electricgecko

Dezember

Nachdem der Tag gekommen und wieder gegangen war, trat ich hinaus in den Gemüsegarten. Von hier waren die Alpen zu sehen, nachdem das Licht versunken war. Ich wusste, dass es nicht weit von hier am See einen Stein gab, der aus der alten Mauer herausragte, ein Fußtritt in die grünen Wasser. Wenn man dort den Körper vom Ufer abdrückte, erstreckte sich eine wunderbare Leere, deren Ufer ich in diesen Jahren immer wieder aufsuchte, um endlich nichts zu sehen. Ich verdiente es, das zu wissen, hier auch zu leben. Ein weitere Art zu Hause. Es ist alles real, real, real.

Ebenso: Die Feuer, das Gedränge, Green Chili Soda, Dub im Kiln, Text als Architektur des Bewusstseins. Das Ende Europas im Norden, Felsen, Holz und wieder Feuer. Leere Sandsteinstraßen, eine Katze in jedem Sonnenfleck, meine Hände in der Wolle eines Schafes vergraben. Wolle überhaupt, als Material für Kleidung und Räume, als Metapher für die ewige Überlegenheit des Gewachsenen über das Erfundene. Ich reihe Gewässer aneinander, der Sprung in Meere, Flüsse und Seen an aufeinander folgenden Tagen als psychologischer Sport. Reisen mit Zug und Schiff, und auch insgesamt wissen wie’s geht. Sonne, Worte und Tunnel in La Ribaute, die sich nun auch für immer in meinem Gehirn befinden. Arbeit und Tod, Widerstand und neue Oberflächen. Ein weiteres Jahr Bau der Portale in die Zukunft: Im nächsten werden wir sie gemeinsam durchschreiten. Wir sind, obschon keine Familie, eine Gruppe.

(Style ist die Artikulation von Singularität durch Verlagerung semiotischer Fragen auf die ästhetische Ebene. Wie in der Poesie geht es darum, den vielfach verwendbaren Zeichen Einzigartigkeit abzutrotzen. Das ist weiterhin, was ich versuche, hier und überhaupt, um die Bedeutung der Subjektivität zu demonstrieren. We are irreplaceable, because we cannot be compared to each other.)

Der Weg zu Permanenz ist Prozess: Die Dinge immer wieder herstellen, die Konversation von neuem beginnen, neue Worte erfinden, um das Unveränderte zu beschreiben, Vernichtung und Bau. Die erfundene Welt verlassen und in neue Sterne stürzen, die Dinge unverändert, ihr Gewand immer neu. Ein Nichts das bleibt und ein Alles, das die Leere im Zentrum verbirgt. Wir sind gemeinsam hier, ein Hier folgt uns zum nächsten. Wir sind ein unendlicher Punkt, zugleich null und eins in Raum und Zeit. Die Welt existiert nur in uns.

Gestern hat eine Zukunft begonnen. Musik, die ich 2025 hörte.

Winter

  • Ben Kaczor & Niculin Barandun – The Equilibrum in Transition
  • anbb – Foligno
  • Einstürzende Neubauten – Ich komme davon
  • Strategy – Friends and Machines
  • Lawrence – Ascend
  • Miko & Mubare – Komoma Ya­-Ya-­Ya
  • Richenel – Autumn
  • Clouds – Come with me (On a trip)
  • Cloud Management – 404 Bassline not Found

Frühling

  • Porter Ricks – Spoiled
  • Purelink – We should keep going
  • Le Tigre – Dyke March
  • Nuker – Slam sin Ruido
  • Storm on Earth – Earth
  • John Roberts – Blame
  • Yor – Golden Boy
  • Atomic Moog – Landing Point
  • Sten – Undercover

Sommer

  • Jenny Hval – The Artist is absent
  • Fcukers – Homie don’t Shake
  • V/Z – Caffe Giallo
  • UUUU – Verlagerung, Verlagerung, Verlagerung
  • Efdemin – No Exit
  • Phil Collins & Philip Bailey – Easy Lover
  • Gombeen & Doyen – D’Americana
  • Cloud Management – Dann ein Filter
  • Low-End Activist – Wave 01
  • Die Goldenen Zitronen – Positionen
  • Efdemin – A Thousand Shades of Green
  • Heathered Pearls – Caveat Emptor

Herbst

  • Blixa Bargeld – Where are we now?
  • Gang of Four – At Home he’s a Tourist
  • Low-End Activist – Sent West
  • Miles – Lustre
  • Efdemin – Radical Hope
  • DRC1 – Intel
  • Darkside – One last Nothing
  • Darkside – S.N.C.
  • Low End Activist – Airdrop 05 (Trust Meeee)
  • Kreidler – Diver

Winter

  • Mau Mau – Auf der Jagd
  • Tempo – Sie verlassen den Amerikanischen Sektor
  • D5 – Dark City (Edward Edit)
  • SPFDJ – Mindless Counting
  • Rick Wade – Unafraid
  • Echo Instinct – Imagined Order
  • Efdemin – Aachen
  • Cloud Management – Teracotta Realness
  • Hesaitix – Dubdermal

Mixtapes

Playlists

  • Compressed Time, Long-haul, Demon Killer, Post House, Sin-Wave

Mit diesem Jahr hatten wir ein Plateau erreicht, hier oben waren wir noch nicht. Aber ein Plateau ist eine Ebene, und wie alle Ebenen fühlt sich auch diese zunächst wie ein Mühsal an, ein Treten auf der Stelle nach der Energie des Aufstiegs. Es dauert, bis wir die Aussicht begreifen: Vergangenheit und Zukunft erstrecken sich in ihre Richtungen. Wohin von hier?

Ein Wunsch war, dass die wichtigen Dinge keine Objekte mehr sein mögen, keine Skulpturen oder Installationen, nicht einmal Prozesse, sondern: Singular, Zustand, State. Das Selbst in den Sonnenstrahlen auf dem Teer auflösen, es im Lauf auflösen, es in der Musik auflösen. Alles frontal nehmen, das Licht blendend, die Musik in alle Dimensionen ausgebreitet, alles ohne denkbares Ende. Niemals für immer, Zustand über Ort und Erreichtes. So sollte das sein in diesem Jahr, und die Musik folgte meinem Willen. 2025 hörte ich noch mehr echobasierte Musik, mehr aufgeführte als aufgenommene Musik. Musik, in denen Enden und Anfänge eine untergeordnete Rolle spielen, in der es um dieses Jetzt in diesem Hier geht. Das kulminierte in einer ubiquitären Playlist namens Compressed Time, zusammengestellt nach den Kriterien:

  • Heaviness: Die Musik existiert in den Tiefen, die Kopfnoten bleiben frei fürs Denken,
  • Abstraktion: Die Musik und ihr Prozess hat uns weit von ihrem Ausgangspunkt fortgetragen,
  • Gelassenheit: Die Musik komprimiert Zeit, sie dehnt ihre Wahrnehmung,
  • State: Die Musik löst ihren Prozess in der Wiederholung auf.

In dieser Playlist riss mich der verspulte Bassmonolog von D’Americana zuverlässig regelmäßig von allen kognitiven Kontrollen fort, die Kollision von Keine Ahnung und Lee Gamble’s Head Model erzeugte neue Sinne, der abgekupferte Rudeboy Skank der Dead 60s funktionierte noch immer und die Microdubs-Sets von K Wata kleideten schließlich alle Gedanken dieses Sommers mit smoother Synthetik höchster Auflösung aus.

Aus dieser musikalischen Stimmung heraus gerieten die Platten meines Jahres durchaus ergebnisoffener als zuvor. Es ist eine softe Liste, eine weniger intensiv überzeugte Auswahl ohne Überwältigungen – aber geprägt von der neuen, freudigen Bereitschaft, woandershin mitzugehen. Auch die lange Long List am Ende dieses Textes mag Ausdruck gesunkener ästhetischer Konzentration sein, oder die Folge neuer Neugier nach weiteren Status, plural, in alle Richtungen.

Soft, calm, clear. Warm. No part of any social proceeding, but also here, with trees and tags, in the gentle breeze of this particular mesa. As balanced, as content and silent, as unconcerned, as unknown as I can be. This year felt like entering an empty house, behind a secret door I happen to know the keypad number to.

