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Texte über Musik, Raum, Gestaltung und Kunst. Fotos.

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Künftige Ruinen (Material für die nächste Schicht)

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Veränderung wahrnehmen bedeutet Zeit zusammenpressen. Mehrere Ereignisse als miteinander verbunden interpretieren und sie auf eine Zeitachse abtragen, ein neues Ordnungskriterium einführen, taggen. Bevor das Hirn Ereignisse auf diese Weise verbindet, gibt es einen interessanten Moment, in dem zwar ihre Position in der Raumzeit klar markiert, aber das Tragwerk ihres Zusammenhangs nicht konstruiert ist. Es mag mit diesem Gedanken zu tun haben, dass meine Platten des Jahres zu großen Teilen mit Verortung und der präzisen Gestaltung eines Settings befasst sind. Es sind Alben, deren inhaltlicher Einfachheit ein überbordendes Materiallager an Kontext gegenüber steht: Fiktive Orte, Stimmungen, tastende semantische Anordnungen, provisorische ästhetische Vorschläge.

Auf diese Weise haben mich diese fünf Platten begleitet, auf den Reisen und Transformationen des Jahres. Poetry is how you fight it (Claude Draude), I guess.

  • Blixa Bargeld & Teho Tadao – Still Smiling Ein zweites Album, auf dem Blixa Bargeld nicht als Spiritus Rektor, sondern als Verwerter von musikalischen Vorschlägen auftritt. Nach elektronischen Stimmexerzizien mit Carsten Nicolai (als anbb), nimmt er nun die Angebote des Theatermusikers Teho Tadao auf inhaltlicher Ebene an. Das Ergebnis ist eine Suche nach Worten, so vielgestaltig und verweisreich, dass sie ab der Mitte des Jahres eine Vielfalt von Kontexten auskleidete. Es fällt mir schwer, die Wege durch die Nächte dieses Jahres ohne die schwebende Universalität von Nocturnalie vorzustellen. Schließlich war der Auftritt von Blixa Bargeld im Kampnagel einer der versöhnenden Momente im Jahr 2013. Klugheit und Schönheit existieren, und es hat Wert, für sie einzutreten.
  • The Black Dog – Music for Real Airports Eigentlich müsste ich an dieser Stelle Radio Scarecrow gleichberechtigt nennen. Denn es ist der grundsätzliche musikalische Entwurf von The Black Dog, der die Erwähnung in dieser Liste notwendig macht. Doch wie beschrieben – in erster Linie war es der Moment der Reise, mit allen Leerstellen und Brüchen, den The Black Dog auf so vollkommene Weise formuliert haben. Case in Point: Das Geräusch des analogen Besetztzeichens, aus dem sich der Beat von Sleep Deprivation 1 schält – oder ist es ein Irrtum, nach der fünften Stunde in der Abflughalle oder einem vergleichbaren nicht-Ort des Reisens?
  • Kangding Ray – The Pentaki Slopes Schließlich lautet das Genre des Jahres 2013: Techno. Unverstellt, mit größtmöglicher Aufmerksamkeit für Atmosphäre, Stimmung, Licht und, ja, Ort. Zusammengenommen ergeben diese Dinge im besten Fall einen konsequenten Narrativ, der parallel zum eigenen Erleben verläuft. Auf keine Veröffentlichung dieses Jahres treffen diese Gedanken mehr zu als auf diese EP von Kangding Ray. Geteilt in Aufstieg, Plateau und Abstieg entwickelt sie ein unnachgiebiges Momentum. Wohl auch wegen dieser kinetischen Energie ist diese eine meiner liebsten Platten für lange Zugfahrten und Fußwege durch die windige Stadt im Norden. Ich fand im März bereits bessere Worte.
  • Miles – Unsecured Unsecured, das ist zunächst einmal die EP, auf der Miles einen Track namens Plutocracy veröffentlicht hat – und allein dafür muss sie Teil dieser Aufzählung sein. Die Langsamkeit und Tiefe, der ungeheure Nachdruck, die vollkommene Konsequenz dieses Tracks war einer meiner eindrücklichsten Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit Kunst in diesem Jahr. Hi-hat, Baseline und der pechschwarze Rauch hintergründiger Atmosphäre erzeugen ein derart dichtes Bild, dass ein tiefes Gerüst verbauter Breakbeats beinahe unbemerkt bleibt. Ich nenne Plutocracy jederzeit als eines der besten Stücke Musik der letzten Jahre, und das jenseits aller Genres. Die Tatsache, dass Blatant Statement, Technocracy und vor allem Infinite Jest jeweils genau zutreffend betitelt und ebenfalls unglaublich gut sind, separiert diese Platte nur noch weiter vom Umfeld ihres Genres.
  • Kareem – Porto Ronco Ich habe keine Worte für diese Platte. Seit sie mir im Januar dieses Jahres in die Hände fiel, habe ich damit gerungen, sie einzuordnen, Bezeichnungen für meine eigene Resonanz auf diese Musik zu finden. Ohne Erfolg; Porto Ronco ist ein singuläres Release. Ein Track, 44 Minuten und 44 Sekunden lang. Eine Bewegung durch alles hindurch: Architekturen, entlang von Orten und Ereignissen, durch Geräte, Gewerke, Drones, Flimmern, statische Spannung, rekursive Strukturen. Dabei ist Porto Ronco gleichermaßen bedeutungsoffen und hyperpräzise, voller Verweise, ohne jeden Anschluss. Ich habe seit zwölf Monaten nicht damit aufgehört, diesen Track zu hören. Und ich bin sicher, dass dieser Zustand für eine lange Zeit anhalten wird. Dieses ist meine Platte des Jahres, und sie ist die Platte dieser Zeit und dieser Orte01.

Weiterhin relevant: Dadub – You are Eternity02, The Black Dog – Radio Scarecrow, Makeup and Vanity Set – 88:88, Kareem – Mesmer, Zomby – With Love, Demdike Stare – Test Pressing 003, Shigeto – No better Time than now, TM404 – TM404

  1. Es sollte mehr als eine Fußnote sein, dass Kareems Label Zhark viele der essentiellen Tracks dieses Jahres veröffentlicht hat – und zwar in den meisten Fällen bereits Mitte der neunziger Jahre. Ich sollte die Hip-Hop-Produktionen Kareems erwähnen und noch so viele Dinge aus einem frühen Zustand des Berliner Kosmos mehr.↩︎
  2. Hätte ich etwas weniger Freude an sinnloser Konsequenz – diese Platte hätte die sechste meiner Liste sein müssen. Bei Discogs.↩︎
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