http://electricgecko.de/ Version VI 6.6a 2004 — 2017
Persönliche Website von Malte Müller. Grafik/Code,
Free Agent. W.A.F. Operations.

electricgecko

Texte über Musik, Raum, Gestaltung und Kunst. Fotos.

http://electricgecko.de/tag/musik

Alle Texte zum Thema Musik.
Aktuelle Texte auf der Startseite.

7565

Full Release

http://electricgecko.de/2017/full-release

Wir haben einige Nächte im August mit dem Atonal verbracht, und in diesem Jahr war es eine Befreiung. Setting und Performances übernahmen jede verfügbare Kapazität und machten frei was umklammert war. Loslassen ist schwer, aber möglich. Der Körper braucht starke Reize, wie Martin Schmidt einmal so treffend sagte.

Die vier Nächte Atonal und die Tage in Westberlin gehören zu den schönsten dieses Jahres. Während der Nächte schrieb ich hin und wieder einige Worte auf, eine häufige Reaktion auf kognitive Forderung. Bei Tag besehen und mit dem Abstand einiger Wochen editiert scheinen sie fern und abstrakt, möglicherweise eine angemessende Erinnerung für einen ausgedehnt verschwommenen Moment dieses Jahres.

In keiner besonderen Reihenfolge:

LCC and Pedro Maia narrate a thunderstorm viewed from above, as blown out aviation sequences flash past. Sand, sun, sky, all scratched up, bent, and touched. I leave to buy myself Soda and Wodka. As I return, LCC are slowly folding oxidized metal into an atmosphere of tremendous pressure. Kicks are punctuated by spliced ice and shattering glass that send spikes beyond the EQ maximum. Artful restraint and manifest machine power, flares illuminate the hall. There is a snow storm ahead.

Abul Mogard: The sirens are calling but we don’t know where we are.

Somewhen Demdike Stare, headlining act, begin what will probably remain the defining musical performance of my year. The acid glow of a radar H.U.D. illuminates the vast grey veil, offering no orientation but static and the flames of burning synapses. Demdike Stare lay down carpet to smash porcelaine on, all in slow motion. Michael Englands colourful visuals stand out among the sinister Atonal fare, offering the farthest abstraction of all: Humans, on the deck of Niagara Falls, photographing themselves. The alienation hits hard. I feel myself caught and cradled by the sun and its multiplicity, by the unbearable beauty of the Demdike groove, wide enough to inhale and exhale between kicks. Each bar a shallow ellipsis, smashed to pieces in a considered, artful manner. This is fight music for the flailing. Release.

At Ohm, Yosuke Yukimatsu is shredding, whirling, hacking all matter to pieces. There is a brief moment of uncertainty among the crowd, a silent deliberation whether the floor abides. The physical rush of delight as we realize: This is working, and we are with him.

Puce Mary sets off lightning bombs in the great hall. We listen to the sounds of Onyx shattering. An asynchronous flash behind us, did a T-beam crack?

Then, Regis and his ever extending, soul-probing tendrils of anti-matter. Suddenly, something is removed, an opening, a groove emerges. Rhythmic figures built from the ruins of decayed rhythmic figures, Material für die nächste Schicht. Ocillator stabs emerge for the better part of a minute as Regis pretends to be Tuxedo Moon, all playful and grittily affirmative. Versteinerte Nerven im Zustand intensivster Texturwahrnehmung, Granit-Kognition. Im Grunde ist das alles Acid, oder der verstrudelnde Ozean an einer felsigen Küste. Es ist als würde das Hirn massiert, sagt Hannes.

Shed + Pinch are on a full on brutal assault from behind iron bars. No holds barred, as it should be. Release.

Fis + Renick Bell share the duties of musical performance and live-coding of algorithms. The portrait-oriented projector screen lends itself well to this format, as monospaced multiline statements keep preceding their auditive renditions. Source code for the things to come. In this case, rhythm is a matter of viewing distance: when extracting patterns from noise, resolution becomes the decisive quality: „Um […] seine Randomness als Grad zu verstehen, der relativ zum Phänomen ist, kann Noise nicht […] in die simple Opposition zur Rationalität oder Ordnung gesetzt werden. […] Der Maßstab ist keine Frage der Größe oder der Kleinheit, sondern eine der verschachtelten Kapazitäten“01.

My memories of Shackleton and Anika are hazy. There seemed to have been a narrative, but I have lost all recollection in a hypnotic refraction of patterns.

  1. Achim Szepanski – Ultrablack of Music: Feindliche Übernahme (2017), Spector Books↩︎
7457

Masse und Beschleunigung

http://electricgecko.de/2017/masse-und-beschleunigung

Der Sinn für den absoluten Nachdruck in Musik und Visuellem, die Lust am unterscheiden und zementieren (wie rar das ist!) – sie sind mir nicht abhanden gekommen. Aber mein kognitiver Apparat scheint gerade zu aufgeraut, als dass er mich die Reibung mit allzu gratigen Oberflächen als belebend und antreibend empfinden lassen könnte. Für den Augenblick gehört jedes Momentum und jede Energie hinter massive Luftpolster. Eingehüllt, so dass ihr Gewicht deutlich spürbar bleibt, ihr Aufprall aber nicht. Eine ortlose Kraft, die jeden Winkel der Wahrnehmung füllt.