  • Fcukers – Baggy$$ (Technicolour)

    Das Schöne in der Kunst1 ist, dass sie nicht gut sein muss – es genügt, wenn sie sich an einem ungeschützten Rezeptor verfängt und eine neue Aufmerksamkeit nicht erregt, sondern dort erzeugt wo zuvor keine war, Energiebilanz positiv. Die Baggy$$ EP von Fcukers tat dieses im Juli diesen Jahres: Sie traf auf eine Bereitschaft zur Leichtigkeit, die von diesem jetzigen Dezember aus betrachtet unerreichbar scheint. Aber diese Platte existiert, ich hörte sie auf der Brücke, ich hörte sie auf dem Weg durch das Gewühl der Nacht. Das Artefakt einer Zeit im Sommer, in der ich der Gravitation der Zeit für einige Wochen entkam.

    Diese Musik ist schiere Affirmation, ein Pastiche aus europäischen Popreferenzen aus dem letzten Jahrhundert (Eurodisco, French Maximalism, Dub, Whatever-Step, Stone Roses), die von den noch vorhandenen progressiven Ecken der Stadt New York vor 2010 zurückreflektiert wurden. Es ist unterhaltsam und (noch) irritierend für mich, das zu hören und mich zugleich an die unverzauberte Form dieses kulturellen Materials zu erinnern: Die Wet-Look-Frisuren, die Minidiscs, Low Waists und kleine Tops. Große Jeans und Hornets-Trikots2.

    Die Referenzen gingen so häufig hin- und her, dass sie hinreichend an Auflösung und Bedeutung verloren haben, um als neu zu gelten. Insofern hat das musikalische Resultat auf dieser EP aller Collage zum Trotz wenig mit seinem kulturellen Ausgangsmaterial zu tun: Das ist zu getuned, zu sharp, zu informiert. Diese EP klingt, wie wir damals hofften, auszusehen, es aber natürlich niemals taten. Jaja, ist ja gut. Wie hört sich das an?

    Six pieces of saccharine puff candy: Hot clean fun, glossy shades, short shorts, park run, roadside river bridge sun. Cool.

  • Echo Instinct – Electronic Soundscapes for Post-Industrial Urban Decay (Unlimited Dream Records)

    In jedem Jahr gibt es zumindest eine Platte mit Musik, die wenigen Ansprüchen genügt, zu sehr einem bekannten Grundriss folgt. Musik die klingt wie die frühen 1980er Jahre, aber nicht allzusehr wie die Musik dieser Zeit. Eher wir die Austattung der Filme der Dekade, immer ein wenig zu spärlich, größerenteils gefüllt mit Hall und Schatten. Musik wie ein graues Capsleeve-T-Shirt, eine schmale Hüfte und eine breite, kurze Jacke aus synthetischem Material. In dieser Musik ist immer Nacht, und wir gehen die dunkle Straße hinab. Es ist Musik, die auf die ekstatische Wahrheit der Zeit deutet, in der ich geboren wurde. Das Genre ist Musik die Malte hört. Sie ist eine Art ästhetischer Factory Default meiner inneren Welt3.

    In den letzten Jahren waren es eine Handvoll Künstlerinnen, die dafür gesorgt haben, dass meine Playlists Beach Goth und Long-haul abwechslungsreich mit dem immer Gleichen gefüllt blieben: The Soft Moon, Boy Harsher, TRST, The KVB. Eine Platte dieser Künstlerinnen war stets präsent, wenn in einer Bahn ein guter Gedanke hermusste, oder die 2020er Jahre gar zu prosaisch und saturiert schienen. In diesem Jahr war es ein spätes Release, das erste des KVB-Seitenprojekts Echo Instinct.

    Wie anmoderiert und durch den Titel der Platte doppelt unterstrichen, ist der Vibe hier wenig überraschend: Die leeren Straßen des industriellen Verfalls sind natürlich finster, da weht ein kalter Wind, aber wir durchschreiten diese Welt entschlossen und mit stetem Momentum. In unserer Harrington ist es recht angenehm warm, aber das muss ja dort draußen niemand wissen.

    Anders als auf den KVB-Releases von Kat Day und Nicholas Wood finden die beiden für das Echo Instinct-Projekt durchaus vielseitige Formate – zehn instrumentale Tracks, die sich zwischen optimal angeschmutztem Elektrowavehits (Imagined Order), floorfähigen Tools (beinahe funky: New Purity) und cinematischen Sequenzen (Intersection) platzieren. Das ist alles im besten Sinne brauchbare Musik, die in einem klar abgegrenzten ästhetischen Fokus überraschende Vielfalt findet.

    Wie andere dieser Platten in diesen Listen an den Enden dieser Jahre ist Electronic Soundscapes for Post-Industrial Urban Decay vermutlich nicht wirklich Teil meiner musikalischen Rezeption des Jahres 2025 gewesen – eher ein weiteres Artefakt einer ausgedachten Welt, in der ich meine innere Zeit verbringe. In der ich die Dinge vorfinde, die ich dann hier und in meiner Arbeit zumeist gegen ihrem Willen zur Existenz zwinge.

  • Low End Activist – Superwave EP (Best Intentions) & Dry Chat, Wet Rag (Sneaker Social Club)

    In der Abstraktion fühle ich mich zu Hause. Freitragende Gedankengebäude (also: kohärente Ideen, die ihre eigenen Prämissen erfinden und einhalten) erschließen sich mir leicht, ich finde mich zurecht. Sensorische Wahrnehmung und ihr stressiger Detailgrad überfordern mich schnell, da fehlt mir der Überblick. Diese beiden Arten die Welt zu erfahren, sind in mir klar getrennt. Sie scheinen nur in der Architektur (oder richtiger: im Bau) und in der Musik zusammenzufallen. Wenn man den Bau betritt oder die Musik hört, überlagern sich im idealen Fall intellektuelle Appreciation und physische Hingerissenheit. In diesem besten Fall wirkt also eine Atmosphäre im zumthorschen Sinne.

    Was auch immer in der Lage ist, diese Athmosphäre, diese Synthese aus Körper und Hirn hervorzurufen, ist in meiner Welt kostbar und rar. Low End Activist produziert Musik, die das verlässlich tut: Sie ist at once intuitive and cerebral, das ist ihre definierende Eigenschaft, man kann sie auf Deutsch kaum in dieser Kürze beschreiben. Ich hole aus.

    Nach der fantastischen Airdrop, die 2024 eine der wichtigsten Platten war, folgten in diesem Jahr eine ganze Reihe von Releases (darunter Airdrop 02 und 03, beide blieben der Qualität der namensgebenden Platte fern), die sich kaum in größere Kontexte sortieren lassen – zu vielfältig fraktal ist der Output innerhalb des formal engen, aber konzeptionell tiefen Feldes britischer Bassmusik.

    Ich greife für diese Liste die Superwave EP und Dry Chat, Wet Rag heraus, doch es hätten auch diverse weitere EPs und Singles sein können. Low End Activist entwickelt sich zu einem der zentralen Protagonisten meiner Musikrezeption als älterer Erwachsener. Möglicherweise ist es die wunderbare komplexe Leere4 in dieser Musik (höre: Neurosis), die den Parallelzugang über Geist und Physis ermöglicht: Wenigem ist hier sensorisch zu folgen, aber das, was vorhanden ist, formt komplexe Gerüste, die Raum für eigene Gedanken bereitstellen. Tracks wie Wave 01 feuern mich verlässlich in eine Form von Gesamtpräsenz, die ich als schwer erreichbar empfinde.

