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Tag: Leben

21.10.2009

Complementum

Ich bin der Letzte, der die Übernahme mittelsinnvoller Features (lies: Reblogging) in alle Webformate empfiehlt — aber in diesem Fall mache ich gern eine Ausnahme. Ich schreibe ab, was Lisa abgeschrieben hat, weil es von der richtigen Stelle und mit Herz abgeschrieben ist. Weil ich es weiterhin nicht vergessen möchte und das außerdem in jedem Leben ein- bis tausendmal gesagt gehört. In meinem jetzt.

Freunde ergänzen einander, ergänzen heißt ganz machen, um das nötig zu haben, muss man geschädigt sein, aber wenn man es nötig hat, so kann man auch niemand brauchen, der auf dieselbe Weise beschädigt ist, sondern jemand, der andere Schäden aufweist. Die Freunde füllen die Lücken, sind komplementär, sie holen auf, was einem fehlt, sie tun, was man versäumt hat […].

— Ruth Klüger, “weiter leben”.

26.09.2009

Subtext

Ich lese gerade wieder, beziehungsweise endlich mal, Rainald Goetzens Klage-Blog. Endlich mal, weil das Buchformat die Rezeptionshaltung dann noch noch einmal verändert; ein Bett ist etwas anderes als ein Feedreader. Mal wieder, weil ich zu Vanity-Fair-Zeiten die Rants und Ramblings des wütenden Autors abwechselnd genossen und verflucht habe.

Denn Rainald Goetz findet in Klage keine Themen und keine Konsistenz. Er tut, was wir alle tun: er sammelt, klebt und zerreißt. Das Ergebnis wechselt beständig zwischen vollends großartig und blasser Langeweile. Das passt, weil das ja immer so ist und die Moderne in Format und Inhalt richtig abbildet. Oder wie Nils Minkmar vor einer Weile für die FAZ schrieb: Das Internet passt zu Goetz, was in diesem Fall für beide Seiten keine gute Nachricht ist.

Ich finde, das gedruckte Format passt besser zu Goetz, oder zumindet zu Klage, weil es die Schnipsel und Zettelchen, die Phrasen und die Hysterie zwischen zwei Deckeln zusammenhält. Statt sie zwischen den vielen anderen Fragmenten im Feedreader, im Web, verflattern zu lassen. Als Buch ist Klage geradezu aufdringlich und näher als man das zuweilen möchte. Manchmal hat Rainald Goetz darin aber auch einfach recht und — das ist wichtig — schreibt es auch so hin.

Man geht ja ganz direkt und normal miteinander um, äußerlich. Und große Energien gehen dahinein, das in den Begegnungen subtextlich Mitgeteilte uneindeutig, offen, in der Schwebe zu halten. Das betrifft die Erotik, die Fragen der Macht, der persönlichen Wertschätzung, der charakterlichen Disposition, der intellektuellen Über- oder Unterlegenheit, der Rituale des Alltags.

Word.

Rainald Goetz, Klage. Suhrkamp, 2008.

13.09.2009

Sechs Orte in Palma

Man sollte Palma grundsätzlich ohne den Zusatz de Mallorca verwenden, denn der ist voll schlechter Assoziationen. Natürlich ist Palma Einfallstor für die Einfallslosen und Tumben, aber das ist ja nicht neu und auch langweilig. Dass die Stadt inzwischen mehr kann, als ältere Gebäude herumzuzeigen und pittoresk im Sonnenuntergang daliegen, ist auch kein Geheimnis. Im Gegenteil — nach allem, was man so liest hat Palma auch in Sachen Moderne und smartem Dasein eine Menge zu bieten.

Ich habe neun Tage meines späten Sommerurlaubs in der Stadt verbracht und kann das bestätigen. In Palma geschehen eine Menge gute Dinge, von denen man in Hamburg nur schwer mitbekommt. Sechs Orte, an denen man gewesen sein sollte.

