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Memory Machine

Der Stromkasten, auf dem ich saß, steht an der selben Stelle. Er war noch unbemalt, zu dieser Zeit, ein gelbgraues Objekt, einen Meter zurückversetzt vom Weg, zwischen den Bäumen am Rand der großen Straße. Die asphaltierten Fahrradwege gab es noch nicht, und die Spuren auf der Kreuzung waren unmarkiert. Es war ein warmer Tag, alle Arbeit war getan und es gab nichts als auf dich zu warten. Ich blickte den gepflasterten Weg hinab und in die Sonne, ich faltete mein Sakko neben mir. Vermutlich hörte ich etwas Untriviales ohne Gewicht auf Dial oder einen der Tracks von der Angst and the Money, die wahr waren, zu dieser Zeit.

Ich wusste immer, aus welcher Richtung du kommen würdest. Ich wusste wie du aufblicken würdest zu mir und meinem Kasten, wie du da stehen und was du tragen würdest. Du würdet einen deiner Sätze sagen und ich würde in einem meiner Tonfälle antworten. Einen Plan gab es nie, nur vollkommenes Verständnis das nie von Dauer war, und wir folgten diesen Abenden in ihre Nächte.

Wir füllten die Gegenwart und unser Leben füllte die Zukunft. Ich erinnere mich kaum noch an dich, aber ich weiß, wer ich war, wenn du da warst, zumindest zu Beginn.

Ja, der Riss der Welt geht auch durch mich. Sie endete am Hafen, weil alles immer am Hafen endet. Aber ich weiß, wo sie begann, wo der Stromkasten steht. Der Mangel ist unsere glänzendste Eigenschaft. Wir werden nichts erklären, nichts begründen, wir haben nichts verloren als unser Interesse.

Night air, softly moving
inside and outside
your room after dawn
night air, softly moving
Kyoto wherever you are

Listening to Lawrence’s Birds on the Playground at night, on my bed in Rua da Miraflor. Roof window open, mind/world at ease.

Machine Learning

Also ich denke, ich bin zu lange weggeschlossen, in der weltumspannden Krankheit oder im Alter, sonst hätte ich nicht solche Gedanken: Sehnsucht Rave, äußerste Anspannung und Full Release. Flirrend in der Nacht verschwinden, alles heiß, alle da. Das kann ich mir schon vormachen, wenn es dunkel ist, und laut genug. Es sind konstruierte Erinnerungen an Nächte, die’s nicht gab, gesampled aus denen, die stattgefunden haben – das muss so eine innere Machine Learning-Sache sein.

Mega Trap klingt nach dieser Art Nacht, es ist eine Platte der Akkumulation: Sound unter Beton, der kurze Ausflug ins unendliche unwirkliche Freie zwischendurch, eine Berührung im Geschiebe, das leere Starren bis Drinks kommen. Ein Break verhallen lassen, das kollektive scharfe Einsaugen der Luft. Sie handelt von den Schönheiten und den Exerzizien dieser Zeit, von Facetten eines einfachen Themas, im Grunde eine Single, durch Dubtechnologie auf Albumlänge gedehnt.

Wie so häufig gewinnt Shed/Head High sein Material aus der Dekonstruktion des Groove – und baut alles neu zu einer Art prosthetischer Erinnerung zusammen, verschoben und anschlussfähig ist an ihre realen Vorgänger. Niemand produzuiert so klinisch und dreckig zugleich: Alles was nervt wird so lange entfernt, bis das Wesen der Welt/der Nacht präzise freigelegt ist. Das ist hier und jetzt brauchbar, Ersatz für alles Abwesende. Alright, now –

Raumzeitwelle

In den ersten zwei Monaten des Jahres höre ich viel Dub und dubverwandte Musik1. Es mag mit der fortdauernden Stasis der Welt zu tun haben, oder dem Wunsch nach Konzentration und Innerem, oder mit guten Releases. Möglicherweise sind es Schnittstellen zu Themen, die bei mir vorkommen. Zwei erscheinen mir interessant und plausibel:

Dub als Struktur

Dub ist grundlegend raumbezogene Musik: Hall ist akustische Wahrnehmung von Raum durch Zeit. In dieser Hinsicht definiert jeder Dubtrack einen Raum, samt architektonischer Beschaffenheit. Zugleich ist der – in Effektgeräten produzierte – Hall durch die Eigenschaften eines physikalischen oder digitalen Raumes, und damit durch physische oder digitale Architektur definiert. Dub verwendet bestehende Räume, um neuen musikalischen Raum zu erzeugen. Es ist in dieser Hinsicht ein unmusikalisches Genre; es interessiert sich für die Bedingungen von Musik, nicht für Musik an sich.