    Die Musik von Larry Edgar Anderson hat mich den Räumen und den Zeiten dieses Jahres 2025 nähergebracht; ihr Ryhthmus und ihre eigene Zeit bleiben stets zerbrochen, und damit dieser so genannten Gegenwart angemessen. Musik, die mich zugleich dividiert und zusammensetzt: Straße Distanz Interaktion — Zirkel Wärme Wort Auflösung

  • Cloud Management – Unfinished Business (Digital Sting) & Invisible Salad (Abstrakce)

    Cloud Management, das ist eine Gruppe aus der Nachbarschaft und dem erweiterten Freundeskreis. In der Kernbesetzung früherer Projekte5 entwickeln Thomas und Sebastian als Cloud Mangement seit Jahren nicht nur eine Musik, sondern auch Methoden des Musizierens: Studio ist live und live ist (auch) Studio. Ihre Gigs finden inzwischen sitzend statt, in der Besetzung Maschinen, Vocals und Bass, und gleichen tastenden Listening Sessions.

    Ihre Veröffentlichungen verweigern sich der letztgültigen Version des Albums: Die Slices-Serie entlässt Skizzen, Loops und Anrisse in die Welt, bevor beide Seiten der Gleichung dafür bereit sind. Auch die Tapes um die es hier geht – Unfinished Business und Invisible Salad – finden ihr Format zwishen Experiment und Edit: After throwing rough ideas and sketches together (…), there’s a process of remixing/resampling ourselves while drinking manzanilla.

    In dieser Hinsicht unterscheiden Cloud Management nicht mehr zwischen Aufführung und Aufnahme. Sie folgen damit den Prinzipien von Dub als Musik des Prozesses und der Performance. Jede Improvisation und jeder Eingriff in einen fortlaufenden Groove steht in einer Reihe von weiteren konkreten oder denkbaren Eingriffen, die sich in den Echos des Delays unendlich weit in die Vergangenheit und die Zukunft erstrecken. Musik wie zwei Spiegel, die sich gegenüber stehen.

    Die Musik auf Unfinished Business und Invisible Salad6 scheint konzentriert auf der Stelle zu treten, während sie zugleich mäandernd ausufert und dabei zu allen möglichen musikalischen Facetten gelangt. Das Ganze erzeugt erzeugt eine angenehm abstrakte Mischung aus der schleppenden Audioviskosität von Dub (Teracotta Realness) und der Bodenhaftung einer verlässlichen Vier, die aus den krautigen Ursprüngen der Gruppe verblieben ist (Unfinished Business 4). Auf der Ende November erschienen Invisible Salad scheint dieser Aufbau seine Urpsrünge in der jamaikanischen Diaspora stärker zu reflektieren als zuvor, ein weiteres Echo, ein weiterer Vorschlag in einer unedlichen Reihe.

    Das ist alles sehr sehr gut, und das seit vielen Jahren. In diesem Jahr realisierte ich, wie aufmerksam und regelmäßig ich diese Musik höre. Wenn es einen sperrigen Groove braucht: Heavy music for heavy thinking, a hyperdense void of energy that remains rooted in place, brown and green, stoned but fully present, schrieb ich im Mai über Unfinished Business.

    Was Cloud Management in Form und Inhalt machen, hat dauerhaft meine Aufmerksamkeit. Es informiert einen zentralen Teil meines Musikgeschmacks. Es hätte nicht das Dubjahr 2025 brauchen sollen, damit mir das auffällt.

  • Efdemin – Poly (Ostgut)

    Efdemin ist einer der wenigen Produzenten, deren Musik meine Nächte und Tage ohne Unterbrechung durchziehen. Keine Veröffentlichung ist auch nur uninteressant, und mehrere sind herausragend in meiner Rezeption als tatsächlich Erwachsener in Berlin und dann Hamburg; also seit 2007–2008? Ich ging in viele Clubs weil Efdemin dort auflegte. Das Spektrum reichte von der samtenen Wärme im Turmzimmer, von der kunstlederbezogenen Bar aus gesehen, zum Lederschweiß in der hohen Halle, der DJ eine Miniatur, vier Meter unter dem betonieren Tieftönerloch. Ich hörte Efdemin-Produktionen in der Dunkelheit der Nacht am Schreibtisch, zum Frühstück hinten raus an der Köpenicker Straße.

    Chicago schlug 2010 für mich die Brücken zwischen ästhetischen Prinzipien in meiner Arbeit und den persönlichen Obsessionen, die nach wie vor vieles tragen, das ich hier tue und will. Sie ist eine der Platten dieses Lebens. Also: Efdemin ist zentral. Ich höre mir alle Releases an. Ich mochte die Releases als Philipp Sollmann, Monophonie war seinerzeit eines der Resultate des gesteigerten Dranges nach solipsistischer Exploration fern der eingangs beschriebenen Floorsituationen, sie war eine meiner Platten des Jahres 2020. Früheres, auf Dial erschienenes gehört ohnehin zum Kanon/Starter Pack.

    Als ich in diesem Jahr eines Tages in meiner zweiten Stadt ankomme, nachdem zu viele Ereignisse in zu kurzer Zeit stattgefunden hatten, atmete ich kognitiv auf und entdeckte: Ein neues Album von Efdemin als Efdemin, auf Ostgut, Poly, ein elektronisches Album, bestehend aus keiner Meditation, keiner Exploration, also kein Spätwerk, sondern: ausschließlich Hits. Als ich wenig später, aufmerksam zuhörend aus der Bahn trete und die Möwen schreien, ist mir klar: Das ist die Musik, die mit diesem Ort zu dieser Zeit assoziiert sein wird. Hier liegt ein neues Momentum vor, das sich in die salzige Luft lehnt, ein Gefühl der Expansion, des Ausatmens, wie der Blick über das Ende Europas schweift.

    Die Musik, die hier vorliegt, ist einfach und direkt. Sie folgt Efdeminprinzipien. Höre: die stete Wärme tief unten, die Textur der perkussiven Sounds in Aachen. Höre auch: Die große Öffnung Aller Dinge am Ende der Nacht zu unendlicher Schönheit hin in Lost somewhere in the Day. Höre die rohe Energie in Monophase und die reine Schönheit der Formulierung Radical Hope. Höre: Doch gleich die ganze Platte. Wie auf den klassischen Efdemin-Releases ist es auch hier die Kohärenz des Sounddesigns, das die Komplexität der Strukturen dieser Tracks ermöglicht. Die Klugheit dieser Musik wird von ihrer Funktionalität übertroffen, und ihre Funktion ist letztlich Hirne und Herzen zugleich zu bewegen.

    Poly ist ein kosmisches Album, Musik wie Wind zwischen Sternen, ein Sonnensegel, das solare Energie in Geschwindigkeit übersetzt. Eine Maschine aus Licht, weiß wie es alle Farben gemeinsam sind, crossing the bright sky of day and moving the dark expanse of the night. Alles wie neu, alles wie immer. Platte des Jahres, auch genau jetzt und hier, wie ich das höre und schreibe, auf einer Klippe am Rand dieser Zeit.

Die lange Liste weiterhin relevanter Musik des Jahres 2025: Gombeen & Doygen – D’Americana7, Gombeen & Doygen – Prada, Blixa Bargeld – Blixa Bargeld sings David Bowie8, Hesaitix – 18.000/Dubdermal, D5 – Edward Edits, Porter Ricks – S/T, Mau Mau – Kraft, V/A – Klubnacht 01, V/A – Laid Compilation, Einstürzende Neubauten – Jewels, Darkside – Nothing9, Bochum Welt – JS, SPFDJ – Heel Thyself, Tempo – Sie Verlassen Den Amerikanischen Sektor 1978-1982, Andrea – Living Room, Cloud Management – Slice #1 & Slice #2, The Dead 60s – S/T, Lawrence – The City of Tomorrow III


  1. Und allem anderen, zu dem man sich einen Rezeptionszugang ohne definierte Leitdifferenz zurechtlegen kann. ↩︎

  2. Die nachlässigen Webcam-Musikvideos der Fcukers inszenieren diese Dinge auf die ideale, genuin verführerische Weise, siehe Homie don’t shake und Play me↩︎

  3. Bezeichnenderweise schrieb ich an dieser Stelle im vergangenen Jahr bereits Ähnliches: Auf diese Weise ist die spärlich möblierte Räumlichkeit vage waviger Popmusik der 1980er Jahre ein Zuhause, in ihrer Distanziertheit fühle ich mich auf Anhieb wohl. Es ist universelle Musik. Selbst ihr Faksimile genügt mir, I’m a sucker. ↩︎