  • Duke (Karte)
    Das Duke ist einer dieser Läden ohne Schild in einem kleinen Haus, gedrängt zwischen andere kleine Häuser. Das Restaurant verdankt Duke Kahanamoku – mehr oder weniger der Erfinder des modernen Surfens – mehr als nur seinen Namen: Die Location zieht einen angenehmen 60er-Jahre Surfstil durch, ohne Richtung Plastik-Tiki abzurutschen. Das Essen ist ebenfalls auf hohem Niveau und bewegt sich zwischen Karibik und Kalifornien. Fotos und mehr Infos gibt es hier.
  • Portixol (Karte)
    Im etwas verschlafene Hafengebiet Portixol östlich von Palma findet gerade ein sehr spannendes Stadtentwicklungsprojekt statt. Mit viel Rücksicht auf die gewachsenen Strukturen wird Portixol zu einem sekundären Zentrum aufgebaut — mit einer wunderbaren Promenade am Meer, minimalistischen Appartments und einigen Bars und Restaurants. Alles in gesunder Dimensionierung und ohne Prestigeobjekte.
  • Monocle Shop (Karte)
    Einer der drei Monocle Shops ist in Palma. Natürlich liegt er (wie auch das Duke) in Santa Catalina, dem smarten, ungehobelten Viertel der Stadt und dient gleichzeitig als Appartment für Redakteure, Markentouchpoint und Konversationsstube. Ruhig, freundlich, schön.
  • Es Trenc (Karte)
    Einer der schönsten Strände der Insel liegt eine rumpelige Busfahrt östlich von Palma. Der Strand von Es Trenc nimmt kein Ende, das Wasser ist absurd türkis und vor der Küste dümpeln Segelschiffe aus Holz im Sonnenschein. Als wäre das nicht Prospekttext genug, steht auch noch die Dünenlandschaft unter Naturschutz und die Gegend ist eine bekannte Herstellerregion von Modesalzen.
  • S.P.Q.R. (Karte)
    Das S.P.Q.R. ist meiner Lieblingsbar in Stockholm, dem AG 925 dermaßen ähnlich, dass man annehmen könnte, die Beitreiber hätten ihr Interieur aus den gleichen Quellen bezogen. Also zu gleichen Teilen aus Resten der Blade-Runner-Sets und von Vitra. Beide Läden sind industriell, modern und verkaufen unfassbar gute Cocktails.
  • Fundació Pilar i Joan Miró (Karte)
    Pilar Miró hat ihrem Mann nach seinem Tod ein Denkmal gesetzt, dass es architektonisch und inhaltlich locker mit dem Es Baluard aufnehmen kann. Zwischen Palmen und dem Atelier duckt sich ein massiver Betonbunker in den Hang der Insel, dessen Räume dank halbtransparenter Marmorflächen geradezu filigran wirken. Dass sie außerdem eine sehr gut kuratierte Miró-Sammlung enthalten, versteht sich von selbst.

Nur unwesentlich postkartige Fotos aus Palma gibt es in meinem Palma-Set bei Flickr und bald an dieser Stelle.

05.07.2009

Trockenes Gras, Sonnenschein und vier Meter Platz in alle Richtungen. Leichte Texte über Urbanismus und vertikales Wohnen, mehr Blättern als Lesen, der wunderbare Geruch von Beton. Rustikales Brot, Industrie, eine Aussicht, Urlaubspläne. Die Reichen ignorieren, Dreamwave, Junior Boys, nothing have, nothing crave.

Diese Stadt macht viele Dinge richtig, wenn man ihr den Sonntag überlässt und sagt: Mach mal, Hamburg.

21.06.2009

Voyage Géométrique

Auch wenn Computerspiele inzwischen auf einem guten Weg in die Bewertungs- und Reflexionsmechanismen der Hochkultur sind (Game Studies, Ludologie, whatever) – Bestätigung als Schauplatz audiovisueller Innovation erhalten nur wenige. Wenn, dann geht es eher um gesellschaftliche Trends oder die unvermeidlichen gewalttätigen Jugendlichen. Halt um Tron und die Sims und World of Warcraft und das ist ja auch verständlich, man kommt ja nicht um sie herum, diese Holzhämmer jedes Soziologieseminars.

Für mich dürfen die Umwälzungen auch gern mal etwas kleiner sein und sich auf innovative Looks, Gameplay-Ideen oder gute Soundtracks beschränken. Was diese Dinge angeht, ist das iPhone momentan das relevante Device. Weil es seinen Entwicklern – Prozessorupdate hin oder her – nach wie vor interessante Beschränkungen in Hard- und Software auferlegt.

Edge ist ein großartiges Beispiel, das diese Beschränkungen nutzt, um Standards zu setzen. Das geometrische Stresspuzzle etabliert einen wunderschönen, auf das Wesentliche beschränkten visuellen Stil, der das Gameplay stützt, statt es mit Effekten und Farben zu verkleben. Das Beste an Edge ist jedoch der Soundtrack – eine solche Bandbreite toller elektronischer Musik für ein Drei-Euro-Spiel ist nicht beeindruckend, das ist kurz vor unglaublich. Waviges Weltraumzeug (Voyage Géométrique) wechselt nahtlos in vertrackte Beatskizzen (Pad) um schließlich im straighten Chiptunes-Banger Kakkoi! zu kulminieren. Das alles komprimiert und geradeaus auf den Punkt, eine Freude, ein Wahnsinn,

Alle 19 Tracks gibt es auf der Edge-Website als kostenlosen Download.

16.06.2009

Wir sind weit davon entfernt, etwas so lächerliches wie ein Generationsgefühl zu haben. Aber vielleicht haben wir uns zusammengefunden, die Städte unter uns aufgeteilt und Cluster gebildet. Zirkel, gewissermaßen, und lose und enge Verbindungen. Das sind die reflexiven Strukturen, in denen wir stattfinden und die uns Halt geben. Wo wir uns gegenseitig betrachten und uns anmaßen, Relevanz zu beanspruchen.

Wie auch immer, wie Lisa es sagt ist es richtiger und treffender. Sie spricht für uns. Und ihr Text erinnert an etwas Wundervolles, das Reinhard Jellen einmal in der Uptown Strut über das Prinzip des Northern Soul geschrieben hat, über die Dreistigkeit, der Welt anzumaßen, ihr auf Augenhöhe entgegen zu blicken mit der Zuversicht, dass das Misslingen nicht einem selbst, sondern der Welt zur Schande gereicht.