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Whenever you make sense of the worlds, I fall silent, Odile Decq, Blixa Bargeld, Martin Kippenberger, Rick Owens, Danah Boyd, Wolfgang Tillmans, Rainald Goetz, Yohji Yamamoto, Michael Jordan, Christian Kracht, Siegfried J. Schmidt, Werner Herzog, Elfie Semotan. To be extended.

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Full Release

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Wir haben einige Nächte im August mit dem Atonal verbracht, und in diesem Jahr war es eine Befreiung. Setting und Performances übernahmen jede verfügbare Kapazität und machten frei was umklammert war. Loslassen ist schwer, aber möglich. Der Körper braucht starke Reize, wie Martin Schmidt einmal so treffend sagte.

Die vier Nächte Atonal und die Tage in Westberlin gehören zu den schönsten dieses Jahres. Während der Nächte schrieb ich hin und wieder einige Worte auf, eine häufige Reaktion auf kognitive Forderung. Bei Tag besehen und mit dem Abstand einiger Wochen editiert scheinen sie fern und abstrakt, möglicherweise eine angemessende Erinnerung für einen ausgedehnt verschwommenen Moment dieses Jahres.

In keiner besonderen Reihenfolge:

LCC and Pedro Maia narrate a thunderstorm viewed from above, as blown out aviation sequences flash past. Sand, sun, sky, all scratched up, bent, and touched. I leave to buy myself Soda and Wodka. As I return, LCC are slowly folding oxidized metal into an atmosphere of tremendous pressure. Kicks are punctuated by spliced ice and shattering glass that send spikes beyond the EQ maximum. Artful restraint and manifest machine power, flares illuminate the hall. There is a snow storm ahead.

Abul Mogard: The sirens are calling but we don’t know where we are.

Somewhen Demdike Stare, headlining act, begin what will probably remain the defining musical performance of my year. The acid glow of a radar H.U.D. illuminates the vast grey veil, offering no orientation but static and the flames of burning synapses. Demdike Stare lay down carpet to smash porcelaine on, all in slow motion. Michael Englands colourful visuals stand out among the sinister Atonal fare, offering the farthest abstraction of all: Humans, on the deck of Niagara Falls, photographing themselves. The alienation hits hard. I feel myself caught and cradled by the sun and its multiplicity, by the unbearable beauty of the Demdike groove, wide enough to inhale and exhale between kicks. Each bar a shallow ellipsis, smashed to pieces in a considered, artful manner. This is fight music for the flailing. Release.

At Ohm, Yosuke Yukimatsu is shredding, whirling, hacking all matter to pieces. There is a brief moment of uncertainty among the crowd, a silent deliberation whether the floor abides. The physical rush of delight as we realize: This is working, and we are with him.

Puce Mary sets off lightning bombs in the great hall. We listen to the sounds of Onyx shattering. An asynchronous flash behind us, did a T-beam crack?

Then, Regis and his ever extending, soul-probing tendrils of anti-matter. Suddenly, something is removed, an opening, a groove emerges. Rhythmic figures built from the ruins of decayed rhythmic figures, Material für die nächste Schicht. Ocillator stabs emerge for the better part of a minute as Regis pretends to be Tuxedo Moon, all playful and grittily affirmative. Versteinerte Nerven im Zustand intensivster Texturwahrnehmung, Granit-Kognition. Im Grunde ist das alles Acid, oder der verstrudelnde Ozean an einer felsigen Küste. Es ist als würde das Hirn massiert, sagt Hannes.

Shed + Pinch are on a full on brutal assault from behind iron bars. No holds barred, as it should be. Release.

Fis + Renick Bell share the duties of musical performance and live-coding of algorithms. The portrait-oriented projector screen lends itself well to this format, as monospaced multiline statements keep preceding their auditive renditions. Source code for the things to come. In this case, rhythm is a matter of viewing distance: when extracting patterns from noise, resolution becomes the decisive quality: „Um […] seine Randomness als Grad zu verstehen, der relativ zum Phänomen ist, kann Noise nicht […] in die simple Opposition zur Rationalität oder Ordnung gesetzt werden. […] Der Maßstab ist keine Frage der Größe oder der Kleinheit, sondern eine der verschachtelten Kapazitäten“01.

My memories of Shackleton and Anika are hazy. There seemed to have been a narrative, but I have lost all recollection in a hypnotic refraction of patterns.

  1. Achim Szepanski – Ultrablack of Music: Feindliche Übernahme (2017), Spector Books↩︎
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Neapel-Beobachtungen

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Neapel ist eine Art zusammengeschmolzener Klumpen der vergangenen zweitausend Jahre am Mittelmeer. Wohnhäuser, Fahrzeuge, Marktstände, Statuen, Pflanzen – alles ist Teil eines gleichen, texturierten Stadtmaterials. Vollkommen unbekannt ist die lineare Folge von Straßen zu Plätzen zu Bauten, wie man sie aus dem irgendwann in die Pläne einer aristokratischen Klasse gezwungenen Inneren großer europäischer Städte kennt.