  4. Zur Bedeutung der Leere, der Abwesenheit von Musik in der Musik von Low-End Activist, siehe meine Notizen zu Airdrop zum Ende des vergangenen Jahres. ↩︎

  5. Die großartigen Frankreich muss bis Polen reichen und Love Songs↩︎

  6. Verweisen die Titel dieser Tages eigentlich auf die beschriebene Unendlichkeit der Optionen dieser Musik oder ist das alles zu heavy und meine Kontingenzerfahrung hat sich im Taperekorder verwickelt? ↩︎

  7. Vermutlich sowas wie der definierende Track des Jahres, er warf mich vollständig um und hat einigen Anteil daran, dass 2025 tief im Dubsumpf versank. Not complaining. ↩︎

  8. Blixa wählt hier natürlich die berlinbezogenen Songs, und sein eckiges Deutsch steht ihnen ausgezeichnet. Where are we now hatte ich im Original nie bewusst gehört, und es ist vermutlich mein liebster Track auf dieser Platte, er ruft ein Berlingefühl hervor, von dem ich nicht wusste, dass ich es habe. ↩︎

  9. This year‘s Darkside album came in hard and heavy, on a fifth, inattentive listening while living in InDesign. Previously, elsewhere, its complexity had alienated me, its thick production, impasto applied to a delicate canvas. The first few tracks of this read like The Chic, and viewed from this angle, I appreciate their thickness and drawl, shaking out all intellect. Heavy is Good for This, probably. ↩︎

November

From the bog they were buried before the end of the 1980s, The Cramps’ decaying bodies surface into 2025’s hailstruck winter. Bare-chested and in tight leather jeans they are stomping forward with a mindless minimalism otherwise only found in ichigenkin songs. This music presents the highest state of post-self existence to the contemporary listener: A worm-eaten bog wraith Nirvana that seems inconceivable viewed from the high-gloss ruins of today’s cultural landscape. It is a sound schooled in the garages of Detroit and CBGB’s toilet stalls, keeping one restless eye on the horrors of the creole south, only to be hung out to dry-ferment into a fully realized form during L.A.’s 1980s punk scene. All Tore Up has been among my favourite songs and records for 20 years. This music refuses to let its intelligence get in the way of becoming the most abrasive and direct version of itself – a remarkable quality in all of popular culture1, let alone in rock music. The Cramps cannot be killed, they have been undead for a long time, here to haunt whatever needs haunting.

  • The Cramps – All Tore Up, LP, Revisited Records, 1989

  1. Prevalent, if at all, in forms close to pop’s folk culture origins: delta blues, spirituals, drone metal ↩︎

Ich kehre in regelmäßigen Abständen zu echobasierter Musik zurück, oder besser: Diese Musik kehrt zurück zu mir, nachdem sie die Welt ein weiteres mal durchquert hat, verhallt ist in Städten und Meeren, zurückgeworfen wurde von Felsen und Wäldern.

Echo ist die Virtualisierung des Raumes in der Musik. Im Sound ist er nur als Leere einer zeitlichen Ausdehnung darzustellen, als energetische Pause, als Abwesenheit und Entfernung. In der Materialität der Malerei existiert das in der erzwungenem Perspektive, im Fluchtpunkt1, im Text ist der Raum der Umbruch in der Zeile, im Rhythmus der Strophe, in der Ellipse, in der Abwesenheit von Erzählung.

Wie das Echo durchqueren die wenigen Releases von Gombeen & Doygen dieses Jahr, auf ihren Wegen weg und zurück zu mir. Zwei 12“-Singles gibt es da, jeweils zwei mal zehn Minuten dicker blue-eyed Dub, wenn es das geben kann, verspult, verquarzt, verkratzt. Zwei Edelgas-Kartuschen aus Edelstahl unter großem Druck. In den insgesamt vier Tracks steht D’Americana für sich. Das ist Gasgigant, ein monumentaler Skank, dessen Text als Stream of Conscioussness, als endloser Koan in der Atmosphäre schwebt: Schwere Moleküle aus Wort und Track, die nicht zu verstehen und nicht zu vereinen sind, und doch alle Aufmerksamkeit binden. Hypnotisch, kognitiv überwältigend, in mehr als einer Hinsicht: Dicht. Prada und seine B-Seite, Sequel2 versuchen diese Atmosphäre mit dem gleichen Instrumentarium ein weiteres Mal herzustellen und dabei halbwegs heimlich einen Floorfiller zumindest in Kauf zu nehmen. Das gelingt, jedoch ohne die kognitive Intensität der ersten Single zu erreichen. Diese Absicht und jene Verfehlung haben miteinander zu tun – in dieser Musik muss man die Rückkehr der Echos abwarten, acht geben, um von der verzerrten Kopie der eigenen Gedanken aufs neue irritiert zu werden. Das Hypnotische lässt sich nicht absichtsvoll herstellen. Es ist einfacher, die Leute auf die Tanzfläche zu jagen als ihre Blicke nach innen zu wenden, ihr Selbst für einen Moment sprudelnd in Nichts3 aufzulösen.

Das Aufheben von zwei Gegenpolen in einem neuen Nichts ist ein übliches Muster dieses Universums. In der Musik ermöglicht es den Durchbruch durch das Naheliegende, hindurch zur anderen Seite der Signifikanz: Wo nichts mehr zu entfernen ist, stellen wir fest, dass eine Ebene tiefer eine neue Welt liegt. Das Neue in der Musik entsteht im Druck zwischen Reduktion und Konzentration.


  1. Als müsse der Blick aus der Fläche fliehen, Schutz in der Abstraktion suchend. ↩︎

  2. Ein Track, der in seiner steppenden Verpeilung eine gewisse Verwandschaft zu Kareem’s Rattledisco aufweist. Mir fällt kein weiteres Stück Musik ein, das noch in diese Reihe passt. ↩︎

  3. In allen Diziplinen ist die Leere des Echos eine temporäre Abwesenheit: sie verspricht die Rückkehr des Ausgesetzten, seine eigene Rückkehr. Der imaginierte Raum, der hier zu durchqueren ist, steht den Rezipientinnen zur Verfügung: er darf unverwendet bleiben: The gentle sonic abstraction, the fuzz of background static create a grey box, lined in the ultrasuede of your thoughts. ↩︎

Juli

Die Kids haben das Vakuum entdeckt das in New York entstanden war, zwischen Post-punk und Electroclash, dann zwischen Le Tigre und Radio 4. Vieles war nichts, und in diesem Nichts hielten wir uns auf. Die Parties waren stressig, die Musik riss an uns und wir wiederum rissen an allem anderen. Heitere Generalablehnung schien eine brauchbare Option zu sein. Aus den vielen Morgen danach breitete sie sich in unser Leben aus, und mit ihr der Stress und die Düsternis, weil es ästhetisch verführerisch war: Tight, jung, geladen, Amphetamin in allem. Später wich es der langen Übung der Balance, erst unmerklich, dann mit zunehmenden Erfolg. Die Energie blieb, wir verteilten sie gleichmäßig auf alle Seiten als Rotationsmasse, so dass der Überschwang nunnmehr Momentum ist, und Aggregat. Ich schweife ab.

Nun also Fcukers, die Schreibweise wie dieses vergessene Modelabel, das es zur erwähnten Zeit mal kurz gab, und die Musik des Vakuums. Die Kids haben sie wie eingangs gesagt also entdeckt. Sie haben Fragen: Kann das komplexer sein? Können wir das anzünden? Können wir uns nach vorne lehnen, in eine Zukunft? Die resultierende Musik ist so nachlässig und abschätzig wie ihre Vorbilder – aber zugleich ausgecheckter, geformter, berechneter. Shannon Wise’s zurückgelehnter, can’t-be-bothered Gesang1 hat daran großen Anteil; slick ist halt hot, und der Markt ist hart. Diese Generation weiß mehr als wir wussten und was wir zu verlieren hatten, hat sie verloren. Es ist wenig überraschend, wie schnell und professionell sie auf alle Umstände reagiert. Anders als viele Zeitgenossinnen verlieren Fcukers sich dabei nicht in der ausweglosen Festung der Ironie, sondern füllen die Distanz zum Vakuum der Originale mit brauchbarem Material. Bossabreaks, Discobreaks, Sitcomskits, ihr sollt nicht langweilen.