Dub als Arbeit

Dub versteht bestehende Musik als Material. Er unterzieht sie einem Vorgehen, der einem Durcharbeiten der Möglichkeiten gleicht, die das Material zur Verfügung stellt. Im Vordergrund steht nicht Intuition – sondern ein Prozess, ausgezeichnet durch ein begrenztes Set von Werkzeugen und eine gewisse Form meditativer Disziplin2. Dieses Vorgehen übersetzt Kunst in Arbeit und Inspiration in Durchhaltevermögen. Es neutralisiert die Bürde der Bewusstheit und ermöglicht reines Handeln, reine Arbeit. Hier liegt der taostische Aspekt des Dub3. Diese Perspektive scheint mir die Grundlage für die große Anschlussfähigkeit des Genres: selbstverständlich kann man niemals sagen, dass es um Kunst geht. Das gebietet das Gesetz der Ernsthaftigkeit und die for better or worse angeborenen Selbstdefinition als arbeitender Mensch. Ebenso selbstverständlich geht es aber immer genau um Kunst, als Strategie des Ausdrucks und des inneren Widerstands4.

Beide Aspekte machen Dub zu einer freitragenden Kulturtechnologie. Dub negiert künstlerischen Anspruch jenseits seiner musikalischen Praxis. Dub verfolgt eigensinnige Ziele ohne Wert und Verbindung, frei von Raum und Zeit – Dub ist der Raum und die Zeit. Nothing from something, something from nothing, völlige Konzentration

Musik im Kontext:

  1. Eher im weiteren Sinne von weiterverarbeiteter Musik denn im engeren Kontext der virtuosen Verwendung des Halleffekts im Kontext jamaikanischer Musikpraxis – aber durchaus auch letzteres, siehe Dub als Struktur↩︎
  2. To presume intuition on a subject was to upend the rigor of process. And the rigor of process was where true story lived schreibt Craig im Vorwort zu Kissa by Kissa im Bezug auf Alexander Chee – und stellt damit Bezüge zu zwei ebenfalls prozessbezogenen Kulturtechniken her: Schreiben und Gehen. ↩︎
  3. Rainald Götz hat es am besten formuliert und den Bezug zur deutschen Appropiation der Dubtechnologie hergestellt: Monumentaler Realbuddhismus. Man kann nicht über Dub sprechen, ohne über Basic Channel zu sprechen. ↩︎
  4. Das ist übrigens schön zu hören in der hundertsten Nacherzählung des Joy Division/New Order/Factory-Mythos (dieses Mal als Podcast: Transmissions) – insbesondere der Idealproletarier Peter Hook setzt alles daran, nicht als das Genie wahrgenommen zu werden, das er ganz offensichtlich ist. ↩︎

Wüsten

Die Wüste des Jahres 2020 breitet sich hinter mir aus, in allen Dimensionen und Tiefen, omnipräsent in ihrer Leere und Auflösung, ihrer umfassenden metaphorischen Qualität. Die Wüste als Wunder, wenn sie in Stille betrachtet wird (auf dem Rücken liegend, in die Sterne blickend). Die Wüste als unendliche Belastung wenn sie durchquert werden muss. Mir ist die Wüste in Hotelzimmern begegnet und allein in meinem Bewusstsein, eine Wüste, die den Horizont auslöscht, die Himmel, Luft und Terrain in völliger Weite aufgehen lässt. Wüste als tief gesättigtes Gelb, die Farbe des Jahres 2020, Wüste als Myriade geschmolzener Glaspartikel. Wüste als disproportionale Leere, als ein Innehalten allen Momentums, in Zeit und Raum.

Das Jahr begann zwischen Wüste und Meer in Südamerika und Agafay, fulminant und voller Neuheit und Optimismus, eine Welt entfernt vom hier und jetzt. Ich hörte die Messerplatte in einem Zug von Casablanca und wenig später Monira Al-Qadiri, wie sie mit Holy Quarter alles in diesem Jahr beschrieb. Ich las Dune und war eingehüllt im warmen Nebel am Meer bei Espinho, alle Zukunft diffus und soft, aber entschieden hier. Das traf auf die Katharsis in den Straßen von Paris, du musst dein Leben ändern, auf Kiko’s Show und kurze Zeit später Performa mit Anne und der Abend danach mit allen, we’re not lovers, we’re here to serve you. Full stop. Ein schnelles Jahr ein langsames Jahr. Ein Jahr Grundlagenarbeit und subkutane Energie und das Wissen um den Erhaltungssatz. Die Entscheidungen sind gefallen, nun wird gebaut. Musik im Jahr 2020.

Was ich in deinen Träumen suche/Ich suche nichts/Ich räume auf

Winter

Frühling

Sommer

Herbst

Winter

Sets

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