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Tag: Musik

02.02.2010

Schimmer

In der Wirklichkeit ist der Winter eine miese Idee. Die Fußwege durch das verschneite Hamburg sind anstrengend, kein Paar Schuhe ist fest genug. Wo man gehen kann, ist der Schnee nicht einmal weiß, er ist braun, und Eis ist farbloser Matsch. Glücklicherweise gilt das nur für die Wirklichkeit und nicht für die Nacht. Nicht für den Weg nach Hause im Dunklen mit Black Noise in den Ohren, der neuen Platte des großen Musikers Pantha du Prince.

Dann wünscht man sich, der Winter würde nie enden. Man wünscht, die Schichten urbanen Schnees würden sich verhärten zu Gletschern. Das Knirschen des frischen Niederschlages soll ewig unter den Schuhen knirschen. Diese Platte ist gemacht für den Winter, mit seiner beständigen Spannung zwischen Innen und Außen, zwischen Wärme unter dem Parka und Kälte an Händen und Nasenspitze. Pantha du Prince schichtet Sounds aufeinander, die fern klingen, wie verschüttete Felsen unter dem Schnee der Stadt. Darüber Kristalle und Eisflächen, klar, kalt und präzise. Fernes Glimmern und tiefes Schaben. Wärme und Eiseskälte zugleich, in einem Track.

Es ist schwer, sachlicher über diese Platte zu schreiben, die eine aktuelle Umgebung und ihr Gefühl so gut abbildet. Die mit Behind the Stars den dunkelsten und besten Moment im Club stellt, obwohl sie bei Stick to my Side liebevoller klingt als alle dänischen Indiebands zusammen. Sie ist ein Entwurf von Posttechno, oder Die Fortsetzung der Romantik mit den Mitteln von Techno, wie es die Spex ausgedrückt hat. Sie ist abstrakte, elektroakustische Musik. Sie ist in erste Linie: hinreißend.

Wie von ihrem Urheber gewohnt, endet Black Noise nicht mit der Musik. Das Artwork, die Pressefotos, das Auftreten im Club sind ebenso kühl wie konsistent. Angewandte Kunst im besten Sinne. Wer in irgendeiner Form etwas für Musik übrig hat, sollte sich das anhören (Stream) und ansehen. Es ist die erste Platte des Jahres.

Pantha du Prince — Black Noise. 8. Februar 2010, LP & CD, Rough Trade.

02.01.2010

Weiter über Musik zu schreiben, das kann auch im neuen Jahr nicht falsch sein. Die ersten Tage der Dekade im Zwischenzustand verbringen; mehr zuhören und mehr schauen als selber zu handeln ist richtig. Darum nur schnell einen Hinweis auf ein herausragendes Release aufschreiben, bevor es zurück geht, in die verdiente Passivität.

Stones Throw, das Konsenslabel für undogmatischen HipHop, veröffentlicht mit den Minimal Wave Tapes eine Anthologie früher elektronischer Musik. Die Compilation speist sich aus dem Programm des gleichnamigen New Yorker Labels, das sich auf elektronischen Funk, Prototechno und verwandte Genres der 70er und 80er Jahre des vergangenen Jahrtausends spezialisiert hat.

Die Tracks bewegen sich zwischen minimalen Synthesizerarrangements, Breakdancefunk und Wavediscohits, wie sie Black Devil Disco Club nicht besser konnten. Eine Freude, diese Vielfalt, die gewisse Unbeholfenheit im Umgang mit den neuen, elektronischen Instrumenten!

Um die Wartezeit bis zur Veröffentlichung der Compilation zu überbrücken, hat Peanut Butter Wolf einen schönes Minimal-Wave-Set im Stones Throw Podcast veröffentlicht. Gute Unterhaltung.

Release: 26. Januar 2010, 2xLP & CD

31.12.2009

Something like Wonderful

Trotz der blauen Flecken und der morschen Gelenke, den Getränken zuviel, den Niederlagen, der vergeblichen Liebe, der verlorenen Zeit, den Tagen, den Sonnenuntergängen, einer Insel, trotz der grauen Tage und wunderbaren Nächte, für Berlin und anderswo, dem Regen am Strand, für neue Menschen und die alten Helden. Trotz allem und für alles und wegen allem, es war, es ist, es bleibt: Es wert und wunderbar, wenn man sich nur erinnern kann.
Songs und Tracks für 2009.

