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Tag: Web

25.12.2009

Eine der drei besten Dinge, die man mit Zeitgenossen anstellen kann: einige davon in einem hinreichend großen Raum versammeln, Kaffee und Wlan bereitstellen, anschließend gemeinsam Nachdenken. Im Idealfall über Relevantes. Eine Veranstaltung genau dieser Sorte steht im Januar in Berlin an. Sie heißt etwas sperrig und will auch so sein: Jean Luc und die Singularität vorm Falschen Fenster.

Dabei handelt sich um einen dreitägigen, öffentlichen Think Tank, der sich mit den Implikationen des Web auf Leben, Arbeiten, Liebe und Politik auseinandersetzt. Die Orgawave ist ein spannender und dynamischer Ort — und angemessenerweise das einzige Planungsdokument. Teilnehmen werden unter anderem Markus Albers, Jan-Michael Kühn und Nilz Bokelberg. Eine Liste der Denkerinnen und Denker gibt es hier.

Jean Luc

Hinter dem Projekt stecken die Macher des Atoms & Bits Festivals, in Person Sebastian Sooth, Martina Pickhardt und Martin Schmidt — letzterer als Kurator und DJ in Personalunion.

Ich wurde freundlicherweise eingeladen, Visuelles beizusteuern, nämlich die Wortmarke und einige beschriftete Dinge, die jetzt in Berlin überall herumliegen oder an Wänden kleben. Zu Jean Luc komme ich natürlich auch.

Jean Luc und die Singularität vorm falschen Fenster. Offener Think Tank vom
8. – 10. Januar 2010 im HAU1, Berlin.

21.12.2009

Nichts besseres als ein gutes Magazin und Ingwertee, wenn Schnee auf den Fensterbrettern liegt, schon klar. Aber manchmal ist der Motto halt fern, und was der Bahnhofskiosk hergibt (Monocle, Spex, Mark) ist ausgelesen. Dann bleibt das Web und die Contentflut. Zwei in Form und Inhalt überzeugende Publikationen, für das Notebook auf dem Sofa.

Erstens: Inventory Magazine. Dabei handelt es sich ein wenig um die Magazin gewordene Flickr-Gruppe What’s in your Bag, oder um SVPPLY auf hochwertigem Papier. Eine Abhandlung über Produkte, ihren Herstellungsprozess und ihre Geschichten. Ein wenig Fantastic Man, ein wenig Manufactum, aber ohne Dünkel und nur zur Unterhaltung. Es gibt eine Online-Ausgabe.

Zweitens: The Hymn for the Cigarettes. Das Fotoblog von Annette Pehrsson tut, was Fotoblogs eben tun. Es dokumentiert ein Leben, in diesem Fall auf wunderbare Weise. Nah, kalt zuweilen und voller analoger Low-fi-Schönheit. Wie nennt Emilie Björk diesen Stil? Nordic Angst? Perfect fit.

Fits winter days and ginger teas.

31.10.2009

Gute Webprojekte funktionieren, wenn sie hochwertige Dinge nach einem einfachen Prinzip kombinieren. Jedenfalls im Sinne einer minimalistisch-funktionalen Herangehensweise, zu der es selbstverständlich keine brauchbare Alternative gibt. Insofern hat das Web mal wieder viel mit der Küche gemeinsam. Bevor ich mich in allzu naheliegenden Analogietreppenhäusern versteige, rasch das Wichtige.

Many Many ist so ein simples Ding: Jake Dow-Smith (of Triangle Triangle Fame) hat zwanzig sehr gute Fotografinnen und Fotografen eingeladen, eine fortlaufende Ausstellung im Web zu kuratieren. Gestaltung und Umsetzung (Tumblr) sind simpel, mit der genau richtigen Menge guter Details. Etwa dem wunderbaren Passpartouteffekt beim Scrollen. Dazu sind die Inhalte auf konstant hohem Niveau — was nicht weiter verwundert, bei der Auswahl großartiger Editoren.

Dass Sarah mit von der Partie ist, ist eine zusätzliche Freude. Ihre Beiträge komplettieren den Strom zeitgenössischer, naher, emotionaler Fotografie. Unbedingt ansehen.

21.04.2009

Mein Herz für Blogs (#1)

Formatevolution1 ist eine schöne Sache. Die neuen Dinge bekommen Flughöhe, bessere Interfaces und einen Haufen uninspirierte bis unerträgliche neue User. Die alten Dinge landen wieder in den Händen der Menschen, die Interesse an ihnen haben und etwas damit anstellen. Darum finde ich es eigentlich ganz schön, dass Weblogs ein wenig aus der Mode gekommen sind und die vielen Lehrbuchbelesenen, die nach Relevanz und Zielgruppen gieren, guten Gewissens wieder aufhören durften.