All der Action liegt ein Fundament aus Respekt vor bassbasierter, afroamerikanischer Musik2 zugrunde. Das ist entscheidend, denn aller Coolness und allen Distanzgesten zum Trotz ist es dieses Wissen, das aus Bagg$$ eine EP mit ernst gemeinter und ernst zu nehmender Musik aus dem Jahr 2024 macht. Möglicherweise gefällt mir das aber auch alles nur, weil meine späte Jugend im Epizentrum der kulturellen Verwertung angekommen ist und ich für fünf Minuten etwas mit der Gegenwart anfangen kann, crew cut, copy-paste, homie don’t shake.

  • Fcukers – Baggy$$, EP, Technicolour, 2024

  1. Der sich zuweilen in einige ebenso zurückgelehnt wie kompetent getoastete Bars verwandelt. ↩︎

  2. Das war in der elektronischen Musik aus New York in den frühen zweitausendern auch so, und im Grunde in jeder Musik, die auf Floor und Körper zielt. ↩︎

Mai

Cloud Management have evolved, since entering the scene through the straight strada of the vaguely krauty1 to eventually emerge from the thick cumulus of the decidedly dubby. The former includes the seminal pandemic release Nicht Nicht, which makes use of swirling patterns and lyrics circling the figurative absurdity of german Stillleben. The latter manifested in the loop-and-build live gigs at Kunstverein Harburger Bahnhof, along with releases and contributions to various labels and platforms. This work remains firmly rooted in Mitteleuropa, despite frequent excursions southward and eastward, which raise to the surface and pop, slowly, like lazy bubbles in a tar field.

They did not stop here. This group can’t help to plow forward, creating tracks that interlink distinct heaviness with a web of filigrane structures next, resulting in the self-released Slices series. It acknowledges the procedual nature of Cloud Management’s music by remaining unfinished, evaporating into mumbly dub fumes. From here, it‘s only a small lurch into the thick muddy bayou of Unfinished Business, a two-sided tape released on Digital Sting. If it were up to me, this would be the final form: heavy music for heavy thinking, a hyperdense void of energy that remains rooted in place, brown and green, stoned but fully present.

It is Cloud Management, though, so this version will be tinkered with too, to produce yet another fertile layer that will fade and echo, yielding music that ventures further outwards by digging deeper into itself.

Any point is good to enter Cloud Management’s work, but Unfinished Business seems to be a high water mark, thick and deep, containing the multitudes that the group has been. You may encounter my bog body here, a small flame above my head, face stretched into permagrin.2


  1. I fondly remember attending an early gig in the grime of Astra Stube, being carried away in gritty loops built from stripped back electronic instrumentation and elaborate percussion. Motorik made from scrap metal and plastic parts from Düsseldorf’s seediest markets. ↩︎

  2. Listen to Einstürzende Neubauten’s Isso Isso for strange stylistic proximity in the Bermuda triangle of Kraut and Dub and sinister German folklore. ↩︎

Dezember

Ich spreche nicht von Kunst, ich spreche nicht von Politik. Das Ziel ist, die Inanspruchname des Seltenen für die Anspruchslosen zu bekämpfen, die Oberflächen zu verletzen, to hurt Superficiality. Was die Ideen anrichten, richten sie an.

Dieses Jahr begann in dem Moment, als ich Grace vor Anselm Kiefer’s Ararat traf. Sie bat mich, eine Zeichnung in ihr Notizbuch zu machen und filmte meine Hände, während ich das mit einem dicken Bleistift tat. Ich erinnere mich nicht an die Zeichnung, aber der Gedanke, dass sie in vielen Jahren in einem vergessenen Notizbuch in einem Regal einer Wohnung existieren wird, macht mich glücklich. Dieser Tag zeigte in eine Richtung.

Material und Symbole: Stahl, Hangar, Ararat. Ein seltener Vogel. Kiefer, Blei, Beton und Erde. Ein neues Buch von Rainald Goetz. Rest is work: Der Wunsch, zu arbeiten, nicht als Profession, sondern um Schürfwunden in der Welt zu hinterlassen. Ein offenes Hemd, und Flieder. Das Schwere leicht machen. Ungefärbter Leinen. Ein Leben am Atlantik, Granit und schwarzes Holz und salziges Wasser. Die eingestürzte Welt in der Sprache neu errichten: The Clouds don’t make mistakes. Mit dem Rad entlang der untergehenden Sonne zum See, in die Sterne des Nordens am Abend. Der Nebel am Morgen über dem See im Süden. Eine Mauer, wir und kein Mensch. Der Nebel über den Klippen am Polarkreis. Gras, Schaf und Eis. Ein Geruch von Rauch über der Insel. Der Garten des Todes, vesciia piscis et in arcadia ego. Ein Haus aus Holz, in der Ferne, wo Bäume zu Wolken werden. Leben südlich der Trentinolinie, ein Quader im Strom der Zeit. Seit Beginn dieses Planeten hat sich der Himmel niemals wiederholt.

In zwanzig Jahren werden wir es sein, an einem Tisch in Europa, im Licht der untergehenden Sonnen. Wir werden uns in die Augen blicken, wir werden einander sicher sein, der Zeit, die wir gemeinsam verbracht haben und der Art zu Leben, die wir erfunden haben. Die Zeit ist eine Wunde, das Alter ist ein Ort. Das Jahr der Fakten endet hier, wo sich die Theorie endgültig in diese Welt ausgebreitet hat. Das Jahr in dem Beton gegossen wurde, das Jahr in dem ich mir die neue Stadt auf den Körper schreiben ließ, am Tag der Sommersonnenwende, haunted by my favorite ghosts.

Music of an imagined past, the past to your hovering present. All worlds are yours.

Winter

  • Messer – Taucher
  • Lawrence – Panicles
  • Ben Kaczor – Oluja (Christine Benz Remix)
  • Einstürzende Neubauten – Gesundbrunnen
  • Skee Mask – MDP2
  • Silent Servant – M-99
  • Purelink – Head on a Swivel
  • Sara Landry – Skate (Aliceffekt Edit)
  • Einstürzende Neubauten – Seltener Vogel
  • Polar Inertia – Arctic Horizon

Frühling

  • CSS – Let’s make love and listen to Death from Above
  • Messer – Flimmern
  • Turbostaat – Ein schönes Blau
  • The KVB – Words
  • Low End Activist – Airdrop 03 (Mayhem on Barton Hill)
  • New Order – Broken Promise
  • The War on Drugs – Red Eyes
  • Low End Activist – Glazial
  • Labout & Khyam Allami – Welt am Draht
  • Odd Future – Oldie

Sommer

  • Tyrone the Healer – U deserve it
  • Low End Activist – Neighbourhood Nationalism
  • Topdown Dialectic – 20170804-05
  • Poeji – Cathedral
  • Alva Noto – HYbr:ID Sync Inter
  • Helium III – Waiting 4 U
  • WAX – 90009A
  • Rheingold – Dreiklangs-Dimensionen
  • The Selecter – Danger
  • Laura Branigan – Self Control
  • Cloud Management – Tempentary Dance (Officium Version)
  • Build Dub Green – file1589

Herbst

  • Ryo Fukui – Early Summer
  • TR/ST – Being Boring
  • Shed – That beats Everything!
  • New Order – Sunrise
  • TR/ST – Boys of LA
  • Sten – Paperbox
  • New Order – Touched by the Hand of God
  • Kareem – Solaris (Orphyx Remix)
  • Wolfsheim – Find You’re Here/Find You’re Gone
  • Low-End Activist – Rush

Winter

  • Relaxer – Burning Spear
  • Flying Lotus – Camel
  • Hoover – 74
  • anbb – Fall
  • Hesaitix – Taurian Shade
  • Hesaitix – Hypersea
  • Thelonious Monk – Functional
  • Death from Above 1979 – Little Girl
  • Fat Joe – Flow Joe
  • M.E.S.H. – Interdictor
  • Alva Noto – HYbr:ID Ectopia Field 1
  • Fischerle – Palto

