http://electricgecko.de/ Version VI 6.6a 2004 — 2017
Persönliche Website von Malte Müller. Grafik/Code,
Free Agent. W.A.F. Operations.

electricgecko

Texte über Musik, Raum, Gestaltung und Kunst. Fotos.

http://electricgecko.de/tag/musik

Alle Texte zum Thema Musik.
Aktuelle Texte auf der Startseite.

7694

Poesie der Ebene

http://electricgecko.de/2017/poesie-der-ebene

Es ist eine große Konzentration in der Musik von Vril. Das war schon immer so, seit den ersten 12″ auf Staub: der lange, forschende Blick auf das Wenige, das da ist. In der tiefen Auseinandersetzung mit der Reduktion der Mittel findet sich in dieser Musik wieder fraktalhafte Komplexität – Minimal und maximaler Monumentaltechno sind hier identisch, es ist eine Frage der Auflösung im Sinne des Feinheitsgrades der Wahrnehmung01.

Anima Mundi, das zunächst als Tape veröffentlichte nächste Vril-Album, nimmt diese Konzentration deutlicher in den Blick: Es geht weniger um die Dramaturgie der Tracks, ihre affirmative Funktion auf dem Floor, Vril beraubt sich also seiner augenscheinlich größte Stärke.

Umso mehr tritt in den Vordergrund, was mich seit den Staub-Releases fesselt: Die Poesie der Ebene, Sustain ohne Release. Auf Anima Mundi verhallen die Bars mit statischen hundert BPM im Rauch, ohne ihre deutlich spürbare, aber drastisch kontrollierte Energie einzulösen. Ihre meditative Qualität tritt in den Vordergrund, es trifft auch hier die vollkommen grandiose Beobachtung von Rainald Goetz zu: “Kunst, die man nicht sieht. Musik, die man nicht hört. Ein Denken, das alles irgendwie denkbare schon erledigt hat und jedem dadurch alle Freiheit gibt”.

Ein stilles Release nach der großen Welle, dem Boiler Room und den Videofeatures. Ich hätte es gern als Album, für das Gefühl des nahenden Ende dieses Jahres.

  • Vril – Anima Mundi. Tape, LP (unveröffentlicht). Giegling, 2017.
  1. Ich hatte einen ähnlichen Gedanken zum Set von Fis + Renick Bell beim Atonal↩︎
7653

Abstract Grace

http://electricgecko.de/2017/abstract-grace

Der folgende Text ist eine längere Version meines Tweets vom 24. Oktober, mit dem im Grunde bereits alles gesagt war.

Lagrangian points are positions in an orbital configuration of two large bodies where a small object affected only by gravity can maintain a stable position relative to the two large bodies. The Lagrange points mark positions where the combined gravitational pull of the two large masses provides precisely the centripetal force required to orbit with them. There are five such points, labeled L1 to L5, all in the orbital plane of the two large bodies.

I

Lee Gamble bemüht sich in seiner Arbeit um eine Form abstrahierter Eleganz, eine Eleganz zweiter Ableitung. Bereits auf seinen frühen Releases ist die Musik stets die Funktion eines Anderen, generiert aus dessen Anwendung auf sich selbst – so unter anderem geschehen mit den Leerstellen und Abwesenheiten von Jungle (exzellent: Diversions 1994-1996) sowie den löchrigen Möglichkeiten generativen Renderings (Koch). In allen Fällen ist die Folge eine spezifische Art fragiler Schönheit, die bei aller Konzentration auf sich selbst immer auf den weiten Horizont ihres Schöpfers hinweist. Lee Gamble sieht weiter und schärfer als die meisten seiner Peers, und totz aller laddishness ist er sich seines ironiefreien Anspruchs bewusst:

He wanders into an extended metaphor involving the Voyager probe and space debris. I don’t know whether that just sounds utterly pretentious. At the end of the day, we’re in the arts, aren’t we? Allow it, man. It’s fucking dull otherwise. I mean, it’s not dull, but you know what I mean! (Lee Gamble im Gespräch mit Angus Finlayson bei RA).

II

Aus dieser Perspektive betrachtet ist die Bedeutung des Materials für Lee Gambles Arbeit evident – Themen mit hinreichender Tiefe werden gesammelt und auf Brauchbarkeit für die nächste Schicht untersucht, Worte in erster Linie nach ihrem assoziativen, weniger ihrem semantischen Wert beurteilt01. Seine Quellen wandeln sich, und mit ihnen die ästhetischen Schwerpunkte seiner Releases. Fixpunkte sind auszumachen: Technologie und die Arbeit der Menschen daran, Mimese, World Building, Rendering, Voyager 1 und überhaupt das All, Staub, analoge Schleifen.

