http://electricgecko.de/ Version VI 6.6 2004 — 2017
Persönliche Website von Malte Müller. Grafik/Code,
Free Agent. W.A.F. Operations.

electricgecko

Texte über Musik, Raum, Gestaltung und Kunst. Fotos.

http://electricgecko.de/tag/musik

Alle Texte zum Thema Musik.
Aktuelle Texte auf der Startseite.

7457

Masse und Beschleunigung

http://electricgecko.de/2017/masse-und-beschleunigung

Der Sinn für den absoluten Nachdruck in Musik und Visuellem, die Lust am unterscheiden und zementieren (wie rar das ist!) – sie sind mir nicht abhanden gekommen. Aber mein kognitiver Apparat scheint gerade zu aufgeraut, als dass er mich die Reibung mit allzu gratigen Oberflächen als belebend und antreibend empfinden lassen könnte. Für den Augenblick gehört jedes Momentum und jede Energie hinter massive Luftpolster. Eingehüllt, so dass ihr Gewicht deutlich spürbar bleibt, ihr Aufprall aber nicht. Eine ortlose Kraft, die jeden Winkel der Wahrnehmung füllt.

House und Dub spielen also weiterhin wieder eine Rolle, in ihrer reduzierten und warmen Form. Es ist sicherlich dieser Sommer, aber auch das Jahr: Abgepolstert, fern, ganz gut damit.

Alex weist mich auf Tlim Shugs exzellente Mutuality EP hin, und füllt damit das Zentrum der Playlist, von der ich nicht wusste, dass sie ich sie dringend brauche. Rari Techno ist seltene reine Wärme, ein Track wie aus 2007, als sowas noch die ganze Nacht im Bunker lief und niemand dazu ausrastete. Weiterhin auf der Liste: Die exzellente Mental Universe-EP von Artefakt, Basic Channel (wie berichtet) und die humide Acronym-Platte aus dem vorvergangenem Jahr. Maximaler Nachdruck, nur mittelbare Berührung, das scheint richtig für den Augenblick.

7432

Monumentaler Realbuddhismus

http://electricgecko.de/2017/monumentaler-realbuddhismus

Ich höre wieder Basic Channel und alles drumherum, in diesem Sommer. Große Ruhe liegt über den Pfaden, die durch die Stadt führen, und auch aus ihr hinaus. Wir reisen durch Europa, um Ausstellungen zu sehen und die Haptik und Atmosphären der Gebäude niederzuschreiben. Wir haben noch Momentum und die Energie für konzentrierte Wiederholung. Also Dub, und er zieht Ellipsen komprimierter Leere durch Wochen. Der negative Raum, den diese Musik lässt, ist recht für das Nachzeichnen der Pfade, den ersten Schritt in den Regen oder das Summen eines sonnigen Tages bevor er wirklich beginnt. Going through the motions, but doing so with increased mindfulness. Möglicherweise ist das Nichts noch einmal neu zu lernen, oder immer wieder.

Dieser Sommer, Basic Channel, Maurizio – M06A: “Monumentaler Realbuddhismus. Kunst, die man nicht sieht. Musik, die man nicht hört. Ein Denken, das alles irgendwie denkbare schon erledigt hat und jedem dadurch alle Freiheit gibt und einen so einfach komplett in Ruhe lässt. Das Geheimnis der Verborgenheit der Nichtüberprägnanz.”

Genau, und:

Ich verstehe wirklich nicht, wie es paar Leuten da in Berlin gelingen konnte, so weit und so lässig ins Überindividuelle auszugreifen. Wo haben die das hergenommen? Das Weglassen können?

Ja, Rainald. Vor 19 Jahren, immer noch.

7214

Feel Finite

http://electricgecko.de/2017/feel-finite

House ist ein erschöpfendes Genre. Es zielt auf Zustimmung, auf Affirmation, es probiert alle Winkel auf der Suche nach dem konzentrierten großen Moment. Fehlt diese Dringlichkeit, bleibt meist Muzak, die zu einfach zu produzieren und zu hören ist.

Dieser Zusammenhang mag damit zu tun haben, dass House in den letzen Jahren eine sehr geringe Rolle in meiner Musikrezeption eingenommen hat – gelangweilt von der samtenen Smoothness, desillusioniert vom Versprechen der gemeinsamen Auflösung auf dem Floor.

Dennoch bleibe ich zu Beginn dieses Jahres an einer Reihe Releases dieses Genres hängen. Sie sortieren die Tropes und Erwartbarkeiten von Housemusik auf interessante Weisen neu. So unmittelbar vertraut und abgegriffen die Texturen sind, so fern und selbstbezüglich sind ihre Ziele. Hier wird nichts gefeiert und vereint. Das Soundmaterial wird durchgesehen und herauspräpariert. House ohne Dringlichkeit, ohne Unschuld. „A record about the utopian idea of club culture – music about the club, as well as for the club“, wie Jacques Greene es formuliert. Ein wenig wie Jon Hopkins, nur halt in interessant.