Sets

Playlists

  • Here Now, Demon Killer, Sin-Wave, Mute City, Beach Goth

Die Musik und das Jahr, sie verliefen lange Zeit in großen, gleichmäßigen Bahnen. Beide verdichteten sich zum Ende hin, als läge die Last der vergangenen Zeit auf ihnen. Als müssten die Erfahrungen des Jahres auch noch in dessen 365 Tagen zu ende wahrgenommen, verarbeitet und in Energie übersetzt werden. Im Blick zurück erscheint das kürzlich Vergangene größer als es sollte. Möglicherweise waren weite Teile meines Jahres (und seiner Musik) einfach und ruhig genug, um der alten Gier nach Intensität und Dichte zu entkommen. Wie dem auch sei, ich befinde mich jedenfalls weiterhin auf dem Weg in das Neue, und Musik ist auch hier Material und Werkzeug zugleich. Die in der Folge besprochenen Platten vereinen altes und neues auf verschiedene Weisen, in sich und untereinander. Als Ergebnis muss ich einen milden Konservatismus feststellen, ein vorsichtiges Desinteresse an allzu neuen Ideen (Low End Activist) sowie größere Achtung für Offenheit und Anschlussfähigkeit (Messer, New Order). Die Zeit ist eine Wunde, das Alter ist ein Ort.

Und: Häufig fühlte ich mich in diesem Jahr in der stimmungsvollen Abstraktion der Alva Noto-Welt wohler als in einzelnen Alben. Für viele Situationen war die zufällige Wiedergabe meiner Playlist namens Sin-Wave die richtige Lösung: Das Ausufernde, Endlose, Gesamte, Zurückgenommene, der Soul reiner Vernunft, Sync Inter.

Schließlich: Während ich das hier schreibe, wälze ich den Diederichsenwälzer über das aktuelle Jahrtausend. Auf ähnliche Weise wie für die hier besprochene Musik muss ich auch über diese Form von Text sagen: Ich fühle mich in dieser Sprache zu Hause. Pop und Popkritik als Anlass für alles Mögliche, und mehr Mögliches überhaupt.

  • Messer – Kratermusik (Trocadero)

    Rationale Fantastik ist eine mögliche Reaktion auf das Bewusstsein, dass alles auch anders sein könnte, anders sein müsste. Die in der Folge brennende Realisierung, dass man es dann in der Hand hat, dass der Entschluss für die eigene Erzählung auch bedeutet, dass man dauernd alles entscheiden kann und muss, und dass auch diese Entscheidungen dann diese Welt hervorbringen, also auch diese, in der wir leben, mit unseren Körpern und unseren begrenzten Reichweiten. Dass, wenn wir hier schon leben und sterben müssen, es besser nicht tun wie irgendjemand zuvor.

    Messer folgen Gedanken wie diesen seit nunmehr sechs Alben immer tiefer in ihr eigenes, selbstbezügliches Realitätssystem. Die Geschichten in Kratermusik sind ganz und gar aus den Charakteren und Szenerien gebaut, die Hendrik Otremba’s Literatur1 und die Musik seiner Band seit Jahren bevölkern. Reale Musik einer ausgedachten Welt, Lehrstück in Introspektion.

    Nachdem Messer sich auf der No Future Days2 musikalisch galaktisch verdriftet hatten, geht es auf Kratermusik3 einen Schritt zurück in sehr effektiv ausgedachte 1980er Jahre. Das ist durchaus Rockmusik, und bei allem Hall und Scheppern windet sich jedes Lied um mindestens eine mehr oder minder offenbarte Hitkomponente: eine Bridge, eine Hi-Hat (unglaublich, Flimmern), ein Riff (Im falschen Traum) ein Shout (Eaten alive) – oder gleich das ganze Ding (Oswalth 1 2 3 4).

    Messer affektieren natürlich einen Stil, sie wissen um die ästhetische Wirkung ihrer Versatzstücke. Aber sie tun es ohne Frivolität, sie tun es mit Geschmack und guten Absichten, sie sind hier aus den richtigen Gründen. Sie haben sich in eine gleichermaßen rationale wie fantastische Dekade vorgearbeitet, die nur ihnen gehört. Der Lohn dieses Vorgehens ist, dass Messer auf diese Weise Dinge sagen können, die man nicht sagen kann: Ein Ziel kann es nicht geben/wir schauen nicht zurück/wir wollen einfach leben, wirklich.

    Es war früh im Jahr, als diese Platte erschien. An den Tagen schien bereits die Sonne auf den Granit der Stadt, ich war an Küste bis zum Strand von Espinho gelaufen, und später am Abend sah ich F.M. Einheit beim Lärmen zu. An einem anderen Tag salutierte ich im Lauf grinsend meine Brücke, das Album und der Lauf wurden eins. Das war ein klar identifizierbarer Teil dieses Jahres, denn die echte Welt war schließlich wach und verlangte nach Lösungen.

  • The KVB – Tremors (Invada)

    Die Musik unserer Kindheit, also Musik vor dem Beginn der musikalischen Sozialisation, sie verfängt sich üblicherweise an einer Stelle des Selbst, die mit der Rezeption von Kultur und dem dazu-in-Beziehung-setzen wenig zu tun hat. Auf diese Weise ist die spärlich möblierte Räumlichkeit vage waviger Popmusik der 1980er Jahre4 ein Zuhause, in ihrer Distanziertheit fühle ich mich auf Anhieb wohl. Es ist universelle Musik. Selbst ihr Faksimile genügt mir, I’m a sucker.

    The KVB stellen diese Kopien seit vielen Jahren verlässlich her. Hatte ich zu Beginn noch meine Probleme mit ihrer Abgeklärtheit, kann ich inzwischen sehr gut hinnehmen, dass ihre Platten ein Genussmittel sind, und auch ein Amphetamin, eine Quelle von Momentum, von Hirn aus/machen. Sich das zu erlauben, dieses Album anzuwerfen oder es einzuwerfen und das augenblicklich präsente, vertraute Gefühl anzunehmen.

    Natürlich stammt es nur zum Teil aus der Musik von The KVB selber; hier werden Rezeptoren mit Ersatzstoffen getriggert, aber das macht ja nichts, auch von Tremors will ich Funktion und Erinnerung: Die Ufer des Sees und seine grünen Hänge, das Gehen in der Nacht, der Lauf zur Sonne, der Transit über den Fluss, das Starren in den Abgrund der Monitore, wenn etwas fertig und gut werden musste.

    Im Vergleich zur hier besprochenen Unity hat die Platte dieses Jahres jede Unbeschwertheit hinter sich gelassen. Große Dringlichleit liegt vor, die Düsternis und die Besessenheit früherer Releases sind zurück. Ging es zuvor um Weite und das Imaginieren neuer Räume – kein Quadratmilimeter bleibt frei auf dieser neuen Platte, zu verdichtet ist jeder Track, kulminierend im ganz durchbetonierten A Thirst, bevor Deep End mit der reinsten Formulierung des Prinzips The KVB die Platte beendet: Doomed, haunted, lost at sea, bessere Frisuren und bessere Schuhe als du. Aber wie immer in dieser Art Musik ergeben sich die die Hits aus Momenten, in denen der subkutane Optimismus durch all den heraufbeschworenen Nebel bricht5: Schönheit liegt in der Auflehnung gegen das ganze verdammte Universum, so dunkel es auch ist.

  • Hesaitix – Noctian Airgap (PAN)

    Ich blicke in diesen Posts auf den Zusammenhang von Musik und Jahr. Abgesehen von ästhetischen Fragen geht es mir dabei um die Art und Intensität der Verwebung einer Zeit mit ihrem Sound; der Präsenz von Gedanken und Stimmungen, die wesenhaft mit einzelnen Releases oder Arten von Musik verknüpft sind. Das ist auch eine quantitative Frage. Viele der hier genannten Releases waren lange oder in bestimmten Modi präsent6, verteilt auf Zeiten und Orte. Noctian Airgap erschien am 6. Dezember, vor etwa drei Wochen. Dieses Album erreichte also Bedeutung ohne Zeit und Raum zu füllen, im Grunde direkt, beim ersten Hören. Das hat verschiedene Gründe.