Vielmehr entspricht Neapel dem unüberblickbaren Gewirke ostasiatischer Großstädte: geeignet, Invasoren zu desorientieren, ohne Unterscheidung zwischen Infrastruktur, Architektur und privat organisiertem Räum. Bauten sind Material, Ruinen sind Material, Märkte und andere temporäre Raumorganisationen sind Material. Via San Antonio Abate ist näher an der Jalan Tun Razak als am Place d‘Aligre. Neapel altert uniform, in einer gleichmäßigen Patina aus Sandsteinschmirgel, Schwärzung und Bruch; die Übergänge sind fließend. Mit jedem Tag schreibt sich das Gefüge der Stadt tiefer in sich selbst ein, Wildnis, Steppe.

Die Straßen Neapels sind der Ort der Performance (und der Ort für alles Andere), wie das häufig der Fall ist in Städten, in denen um vieles gekämpft werden muss. Was Stil angeht, fallen zwei Dinge auf.

Erstens: Die überzeichnete Silhouette der Ramones-Sneaker von Rick Owens hat in Neapel die subtilere des Converse-Originals abgelöst. In einer Art Möbiusschleife kultureller Referenzierung ist die Comic-Version des simplesten Sneakers der Welt hier wieder angekommen und zum Default geworden: Der 25-Euro-Fake eines Luxusprodukts, das vermutlich weder seinen ostasiatischen Herstellern noch seinen Käufern bekannt ist. Jede Altersgruppe trägt die massiven weißen Sohlen und den Zip auf der Innenseite – mutmaßlich ohne den Versuch, Status und Geld zu demonstrieren, sondern aus Lust an der Lautstärke, an Präsenz und Sichtbarkeit.

Zweitens: Pyrex‘s not dead. Das (Fake-) Echo01 von Virgil Abloh‘s Streetwear-Versuch hallt durch die neapolitanischen Straßen, das Momentum der Beflockungsmaschinen war zu groß, sie laufen weiter. Gemüsehändler tragen die Shirts zur Arbeit, ihre Freundinnen die Trainingshosen zu Pumps. PYREX, eine Reihe ziemlich guter Buchstaben, der Name eines Kochtopfherstellers, encodiert von Pushern und Tickern, gesampled, geflockt, gefaked, cargo-kultiviert am südlichen Ende des geistigen Europas. Semiotik kann schwindelerregend sein.

  1. Turns out: Das Label führt ein untotes Leben auf dem italienischen Markt, in größerem Umfang und vermutlich höherer Qualität als das kurzlebige Original.↩︎
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Monumentaler Realbuddhismus

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Ich höre wieder Basic Channel und alles drumherum, in diesem Sommer. Große Ruhe liegt über den Pfaden, die durch die Stadt führen, und auch aus ihr hinaus. Wir reisen durch Europa, um Ausstellungen zu sehen und die Haptik und Atmosphären der Gebäude niederzuschreiben. Wir haben noch Momentum und die Energie für konzentrierte Wiederholung. Also Dub, und er zieht Ellipsen komprimierter Leere durch Wochen. Der negative Raum, den diese Musik lässt, ist recht für das Nachzeichnen der Pfade, den ersten Schritt in den Regen oder das Summen eines sonnigen Tages bevor er wirklich beginnt. Going through the motions, but doing so with increased mindfulness. Möglicherweise ist das Nichts noch einmal neu zu lernen, oder immer wieder.

Dieser Sommer, Basic Channel, Maurizio – M06A: “Monumentaler Realbuddhismus. Kunst, die man nicht sieht. Musik, die man nicht hört. Ein Denken, das alles irgendwie denkbare schon erledigt hat und jedem dadurch alle Freiheit gibt und einen so einfach komplett in Ruhe lässt. Das Geheimnis der Verborgenheit der Nichtüberprägnanz.”

Genau, und:

Ich verstehe wirklich nicht, wie es paar Leuten da in Berlin gelingen konnte, so weit und so lässig ins Überindividuelle auszugreifen. Wo haben die das hergenommen? Das Weglassen können?

Ja, Rainald. Vor 19 Jahren, immer noch.

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Konstitutive Oberfläche

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Den in dieser Zeit stets mitzudenkenden Kontextverweis auf die politische Weltlage unterlassend, wies mich Hannes gestern auf den Ausspruch Andrei Sinyavskys hin, dass seine Differenzen mit dem sovietischen Regime in erster Linie ästhetischer Natur seien:

The writer Andrei Sinyavsky, perhaps the first person to become known as a Soviet dissident, once quipped that his ‘differences with the Soviet regime were primarily aesthetic.’ Buried in a dense autobiographical essay and qualified as a joke, the line nonetheless was and remains one of the most-repeated sentences among the differently minded in the Soviet Union and in Putin’s Russia.

Die Oberfläche ist der Ausdruck, also das Wahrnehmbare, zu Anschluss und Konstruktion entschieden Angebotene des Inneren. Die Entschiedenheit ist das Wichtige, also die Bewusstheit der Entscheidung nach Forschung, Überblick und Prüfung der Kriterien (welcher Kriterien auch immer). Nur was in eine Form gebracht wird, ist vorhanden und kann verwendet werden, für Kritik und Anschluss, im Gegenteil zum vermeintlich organisch Erspürtem. Das Innere ist die Leerstelle und die Kritik am wie, an Optics und Haptics der Macht und der Gesellschaft ist die Achse der Diskurse – hier geschieht Arbeit, die Aufmerksamkeit und Achtsamkeit verdient.

(Im Februar 2017)

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