Also: Jacques Greene’s EP After Life After Party und die noch zu erscheinende Debut-LP Feel Infinite, Joy Orbison’s Toss Portal und die in dessen Selbstverlag erschienene Gudrun EP von CO/R. Eine abwegige 12″ namens Shinjuku One Night Stand (sic) von S.O.N.S.

Möglicherweise sind diese Releases weniger signifikant als sie mir erscheinen. Dann mag es der reale Terror der Ignoranz, die uns umgibt sein, der Beschleunigungsdruck meines Lebens und die immer fremd bleibende Fähigkeit zum Hedonismus, die mich zu dieser Musik zurückkehren lässt. Aber vermutlich nicht.

6449

Im Jahr der Simulakren

http://electricgecko.de/2016/simulakren

Nun sind also die Mechanismen des Digitalen, die wir seit unserer Adoleszenz studieren, im gesellschaftlichen Diskurs angekommen. Größer, machtvoller und anders als wir uns das damals vorstellten. Das Fragmentierte und Performative ist nicht mehr unseres, in Experiment und Spiel. Es entscheidet Wahlen, es prägt die funktionalen Strukturen, mit denen wir zu leben haben. Die Simulakren verdecken nicht mehr länger die Wahrheit, sie sind selbst zur Wahrheit neuer Ordnung geworden. Aspekte dieses Zusammenhangs sind seit langem mein Thema, und dennoch scheine ich in diesem Jahr den Anschluss verloren zu haben: My refusal to accept irony as a primary means of perceiving marks the end of my tenure as a member of the current generation.

Darum und umso mehr war es der Rückzug ins Innere, das Zusammensein und Herauswagen mit den wenigen Menschen, die alles bedeuten. Die Zeit im Süden des Landes und im Süden des Kontinents, zusammen in der Freiheit und der Schönheit der Gemeinsamkeit. Die Nächte voller Schweiß, Chemie und Worte im Beton, a Release. Das Blitzen auf dem Sonar, unsere unbedingte Coolness und Aufrichtigkeit, true Zeitgenossenschaft. Schließlich das gemeinsame Besetzen, Formen und Sichern von Orten, die wir für unser Leben brauchen.

Verantwortung ist Widerstand, es war nie deutlicher als im Jahr der Simulakren. The only path to happiness is responsibility. Not getting what you want but doing what you need to do. Wir lehnen uns auf gegen die Zeitmaschinerie, writing, thinking, designing, hard-coding ourselves into this world.

Musik im Pestjahr 2016.

Winter

  • Abdulla Rashim – Crossing Qalandiya
  • Future Sound of London – Machines of the Unconscious
  • David Bowie – Helden
  • Turbostaat – Wolter
  • Ling – 44 Blue
  • M.E.S.H. – Scythians (Groovestreet Remix)
  • Kraftwerk – La Forme (Hot Chip’s King Of The Mountains Mix)
  • Einstürzende Neubauten – Kein Bestandteil sein
  • Black Rain – Night in New Chiang Saen
  • Kobosil – Per
  • Florian Kupfer – Headpiece
  • Muslimgauze – Mind of a Suicide Bomber

Frühling

  • Ena – {Søil} B
  • Lowtec – Blundar001 A1
  • Hong Kong Express – Girl in the Lexus Showroom
  • ASC – Negative Space
  • Patricia – Hadal Zone
  • Autechre – 13×0 step
  • MF Doom – Dead Bent
  • Anika – Masters of War Dub
  • A Made Up Sound – Stumbler
  • Aliceffect – The Imperial Thought
  • Von Südenfed – Speech Contamination/German Fear Of Österreich
  • Phantom Love – Lotus
  • In Flagranti – The Beast
  • Autechre – spTh

Sommer

  • Yung Hurn & Jonny 5 – Grauer Rauch
  • Island of the Gods – Wave
  • TRST – Bulbform
  • SKY H1 — I Think I Am
  • Zomby – Lucifer
  • The Fall – Totally Wired
  • Vril – Flux
  • TRST – Shoom
  • Wolfgang Tillmans – Fascinating this Time
  • Einstürzende Neubauten – Bleib
  • Gila – Drive by in the Uber
  • Messer – Niemals
  • Zomby – Fly 2
  • Gravediggaz – Twelve Jewels