    Zunächst enthält es eine rare Art meiner liebsten Musik, die sich nur schwer durch Genres oder Qualitäten, die diesseits der Musik liegen, beschreiben lässt: Es ist Musik, die sich in meiner Wahrnehmung ganz und gar auf den Raum bezieht, ihn beschreibt und vermisst und aufspannt. Zuweilen lässt sich das als architektonisch wahrnehmen, aber im Fall von Noctian Airgap ist es eine monumentale, galaktische Skalierung. Ich versuchte diesem Aspekt bereits nachzugehen: Vermessung gefundener Welten.

    Ein weiterer Grund mag die Dichte dieser Musik sein: Bereits das Maschinenatrium in den ersten Sekunden von Cusp of Unknowing hat eine solche fesselnde Präsenz, dass beiläufiges Hören unmöglich wird. Die Komplexität und narrative Balance der vielen Schichten dieser Platte hält Intensität aufrecht, durch Grooves und Nebel, an gelegentlichen Blicken ins Freie vorbei, zu den Gewittern in den Schatten. Es sind viele Ideen und viele Musiken, die ein gedachtes, frei schwebendes Objekt mit endlos komplexer und damit unendlich großer Oberfläche formen. Through the haze we could make out hardly anything. Just the black line of the horizon. And in the distance the faint glimmering of the sea.

    Schließlich mag es die Verhandlung zwischen Abstraktion und Welt sein, die Hesaitix mit musikalischen Mitteln betreibt. Bei aller Entkoppeltheit von Themen, Genres und Zählarten, bei allem tastenden Schweben zwischen digitalen Edelgasen: da ist eine Geschichte in diesem Album, der wir folgen können, eine Präsenz der Natur, frische Luft, und eine Präsenz des Menschen. Da ist das was uns zusammenführt und zusammenhält, das was mit Heisenberg niemals zugleich empfunden und benannt werden kann. Was es auch sein mag – daraus besteht der geschmolzene Kern dieses bemerkenswerten Albums.

  • Low-End Activist – Airdrop (Peak Oil)

    Eine weitere Konstante meiner Kulturrezeption ist, dass mir jene Dinge und Werke am besten gefallen, in denen das vermeintlich Zentrale abwesend ist, eine Peripherie, ein komplexes Arrangement, Gewese um eine Leerstelle. Der Ausdruck dessen kann sehr verschieden sein, je nach Diziplin. Die konkrete, körperliche Arbeit der Inszenierung wird das Subjekt der Inszenierung, die architektonische Situation ist spannender als das Geschehen, das in ihr stattfindet. Die Hängung hat größeren Wert als die Bilder, das Wegeleitsystem übertrifft die kuratorische Leistung, die es organisieren soll. Ich betrachte die Rahmen, die Schönheit ihrer reinen Form. Das Hervorbringen der Idee tritt vor die Idee: Es ist transparent, aber wird zuerst durchdrungen.

    Das ist also Kunst mit mehr Zwischenraum als Inhalt und Musik die es nicht gibt: Space to breathe, space to insert yourself, ’artful ’ardcore, the Thinking Raver. Es ist diese Abstraktion, und ihre Verbindung mit dem Rohstoff Wut (Diederichsen), die das Projekt Low End Activist so universell machen: Airdrop war in diesem Jahr für mich eine Art Memory Palace ohne Palast – ein entkerntes Labor der Gedanken, oder ein Holodeck, das flackert und einfach nicht verlässlich funktionieren will. Ein Raum mit viel Platz, auf unterhaltsame Weise kaputt, mit interessant geformten negativen Räumen und gratigen Oberflächen, an denen denen die Gedanken kristiallisieren können. Auf diese Weise war dieses Album7 Start- und Endpunkt vieler Überlegungen.

    Das alles ist nicht ohne Euphorie und Feels, die Gratifikation der feinst präparierten Rave-Stabs im letzten Track der Platte, Airdrop 09 (Cortina Outro), sind das intellektuelle Equivalent der bestmöglichen Momente auf dem Floor, den es ja nun nicht mehr gibt. Airdrop 03 (Mayhem on Barton Hill) verleiht der Wirklichkeit einige angenehm konkrete Kanten, wie ich im April hier notierte.

    Unerwähnt ließ ich dabei freilich die offensichtliche Parallele zu den frühen Ravedekonstruktionen von Lee Gamble, vor allem Diversions 1994–1996 und ihre Weiterentwicklungen in einen gänzlich eigenen Sound auf Mnestic Pressure und schließlich Koch (eines meiner Lieblingsalben überhaupt). Quellmaterial und Idee sind durchaus vergleichbar – doch wo sich Lee Gamble aus den markierten Leerstellen von Tapes und Radioshows bedient, also der entweichenden, texturreichen Atmosphäre von Rave nachspürt, begibt sich Low End Activist ins Gemetzel. Das Ergebnis ist beunruhigender, zersäbelter, präsenter, angriffslustiger. Vergeistigte Musik für aufgewühlte Hirne.

  • New Order – Brotherhood (2008 Collector’s Edition) (Factory)

    Es ist natürlich unmöglich, Popmusik zu hören, oder Rockmusik oder elektronische Musik, ohne dass New Order eine Rolle spielen. Natürlich liebe ich New Order, ich höre dauernd New Order, und viele Tracks dieser Gruppe haben sich untrennbar mit Situationen und Orten in meinem Leben verschweißt8. Wenig kulturelle Produktion habe ich so aufmerksam und so lange wahrgenommen wie diese Band – für Musik fallen mir eigentlich nur die Einstürzenden Neubauten, Alva Noto und Shed samt alter egos ein9. Zeit und periodisches Hinschauen machen eine stetige Neurezeption möglich, eine Betrachtung aus verschiedenen Perspektiven und mit verschiedenen Hirnkonfigurationen. Brotherhood, die Platte mit der Stahlplatte, mochte ich immer am wenigsten, jedenfalls vor den Releases der 90er, die dann nicht mehr bei Factory erschienen und mir immer recht egal waren.

    Für 2024 stelle ich fest: Brotherhood ist das Album des Jahres. Vielleicht musste ich ein gewisses Alter erreichen, um zu verstehen, was hier passiert, und dass dieses Cover das beste Saville-Cover ist, mit diesem Blau und den Schrammen. Meine Perspektive ist verändert. Ich weiß nun gerade die Schwierigkeiten dieser Platte zu schätzen, ihre Überfrachtetheit, die Unentschiedenheit der Tracklist und ihre fehlende Balance. Mir wären diese Dinge nicht aufgefallen, hätte der Transmissions-Podcasts nicht meine Aufmerksamkeit auf sie gelenkt. Der Podcast und insbesondere seine zweite Staffel sind unbedingt empfehlenswert, als wunderbares Dokument der Unschuld der 1980er Jahre und des demokratischen, gegen alle und alles gerichteten Antagonismus ihrer Protagonistinnen, aber ich könnte auch einfach Stephen Morris stundenlang zuhören.

    Dank Episode 04 des Podcasts weiß ich von der einigermaßen bekloppten Idee, für Brotherhood auf die kreativen Differenzen in der Band damit zu reagieren, die Komponenten von New Order voneinander zu trennen, den Rock und den Club. Jedes Genre, jedes Lager sollte seine eigene Plattenseite bekommmen. Das ist derart dumm und geradeaus, dass es nur funktionieren konnte.

