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Let’s save this particular now

Dieses Jahr hat in Los Angeles begonnen, nachdem die ersten beiden Monate in einer Art Druckwelle an mir vorbeigezogen waren, nachdem WAF GMBH ihre Existenz rechtsgültig begonnen hatte. Es war eine Rückkehr an einen Ort, den ich während meiner vorigen Besuche nicht verstand, aber mich stets fasziniert zurückließ. Das fundamentale Versagen dieser Stadt, eine Stadt zu sein1, ihre psychotische Dunkelheit, die Geometrie ihrer Schatten im immerzu perfekten Licht – mein Versuch, eine Perspektive auf Los Angeles zu finden hält an und findet inzwischen in einem Are.na-Channel statt: Parsing L.A..

Seit meiner Rückkehr habe habe ich nicht aufgehört, über diese projizierte Stadt und ihre Orte nachzudenken. Ebenso habe ich nicht aufgehört, Boy Harsher zu hören. Die dunkle Campyness des Projekts aus (enttäuschenderweise: Massachusetts) fließt gleichermaßen in den schwarzen Sonnenschein, der so spezifisch für Los Angeles ist. Diese Musik füllt Industriebrachen und flutet die mit 20 Meilen vorbeiziehenden leeren weißen Kuben, die Gebäude sein sollen. Wie so vieles in den Vereinigten Staaten ist sie eine Rekonstruktion europäischer Affekte mit amerikanischen Mitteln. Wie so vieles in Los Angeles speist sich ihre Anziehungskraft aus eben dieser monumentalen Fakeness.

Ich habe die Alben und LPs von Boy Harsher mehr gehört als viele andere Musik in diesem Jahr. Los Angeles blieb und die Stimmung blieb und die Erinnerung an das Licht und die Menschen blieben. Es ist schwer, sich der Sleaziness zu erwehren, dem Eingeständnis einiger Kaputtheit und der Weite und Freiheit, die von dieser Musik ausgeht. Das hat viel mit Jae Matthews‘ Gesang zu tun, geschult an der Attitüde und Anziehungskraft der europäischen Goths (Siouxsie Sioux, Anja Huwe, man muss die richtigen YouTube-Videos kennen).

Motion, Westerners und Morphine (ey, diese Titel) haben mich durch einige Härten halluziniert, als Narrative einer Welt, die es nur ausgedacht gibt, und halt in Los Angeles, wo alles erfunden ist. Es ist großartige Musik, wie L.A. eine großartige Stadt ist, wie es nichts sharperes gibt als eine Truckerjacke aus gewachstem Twill im richtigen Licht.

Boy Harsher wurden zum Kristallisationspunkt meiner Beach Goth-Playlist, vermutlich der reinste Ausdruck meiner Lust an brachial doofer Affirmation, zu der ich in diesem Jahr gefunden habe. Diese Playlist bedeutet mir viel – ebenso wie Los Angeles und meine Perspektiven in der Stadt, denen Boy Harsher Raum und Permanenz in 2019 gegeben haben, auch auf dem kalten Boden der Tatsachen zum Ende der Dekade.

There was a moment among the abstract government buildings. I was very tired, the mournful groove of Boy Harsher oozing from my wireless earpiece, an electric scooter zooming past. I realized where I was, which world, how far I had walked. Let’s save this particular now. (Berlin, September 2019)

  1. Traversing the airspace above L.A. and the valley beyond makes the vastness of this country apparent. It is, fundamentally, still the far west, unclaimed nature, emptied of its original inhabitants, painted with a thin layer of civilisation and semi-permanent architecture. were the people settling here to leave, it would turn full western-trope ghost town of monumental dimensions.

Melancholie der Standorte

Als ich nach Berlin kam, aus dem Durcheinander meines Lebens in das Durcheinander der Stadt, gab es eine Gruppe, die sich ausnahm in ihrer Ehrlichkeit und Schönheit zwischen all dem Schutt, den Optionen, den Drinks, der Sonne über dem Brunnen vor dem Dom und den Hackeschen Höfen, die damals noch ein Ort waren. The Aim of Design is to Define Space spielten Rock der klang wie Rave, und alles sah besser aus als bei den anderen. Sie sagten was ich damals hören musste. Der Moodboardpop des allzu geradeaus betitelten Depeche Mode wird mich immer an den Besarinplatz erinnern, die Türme des Frankfurter Tors, den Blick auf die Volksbühne aus der S75. Und daran, was wichtig ist (Frisuren und Schuhe).

Im vergangenen Jahr spielten Aim ein Konzert am Schlesischen Tor und nun gibt es neue Musik, eine 12″ und wohl ein Album, ein weiteres Konzert (Dialog mit der Jugend, the grown-ups are tired), das Alex und ich besuchen werden.

