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Sechs Orte in Paris

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In ungewohnten Umgebungen sind neue Ideen einfach, weil ja alles fehlt, auf das man normalerweise so schaut. Das Poster neben dem Schreibtisch und die Rücken der Bücher im Regal. Wenn man sein Notizbuch an einen Ort wie Paris trägt, füllt es sich praktisch von alleine. Schwierig ist es, die Ideen den Transferzustand, der Teil jeder Reise ist, unbeschadet überstehen zu lassen. Weil dann wieder Alltag in allen Blickrichtungen steht. Und das eigene Geschmiere und die hastig aufgeschriebenen Namen nur noch hübsch aussehen, aber nicht mehr lesbar sind. Darum schnell raus damit. Sechs Orte in Paris, an denen man gewesen sein sollte.

  • Merci (Karte)
    Merci ist schwer zu klassifizieren. Es es eine Mischung aus Boutique, Ausstellung angewandter Kunst, Möbelshowroom und Café. Auf zwei Etagen kuratieren die Besitzer Mode, klassisch moderne Möbel, Bücher, Papier, Tape, Stifte und hundert andere Dinge. Merci fühlt sich an wie eine Raum gewordene Ausgabe des Inventory Magazine. Unbedingt besuchen und japanisches Papier, Hemden aus Schweden und den Plaid-bezogenen Eames Lounge Chair im ersten Stock mit großen Augen ansehen.
  • La Défense (Karte)
    Die urbane Struktur rund um La Défense ist beeindruckend komplex, konsequent und angenehm over the top. Man kann das Projekt der Moderne ablaufen, zu beiden Seiten des Grande Arche — samt aller Verfehlungen und Schönheiten. Der Bogen selber ist ein Erlebnis in formaler Perfektion; die strikte Entsprechung aller Winkel schließt nicht nur Seiten, Dach und Freitreppe ein, sondern auch den Winkel der Schattenwürfe bei Sommersonne.
  • Comptoir de l’Image (Karte)
    Nimmt man Kioske aus, handelt es sich um das kleinste Ladenlokal, das ich je betreten habe. Compoir de l’Image ist ein Antiquariat, spezialisiert auf Modemagazine und Fotobände der vergangenen 70 Jahre: Männermagazine der fünfziger, die Vogue der Woche meiner Geburt, vergriffene Bände von Eggleston, ein vollständiges Archiv aller Interview-Ausgaben. Die Blaupausen zeitgenössischen Editorial Designs stapeln sich bis unter die Decke, in ihnen Fotos, mit denen sich drei Streetstyleblogs über Jahre füllen ließen. Man bewegt sich leise, tritt am besten einzeln ein und freut sich still über die Präsenz von so viel populärer Kultur an einem Ort.
  • Grom (Karte)
    Bei Grom habe ich das mit Abstand beste Eis meines Lenbens gegessen. Es gibt einen Unterschied zwischen Eisladen und Eiskonditorei. Und der muss irgendwas mit der Geschmacksrichtung Fior di Latte/Pfefferminz zu tun haben.
  • Galerie Patrick Seguin (Karte)
    Von der Rue des Taillandiers aus gesehen ist diese Galerie nur eine Stahltür in der Backsteinwand; mit einer Klingel und einem kleinen Schild. Dahinter verbirgt sich eine großartige Sammlung von Möbeln der fünfziger- bis späten sechziger Jahre. Arbeitsmöbel von Jean Prouvé, architektonische Objekte von Corbusier und viele andere wunderbare Gegenstände. Wie zum Beispiel diese perfekte Sofa/Beistelltisch-Kombination von Carlotte Perriand aus dem Jahr 1958. Wieder auf der Straße hat man das dringende Bedürfnis, ein Tweedsakko zu tragen und sich neu einzurichten.
  • Pierre Hermé (Karte)
    Pierre Hermé verkauft Süßigkeiten von denen hundert Gramm deutlich mehr als zehn Euro kosten — aber die Macarons sind diesen Preis wert. Man könnte sie problemlos für das Doppelte verkaufen, weil der Moment, in dem man die Intensität des Geschmacks realisiert, für sich genommen schon ein Erlebnis ist. Es gibt eine Sorte Macaron, die intensiver nach Erdbeeren schmeckt als Erdbeeren. Das ist ein hübsch absurder Gedanke.

Weitere bebilderte Erlebnisse gibt es in meinem Paris-Set bei Flickr.

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