Winter

  • Kollektiv Turmstraße – Tristesse
  • Isolée – My Hi-Matic
  • Efdemin – Lohn & Brot
  • Flying Lotus – Tea Leaf Dancers
  • The Whitest Boy Alive – Courage
  • Junior Boys – Bits and Pieces

Frühling

  • Mod.Civil – Cold Flowers
  • Delorean – Deli
  • New Order – Age of Consent
  • Bag Raiders – Nil by Mouth (Knightlife Remix)
  • NightWaves – She’s Electric (Vega Italo Dub)
  • Christian Löffler – Heights

Sommer

  • Marko Fürstenberg – Tiffany’s Case
  • Einmusik – Atl Antis
  • Peak – Darksuite (Soul Tourist Remix)
  • Ja, Panik – Alles hin hin hin
  • Fabian – Heatwave
  • Ja, Panik – Nevermore
  • Redshape – Violet
  • The Mary Onettes – Lost

Herbst

  • Bibio – Fire Ant
  • Wu-Tang Clan – Harbor Masters
  • Pantha du Prince – Behind the Stars
  • Die Nacht Schuf Tausend Ungeheuer – Falken
  • Broker/Dealer – Soft Sell
  • Session Victim – Memory Lane
  • Ja, Panik – Pardon
  • Mod.Civil – Pongo Rescue
  • Die Goldenen Zitronen – Des Landeshauptmanns letzter Weg

Winter

  • Quad Throw Salchow – Chrome September
  • The Robocop Kraus – Properly
  • The Vulva String Quartet – Out of Sight (Farben says: It’s Out of Sight Mix)
  • Quad Throw Salchow – Speed
  • Julius Steinhoff – Something like Wonderful
  • Farben – Farben Says Love Oh Love
  • Good Guy Mikesh & Filburt – Cleaning up (Mark E Remix)

Dazu noch, als Dreingabe, drei Sets, die mir in diesem Jahr Freude und Rettung waren, in ICEs und Düsenjets nach Hamburg. Downloadlinks inklusive.

And finally.

Begreifst du die Chance, als dass sie vergeht / Schreist du Revanche, oder dass dir was fehlt?
Und streichst du Pardon jetzt aus deinem Herzen?

24.12.2009

Die Klasse von 2009

Es ist zwei Jahre her, dass ich an dieser oder ähnlicher Stelle meine Platten des Jahres benannt habe. Die Gründe sind verschieden und uninteressant. In diesem Jahr tue ich es wieder, weil 2009 ein ausgezeichneter Zeitraum für gute Musik war. Nicht nur, weil eine ganze Reihe großartiger Tracks, EPs und Alben erschienen ist. Sondern auch und besonders für mein eigenes Verhältnis zu Musik im Allgemeinen, weil es seit 2005 nicht mehr so intensiv, vielschichtig und wichtig war.
Fünf Platten für mein Jahr.

  • Fünftens: The Horrors – Primary Colours
    Dieses Album ist ein erstaunlicher Sprung nach vorne, von der themenfixierten Cramps-Coverband zur besten klassischen Rockband des Jahres. Sehr Bowie, sehr gute Stimmung.
  • Viertens: Marumari – Supermogadon
    Unzerfaserte Broken Beats, warm, interessant, kraftvoll. Als würde Flying Lotus nur die schönsten Soultracks samplen. Dabei unglaublich konsistent. Das ganze Jahr in meiner Playlist.
  • Drittens: Quad Throw Salchow – Speed
    Wie bereits erwähnt — ein der besten Neuentdeckungen des Jahres, völlig aus dem Nichts. Eiskalter Lo-Fi-Groove, heiße Frontfrau.
  • Zweitens: Various – Delsin 2.0
    Eine Detroit-Werkschau, kompiliert aus dem Katalog eines einzigen Labels. Wohl eine der Platten, die ich 2009 am häufigsten gehört habe, mit einem der schönsten Coverartworks des Jahres.
  • Erstens: Ja, Panik – The Angst and the Money
    Was kann ich sagen: All-Time Top-Ten. Ich weiß nicht, ob mir die Worte auf einer Platte jemals mehr bedeutet haben als diese hier. Jedes einzelne von ihnen ist wahr. Die Platte des Jahres, and it’s not even close.

