Gebiet, und gerade deshalb leicht zu ignorieren. Umso beeindruckter war ich von der Qualität der hier vorgeschlagenen Konfigurationen für Bäder und Küchen. Auch hier geht es vornehmlich um Qualitäten des Materials – und um Entwürfe, die diese ideal zur Geltung bringen. Grundformen sind massiv bis brachial, große Kuben richten ihr Gewicht nach unten, Arbeitsoberflächen bleiben ohne zusätzliche Platten oder funktionale Details. Alles: schwer, dunkel, warm, ruhig. Ich habe mir meine Kompromissbereitschaft in einem weiteren Thema für immer ruiniert, mit großem Vergnügen.

  • Dry (Karte)

    Müsste man den Modus Operandi Mailands mit einem Wort benennen – Aperitivo wäre gleichermaßen naheliegend wie angemessen. Die Drinks und Snacks vor der Mahlzeit (und den daran anschließenden Drinks und Snacks) sind die Verdichtung dessen, was Tex Rubinowitz die Fettucine-Lösung nennt: smoothes Rumstehen mit nackten Knöcheln bei einfachem, aber exzellentem Essen. Dry in der Via Solferino ist vermutlich der Ort in Mailand, der dieses Konzept am besten umsetzt. Ernsthaft gute Drinks, ernsthaft gutes Essen. Trick: Früh kommen, draußen sitzen, der grausigen Musik drinnen entgehen und mehr von den Gutaussehenden in der Schlange vor der Tür sehen. Falls alles nicht hilft: gegenüber ist ein gutes Izakaya – die Ramen-Lösung.

  • Carlo et Camilla (Karte)

    Was Carlo et Camilla versucht, könnte im Schlimmsten, in Erlebnisgastronomie enden: Ein altes Sägewerk nahe des Kanals in der Zona Tortona, entkernt, mit Beton ausgegossen, Kronleuchter aufgehängt, Innenhof begrünt, als Restaurant mit Bar eröffnet. Nicht in Mailand. Auch im Carlo et Camilla geht es um Materialien, und um die Wirkung des Raumes. Und man weiß, wo Schluss ist: die Stühle sind schulfarbene PVC-Hartschalen und die Kronleuchter bleiben ausgeschaltet – sie sind Reflektoren für die Halogenstrahler. Es geht ums Essen und die Drinks (vermutlich: die besten der Stadt) und um die zwei Stunden an der langen Tafel. All diese Dinge sind exzellent.

  • Isola (Karte)

    Ich wohnte in Mailand im Norden, in Isola. In Isola gibt es die Einrichtungen und Orte, die das städtische Gefüge Norditaliens seit vielen Jahrzehnten bestimmen. Straßenmärkte, Kaffee am Tresen, Monobloc-Stühle auf breiten Gehwegen und Plätzen, Werkstätten zwischen Wohnhäusern: was notwendig ist, um ein Leben zu führen. Dazwischen existieren die Veranstaltungsorte des postregionalen Auskennerlifestyles: Self-Publishing, Ramen, Spezialbier. In Isola funktioniert das angenehmerweise jenseits der üblichen Alters- und Lebenssituationsgrenzen. Das Leben kunstvoll zu führen ist eben keine neue Idee. Am besten: Das Oliven- und Nussbrot in der Panificio Angela und Caffe al Banco im Ambrosiana.

  1. Die Präposition erschien mir hier schon immer falsch: wohinein soll hier etwas gerichtet werden? Wenn überhaupt werden Dinge doch ausgerichtet, und zwar an den eigenen ästhetischen Prinzipien. Entschuldigung.↩︎
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Sechs Orte in Tokyo