III

Das Release von Mnestic Pressure ist nun eine weitere Ableitung in der Auseinandersetzung des angehäuften Materials. Im Vergleich zu Koch aus dem Jahr 2015 ist es konzentriertere, dichtere Musik, mit größerem Interesse an einer kohärenten Stimmungskurve. Dennoch bleiben die 13 Tracks auf sich selbst bezogen, mit der experimenthaften Untersuchung ihrer eigenen Prämissen befasst, ihr Groove nach Innen gerichtet. Das sind alles wahnsinnige Hits, nur halt nicht in der Welt, unter dem Atmosphärendruck des allzu Physischen.

Ich habe der Folge von You Hedonic und UE8 wenig entgegen zu setzen, das ist Musik, die mich unmittelbar in sich auflöst. Die Schönheit dieser Tracks speist sich bei aller Strenge aus der Offenheit ihrer Strukturen, bei aller Macht aus der Tiefe der Räume in denen sie verhallen (Ignition Lockoff). All diese abstrakten Maneuver bleiben dabei in der analogen Skala ihrer Ausgangsmaterialien verankert. Anders als auf dem vorangegangenen Album widmet sich Lee Gamble weniger der Output-Exegese digitaler Tools – an dessen Stelle tritt die Auseinandersetzung mit der durch diese Tools geformten Welt.

Dies mag ein Grund sein, warum Mnestic Pressure eine dieser Platten ist, die hilft, die Welt zu verstehen – oder sehr viel treffender: to make sense of the world. Da ist dieser unfassbare, völlig konkrete Groove, der die ersten 15 Sekunden des Albums einnimmt. Ein Fake-out, und so etwas wie die Passage aus der Welt der Dinge in die ungleich sinnvollere Welt von Mnestic Pressure.

  1. Jove Layup, 23 Bay Flips, Voxel City Spirals, You Hedonic, You Concrete, q.e.d.↩︎
7565

Full Release

http://electricgecko.de/2017/full-release

Wir haben einige Nächte im August mit dem Atonal verbracht, und in diesem Jahr war es eine Befreiung. Setting und Performances übernahmen jede verfügbare Kapazität und machten frei was umklammert war. Loslassen ist schwer, aber möglich. Der Körper braucht starke Reize, wie Martin Schmidt einmal so treffend sagte.

Die vier Nächte Atonal und die Tage in Westberlin gehören zu den schönsten dieses Jahres. Während der Nächte schrieb ich hin und wieder einige Worte auf, eine häufige Reaktion auf kognitive Forderung. Bei Tag besehen und mit dem Abstand einiger Wochen editiert scheinen sie fern und abstrakt, möglicherweise eine angemessende Erinnerung für einen ausgedehnt verschwommenen Moment dieses Jahres.

In keiner besonderen Reihenfolge:

LCC and Pedro Maia narrate a thunderstorm viewed from above, as blown out aviation sequences flash past. Sand, sun, sky, all scratched up, bent, and touched. I leave to buy myself Soda and Wodka. As I return, LCC are slowly folding oxidized metal into an atmosphere of tremendous pressure. Kicks are punctuated by spliced ice and shattering glass that send spikes beyond the EQ maximum. Artful restraint and manifest machine power, flares illuminate the hall. There is a snow storm ahead.

Abul Mogard: The sirens are calling but we don’t know where we are.

Somewhen Demdike Stare, headlining act, begin what will probably remain the defining musical performance of my year. The acid glow of a radar H.U.D. illuminates the vast grey veil, offering no orientation but static and the flames of burning synapses. Demdike Stare lay down carpet to smash porcelaine on, all in slow motion. Michael Englands colourful visuals stand out among the sinister Atonal fare, offering the farthest abstraction of all: Humans, on the deck of Niagara Falls, photographing themselves. The alienation hits hard. I feel myself caught and cradled by the sun and its multiplicity, by the unbearable beauty of the Demdike groove, wide enough to inhale and exhale between kicks. Each bar a shallow ellipsis, smashed to pieces in a considered, artful manner. This is fight music for the flailing. Release.

At Ohm, Yosuke Yukimatsu is shredding, whirling, hacking all matter to pieces. There is a brief moment of uncertainty among the crowd, a silent deliberation whether the floor abides. The physical rush of delight as we realize: This is working, and we are with him.

Puce Mary sets off lightning bombs in the great hall. We listen to the sounds of Onyx shattering. An asynchronous flash behind us, did a T-beam crack?

