electricgecko

Das Schöne, Wahre, Schwere

Ich zählte nicht nach, aber ich nehme an, dass ich an dieser Stelle mehr Worte über die Musik von Shed (also der für’s Langformat zuständigen Persona von René Pawlowitz) geschrieben habe, als über die Musik aller anderen Musikerinnen, die ich mag und hier bespreche. Seit Shedding The Past vor, herrje, 18 Jahren kamen hier zumindest LPs vor, und dazu viele der fantastischen, hastig mit Stempeln oder Tags signierten White-Labels, die unter diversen anderen Namen und Handles erschienen sind.

Techno auf Albumlänge ist ein widersprüchliches Format: Eine Art Philatelie des Rave, geordnetes Nachdenken über den Kontrollverlust, die Liebe in Gedanken. Dennoch hat ausgerechnet Shed1 einen viablen Weg gefunden, Storytelling mit funktionaler Musik zu betreiben, das physische Sein im Club in die Welt der geistigen Gesamtanwesenheit übersetzen. Wie Shedding the Past oder The Killer findet Rave Echoes musikalische Äquivalenzen für weitere der endlosen Stimmungen und Aggregatszustände der Nacht. Sie erzählt ihre Geschichten in den Kontrasten zwischen Dichte und Leere, zwischen der Euphorie der Erkenntnis, hier und jetzt also offenbar anwesend und unmittelbar am Leben sein zu dürfen und dem Ausbrennen, der Verzweiflung, dass alles vergebens sein soll. Und da Musik und Nacht untrennbar zusammengehören, können die Ereignisse bei Tag nur Echos sein: Reflektion und Romantik des Schönen, Wahren, Schweren.

Da ist Password in zwei Versionen, unbändiges Momentum, gehüllt in einen schwarzen Schleier der Skepsis. Es gibt Double Scoop, vermutlich der shedmäßigste Track der Platte, eine zäh wabernde Leere, auf die unbedingt ITHAW folgen muss, der aus irgendeinem kosmischen Edelgas destillierte definierende Hit von 2008. Kurz vor dem Ende schließlich Taking You Home: Zu affirmativ, zu dick aufgetragen, was soll das mit den Vocal-Samples. Aber doch zu schön und zu aufrichtig, um sich diesem Konstrukt nicht hinzugeben, weil man erlebt hat, worum es hier vermeintlich geht, weil man das gefühlt und irgendwie eingebaut hat, tief im Finstern der mutmaßlichen Seele.

Rave Echoes ist entgegen aller Wahrscheinlichkeit das siebte Shed-Album. Es findet eine neue Qualität der Empathie für die Narrative der Nacht, und es ist nunmehr die Bestätigung eines großen Chronisten dieser Musik und ihrer prägenden Wirkung auf die Menschen ihrer Zeit.


  1. Ausgerechnet wegen all der Whities als WAX, als Head High und WK7, und einmal auch unter dem Namen seines Geburtsortes Seelow: Tools für alle tatsächlichen und denkbaren Floors. ↩︎

Juli

Dies ist ein Text aus dem Juli 2026. Verschlagwortet unter: . Kopie aus dem Textdokument 2026.txt, das meine Notizen dieses Jahres enthält, vermischt mit Zitaten, Verweisen, noch zu lesenden und zu sehenden Dingen und den Sedimenten des Alltags.

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