http://electricgecko.de/2013/orte-tokyo

Es ist selbstverständlich Unsinn, einen Text mit dieser Überschrift zu schreiben. Tokyo ist keine Stadt, für die Hinweise auf ausgewählte Orte sinnvoll oder notwendig wären. Tokyo ist zu komplex und zu selbsterschließend, als dass es einen anderen Rat geben könnte als: Get out, get lost. Die Skalierung der meisten Viertel im Stadtgebiet orientiert sich an den Maßen und Reichweiten von Menschen – eine überaus bemerkenswerte Erfahrung, wenn man westliche Städte gewöhnt ist und motorisierten Straßenverkehr für ein unvermeidliches Übel hält. Letztlich sind es weniger die Räume und Perspektiven, die Tokyo zur zentralen Stadt einer anderen Moderne machen. Sondern die Perfektion seiner Verfasstheit, die Kombination aus besserem Material und nahtloser Fügung, die Zugehörigkeit zu einer anderen, hochwertigeren Realität, in der bessere Antworten auf die gleichen Fragen gefunden wurden; Mirror-World. Tokyo ist im besten Sinne unglaublich.

  • The Peak Bar at Park Hyatt (Karte)

    Es ist sicherlich kein origineller Vorschlag, die High-End-Drinks ausgerechnet im Park Hyatt einzunehmen – doch besser ist besser als überraschend. Die Kombination aus der vierzigsten Etage, einer cyanfarbenen Nacht, den rot glimmenden Positionslichtern von Shinjuku-ku und dem Blick über die Bar aus dem Panoramafenster ist schwer zu übertreffen. Ich trank Dirty Martini und Yamazaki, beides exzellent und vollkommen frei von Überraschungen. Ein Abend wie eine der psychogeografischen Rezensionen des Travel Almanac.

  • Daikanyama T-Site (Karte)

    Große Buchhandelsketten sind ein inhaltliches und ästhetisches Ärgernis, das Falsches in hohen Stückzahlen verkauft und Richtiges nicht im Sortiment führt. Hätte es eines Beton und Glas gewordenen Beweises bedurft, dass Tsutaya Books keine Handelskette in diesem Sinne ist – T-Site in Daikanyama wäre dieser Beweis. Ein komplexer Bau, gefüllt mit einem simplen Sortiment: alle relevanten Magazine der Welt, Bücher, Musik, Filme. Wie so häufig in Japan liegt der Unterschied zu anderen Orten nicht im was, sondern im wie. Im ersten Stock der T-Site befindet sich eine weitläufige, dunkel vertäfelte Lounge, deren Bar exzellentes Essen und gute Drinks serviert. Sie ist die offene Einladung, den Sonntag mit einem Stapel Bücher aus dem Sortiment zu verbringen. Sind gegen Abend die aktuellen Ausgaben der Mark, der Pin-Up und der Fantastic Man ausgelesen, bleiben die vollständigen Archive internationaler Klassiker: etwa alle Ausgaben der französischen Vogue seit 1950, gebunden, in mint condition. Es gibt keinen besseren Ort, um Stunden mit inhaltlichem Input und einer Folge Matcha-basierter Desserts zu vertändeln.

  • Gyoen Park Shinjuku (Karte)

    Ein Dimensionstor und 200¥ beträgt der Abstand zwischen dem schwarzen Teer Shinjukus und einem Areal, das in seiner perfekten Skulpturiertheit beinahe gerendert wirkt: Gyoen Park. Ein Garten, gefertigt aus Pflanzen, Luft, Himmel und Wasser, der nicht wie ein ausgleichender Gegensatz der Stadt wirkt, sondern wie ihr notwendiger Teil. Die weichen Hügel der großen Wiese setzen die Silhouetten der Betonstadt auf irritierende Weise nahtlos fort. Jeder Blick hat viele Perspektiven. Alles wieder offen, notwendigerweise sowohl als auch.

  • Lift Étage (Karte)

    Das Vermögen durchzubringen fällt selten schwer. In den relevanten Städten der Welt, zumal. An kaum einem Ort machte es mir mehr Spaß als in Tokyo; eben der Stadt, in der viele meiner ästhetischen Interessen ihren Ausgang nahmen. Stellvertretend nenne ich also Lift Étage – für den besten denkbaren Kundendialog, das kompromisslose Sortiment und das genau richtige Verständnis von Kleidung als Teil visueller Kultur und gestalterischen Ausdrucks. Mein Besuch fiel angenehmerweise in den Ausstellungszeitraum einer Installation von Carol Christian Poell und schmerzhafterweise in den Zeitraum einer der stärksten Saisons von Maurizio Amadei/MA+. A rare indulgence.

