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Vanity

(Dieses Jahr verschiebt die Dinge, mit großer Ruhe, mit Nachdruck. Es ist keine Zeit der Krisen, es ist eine Zeit des Verstehens und des Handelns, des Freisetzens. 2019, Raum und Zeit.)

Vanity, das neue Release von Rainer Veil bei Modern Love ist eine stille Rückkehr. Sie folgt auf New Brutalism aus dem Jahr 2014. Nun zum ersten Mal auf Albumlänge ausgedehnt, wirkt der Ansatz des Duos aus Manchester in keiner Weise wie ein Debut – zu klar gebaut, zu fertig ausgeformt erschienen die bisherigen Veröffentlichungen. Das setzt sich in diesem Jahr fort: so vielschichtig der Sound auf Vanity ist, so kohärent und freigelegt sind die Bedingungen seiner Konstruktion: orthogonale Flächen leiten den Blick zu immer neuen Ansichten des Sounds. Jeder Track ist ein Perspektivwechsel, ein neuer Aufriss des gleichen Gebäudes.

Der architektonische Sound von Rainer Veil gewinnt an Tiefe und Abwechslung, zusammengehalten durch eine einheitliche Stimmung und ein ruhigen, beständigen Drive. Es ist die Schönheit des Vakuums in Gauze, das die geräuschvolle Stille beim Wenden der Platte zum Teil des Übergangs zu Third Sync macht. Den Leerstellen gegenüber steht die fortwährende Meditation über den fernen Geist von Jungle und UK Hardcore schwebt über dieser Platte.

Vanity legt sich über den Raum, in dem mein Schreibtisch steht. Sie füllt die Nacht mit einem schweren Grau. Es ist nicht das Grau des Covers1, sondern ein dunkles, warmes, komfortables Grau. Eine Art Audio-Eigengrau, not intricate but textural.

  1. Das übrigens in einer seltenen Verbindung aus Illustration und Argrarwirtschaft recht erfolgreich die Ruhe des Albums vermittelt.↩︎

Es fehlen die Beweise

Rockmusik hat gemeinhin wenige Antworten auf meine Fragen dieser Jahre, unsinnig ist die Aufrichtigkeit und die unbeholfene Suche nach Ausdruck und Wahrheit hier und jetzt. Aber einmal in zwei Jahren scheint Raum für das Widersetzen, für den schönen Trotz und die Anmaßung zu sein, der Welt auf Augenhöhe entgegen zu treten. 2017 haben Belgrad ihr selbstbetiteltes erstes Album veröffentlicht, und es hat diese Zeit gebraucht, um zu mir zu finden1.

Belgrad ist eine schwarze Platte und eine schwarze Gruppe. Ein großes Gewicht zieht diese Musik nach unten, der Sog ist in jeder Minute spürbar. Nichts hier ist ironisch – acht Songs Schichtarbeit: Es ist das düstere Momentum schwerer Popmusik, das Wühlen im Selbst (ich muss an den Klappentext eines der blauen Bücher von Rainald Goetz denken, Wütend schritt ich voran). Musik für einen grimmigen, klaren Gemütszustand nicht ohne Schmerzen, aber ohne Kälte. Ich habe das schon einmal besser über ganz ähnliche Musik gesagt: Regen und Füße auf Asphalt, die Fundamente aller Dinge.

So wenig innovativ Belgrad ist, so klar seine Referenzen sind – so sorgsam ist alles zusammengesetzt, so taktil und freigelegt und ohne Affekt ist jedes Gefühl. Es ist zu spüren im Rauschen zu Beginn von Niemand, im öligen Groove von Eisengesicht und im Sustain und Release des monumentalen Ravetracks namens Westen: Nichts Aufrichtiges ist peinlich, nichts Furchtloses ist vergebens.

Beyond the train station, I look up. The grey sky refuses to let me feel anything.

  1. Belgrad werden gerade Sarah’s Nachbarn, es ließ sich nicht vermeiden.↩︎

Unity and Measure

Das Langformat hat ausgedient, unter aktuellen Weltbedingungen des Beobachtens ist es nicht adäquat. Der permanente Wechsel zwischen Perspektiven und Kontexten ist die richtige Strategie; jedes Medienformat ist notwendigerweise ein Metaformat, das ein Bewusstsein aller gleichzeitig stattfindenden Formate einschließt. In Floor-bezogener Musik ist das nicht neu, das Einsteigen und Aussteigen aus der Dramaturgie der Nacht gehört dazu. Die kalte Luft atmen, jemanden küssen, Wasser trinken und zurückkehren in eine veränderte Stimmung ist essentiell. Kontextswitch, good entertainment.

Einem langen Format zu folgen, erfordert etwas anderes: Erscheinen, wenn die Tür aufgeht. Sich an den Schreibtisch setzen in der Nacht ohne Vorhaben. Fünf Stunden Zeit.

Das fünf-Stunden-Set ist bereits zu Beginn anders, sein Narrativ ist nicht zu überblicken, nach acht Minuten, aber dass er verschieden ist, ist klar. Ein fünf-Stunden-Set bewegt sich tastend durch Zeit und Raum, statt sich auf die Körper zu werfen (meist sind wenige vorhanden). Es verwebt die Leere zu etwas Fühlbarem, es definiert und kontrolliert den körperlichen und den emotionalen Vibe. Das fünf-Stunden-Set hat Zeit, den Raum zu durchmessen, sich zu entfernen und zurückzukehren – ohne die Spannung zu durchbrechen, wie es auf dem Floor gewöhnlich wäre.