House und Dub spielen also weiterhin wieder eine Rolle, in ihrer reduzierten und warmen Form. Es ist sicherlich dieser Sommer, aber auch das Jahr: Abgepolstert, fern, ganz gut damit.

Alex weist mich auf Tlim Shugs exzellente Mutuality EP hin, und füllt damit das Zentrum der Playlist, von der ich nicht wusste, dass sie ich sie dringend brauche. Rari Techno ist seltene reine Wärme, ein Track wie aus 2007, als sowas noch die ganze Nacht im Bunker lief und niemand dazu ausrastete. Weiterhin auf der Liste: Die exzellente Mental Universe-EP von Artefakt, Basic Channel (wie berichtet) und die humide Acronym-Platte aus dem vorvergangenem Jahr. Maximaler Nachdruck, nur mittelbare Berührung, das scheint richtig für den Augenblick.

7432

Monumentaler Realbuddhismus

http://electricgecko.de/2017/monumentaler-realbuddhismus

Ich höre wieder Basic Channel und alles drumherum, in diesem Sommer. Große Ruhe liegt über den Pfaden, die durch die Stadt führen, und auch aus ihr hinaus. Wir reisen durch Europa, um Ausstellungen zu sehen und die Haptik und Atmosphären der Gebäude niederzuschreiben. Wir haben noch Momentum und die Energie für konzentrierte Wiederholung. Also Dub, und er zieht Ellipsen komprimierter Leere durch Wochen. Der negative Raum, den diese Musik lässt, ist recht für das Nachzeichnen der Pfade, den ersten Schritt in den Regen oder das Summen eines sonnigen Tages bevor er wirklich beginnt. Going through the motions, but doing so with increased mindfulness. Möglicherweise ist das Nichts noch einmal neu zu lernen, oder immer wieder.

Dieser Sommer, Basic Channel, Maurizio – M06A: “Monumentaler Realbuddhismus. Kunst, die man nicht sieht. Musik, die man nicht hört. Ein Denken, das alles irgendwie denkbare schon erledigt hat und jedem dadurch alle Freiheit gibt und einen so einfach komplett in Ruhe lässt. Das Geheimnis der Verborgenheit der Nichtüberprägnanz.”

Genau, und:

Ich verstehe wirklich nicht, wie es paar Leuten da in Berlin gelingen konnte, so weit und so lässig ins Überindividuelle auszugreifen. Wo haben die das hergenommen? Das Weglassen können?

Ja, Rainald. Vor 19 Jahren, immer noch.

7214

Feel Finite

http://electricgecko.de/2017/feel-finite

House ist ein erschöpfendes Genre. Es zielt auf Zustimmung, auf Affirmation, es probiert alle Winkel auf der Suche nach dem konzentrierten großen Moment. Fehlt diese Dringlichkeit, bleibt meist Muzak, die zu einfach zu produzieren und zu hören ist.

Dieser Zusammenhang mag damit zu tun haben, dass House in den letzen Jahren eine sehr geringe Rolle in meiner Musikrezeption eingenommen hat – gelangweilt von der samtenen Smoothness, desillusioniert vom Versprechen der gemeinsamen Auflösung auf dem Floor.

Dennoch bleibe ich zu Beginn dieses Jahres an einer Reihe Releases dieses Genres hängen. Sie sortieren die Tropes und Erwartbarkeiten von Housemusik auf interessante Weisen neu. So unmittelbar vertraut und abgegriffen die Texturen sind, so fern und selbstbezüglich sind ihre Ziele. Hier wird nichts gefeiert und vereint. Das Soundmaterial wird durchgesehen und herauspräpariert. House ohne Dringlichkeit, ohne Unschuld. „A record about the utopian idea of club culture – music about the club, as well as for the club“, wie Jacques Greene es formuliert. Ein wenig wie Jon Hopkins, nur halt in interessant.

Also: Jacques Greene’s EP After Life After Party und die noch zu erscheinende Debut-LP Feel Infinite, Joy Orbison’s Toss Portal und die in dessen Selbstverlag erschienene Gudrun EP von CO/R. Eine abwegige 12″ namens Shinjuku One Night Stand (sic) von S.O.N.S.

Möglicherweise sind diese Releases weniger signifikant als sie mir erscheinen. Dann mag es der reale Terror der Ignoranz, die uns umgibt sein, der Beschleunigungsdruck meines Lebens und die immer fremd bleibende Fähigkeit zum Hedonismus, die mich zu dieser Musik zurückkehren lässt. Aber vermutlich nicht.

