http://electricgecko.de/ Version VI 6.6a 2004 — 2017
Persönliche Website von Malte Müller. Grafik/Code,
Free Agent. W.A.F. Operations.

electricgecko

Texte über Musik, Raum, Gestaltung und Kunst. Fotos.

http://electricgecko.de/tag/orte

Alle Texte zum Thema Orte.
Aktuelle Texte auf der Startseite.

7519

Psychological Transit Notes, Kuala Lumpur

http://electricgecko.de/2017/transit-notes-kuala-lumpur

When I was a child, I would sneak from my room on saturday mornings, and switch on the TV. I would watch CNN World News, not catching much of its content, but savouring a diffuse internationalism that was lacking from my environment. It was of endless fascination to me. My favourite segment was the global weather forecast. It always included Kuala Lumpur, showing a hazy, grainy cityscape as filmed by some rooftop-mounted camera. The city’s name and its dreamy optics resonated with me every time, and I would give in to daydreaming about this place and others, that somehow were supposed to lie on this same earth I was beginning my life on. (03-31-17)

The specific south east asian rain poured down yesterday, observed from our condo on the 27th floor. The rain announced itself by a thick haze settling down in a matter of seconds, descending from the sky, filling the voids between arcologies. The light did not fade, but is dispersed, refractured in a different way. Then, the rain started. A grey veil, blending with KLCC’s monolithic architecture. With it come the lightning strikes and thunderclaps, feeling close, almost as if originating from inside our room. (01-04-17)

(Aus meinen Reisenotizen in Kuala Lumpur)

7567

Neapel-Beobachtungen

http://electricgecko.de/2017/neapel-beobachtungen

Neapel ist eine Art zusammengeschmolzener Klumpen der vergangenen zweitausend Jahre am Mittelmeer. Wohnhäuser, Fahrzeuge, Marktstände, Statuen, Pflanzen – alles ist Teil eines gleichen, texturierten Stadtmaterials. Vollkommen unbekannt ist die lineare Folge von Straßen zu Plätzen zu Bauten, wie man sie aus dem irgendwann in die Pläne einer aristokratischen Klasse gezwungenen Inneren großer europäischer Städte kennt.

Vielmehr entspricht Neapel dem unüberblickbaren Gewirke ostasiatischer Großstädte: geeignet, Invasoren zu desorientieren, ohne Unterscheidung zwischen Infrastruktur, Architektur und privat organisiertem Räum. Bauten sind Material, Ruinen sind Material, Märkte und andere temporäre Raumorganisationen sind Material. Via San Antonio Abate ist näher an der Jalan Tun Razak als am Place d‘Aligre. Neapel altert uniform, in einer gleichmäßigen Patina aus Sandsteinschmirgel, Schwärzung und Bruch; die Übergänge sind fließend. Mit jedem Tag schreibt sich das Gefüge der Stadt tiefer in sich selbst ein, Wildnis, Steppe.

Die Straßen Neapels sind der Ort der Performance (und der Ort für alles Andere), wie das häufig der Fall ist in Städten, in denen um vieles gekämpft werden muss. Was Stil angeht, fallen zwei Dinge auf.

Erstens: Die überzeichnete Silhouette der Ramones-Sneaker von Rick Owens hat in Neapel die subtilere des Converse-Originals abgelöst. In einer Art Möbiusschleife kultureller Referenzierung ist die Comic-Version des simplesten Sneakers der Welt hier wieder angekommen und zum Default geworden: Der 25-Euro-Fake eines Luxusprodukts, das vermutlich weder seinen ostasiatischen Herstellern noch seinen Käufern bekannt ist. Jede Altersgruppe trägt die massiven weißen Sohlen und den Zip auf der Innenseite – mutmaßlich ohne den Versuch, Status und Geld zu demonstrieren, sondern aus Lust an der Lautstärke, an Präsenz und Sichtbarkeit.

Zweitens: Pyrex‘s not dead. Das (Fake-) Echo01 von Virgil Abloh‘s Streetwear-Versuch hallt durch die neapolitanischen Straßen, das Momentum der Beflockungsmaschinen war zu groß, sie laufen weiter. Gemüsehändler tragen die Shirts zur Arbeit, ihre Freundinnen die Trainingshosen zu Pumps. PYREX, eine Reihe ziemlich guter Buchstaben, der Name eines Kochtopfherstellers, encodiert von Pushern und Tickern, gesampled, geflockt, gefaked, cargo-kultiviert am südlichen Ende des geistigen Europas. Semiotik kann schwindelerregend sein.