    Letztlich liegt genau darin die Qualität von New Order: Ihre Ideen waren immer direkter, Matter-of-Fact-hafter als die Ideen anderer, künstlerisch theoretisch höher begabter Menschen. Ihre Qualität liegt zum einen im Prozess ihrer Ausführung: Mit völliger Konsequenz, im unumstößlichen Glauben, das man Recht hat und es schon funktionieren wird. Zum anderen sorgt die optimale Balance spezifischer handwerklicher Unfähigkeiten (der Sänger kann nicht singen, der Bassist will lieber Gitarre spielen, die Keyboarderin weiß nicht so genau, wie man die neuen Sequencer bedient) für eine Haltung, in der alles from first principles neu entwickelt werden muss. Davon ist einiges zu lernen, im Einzelnen:

    • Broken Promise beweist, dass New Order auch als straightes Rock-Outfit eine der besten Bands der Welt sind. Upbeat Joy Division!
    • Bizzare Love Triangle, ein Track, der unter allerhand Geröll versteckt, dass die einzige Sache, die hier wirklich eine Rolle spielt, Peter Hook’s reingezockte Bassschnipsel sind. Vermutlich der etwa drittgrößte Hit, den diese Gruppe je geschrieben hat.
    • Die Fehleinschätzungen, stets zu skippen und zu vergessen: As it is when it was und Every Little Counts, und das grauenvolle Machwerk Blue Monday ’88. Den besten Popsong der aller Zeiten mit besserer Technik nachzubauen, kann ihn nur ruinieren. Es enthebt ihn seiner perfekten Mängel, seiner perfekten Entsprechung der Welt zum Zeitpunkt seines Releases. Es ist ein kolossaler Akt des Unverständnisses der eigenen Qualität.
    • True Faith10, ein offensichtlicher, indiskutabler, sofort transparenter Hit.
    • Evil Dust, der Angel Dust Dub, der besser ist als sein Original. Dieser Track ist wie der Club hätte sein müssen und nie war, weil ich zu spät geboren bin. Ein großes Crescendo, eine opulente Installation aus Musik, in der alles geschehen kann.
    • Touched by the Hand of God, gemessenes Momentum, ein Schlendern, ein offenes Sakko in der Abflughalle. Mehr als einmal hörte ich das, blickte in den Ozean gegenüber der Stadt und war glücklich.

Zudem wahrgenommen und präsent: TR/ST – Performance, Alva Noto – HYbr:ID III, Flying Lotus – Spirit Box, Einstürzende Neubauten – Rampen (APM: Alien Pop Music), Thelonious Monk – Thelonious Monk with John Coltrane, anbb – Mimikry, Silent Servant – In Memoriam, New Order – Low-Life, Skee Mask – C, Low End Activist – Municipal Dreams, Cloud Management – Tempentary Dance Versions, Ryo Fukui – Scenery, Low End Activist – Gossip is the Devil’s Radio, Polar Inertia – Environmental Control


  1. Im Falle dieser Platte könnte man fast von einer Vertonung von Benito sprechen, einem Roman über die BRD, über späte Kindheit und den Unterschied zwischen Wissen und Leben. Ich mag dieses Buch und seine dunklen Bilder. ↩︎

  2. Zu No Future Days schrieb ich ein Protokoll, und die Dubversion No Future Dubs, fand ich vor drei Jahren wichtig↩︎

  3. Wo ein Krater ist, muss es einen Vorfall gegeben haben, steht im Pressetext. Wie nervig und schön diese Sprache ist. ↩︎

  4. Das The KVB-Album, von dem hier die Rede ist und die Messerplatte, sie bilden einen ziemlichen 80er-Block, der sich mit New Order fortsetzt, nur unterbrochen durch weitgehend musikfreie Musik von Low-End Activist und die postmoderne Naturelegie Noctian Airgap. Bezeichnend. ↩︎

  5. Das zynisch triumphierende Overload, der uncharakteristisch langsame Groove von In the Silence, der sich erstaunlich nahtlos in den Style dieser Band einfügt. ↩︎

  6. Beispielsweise: im Laufen und nur im Laufen, wie das diesjährige Messeralbum, von Anfang an und so regelmäßig, dass es nun den kognitiven Zustand des Laufens evoziert, wann immer ich es höre. ↩︎

  7. Und, in geringerem Maße auch sein ebenfalls in diesem Jahr erschienener Nachfolger, Municipal Dreams: Dunkler, wütender, kaputter, hitting closer to home. ↩︎

  8. Kaum ein Jahr vergeht, indem nicht mindestens ein New Order-Track in der Liste signifikanter Musik auftaucht, seit 2009: Age of Consent, Dreams never end, Temptation, Perfect Kiss, Tieves like Us, Turn the Heater on (die Peel-Session!), Mesh, Video 5–6–8, Ultraviolence, Hurt↩︎

  9. Und Rick Owens und ACRONYM® in Sachen Kleidung. ↩︎

  10. Nicht auf dem Original-Album veröffentlicht, sondern als 12″-Single, aber natürlich Teil der des gleichen Prozesses. Gleiches gilt für Evil Dust und Touched by the Hand of God↩︎

Groove, die geologische Vertiefung, der Einschnitt in den Fels, aus der Nähe betrachtet auch der Einschnitt ins Vinyl. Groove, die rhythmische Qualität einer Musik, der diamantene Schnitt in die Wahrnehmung. Die Bedeutungen zerfallen in der Musik und den abstrakten Gebirgen des Planetoiden Noctian Airgap, eine LP, eine halbe Welt in Schieflage.

Entweder ist hier alles auf minus acht gepitched oder etwas stimmt nicht mit der Gravitation in diesem Release: Alle Dinge hier scheinen groß, nah und träge. Unfassbare Massen, die die Zeit verzerren, in galaktischen Dimensionen rotierend. Dennoch ist diese Musik jederzeit nah, es scheint als könnten wir ihre Oberfläche berühren; es scheint Wärme von ihr auszugehen. Diese Objekte sind vollkommen anders als die hyperaktiven, organischen Nadeln früherer Platten von Hesaitix (aka./vormals M.E.S.H.). Bei aller Nähe nehmen wir diese Musik nur mittelbar war, durch ein spezielles Observerationsdevice, das nicht zur eigentlichen Platte zu gehören scheint. Ein akustisches Tool, das mehr und weniger in den Vordergrund tritt, dessen Statusleuchten und Intervallsignale uns in der schief liegenden Zeit orientieren (c.f. Gezeiten).

Suddenly, intersubjectivity strikes simply and beautifully: birds, the sun, cars, a forlorn voice remains to remind us of the vast dark galaxies we momentarily left behind (Dark Lines). Dann setzt sich die Examinierung erfundener Felslandschaften fort, ein tastendes Echo durchmisst Krater, Spin-State, Stringtheorie (Anticrime), kühler Echtzeitkommentar wird zum verschobenes Echo, da waren wir kurz abgelenkt, Trip Hop, Sounddesign, Moment, Kruder & Dorfmeister (Subdermal)? Hypersea: Ein Gewitter über dem Ionenmeer von der Küste einer Insel aus gesehen, ein Wolkengebäude in Zeitlupe.

Diese Platte ist eine große Tour, eine Erkundung abstrakter Schluchten, ohne jede Bodenhaftung, zugleich vermutlich die eingängigste Musik, die M.E.S.H./Hesaitix je programmiert hat. Dieses ist das späte fantastische Album im Jahr 2024. Wenn wir wollen begleitet es uns raus, über die Kante ins All und tiefer in die unabsehbar bis auf Weiteres verzerrte Zeit.

November

Flying Lotus‘ Los Angeles, released in the most beautiful and condensed, the most spiritual year of 2008, remains relevant as ever. When listened to in the comfortable, drawn-out, dreamy summer that is the year of 2024, it exudes gravity and deep-rootedness. This record is timeless. Not in the common way of untethered minimalism, but in an earthy way. It is dark-toned, heavy, warm. It cradles and carries the souls of Jazz and the legacy of its displaced inventors and tinkerers.

The Los Angeles double LP marks time like a monument: Observable from afar, from all directions. With the right kind of eyes, you could have foreseen this record the moment A Love Supreme was first released, and you can still see it from here and now, towering next to Dilla and the fucked up MPCs of 1992. It cut the weirdness and weight of a generation into soft vinyl.

This record is too intelligent to be destroyed by wide appreciation, too entertaining and tapelike to become petrified in any canon. Finally, its cover, forever among the sculptures of modernity, a solution to all questions, one of the great images1 of the time that was mine.


  1. Gestaltet von Build, die mal einer der Horizonte waren, die nie erreicht wurden, zugunsten der Horizonte anderer, erfundener Planeten. ↩︎

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