6449

Im Jahr der Simulakren

http://electricgecko.de/2016/simulakren

Nun sind also die Mechanismen des Digitalen, die wir seit unserer Adoleszenz studieren, im gesellschaftlichen Diskurs angekommen. Größer, machtvoller und anders als wir uns das damals vorstellten. Das Fragmentierte und Performative ist nicht mehr unseres, in Experiment und Spiel. Es entscheidet Wahlen, es prägt die funktionalen Strukturen, mit denen wir zu leben haben. Die Simulakren verdecken nicht mehr länger die Wahrheit, sie sind selbst zur Wahrheit neuer Ordnung geworden. Aspekte dieses Zusammenhangs sind seit langem mein Thema, und dennoch scheine ich in diesem Jahr den Anschluss verloren zu haben: My refusal to accept irony as a primary means of perceiving marks the end of my tenure as a member of the current generation.

Darum und umso mehr war es der Rückzug ins Innere, das Zusammensein und Herauswagen mit den wenigen Menschen, die alles bedeuten. Die Zeit im Süden des Landes und im Süden des Kontinents, zusammen in der Freiheit und der Schönheit der Gemeinsamkeit. Die Nächte voller Schweiß, Chemie und Worte im Beton, a Release. Das Blitzen auf dem Sonar, unsere unbedingte Coolness und Aufrichtigkeit, true Zeitgenossenschaft. Schließlich das gemeinsame Besetzen, Formen und Sichern von Orten, die wir für unser Leben brauchen.

Verantwortung ist Widerstand, es war nie deutlicher als im Jahr der Simulakren. The only path to happiness is responsibility. Not getting what you want but doing what you need to do. Wir lehnen uns auf gegen die Zeitmaschinerie, writing, thinking, designing, hard-coding ourselves into this world.

Musik im Pestjahr 2016.

Winter

  • Abdulla Rashim – Crossing Qalandiya
  • Future Sound of London – Machines of the Unconscious
  • David Bowie – Helden
  • Turbostaat – Wolter
  • Ling – 44 Blue
  • M.E.S.H. – Scythians (Groovestreet Remix)
  • Kraftwerk – La Forme (Hot Chip’s King Of The Mountains Mix)
  • Einstürzende Neubauten – Kein Bestandteil sein
  • Black Rain – Night in New Chiang Saen
  • Kobosil – Per
  • Florian Kupfer – Headpiece
  • Muslimgauze – Mind of a Suicide Bomber

Frühling

  • Ena – {Søil} B
  • Lowtec – Blundar001 A1
  • Hong Kong Express – Girl in the Lexus Showroom
  • ASC – Negative Space
  • Patricia – Hadal Zone
  • Autechre – 13×0 step
  • MF Doom – Dead Bent
  • Anika – Masters of War Dub
  • A Made Up Sound – Stumbler
  • Aliceffect – The Imperial Thought
  • Von Südenfed – Speech Contamination/German Fear Of Österreich
  • Phantom Love – Lotus
  • In Flagranti – The Beast
  • Autechre – spTh

Sommer

  • Yung Hurn & Jonny 5 – Grauer Rauch
  • Island of the Gods – Wave
  • TRST – Bulbform
  • SKY H1 — I Think I Am
  • Zomby – Lucifer
  • The Fall – Totally Wired
  • Vril – Flux
  • TRST – Shoom
  • Wolfgang Tillmans – Fascinating this Time
  • Einstürzende Neubauten – Bleib
  • Gila – Drive by in the Uber
  • Messer – Niemals
  • Zomby – Fly 2
  • Gravediggaz – Twelve Jewels

Herbst

  • Evian Christ – Salt Carousel
  • Makeup and Vanity Set – Horizons
  • Die Nerven – Barfuß durch die Scherben
  • Drangsal – Will ich nur dich
  • Shackleton – Blood on my Hands (Villalobos Remix)
  • Florian Kupfer – Brute Force
  • Messer – Dunkler Qualm
  • Gravediggaz – Deadliest Biz
  • TRST – Slug
  • Motor – Ice (Jeff Judd Remix)
  • Dasha Rush – A Minute After the War

Winter

  • S.O.N.S. – Hurricane (Mortal Kombat Mix)
  • Yves Tumor – The Feeling when you walk away
  • Jacques Palminger – Trio von ausnehmender Hässlichkeit
  • Relaxer – Forming (Version)
  • Demdike Stare – Airborne Latency
  • Florian Kupfer – Erika
  • Black Marble – Woods
  • Pilot Priest – Future is Dead
  • The Dead 60s – Too much TV Dub
  • Zebra Katz – Hello Hi
  • Police des Moeurs – Incertitude et Demission
  • Makeup and Vanity Set – System One/Descent

Zu den Mixtapes des Jahres ist zu sagen, dass Vril inzwischen in seiner vollständig eigenen Liga operiert. Das kontinuierliche Set ist die genuine Darstellungsform seiner Musik: Eine unaufhaltsame, konzentrierte Bewegung nach vorn, verhüllt in einer dichten Schicht aus grauem Samt. Man spürt die unwiderstehliche Energie, doch sie entfaltet sich aufs Behutsamste, dunkel und warm. Peerless.

Sets

Ältere Texte