Es ist eine meiner liebsten und seltenen Freuden, eine Nacht im Club mit ihrem Anfang zu beginnen. Dort sein, wenn die Türen aufgehen, so lange bleiben wie es mir gefällt. Ich habe das Warm-up oft mehr gemocht als die Party – die Antizipation, das Aufschichten, das Anstauen von Energie. Völlig klar einem langsamen Narrativ zu folgen, Zeit verwenden ohne Ablenkung, Alles fühlen, Freiheit im Gebundensein. Going through the motions, but doing so with increased mindfulness.

(Während ich das 5:34:14 lange Set von Pom Pom höre, das sich tastend durch große Hallen bewegt, ins Freie tritt, den aufwirbelnden Staub betrachtet, Linien auf dem Boden folgt, um schließlich nach zweieinhalb Stunden zu einem höllischen Basic-Channel-Groove zu finden, zur brutalen Gelöstheit der zweiten Pom-Pom-LP, in den Schluchten der Nacht. Buy the ticket, take the slow ride).

The World is allegedly actively Tragic

Es gab einen Moment in den nicht mehr ganz frühen Zweitausendern, in denen die Auflösung der populären Kultur eine geradezu schmerzhafte Schärfe angenommen hatte. Alles schien auf zwei Dimensionen reduziert: Musik, Fotografie und Kleidung wie Onyx, körpernah, monochrom und ohne jede wahrnehmbare Tiefe. Kein Sub und kein Rauschen, und wenn, dann nicht das vielfarbige All1, sondern Chord picking, dünne Hosen, dünne Jungs und weißes Filmkorn bei 1000 ASA.

Ich war für eine Sekunde befremdet und dann hin- und mitgerissen, als das kürzlich zurück in 2019 stürzte. Schuld ist, ach was, Hedi Slimane. Für Celine hat er einen Weg gefunden, die Schärfe, die er in Fotografie und Kleidung vor 15 Jahren definiert hat, wieder anschlussfähig zu machen. Dabei geht es natürlich zuerst um Musik und dann um alles andere. Es geht um das Mixed-Media-Kollektiv Crack Cloud.

Diese Band führt einen Take auf die hochverdichtete Präzision der Zweitausender auf. Sie spielen nicht als hätte es die Strokes nie gegeben, im Gegenteil: Crack Cloud sind die comichafte Riesenübertreibung der Strokes. Diese maximale Angespanntheit, diese gezuckten Riffs und die antrainierte Oxford-Performance sind allesamt so drüber, dass man das 2019 ausschließlich gut finden kann.

Und bei allem Gepose ist es letztlich die große Klasse, dieser krasse Skill, den man kaum sehen soll, hinter all dem Affekt. Es ist also alles, wie es sein muss, in einem Glaskasten an der Seine, und auch auf den Straßen in deiner Stadt. Man muss sie hinuntergehen, zu Drab Measure, dem Hit der Stunde, und sich jung und neu fühlen, als sei man niemals niedergeworfen worden.

  1. Also die Hintegrundstrahlung in der Welt von Basic Channel, in der Weite und der Raumbezogenen Musik, im Dub.↩︎

Kire no Kozo

Self-discipline is empathy with your future self, las ich zu Beginn des Jahres irgendwo auf Twitter. Das ist gut gesagt, wenn 2018 etwas gelehrt hat, dann dass kurzfristige Gratifikation möglicherweise unser größtes Problem ist. Es ist Kunst, sich zu unterwerfen, alle Konsequenzen und vor allem die schmerzhaften anzunehmen. Weil es nur dann die Chance gibt, den Dingen Gewicht zu verleihen, weil sie nur dann wirklich existieren. Gleichzeitig muss man wissen, wann und wo der Schnitt zu setzen ist. Sich mit gleicher Eleganz, Sicherheit und Würde lossagen, den Moment sezieren und gerade auf diese Weise das Neue zu schaffen. Beides, Unterwerfung und der Schnitt, sind notwendige Teile des Vertrauens in den Prozess, nicht seine Resultate.

Das war in diesem Jahr weiterhin zu lernen, wiederum in Japan: Auf dem Weg durch die unbeschreiblichen Wälder von Wakayama und am Tag des Taifuns in Kyoto, den ich in einem Bunker neben Hōkan-ji verbrachte. Es war zu lernen in London, wo ich Hōjōki las (Architektur und Geisteszustand, natürlich), als wir Subhuman Inhuman Superhuman und das Dach der Triennale für uns hatten, als in der Ferne der Frühling begann. Es war zu lernen bei Dan Flavin in München und angesichts Ryoji Ikeda’s Point of no Return (2018).

Demut, Unterwerfung, langfristiges Denken, weniges könnte unzeitgemäßer erscheinen. Ich denke, es ist der Weg der kommenden Jahre: weniger Freiheiten und weniger Gratifikationen. The wrong roads are being paved in an increasingly automated culture that values ease, und darum müssen wir gegen diese Form der Zugänglichkeit sein, und gegen Komfort. Der einfache Zugang zu allen Dingen ist eine Einladung, sich mit Anspruchsvollem zu befassen — nicht zum Versinken im zuerst Vorgefundenen. Zukünftige Infrastruktur muss die Verfeinerung ihrer Inhalte hervorbringen, nicht die Erhöhung geistlosen Durchsatzes. Es ist weiterhin an uns, diese Strukturen zu bauen. Grace as defiance, Musik des Jahres 2018.

Winter

Frühling

Sommer

Herbst

Winter

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