Herbst

  • Evian Christ – Salt Carousel
  • Makeup and Vanity Set – Horizons
  • Die Nerven – Barfuß durch die Scherben
  • Drangsal – Will ich nur dich
  • Shackleton – Blood on my Hands (Villalobos Remix)
  • Florian Kupfer – Brute Force
  • Messer – Dunkler Qualm
  • Gravediggaz – Deadliest Biz
  • TRST – Slug
  • Motor – Ice (Jeff Judd Remix)
  • Dasha Rush – A Minute After the War

Winter

  • S.O.N.S. – Hurricane (Mortal Kombat Mix)
  • Yves Tumor – The Feeling when you walk away
  • Jacques Palminger – Trio von ausnehmender Hässlichkeit
  • Relaxer – Forming (Version)
  • Demdike Stare – Airborne Latency
  • Florian Kupfer – Erika
  • Black Marble – Woods
  • Pilot Priest – Future is Dead
  • The Dead 60s – Too much TV Dub
  • Zebra Katz – Hello Hi
  • Police des Moeurs – Incertitude et Demission
  • Makeup and Vanity Set – System One/Descent

Zu den Mixtapes des Jahres ist zu sagen, dass Vril inzwischen in seiner vollständig eigenen Liga operiert. Das kontinuierliche Set ist die genuine Darstellungsform seiner Musik: Eine unaufhaltsame, konzentrierte Bewegung nach vorn, verhüllt in einer dichten Schicht aus grauem Samt. Man spürt die unwiderstehliche Energie, doch sie entfaltet sich aufs Behutsamste, dunkel und warm. Peerless.

Sets

6995

Platz schaffen

http://electricgecko.de/2016/platz-schaffen

2016 war ein schwieriges Jahr, und auch ein schwieriges Jahr für Musik. Das Momentum nahm ab, in meinem Blickfeld. Wegweisendes war selten – keine herausragend neue Platte wie Lee Gambles LP im vergangenen Jahr, und auch kein chirurgischer Rückgriff auf das genau richtige Vergangene wie ihn Nicolas Jaar mit seinem Darkside-Projekt vornahm. Statt dessen: Popmusik, Eingängiges und Affirmatives. Das mag etwas mit verstelltem Blick oder auch mit Eskapismus zu tun haben – Musik als Möglichkeit zur Herstellung wünschenswerter Wirklichkeiten.

Vielleicht lag die Entwicklung meiner Musikrezeption in diesem Jahr aber auch darin, Zulassen zu lernen. Den Entwürfen mehr Raum zuzugestehen und Universalität von Musik als etwas Gutes zu erkennen. Vielleicht liegt die Wahrheit auch einfach präzise zwischen Florian Kupfer und TRST, zwischen Sustain und Release. Es braucht beides, Energie und Raum, um den unangenehmen Realitäten dieses Jahres und dem Weiterwollen zum Nächsten zu begegnen. Fünf Platten für 2016.

  • Drangsal – Harieschaim (Caroline)

    Im Textdokument des Jahres 2016 notierte ich im Januar: LP-Release, Drangsal (April). Ich kannte das Align Align-Demo, mochte dessen zackige Offensivität und Max Grubers tolles Gehabe. Dass Harieschaim dann der groß gemeinte (und groß erfolgreiche) Popentwurf war, hat mich überrascht.

    Denn natürlich ist das anschlussfähige Popmusik mit allen Eigenschaften, die 2016 dafür notwendig waren. Damit das niemand merkt, gibt es drumherum sehr gute Texturen, Sprüche und Themen. Das ist maximal unauthentisch und maximal gut gemacht. Es ist dieser performative Aspekt, dieser Move, den ich an Harieschaim schätze. Gute Haltungen sind selten, und wenn sie von jungen Künstlern kommen, sind sie abzufeiern. Man kann ja nicht immer nur D.A.F. hören.

    Ich erinnere mich an die Wärme der Treppe zur U-Bahn in der Schönleinstraße. An den Wind des Maybachufers auf der Haut meines rasierten Schädels. An die Schrottigkeit von allem, an mein Grinsen über das Sax und das Es ist vorbei, über das Vorpreschen. Und an die Freude darüber, wie aufrichtig die Liebeserklärung in Will ich nur Dich gemeint und wie gut die Hits (Goler Teal, Hertzberg) kaschiert sind. Wo dieses Jahr leicht und grimmig verliebt war, war Drangsal nicht fern.

  • Autechre – Elseq 1-5 (Warp)

    Meine Rezeption von Autechre war bislang eine akademische: Achtung aus der Ferne, Interesse an jeder neuen Arbeit und eine ziemlich intensive Auseinandersetzung mit Oversteps, als sie vor sechs Jahren erschien.