Es gibt nun eine neue Geschichte über diese Stadt zu erzählen, gleichermaßen dunkel und perfekt ausgeleuchtet: Aim #@%!$, das erste Release seit elf Jahren, nach der Volksbühne. Das ist alles, 5K-Schranz, Wut, Klugheit, Schönheit, die eigene Sprache, die rasierten Seiten, das tätowierte Herz. 1992, 1994, 1997. Teile von uns waren immer hier.

One might say that everything was better back then. The girls were prettier, the parties wilder and the drugs better. Back then, The Aim of Design is to Define Space was the best band, which was more Berlin than Berlin was the Aim of Design is to Define Space.

Am Ende dann Schulzkys Aimriff, das immer sein muss, auch für mich. Good fucking day, ihr Bauern.

And the city orange

Das Atonal fügte sich auf neue Weise in dieses Jahr. Es gab nichts zu feiern, es gab nichts loszulassen. Es gab die Notwendigkeit von Input und Freiheit, die Notwendigkeit der einzigen Form von Spiritualität zu der ich in der Lage bin1. In einem weiteren Jahr stand ich also mit Hannes und David im Exoskelett des Industriezeitalters, wir tranken Wasser mit Wodka darin und sahen unsere Zukunft vor uns ausgebreitet.

Das Lineup 2019 kam uns entgegen. Viele der Projekte operierten hochkonzentriert, das Programm der Hauptbühne ließ sich ohne Pausen verfolgen. Im Ergeschoss wurde weniger instagramtauglich dekoriert und mehr inszeniert; die Disziplin Tanz ist eine ebenso naheliegende wie richtige Ergänzung für diese Veranstaltung.

Wie bereits vor zwei Jahren bemühte ich mich um Notizen, also darum, festzuhalten, was Raum und Sound mit meiner Kognition taten. Es erscheint mir relevant als Ergänzung der reinen Macht des Atonal im Jahr 2019.

In keiner spezifischen Reihenfolge oder Sprache:

Lee Gamble practises mantis origami and everything is liquified, the concrete carpace of Kraftwerk magically transformed. The ghost of raves past infects every bar Gamble is launching into the cavernous hall, all grooves that have been, resurrected to serve grim new purposes. We are witnessing 1994 being smashed and sliced into shards, made new, assembling crystalline parts of a bygone era into constructs resilient enough to withstand the atmospheric pressure of 2019. Viewed from the right angle with the right mind, shapes become recognizable, sticking out for a second before being re-incorporated into a heaving sonic architecture. The hall is drenched in blood red light. Everything stops.

As Allesandro Cordini is playing, a rift appears in the crowd and I am suddenly free: Bodies move, the crowd converges, both on screen and in physical space. Staub löst sich von allem ab, und irgendwann auf jedem, denke ich, und dann: This isn’t beauty, This is the rest of it. „Es bedeutet mir die Welt, das hier, alles, an diesem Ort in dieser Stadt in diesem Jahr“, sage ich zu David.

Mitra render the world in ice at psychotropic resolution. Like shaping a monument from pink noise, some imaginative somatic architecture made from organic matter, perpetually in the process of melting or freezing, ever transitioning. A 5K temple ruin in the shader world. Far away, a small figure is wailing, draped in light, veiled in concrete. A voice endlessly reverberating. The profound, old beauty of her song is almost too much to bear. I wish it would stop and continue for ever. The particle equalizer as an emitter of architecture is followed by the magic of a repectfully receding virtual camera, as distant dwellings slowly fade out of view.

Soft/hard, coexisting like matter and antimatter, creating perfect stasis. Ich bin hier mit niemandem, ein Haus stürzt ein in perfekter Stille, und darum in Zeitlupe. The silence of walking in empty nights. The silence of imagination. The silence after they stop. The silence after pressing play. Der dringende Wunsch dieser Gruppe, hier und jetzt nicht zu existieren, aufzugehen in konzentrierter Musik. Vor vier jahren schrieb ich über Severe: „Kein Zögern, keine Unsicherheit hier. (…) Klar, präzise, mit überaus hoher Dichte.“ (My Disco)

Über die Performance von Objekt und Ezra Miller schließlich kann ich wenig Kluges sagen, die Notizen sind undeutlich, bereits als ich sie schreibe. Dieses Set ist eine Kata aus Licht und Sound, deren Bewegungen mit jeder Wiederholung an Kraft und Nachdruck gewinnen. Dieses Licht: zumeist in der Horizontalen in das Publikum gerichtet, Licht der zweiten Person Plural: Wir sind die Empfänger, wir sind die Leinwand. Schließlich, der Moment dieser beiden Tage: Das Vocal-Sample und dann Love inna Basement, niemand hier kann es fassen, jede Konzentration explodiert. Für zwanzig Minuten ist hier nichts zu denken, reine Körpersache, ansatzlose Ruhe im Pandämonium. Das große Rave-Versprechen ist wahr (es ist nun genug gedacht worden).

