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Texte über Musik, Raum, Gestaltung und Kunst. Fotos.

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Sechs Orte in Tokyo

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Es ist selbstverständlich Unsinn, einen Text mit dieser Überschrift zu schreiben. Tokyo ist keine Stadt, für die Hinweise auf ausgewählte Orte sinnvoll oder notwendig wären. Tokyo ist zu komplex und zu selbsterschließend, als dass es einen anderen Rat geben könnte als: Get out, get lost. Die Skalierung der meisten Viertel im Stadtgebiet orientiert sich an den Maßen und Reichweiten von Menschen – eine überaus bemerkenswerte Erfahrung, wenn man westliche Städte gewöhnt ist und motorisierten Straßenverkehr für ein unvermeidliches Übel hält. Letztlich sind es weniger die Räume und Perspektiven, die Tokyo zur zentralen Stadt einer anderen Moderne machen. Sondern die Perfektion seiner Verfasstheit, die Kombination aus besserem Material und nahtloser Fügung, die Zugehörigkeit zu einer anderen, hochwertigeren Realität, in der bessere Antworten auf die gleichen Fragen gefunden wurden; Mirror-World. Tokyo ist im besten Sinne unglaublich.

  • The Peak Bar at Park Hyatt (Karte)

    Es ist sicherlich kein origineller Vorschlag, die High-End-Drinks ausgerechnet im Park Hyatt einzunehmen – doch besser ist besser als überraschend. Die Kombination aus der vierzigsten Etage, einer cyanfarbenen Nacht, den rot glimmenden Positionslichtern von Shinjuku-ku und dem Blick über die Bar aus dem Panoramafenster ist schwer zu übertreffen. Ich trank Dirty Martini und Yamazaki, beides exzellent und vollkommen frei von Überraschungen. Ein Abend wie eine der psychogeografischen Rezensionen des Travel Almanac.

  • Daikanyama T-Site (Karte)

    Große Buchhandelsketten sind ein inhaltliches und ästhetisches Ärgernis, das Falsches in hohen Stückzahlen verkauft und Richtiges nicht im Sortiment führt. Hätte es eines Beton und Glas gewordenen Beweises bedurft, dass Tsutaya Books keine Handelskette in diesem Sinne ist – T-Site in Daikanyama wäre dieser Beweis. Ein komplexer Bau, gefüllt mit einem simplen Sortiment: alle relevanten Magazine der Welt, Bücher, Musik, Filme. Wie so häufig in Japan liegt der Unterschied zu anderen Orten nicht im was, sondern im wie. Im ersten Stock der T-Site befindet sich eine weitläufige, dunkel vertäfelte Lounge, deren Bar exzellentes Essen und gute Drinks serviert. Sie ist die offene Einladung, den Sonntag mit einem Stapel Bücher aus dem Sortiment zu verbringen. Sind gegen Abend die aktuellen Ausgaben der Mark, der Pin-Up und der Fantastic Man ausgelesen, bleiben die vollständigen Archive internationaler Klassiker: etwa alle Ausgaben der französischen Vogue seit 1950, gebunden, in mint condition. Es gibt keinen besseren Ort, um Stunden mit inhaltlichem Input und einer Folge Matcha-basierter Desserts zu vertändeln.

  • Gyoen Park Shinjuku (Karte)

    Ein Dimensionstor und 200¥ beträgt der Abstand zwischen dem schwarzen Teer Shinjukus und einem Areal, das in seiner perfekten Skulpturiertheit beinahe gerendert wirkt: Gyoen Park. Ein Garten, gefertigt aus Pflanzen, Luft, Himmel und Wasser, der nicht wie ein ausgleichender Gegensatz der Stadt wirkt, sondern wie ihr notwendiger Teil. Die weichen Hügel der großen Wiese setzen die Silhouetten der Betonstadt auf irritierende Weise nahtlos fort. Jeder Blick hat viele Perspektiven. Alles wieder offen, notwendigerweise sowohl als auch.

  • Lift Étage (Karte)

    Das Vermögen durchzubringen fällt selten schwer. In den relevanten Städten der Welt, zumal. An kaum einem Ort machte es mir mehr Spaß als in Tokyo; eben der Stadt, in der viele meiner ästhetischen Interessen ihren Ausgang nahmen. Stellvertretend nenne ich also Lift Étage – für den besten denkbaren Kundendialog, das kompromisslose Sortiment und das genau richtige Verständnis von Kleidung als Teil visueller Kultur und gestalterischen Ausdrucks. Mein Besuch fiel angenehmerweise in den Ausstellungszeitraum einer Installation von Carol Christian Poell und schmerzhafterweise in den Zeitraum einer der stärksten Saisons von Maurizio Amadei/MA+. A rare indulgence.

  • Shelf (Karte)

    Ein weiterer Ort kommerzieller Natur – auf einem Zehntel der Fläche, mit dem gleichen kompromisslosen Anspruch an Sortiment, Atmosphäre und Qualität. Um es einfach zu machen: Shelf ist die beste kleine Buchhandlung, die ich betreten habe. Wie immer und alles in Tokyo befindet sich auch Shelf in einer winzigen Seitenstraße, in diesem Fall abseits der Gaien-Nishi Dori, unweit des (größtenteils uninteressaten) Wataru Museums. Bei Shelf findet sich nicht die größte Auswahl an Fotografie- und Architekturbänden, aber die beste. Das liegt zum einen an der sorgsamen Kuratierung der Inhaber, zum anderen an dem sehr eindrücklichen Erlebnis, einem vollkommen unbekannten Kunstbuchmarkt gegenüber zu stehen. Mit jedem Blick Neues sehen – oder besser: Bekanntes in neuem Kontext, reformuliert für eine unbekannte Betrachterperspektive. Nota bene: Shelf bei Foursquare.

  • Narukiyo (Karte)

    Ich stieg reichlich berauscht aus einem schwarzen Taxi, hundert Meter vom Eingang dieses Lokals entfernt, als mein Telefon auf Tokyos schönem Asphalt in viele glänzende Teile zersprang. Es sagt einiges über die Qualität des Essens und das generelle Narukiyo-Erlebnis, dass ich dieses Ereignis im weiteren Verlauf des Abends nicht weiter beachtete. Narukiyo ist ein Izakaya, also ein gehöriger Trubel, in dem rasche Folgen Speisen und Shōchū aufgetragen und ohne Zuordnung zu Tisch oder Gast ebenso rasch verspeist werden. Ein guter Freund von Yohji Yamamoto betreibt dieses Lokal – jedenfalls solange er diesen nicht zur jährlichen Schau als Leibkoch nach Paris begleitet. Dass Yohji-San weiß, was Qualität ist, erklärt sich von selbst. Ich aß hier das beste Sashimi und den besten Seeigel meines Lebens.

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