  • Shelf (Karte)

    Ein weiterer Ort kommerzieller Natur – auf einem Zehntel der Fläche, mit dem gleichen kompromisslosen Anspruch an Sortiment, Atmosphäre und Qualität. Um es einfach zu machen: Shelf ist die beste kleine Buchhandlung, die ich betreten habe. Wie immer und alles in Tokyo befindet sich auch Shelf in einer winzigen Seitenstraße, in diesem Fall abseits der Gaien-Nishi Dori, unweit des (größtenteils uninteressaten) Wataru Museums. Bei Shelf findet sich nicht die größte Auswahl an Fotografie- und Architekturbänden, aber die beste. Das liegt zum einen an der sorgsamen Kuratierung der Inhaber, zum anderen an dem sehr eindrücklichen Erlebnis, einem vollkommen unbekannten Kunstbuchmarkt gegenüber zu stehen. Mit jedem Blick Neues sehen – oder besser: Bekanntes in neuem Kontext, reformuliert für eine unbekannte Betrachterperspektive. Nota bene: Shelf bei Foursquare.

  • Narukiyo (Karte)

    Ich stieg reichlich berauscht aus einem schwarzen Taxi, hundert Meter vom Eingang dieses Lokals entfernt, als mein Telefon auf Tokyos schönem Asphalt in viele glänzende Teile zersprang. Es sagt einiges über die Qualität des Essens und das generelle Narukiyo-Erlebnis, dass ich dieses Ereignis im weiteren Verlauf des Abends nicht weiter beachtete. Narukiyo ist ein Izakaya, also ein gehöriger Trubel, in dem rasche Folgen Speisen und Shōchū aufgetragen und ohne Zuordnung zu Tisch oder Gast ebenso rasch verspeist werden. Ein guter Freund von Yohji Yamamoto betreibt dieses Lokal – jedenfalls solange er diesen nicht zur jährlichen Schau als Leibkoch nach Paris begleitet. Dass Yohji-San weiß, was Qualität ist, erklärt sich von selbst. Ich aß hier das beste Sashimi und den besten Seeigel meines Lebens.

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Sechs Orte in Porto

http://electricgecko.de/2013/porto

Porto war kein Ziel mit Absicht. Porto ist mir passiert, sozusagen, der Arbeit wegen. Das passte ganz gut, denn Porto ist eine arbeitende Stadt in einer arbeitenden Region. Dass sie wunderschön sind (Stadt und Region), und zwar auf eine Weise, die ich verstehen und ertragen kann, habe ich erst dort gelernt. Porto ist die interessante Stadt des Landes. Es geht große Anziehung aus, von seiner hügeligen Kolonialhaftigkeit (Farben: weiß/weiß/grün/blau), durchtrennt und zusammengefügt mit exzellenter öffentlicher und kommerzieller Architektur (grau/weiß). Es gibt einen spezifischen Anspruch an die Gestaltung des Raumes, der Porto schön und gebrauchbar macht. Porto erscheint an vielen Stellen auf so schöne Art und Weise gebaut, dass man die Art wie die Stadt mit seinen Hügeln, dem Fluss und dem Meer verfließt übersehen könnte, um ein Haar. Ich blieb für zehn Tage in einem wunderschönen Appartment und in einem Hotel für ein langes Wochenende im April, and I’ve grown strangely fond of this place.