Pablo’s Eye present a performance about weather, visuals sublimating, ever-new suns rising and fading away. There is a generality, an all-encompassing perspective to this performance, that transcends the boundaries of even this venue. „He wondered what new weather she had divined/It was night and the city orange“.

  1. In dieser Hinsicht sind die Nächte im Kraftwerk vergleichbar mit den Tagen in japanischen Gärten: eine Bank, ein Teehaus, eine Kathedrale und die Unfassbarkeit der geformten Umgebung.

Vanity

(Dieses Jahr verschiebt die Dinge, mit großer Ruhe, mit Nachdruck. Es ist keine Zeit der Krisen, es ist eine Zeit des Verstehens und des Handelns, des Freisetzens. 2019, Raum und Zeit.)

Vanity, das neue Release von Rainer Veil bei Modern Love ist eine stille Rückkehr. Sie folgt auf New Brutalism aus dem Jahr 2014. Nun zum ersten Mal auf Albumlänge ausgedehnt, wirkt der Ansatz des Duos aus Manchester in keiner Weise wie ein Debut – zu klar gebaut, zu fertig ausgeformt erschienen die bisherigen Veröffentlichungen. Das setzt sich in diesem Jahr fort: so vielschichtig der Sound auf Vanity ist, so kohärent und freigelegt sind die Bedingungen seiner Konstruktion: orthogonale Flächen leiten den Blick zu immer neuen Ansichten des Sounds. Jeder Track ist ein Perspektivwechsel, ein neuer Aufriss des gleichen Gebäudes.

Der architektonische Sound von Rainer Veil gewinnt an Tiefe und Abwechslung, zusammengehalten durch eine einheitliche Stimmung und ein ruhigen, beständigen Drive. Es ist die Schönheit des Vakuums in Gauze, das die geräuschvolle Stille beim Wenden der Platte zum Teil des Übergangs zu Third Sync macht. Den Leerstellen gegenüber steht die fortwährende Meditation über den fernen Geist von Jungle und UK Hardcore schwebt über dieser Platte.

Vanity legt sich über den Raum, in dem mein Schreibtisch steht. Sie füllt die Nacht mit einem schweren Grau. Es ist nicht das Grau des Covers1, sondern ein dunkles, warmes, komfortables Grau. Eine Art Audio-Eigengrau, not intricate but textural.

  1. Das übrigens in einer seltenen Verbindung aus Illustration und Argrarwirtschaft recht erfolgreich die Ruhe des Albums vermittelt.

Es fehlen die Beweise

Rockmusik hat gemeinhin wenige Antworten auf meine Fragen dieser Jahre, unsinnig ist die Aufrichtigkeit und die unbeholfene Suche nach Ausdruck und Wahrheit hier und jetzt. Aber einmal in zwei Jahren scheint Raum für das Widersetzen, für den schönen Trotz und die Anmaßung zu sein, der Welt auf Augenhöhe entgegen zu treten. 2017 haben Belgrad ihr selbstbetiteltes erstes Album veröffentlicht, und es hat diese Zeit gebraucht, um zu mir zu finden1.

Belgrad ist eine schwarze Platte und eine schwarze Gruppe. Ein großes Gewicht zieht diese Musik nach unten, der Sog ist in jeder Minute spürbar. Nichts hier ist ironisch – acht Songs Schichtarbeit: Es ist das düstere Momentum schwerer Popmusik, das Wühlen im Selbst (ich muss an den Klappentext eines der blauen Bücher von Rainald Goetz denken, Wütend schritt ich voran). Musik für einen grimmigen, klaren Gemütszustand nicht ohne Schmerzen, aber ohne Kälte. Ich habe das schon einmal besser über ganz ähnliche Musik gesagt: Regen und Füße auf Asphalt, die Fundamente aller Dinge.

So wenig innovativ Belgrad ist, so klar seine Referenzen sind – so sorgsam ist alles zusammengesetzt, so taktil und freigelegt und ohne Affekt ist jedes Gefühl. Es ist zu spüren im Rauschen zu Beginn von Niemand, im öligen Groove von Eisengesicht und im Sustain und Release des monumentalen Ravetracks namens Westen: Nichts Aufrichtiges ist peinlich, nichts Furchtloses ist vergebens.

Beyond the train station, I look up. The grey sky refuses to let me feel anything.

  1. Belgrad werden gerade Sarah’s Nachbarn, es ließ sich nicht vermeiden.
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