Then, Regis and his ever extending, soul-probing tendrils of anti-matter. Suddenly, something is removed, an opening, a groove emerges. Rhythmic figures built from the ruins of decayed rhythmic figures, Material für die nächste Schicht. Ocillator stabs emerge for the better part of a minute as Regis pretends to be Tuxedo Moon, all playful and grittily affirmative. Versteinerte Nerven im Zustand intensivster Texturwahrnehmung, Granit-Kognition. Im Grunde ist das alles Acid, oder der verstrudelnde Ozean an einer felsigen Küste. Es ist als würde das Hirn massiert, sagt Hannes.

Shed + Pinch are on a full on brutal assault from behind iron bars. No holds barred, as it should be. Release.

Fis + Renick Bell share the duties of musical performance and live-coding of algorithms. The portrait-oriented projector screen lends itself well to this format, as monospaced multiline statements keep preceding their auditive renditions. Source code for the things to come. In this case, rhythm is a matter of viewing distance: when extracting patterns from noise, resolution becomes the decisive quality: „Um […] seine Randomness als Grad zu verstehen, der relativ zum Phänomen ist, kann Noise nicht […] in die simple Opposition zur Rationalität oder Ordnung gesetzt werden. […] Der Maßstab ist keine Frage der Größe oder der Kleinheit, sondern eine der verschachtelten Kapazitäten“01.

My memories of Shackleton and Anika are hazy. There seemed to have been a narrative, but I have lost all recollection in a hypnotic refraction of patterns.

  1. Achim Szepanski – Ultrablack of Music: Feindliche Übernahme (2017), Spector Books↩︎
7457

Masse und Beschleunigung

http://electricgecko.de/2017/masse-und-beschleunigung

Der Sinn für den absoluten Nachdruck in Musik und Visuellem, die Lust am unterscheiden und zementieren (wie rar das ist!) – sie sind mir nicht abhanden gekommen. Aber mein kognitiver Apparat scheint gerade zu aufgeraut, als dass er mich die Reibung mit allzu gratigen Oberflächen als belebend und antreibend empfinden lassen könnte. Für den Augenblick gehört jedes Momentum und jede Energie hinter massive Luftpolster. Eingehüllt, so dass ihr Gewicht deutlich spürbar bleibt, ihr Aufprall aber nicht. Eine ortlose Kraft, die jeden Winkel der Wahrnehmung füllt.

House und Dub spielen also weiterhin wieder eine Rolle, in ihrer reduzierten und warmen Form. Es ist sicherlich dieser Sommer, aber auch das Jahr: Abgepolstert, fern, ganz gut damit.

Alex weist mich auf Tlim Shugs exzellente Mutuality EP hin, und füllt damit das Zentrum der Playlist, von der ich nicht wusste, dass sie ich sie dringend brauche. Rari Techno ist seltene reine Wärme, ein Track wie aus 2007, als sowas noch die ganze Nacht im Bunker lief und niemand dazu ausrastete. Weiterhin auf der Liste: Die exzellente Mental Universe-EP von Artefakt, Basic Channel (wie berichtet) und die humide Acronym-Platte aus dem vorvergangenem Jahr. Maximaler Nachdruck, nur mittelbare Berührung, das scheint richtig für den Augenblick.

7432

Monumentaler Realbuddhismus

http://electricgecko.de/2017/monumentaler-realbuddhismus

Ich höre wieder Basic Channel und alles drumherum, in diesem Sommer. Große Ruhe liegt über den Pfaden, die durch die Stadt führen, und auch aus ihr hinaus. Wir reisen durch Europa, um Ausstellungen zu sehen und die Haptik und Atmosphären der Gebäude niederzuschreiben. Wir haben noch Momentum und die Energie für konzentrierte Wiederholung. Also Dub, und er zieht Ellipsen komprimierter Leere durch Wochen. Der negative Raum, den diese Musik lässt, ist recht für das Nachzeichnen der Pfade, den ersten Schritt in den Regen oder das Summen eines sonnigen Tages bevor er wirklich beginnt. Going through the motions, but doing so with increased mindfulness. Möglicherweise ist das Nichts noch einmal neu zu lernen, oder immer wieder.

Dieser Sommer, Basic Channel, Maurizio – M06A: “Monumentaler Realbuddhismus. Kunst, die man nicht sieht. Musik, die man nicht hört. Ein Denken, das alles irgendwie denkbare schon erledigt hat und jedem dadurch alle Freiheit gibt und einen so einfach komplett in Ruhe lässt. Das Geheimnis der Verborgenheit der Nichtüberprägnanz.”

Genau, und:

Ich verstehe wirklich nicht, wie es paar Leuten da in Berlin gelingen konnte, so weit und so lässig ins Überindividuelle auszugreifen. Wo haben die das hergenommen? Das Weglassen können?

Ja, Rainald. Vor 19 Jahren, immer noch.

Ältere Texte