Darum verstehe ich Kai Müllers Aufruf nach einer Neuvernetzung der Blogger vor allem als eine gute Gelegenheit, wieder zu mehr Subjektivität, Merkwürdigkeit und Ablenkung zu finden. Weil ich keine Bloggerthemen und schon gar keine relevanten deutschen Blogs mehr lesen mag, weil ich kein verordnetes Wir-Gefühl möchte und auch keine langen Debatten. Lieber möchte ich mitbekommen, was kluge und interessante Menschen umtreibt, was sie ansehen und was sie so meinen. Es gibt eben nach wie vor nur cool, uncool, wie man sich fühlt, wie das aussieht, wie man das ausdrückt und warum mein Wordpress-Plugin nicht läuft.

  • monopodcast: Britta hat in den letzten Wochen zwar weniger regelmäßig geschrieben, aber bei einem Blog über das prekäre Dasein als freie Musikjournalistin muss das als positives Zeichen gewertet werden. Was sie schreibt, gehört zum Scharfsinnigsten, was der Kulturjournalismus momentan so hervorbringt. Das ist keine wohlwollende Übertreibung, sondern so gemeint.
  • flashfonic: Carsten legt nicht nur am Wochenende Elektroplatten auf, sondern schreibt in seinem Blog auf sehr angenehme Art eben darüber. Ich mag seine Serie über gut gestaltete Musikverpackungen.
  • Stay Indie, don’t be a hater: Daniela gehört unterstützt und gelesen, weil sie 2009 noch enthusiastischen, unterhaltsamen Musikjournalismus betreibt. Die Recherche erledigt ihre Umgebung von allein.
  • Ghost/Play: Ramon legt mindestens so gut auf, wie er fotografiert. Das D’Arc-Tape wäre unter den Platten des Jahres, wäre es eine Platte.
  • Fernwärme: Ich bin mir nicht sicher, wie Espy es findet, genannt zu werden. Mache ich trotzdem. Weil er einer dieser wenigen generaltalentierten Menschen ist und neben hundert anderen Dingen (Zeichnungen, Musik, Fotos, Ideen) auch regelmäßiger Texte veröffentlichen sollte, herrgottnochmal.

  1. Ein Spitzenthema, dem man sich auch wunderbar visuell nähern kann, sofern man es etwas weiter fasst. 
15.04.2009

Summer won’t fall

Wenn die Summe der gefühlten Durchschnittstemperaturen an vier aufeinander folgenden freien Tagen größer ist als achtzig, sind ausschließlich Wiesen und Parks akzeptable Aufenthaltsorte. Faustregel. Man wirft sich tagsüber Frisbees zu und hört sich nachts eingängiges Zeug an dunklen Orten an. Das alleräußerste, was an Produktivität dabei herausspringen darf, ist ein launiger Relaunch des eigenen Tumblelogs.

Ich habe mich über das lange Wochenende einige Stunden lang meiner momentanen Freude an generischem Blau hingegeben und dem Seitenblog bei soc.electricgecko.de eine neue Form gegeben. Herausgekommen ist etwas, das meinem selbstveordneten Grundsatzcredo für alles (Schrottige Eleganz) recht nahe kommt. Wer nur Feeds oder das Dashboard ließt kann ja kurz reinschauen und sich verwirren lassen. So sieht das aus.

Stream of Consciousness

07.04.2009

Fünfundsiebzig Hertz

Cory Doctorow auf der re:publica zuzuhören war eine Freude. Weil er klug und pointiert die Anliegen einer offenen Netzkultur identifiziert hat. Weil man sich wünschen möchte, jedes Unternehmen und jede sonstige Institution würde juristisch dazu gezwungen, Menschen wie ihm regelmäßig zuzuhören. Die gültige Formulierung seines Anliegens für die europäische, oder zumindest die deutschsprachige Webkultur hat allerdings Peter Glaser bereits am Vortag formuliert. Cory Doctorows großartiger Punchline Everything changes, all the time, forever hat er eine wundervolle prosaische Form gegeben1:

“Manche haben das Gefühl, nicht mithalten zu können mit den Beschleunigungen der digitalen Welt. Aber wir befinden uns in einem Übergang und die Beschleunigung gehört zu den Symptomen dieses Übergangs. Was wir erleben, ähnelt einem flimmernden Bildschirm, der so lange nervt, bis die Bildfrequenz über 72 Hertz steigt. Dann wird das Bild ruhig und klar. Beschleunigt man weiter, wird das Bild nur noch ruhiger und klarer.”

Wir alle sollten Peter Glaser lesen. Nicht, weil es neue Sachverhalte zu begreifen gäbe. Sondern weil wir bessere Formulierungen wie diese brauchen. Zum Erinnern. Und um sie unter Nasen zu halten.


  1. Den vollständigen Text seiner Rede auf der re:publica 09 gibt in seinem Blog bei der Stuttgarter Zeitung.