  1. Turns out: Das Label führt ein untotes Leben auf dem italienischen Markt, in größerem Umfang und vermutlich höherer Qualität als das kurzlebige Original.↩︎
7522

Psychological Transit Notes, Singapore

http://electricgecko.de/2017/transit-notes-singapore

Night food market across from Fu Lu Show Complex, stall after stall clad in foam and polymer plastic, covered with laminated color prints of laksa bowls, tou foo and noodles and neon-colored jelly desserts. Everything here is good, if a single dish was not, its vendor would be driven from their stall by a mob of blue-collar workers. Here, they gather to slurp mie and use their Samsung phones to watch the amped up stuff that evolved from american sitcoms in the studios of Chengdu. The satay tou foo may be the best chinese I had in months, despite the knifelike edges of the thin plastic spoon they handed me to ensure I finish every last drip of the spicy sauce. (03-28-17)

Lounging on one of the grey stretchers that line the Park Royal’s fifth-floor pool, the sounds of Pickering Street blend into Carsten Joost’s Ambush playing on my headphones. Unable to separate the faint pink noise that softly lines the track from the humming of cars. Singapore is measured and efficient, foregoing the transitional elements of urban life. Citizens and visitors alike are expected to be driven, moved, teleported from capsule to capsule, all but removing the urban fabric as ground for experience and life. There is soft light and well-kept brutalist architecture. There is Perrier with lime and always a hawker stall close by. Nowhere to be found is Tokyo’s depth and profoundly logical spirituality nor Seoul’s frantic pace and ubiquitous lust for consumption. It is an irritating place, but by now a far cry from Disneyland with the Death Penalty. An amalgam of soft places, connected by a pragmatic system of hyperlinks. An exceptionally fine void has formed around me, from the greenery draping concrete isohypses above to the domes of Esplanade, extending to the far right of my view. I am at ease, but the calm does not reach my heart. It may be emotional boredom, it may be my restless nature. (04-12-17)

The faint iridiscent glitter of small square tiles rushing past below me, reflecting Singapore’s hazy cloudscapes, distorted by my lazy swim strokes as I dive the length of the pool, imagining the view of an southeast asian metropolis gliding past, wondering whether it will still be there when I open my eyes. (04-12-17)

(Aus meinen Reisenotizen in Singapur.)

7271

Drei Orte in Kuala Lumpur

http://electricgecko.de/2017/kuala-lumpur

Kuala Lumpur ist weniger eine Stadt als die südostasiatische Version des Sprawl – das Substantiv im Gibsonschen Sinne, nicht das Verb im Infinitiv. Es ist ein für europäische und (noch) zeitgenössische Verhältnisse unkontrolliert wachsendes Geflecht aus Tradition, Pragmatismus, dem Technologismus des vergangenen Jahrtausends und dem simplen Prinzip der Verdrängung: Masse erzeugt Druck und erschließt in der Folge Wege und Raum.

Somehow everything is infrastructure here01, und interessanterweise scheinen ihre Komponenten ihren eigenen Codices zu folgen. In dieser Hinsicht entspricht Kuala Lumpur seinem Land. Malaysia bezieht Identität aus Multikulturalität: muslimische Prägung, ethnische Bevölkerungsgruppen aus Indien und China sowie eine trotz allem spürbare indigene Präsenz.

In Kuala Lumpur ist das an wenigen Orten so evident wie am Central Market am Rande von Chinatown. Es ist sicherlich ein chinesisches Viertel wie es im ostasiatischen Raum häufig zu finden ist (think Garküche, tech repair shack, unlikely Yeezy colorways) – doch es ist durchdrungen von den Vibes und der Haptik des mittleren Ostens. Der Dayabumi-Komplex überragt das kleine Viertel wie ein Architektur gewordener Konjunktiv: Ein Turm ornamentierter Geradlinigkeit, ein entschlossener Entwurf, on point in seiner Slickness (und vermutlich eines der schönsten Gebäude, die ich gesehen habe).

Das Durcheinander Kuala Lumpurs ist bestimmt von Kontrasten wie diesen, zu denen mir kein adäquater Vergleich einfällt. Alles hier war niemals prä- oder post-, es ist urbane Biologie, das über-, unter- und ineinander Verwachsen in alle Richtungen, möglicherweise die Entsprechung des malayischen Dschungels. Drei Orte in Kuala Lumpur.

  • Lot 10 (Karte)

    Zu mehr oder weniger großen Teilen ist Kuala Lumpur ein Street Food Market, und war es bereits bevor dieser einigermaßen doofe Begriff existierte. Die Hawker Stalls (das ist ein Ausdruck) von Bukit Bintang (Jalan Alang und so weiter) durchzuprobieren ist eine lebensabschnittfüllende Aufgabe – und zugleich Kulisse für ein akkurates Cosplay der Ramen/Recruiting-Szene aus Blade Runner. Daher ist es praktisch, dass unter dem Namen Lot 10 eine Auswahl der besten und langlebigsten Street Food Stalls in den Keller einer Mall gedrängt wurde. Die Entscheidung zwischen Hokkien Mee, Roti Cannai, vielerlei Dumplings, Naan-Varianten und hundert anderen Optionen fällt dennoch hinreichend schwer. Alles hier ist von exzellenter Qualität und in vielen Fällen durch mehrere Generationen einer Familie erprobt und verbessert. Stressfreude erster Güte.