    Das hat sich in diesem Jahr geändert. Nicht nur die Qualität dieser Platte verdiente Aufmerksamkeit, sondern auch die formalen Eigenschaften ihrer Veröffentlichung. Die Art der Distribution, die Artworks und das Format seiner fünf Segmente sezieren und serialisieren die Idee des Techno-Albums: 21 Tracks, kristallklar herauspräpariert, als Musikstücke und als Kulturprodukte auf dem digitalen Markt.

    Ich bin begeistert von der Dichte dieses Albums. Von der Art, wie es elektronische Musik ganz verschiedenen Charakters für seine eigenen Zwecke verarbeitet. Von der Gemessenheit, mit der Elseq diese Forschungsarbeit dokumentiert. Sie war Teil meiner konzentriertesten Augenblicke – und gleichzeitig des Druckabfalls, der sich daran anschloss. Ich empfinde große Ruhe in Tracks wie spTh, als sei für einen Moment hinreichend Raum vorhanden. Es war wohl an der Zeit, Autechre aufmerksam zu hören.

  • Messer – Jalousie (Trocadero)

    Ich habe etwas gebraucht, um die neuen Messer in neuer Besetzung und mit vergrößertem Horizont anzunehmen. Wie beschrieben bin ich großer Fan der Große Geste/Fahles Licht-Messer, des Stoppens und Weiterpreschens, all der Parolen. Ich musste hinnehmen, dass auf Jalousie größere Musik versucht wird, dass die Klugheit weniger zur Punchline runterverdichtet werden muss.

    Diffusität in Sprache und Musik war die richtige Entscheidung, damit das Projekt Messer auch auf der dritten Platte funktioniert. Und weiter funktionieren muss es: Letztlich habe ich dieses Album häufiger gehört und mehr gebraucht als fast alle anderen in diesem Jahr.

    Weil es ohne das Reinwerfen und tiefe Empfinden von Situationen nicht geht, weil es ohne das Losreißen und Vorpreschen nicht geht. Weil es neue Worte und profunde Bilder braucht, um überhaupt irgendetwas Bedeutsames sagen zu können. Jalousie ist ein Dokument der Klasse des Autors Hendrik Otremba und der Universalität seiner Band.

  • Florian Kupfer – Explora (Technicolour)

    Ich bin der unpopulären Ansicht, dass die besten Entwürfe konsequent, geschlossen und ungebrochen sind. Je monolithischer die Idee, je direkter ihre Ausführung, desto klarer ist ihre Qualität und Schönheit wahrzunehmen.

    Weniges habe ich in den vergangenen zwölf Monaten gehört und gesehen, dass diesem Ideal mehr entsprach als die vier Tracks von Florian Kupfers Explora-EP. Die brachiale Direktheit dieser Platte entspricht der Qualität der ihr zu Grunde liegenden Ideen. Jedes Stück ist maximal eindeutig verdichtet, frei der Möglichkeit eines Missverständnisses: Pures Momentum (Brute Force), der Weg in Cinemascope (Headpiece), das hypnotische Danach (Sphel).

    Ich bin Sarah dankbar für den Hinweis auf diese unfassbare Platte, Anfang des Jahres. Ich bin dankbar für die Energie und die klare Schönheit dieser Musik. Für den Platz den sie schafft. For reminding me that much magic can be made on a one-take hardware jam in [your] bedroom.

  • TRST – Trust (Arts & Crafts)

    Wenn ein Album für dieses Jahr stehen soll, dann muss es dieses sein. Es mag Eskapismus sein, oder meine Fähigkeit zur dauerhaften Begeisterung für gut gemachte Affirmation: seit den warmen Tagen im Sommer gab es vermutlich keine Woche, in der ich diese LP nicht mindestens einmal gehört habe.

    Trust ist selbstverständlich vollkommen stilisiert und whimsical, ein Ausdruck der persönlichen Ästhetik von Robert Alfons. Es ist der erwähnte Secret Handshake, also der Kontext, der Tracks wie Bulbform akzeptabel macht. Obwohl und weil es vermutlich das unverschämteste Stück Ravepop ist, das ich je gehört habe.

    Mit dieser Platte ist es klar, ich will das Gute sehen – die nicht eben wenigen Augenblicke in denen das Pestjahr 2016 schön und frei war. Die Entscheidung zum Loslassen ist immer noch eine Entscheidung. Doch sie ist zu fällen, und diese Platte ist alles was es braucht, um mich daran zu erinnern.

Weiterhin bemerkenswert: Black Marble – It’s Immaterial, Ena – { Søil }, Demdike Stare – Wonderland, Yves Tumor – Serpent Music, Christian Vialard – Neukalm, Phantom Love – Crave for Lust, Relaxer – I–III, Zomby – Ultra, SKY H1 — Motion EP, Wolfgang Tillmans – 1986/2016

Ältere Texte