  • Champanheria da Baixa (Karte)
    Portugiesisches Essen – solange es nicht aus frisch gefangenem Fisch besteht – ist keine unproblematische Sache. Glücklicherweise gibt es in Porto exzellente Plätze mit exzellenten Speisekarten. Die Champanheria da Baixa ist ein solcher Platz. Es gibt sehr gute kleine und noch bessere große Gerichte. Man sollte entweder auf dem schönen kleinen Platz draußen oder im hinteren Teil der Bar innen sitzen. Was noch? Das Brot ist fantastisch und die Getränkefrage klärt sich von selbst.
  • Piscina des Marés (Karte)
    Dies ist ein Eintrag auf meiner nicht existierenden Liste Der Schönsten Orte Der Welt. Das Piscina des Marés ist ein Schwimmbad im Meer, gelegen zwischen den scharfkantigen Felsen von Matoshinhos. Alvaro Siza setzte in den 1960er Jahren dem unwirtlichen Strand eine brutalistische Architektur entgegen, die ihn gebrauchbar macht. Das Schwimmbecken ist mit Meerwasser gefüllt und endet an der organischen Felsenbegrenzung – in einer harten Zusammenfügung von Architektur und Natur mit dramatischem Ausblick über den atlantischen Ozean. Das Beste am Piscina des Marés sind allerdings die Umkleidekabinen. Roher, unverputzter Beton, schwarzes Holz und plötzliche Kühle, niedrige Decken – eine Rite du Passage, die den Blick freigibt auf Beige, Sandstein und Azurblau. Es ist fabelhaft.
  • Fundação Serralves (Karte)
    Die zeitgenössischen Museen europäischer Städte zu besuchen ist natürlich immer eine gute Idee. In Porto funktioniert sie ganz ausgezeichnet, denn die Fundação Serralves ist exzellent kuratiert (subjektiv anekdotisch: besser als das MACBA) und in einem auf unterhaltsame Weise disproportionalen White Cube von José Marques da Silva aufgehoben. Es empfiehlt sich ein ausgedehnter Spaziergang durch den wunderschönen Park und eine Tasse Kaffee samt Kakao/Chili-Cashews im Teehaus am alten Tennisplatz. Die alte Villa Serralves ist auch unbedingt einen Besuch wert – denn sie ist sowohl kubistisch, altrosa als auch vollkommen leer.
  • Por Vocação (Karte)
    Por Vocação ist – vielleicht neben Wrong Weather der einzige relevante Shop für Herrenmode in Porto – und ein äußerst angenehmer Ort, um eine oder zwei Stunden zu verbringen. Vielleicht wegen der perfekten Lichtstimmung, aber ganz sicher wegen des unglaublich freundlichen Personals. Auch wenn die Range der vertretenen Labels nicht so ganz meinem Geschmack entspricht, ist die Auswahl aus den jeweiligen Kollektionen immer exzellent. Ich verdanke dem guten Geschmack der Betreiber einen perfekten Nylon-Blazer von Raf Simons, ohne den ich den Hamburger Herbstregen bedeutend zerknitterter überstanden hätte.
  • Casinha (Karte)
    Casinha ist so einfach wie sein Name. Ein Café direkt an der überaus anstrengenden Avenida da Boavista (und schräg gegenüber vom Por Vocação), das guten Kaffee, gutes Mittagessen und das beste Eis der Stadt verkauft. Der Grund, die Cashinha zu besuchen, liegt allerdings auf der anderen Seite des Cafés: ein stiller, mit Holzboden belegter Innenhof, in dem nichts von den Touristen vor der Casa di Musica und nichts von der großen Straße zu spüren ist.
  • Casa d’Oro (Karte)
    Schließlich: Ein Restaurant an einem der besten denkbaren Orte für ein Restaurant – in einer Box aus Glas und Beton auf halber Höhe über dem Duoro, neben der wunderbaren Silhouette der Ponte da Arrábida. Deren Architekt, Edgar Cardoso, überwachte den Bau der Brücke aus einem eigens (von seinem Sohn) entworfenen Büropavillon – besagter Box, die nun die zwei Restaurants der Casa d’Oro beinhaltet. Zu empfehlen ist in jedem Fall das Pizza- und Pasta-lastige Restaurant auf dem Dach (und dessen ausgezeichnete Aperitiv-Karte). Das Restaurant in der unteren Etage ist leider schlechter und teurer – das ist vor allem schade um den Blick über den Duoro durch die deckenhohen Fenster.
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