  • Feeka Coffee Roasters (Karte)

    Bukit Bintang ist das interessante Viertel in Kuala Lumpur – die Grenze zu unerträglich ist allerdings einigermaßen fließend, auf eine ähnliche Weise wie es in Itaewon der Fall ist. Beim Versuch, Amusement und expatkompatibler guter Laune aus dem Weg zu gehen, führte mich mein Weg an Feeka vorbei. Wie der Name vermuten lässt, handelt es sich um den lokalen Ort für Third-Wave-Kaffee, Gebäck und gute Vibes. Interessant, weil spezifisch, ist die Raumsituation: zwei kahle Geschosse, eine gerüstartige Terasse, Sitzplätze zwischen großen Blättern. Ruhe, wie sie nur in einem verlorenem Karton im tosenden Regen einer Stadt wie Kuala Lumpur existieren kann.

  • Tsujiri (Karte)

    In Kuala Lumpur gibt es eine Isetan-Dependance. Der Grund, auf dem dieses Kaufhaus steht, sollte japanisches Staatsgebiet sein – ein Besuch entspricht einem Augenblick Tokyo, in Ruhe und Schönheit. Das gilt im Besonderen für das Erdgeschoss und die Delikatessenabteilung im Untergeschoss. Abgesehen von 35 Sorten Junmai und Bento für Unterwegs gibt es hier in einem Halbrund eine Tsujiri-Filiale. Ihre Angestellten verkaufen die besten teebasierten Desserts der Welt. Chiffon-Kuchen, Hojicha-Bisquit, Matcha-Eiscreme, Matcha-Floats, Azuki – alles ist von perfekter Form und ebensolchem Geschmack. Eine Erinnerung an Omotesandō, samt seiner stillen Wärme und dem Grün und Schwarz. Unerwartet und in seiner gänzlich unmalayischen Auszeit-Erfahrung unbedingt einen Besuch wert.

  1. William Gibson – Disneyland with the Death Penalty, Wired (1993).↩︎
6663

Sechs Orte in Mailand

http://electricgecko.de/2016/mailand

Mailand ist eine gleichermaßen modern wie materiell. Was den urbanen Raum angeht, ist die Stadt ihren Nachbarn im Norden (Como, Bergamo und die italienische Schweiz) näher als der Toskana und den historisierten Orten ihrer südlichen Umgebung. Im Gegensatz zu Florenz und Siena ist die Entwicklung der Stadt auf die Gegenwart bezogen – und wie zu erwarten, findet sie hier in der (Innen-) Architektur ihren prägnanten Ausdruck.

Das Neue in Mailand hat seine Basis in Ideen, die in der Stadt verwurzelt sind. Die zeitgemäße Fortführung dieser Ideen führt zu bemerkenswerten Orten und Situationen, im Stadtraum und den Räumen der Stadt. Das Ergebnis ist eine Moderne im Dienst des gesellschaftlichen Moments, häufig mühelos aber stets bestimmt. Der Luxus dieser Stadt liegt in ihren Materialien und den Umgebungen, die sie schafft. Über einige davon habe ich mich bei meinem Besuch im April und Mai sehr gefreut.

  • Bosco Verticale/Porta Nuova (Karte)

    Überall in Mailand fügen sich Balkons und offene Dächer zu begrünten Terrassenkomplexen. Das ist richtig und naheliegend für diese Stadt. Es ist sehr erfreulich, dass diese Erkenntnis in stadtplanerischen Ausschüssen bestand hatte – und zur Akzeptanz einer solch konsequenten Lösung wie den Bosco-Verticale-Türmen führte. Bosco Verticale ist die Fortsetzung begrünter Dächer als Arkologie der Gegenwart. Die Farben des Komlexes sind bemerkenswert – die Palette aus Weiß, Schwarz und Grün (Yoichi Kimura wäre zufrieden) nimmt sich wohltuend aus gegenüber dem kontrastfreien Graubeige (dare I say Greige) des städtischen Materials. Pflanzen sind hier vollständig verwobener Rohstoff, auf eine Weise wie ich es sonst nur in Japan gesehen habe. Courage für ästhetische Vorschläge wie diesem machen Mailand zu einer Stadt des Hier und Jetzt – und Hoffnung auf eine progressive Zukunft europäischer Regionen.

