electricgecko

Oktober

Ein Jagdvogel
über Sitterwerk
und Tal
Solo
Schlucht
jedenfalls Schilder, Betonpfeiler haushoch, Viadukt
Wege, die aus dem Wissen ins Leben führen, guter Zustand: Schweiz
Abkürzung, versteckt in klarer Sicht und idealer Luft
Sie haben dazu Felsstufen herbeigeräumt
(Es ist hier möglich mit dem Bus zu fahren und an der Haltstelle auf der Bank zu sitzen, die Tasche neben dir, wie einst gedacht)
Eine Bücherei und eine Gießerei

Das Denken unterbrechen
Das Bild lehnt auf Hölzern an der Wand
es scheint ohne Umweg aus der Wahrnehmung sublimiert zu sein
eine Landschaft
in Bronze gefallen
Sturz durch alle Spiegel
„Das Schwierigste ist, dass etwas vollkommen natürlich wirkt und dass es die Kraft des Lebens selber hat. Aber das erreicht man nicht, indem man die Natur einfach so nachmacht, wie sie ist“

Du wirst es keinem sagen, nicht davon sprechen
nur das Relief, den Abdruck, an eine Wand lehnen und fortgehen

Ein Morgen im Hotel nach dem Ende des Sommers, schmale Fenster zum Garten im Innenhof, mit schwerem Eisen verschlagen.

Ich höre meinen ersten vollständigen Durchgang des neuen Boy-Harsher-Albums. Es wird die definierende Popmusikplatte dieses Jahres sein, das bereits zu großen Teilen zu Reisen und Arbeit und Zeit im Inneren evaporiert ist. Der Soundtrack dazu ist nach drei Singles nun komplett, er ist wehmütig, dunkel, warm, scharfkantig und schön.

In Get Mean bleiben Boy Harsher ihrer scharf gezeichneten Welt diszipliniert treu: Hier herrscht ein klar definiertes Set von inhaltlichen Ideen und ästhetischen Regeln. Alles weitere ist Iteration, Beschnitt und Kompression. Es sind die gleichen verlorenen Back Alleys, in denen bereits die Lesser Man EP und Careful1 ihr Setting fanden. Mit jedem Release und jeder neuen Version dieses Settings erscheint es detaillierter gerendert, mit sorgsam gearbeiteten Bruchstellen und optimalen Rissen in allen Wänden.

Get Mean ist eine Platte des Widerstands. Unter ihren zerstörten Oberflächen und allerhand sorgsam vertuschtem Handwerk2 liegen wahrer Bruch und echte Verzweiflung. Umso größer ist die Selbstdisziplin und das Commitment to the Sinister Bit, das vor allem im Gesang von Jae Matthews seinen Ausdruck findet. Boy Harsher lehnen sich noch tiefer rein, in die Nacht und in die Autos und in den Sex, und damit auch in die Ästhetik einer, meiner, Generation: Echos von Bernard Sumners begrenzter Rhythmusgitarre definieren die Albumversion von Tough Luck3, und für einige kurze Augenblicke suchen The Cure Break me heim, den dichtesten, gröbsten und möglicherweise besten Track des Albums – nur hart rechts überholt von Hard Beat, dieser fury-road-artigen inszenierung von Ballard’s Crash. Das ist der beste Popsong dieses Jahres, meine ich.

Coolness bleibt die definierende Eigenschaft meiner Generation. Während sich die Welt in Angst und Selbstmitleid zerlegt, sorgen wir uns um den idealen Ausdruck, und wie er in der Praxis des Lebens darzustellen sei. Es ist der fortwährende Bau einer sozialen Skulptur, die wir gemeinsam hervorbringen. Boy Harsher beschreiben eine spezifische, begrenzte, gratige Ausprägung dieses Vorhabens, und sie erklären vieles, das wir dazu über die Welt und ihre Einrichtung verstehen müssen; sie sind Material. Meine monatelange Vorfreude auf dieses Album traf auf öffentlich geäußerte Begeisterung diverser Menschen, die ich aus ganz verschiedenen Gründen schätze. Wissen, dass es andere gibt, die auf vergleichbare Weisen lieben und empfinden wie ich liebe und empfinde, hilft, um Teil dieser Welt sein zu können, mit Körper und Empfinden. Die Heruntergestimmten, die Ausgewaschenen, die aus den Kavernen, die Stummen, die Dunklen, die Schönsten.

  • Boy Harsher – Get Mean, LP, Nude Club, 2026

  1. Das Album, auf dem Boy Harsher ihre Form fanden. Weiterhin eine der meistgehörten Popmusik-Platten meines Lebens. ↩︎

  2. Sowohl im Songwriting als auch im Sounddesign finden sie eine neue Qualität: Mindestens die Hälfte dieses Albums sind Hits, und alle leben von gleichermaßen dummdreisten wie fantastischen Basspatterns und einigen der besten Gitarrensounds, die jemals aus dem Fundus der 1980er Jahre geklaut wurden. Siehe folgende Absätze. ↩︎

  3. Dessen fehlgeschlagene, verspulte und darum möglicherweise bessere Version, die Boy Harsher nach dem mißglückten Bandcamp-Release dort via DM verteilten, ist übrigens bemerkenswert. Ihr fehlt auf ideale Weise etwas Entscheidendes, es bleibt unbestimmt. ↩︎