Was noch? Die hier: Redshape – 2010 EP, The Robocop Kraus – Metabolismus Maximus 12″, Die Goldenen Zitronen – Die Entstehung der Nacht, The Mary Onettes – s/t, The Field – Yesterday and Today, VA – Ortloff Eins, Junior Boys – Begone Dull Care, Farben – Textstar

Schließlich: Besonderer Respekt und ebensolcher Dank gebührt Christian Löffler für die Heights EP. Diese Platte ist eine Pracht. Vier stille, kraftvolle, herausragende Tracks, die immer präsent waren, in den besten Momenten dieses Jahres.

Die übrigen wichtigen Songs folgen am 30. Dezember. Kann, soll und darf ja schließlich noch was passieren, vor der großen Party.

01.12.2009

Mind over Matter

Sie kommen spät, aber sie kommen rechtzeitig. Quad Throw Salchow sind die letzte Band des Jahres 2009, und auch die erste des Jahres 2010. Sie definieren den Sound dieses Winters, der nichts vom warmen, leichten Sommer zurückgelassen hat. Die minimale Instrumentierung aus Bass, Schlagzeug/Drummachine und Synthies ist kalt und klar separiert, jeder Sound schneidet, um dann in der Leere des Arrangements zu verhallen.

Das gilt auch für die Stimme von O, die sich windet, kiekst und quält, ohne jemals ihren mechanischen Groove zu verlieren. Als musikalische Referenz muss man darum auch eher Warsaw als Joy Division nennen — Quad Throw Salchow besitzen noch die Energie und spröde Konsequenz der ersten Platte. Ansonsten ist das natürlich Protowave, der hervorragend auf der zweiten, düsteren Tanzfläche funktioniert.

Überhaupt steht ihre sinistre Sexyness der Jahreszeit gut zu Gesicht, es mangelt ohnehin an Ernst und Distanziertheit und auch an echter Coolness. In diesem Kontext ist der Verweis auf Eiskunstlauf und seinen dominanten Protagonisten der 1910er Jahre, Ulrich Salchow geschmackvoll und damit funktional.

Ihre LP, Speed, ist wunderschön und bei Tummy Touch erschienen. Ich habe Ramon zu danken, für den Hinweis.

19.11.2009

Not Quite Made The Transition Properly

Die Indiediskothek unserer späten Jugend, sie ist nicht tot. Es gibt noch die Tanzflächen mit den Teppichen, die langen Tresen und die Mädchen, denen du heimlich auf die Hälse gesehen hast. Drei, vier Chords, der traurige Refrain und eine gut gelaunte Bridge dazwischen existieren ebenfalls weiter. Jedenfalls so lange, wie es The Robocop Kraus gibt. So lange, wie sie Platten rausbringen, die Metabolismus Maximus heißen und auch so klingen.

The Robocop Kraus haben die Hysterie erfunden, das Gekreische, das Zuviele, wenn alles nicht mehr in einen reinpasst. Auch den Bruch, wenn Upbeat in Downbeat stürzt. Sie lärmen und zerren, und sie tun es auch in diesem Jahr noch, wenn das alles nun wirklich nicht mehr Bestandteil zeitgemäßer Musik sein sollte. Aber es geht eben immer noch; und man kann nichts sagen, solange diese Band dabei weiterhin so klug ist und alle Parolen zur richtigen Zeit parat hat. Great if you know what I’m talking about / If you don’t read more books. Geht! Passt! Ja!

Wie sagte man damals, vor wenigen Jahren? Die neue 12″ von den Robos ist auf Altin raus. Wie sagt man heute? Auf der Flip sind Technoversionen einiger Hits der letzten Platte. Schließt sich der Kreis.
Word up.