  • Fioraio Bianchi (Karte)

    Die Piazza Carlo Mirabello in Brera ist an zwei Seiten mit fünfstöckigen Wohnhäusern umstanden, ihre Dächer begrünt, ihre Fassaden aus hellem Granit. Auf dem Platz gibt es einige Pappeln und drei Bänke, der Nachmittagssonne zugewandt. An der Ecke zur Via San Fermo liegt ein Blumenladen, in dem zum Aperitivo geröstetes Brot und Oliven auf den Tresen gestellt und einfacher Weißwein an die Intelligenzia der Stadt ausgeschenkt wird. Dieser Blumenladen heißt Florario Bianchi. Vor seiner Tür mit seinen Gästen auf dem Platz mit den Pappeln zu stehen, ist eine der besten Tätigkeiten, die mir für einen Abend im Mai einfallen.

  • Boffi Solferino (Karte)

    Mailand ist natürlich die Stadt der Möbelgestaltung und der „Einrichtung“01, und es gibt wenige Orte, an denen das nicht offenbar ist. Neben den diversen Galerien ist der Boffi-Showroom eine naheliegende Adresse auf diesem Gebiet, und gerade deshalb leicht zu ignorieren. Umso beeindruckter war ich von der Qualität der hier vorgeschlagenen Konfigurationen für Bäder und Küchen. Auch hier geht es vornehmlich um Qualitäten des Materials – und um Entwürfe, die diese ideal zur Geltung bringen. Grundformen sind massiv bis brachial, große Kuben richten ihr Gewicht nach unten, Arbeitsoberflächen bleiben ohne zusätzliche Platten oder funktionale Details. Alles: schwer, dunkel, warm, ruhig. Ich habe mir meine Kompromissbereitschaft in einem weiteren Thema für immer ruiniert, mit großem Vergnügen.

  • Dry (Karte)

    Müsste man den Modus Operandi Mailands mit einem Wort benennen – Aperitivo wäre gleichermaßen naheliegend wie angemessen. Die Drinks und Snacks vor der Mahlzeit (und den daran anschließenden Drinks und Snacks) sind die Verdichtung dessen, was Tex Rubinowitz die Fettucine-Lösung nennt: smoothes Rumstehen mit nackten Knöcheln bei einfachem, aber exzellentem Essen. Dry in der Via Solferino ist vermutlich der Ort in Mailand, der dieses Konzept am besten umsetzt. Ernsthaft gute Drinks, ernsthaft gutes Essen. Trick: Früh kommen, draußen sitzen, der grausigen Musik drinnen entgehen und mehr von den Gutaussehenden in der Schlange vor der Tür sehen. Falls alles nicht hilft: gegenüber ist ein gutes Izakaya – die Ramen-Lösung.

  • Carlo et Camilla (Karte)

    Was Carlo et Camilla versucht, könnte im Schlimmsten, in Erlebnisgastronomie enden: Ein altes Sägewerk nahe des Kanals in der Zona Tortona, entkernt, mit Beton ausgegossen, Kronleuchter aufgehängt, Innenhof begrünt, als Restaurant mit Bar eröffnet. Nicht in Mailand. Auch im Carlo et Camilla geht es um Materialien, und um die Wirkung des Raumes. Und man weiß, wo Schluss ist: die Stühle sind schulfarbene PVC-Hartschalen und die Kronleuchter bleiben ausgeschaltet – sie sind Reflektoren für die Halogenstrahler. Es geht ums Essen und die Drinks (vermutlich: die besten der Stadt) und um die zwei Stunden an der langen Tafel. All diese Dinge sind exzellent.

  • Isola (Karte)

    Ich wohnte in Mailand im Norden, in Isola. In Isola gibt es die Einrichtungen und Orte, die das städtische Gefüge Norditaliens seit vielen Jahrzehnten bestimmen. Straßenmärkte, Kaffee am Tresen, Monobloc-Stühle auf breiten Gehwegen und Plätzen, Werkstätten zwischen Wohnhäusern: was notwendig ist, um ein Leben zu führen. Dazwischen existieren die Veranstaltungsorte des postregionalen Auskennerlifestyles: Self-Publishing, Ramen, Spezialbier. In Isola funktioniert das angenehmerweise jenseits der üblichen Alters- und Lebenssituationsgrenzen. Das Leben kunstvoll zu führen ist eben keine neue Idee. Am besten: Das Oliven- und Nussbrot in der Panificio Angela und Caffe al Banco im Ambrosiana.

  1. Die Präposition erschien mir hier schon immer falsch: wohinein soll hier etwas gerichtet werden? Wenn überhaupt werden Dinge doch ausgerichtet, und zwar an den eigenen ästhetischen Prinzipien. Entschuldigung.↩︎
Ältere Texte