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Melancholie der Standorte

Als ich nach Berlin kam, aus dem Durcheinander meines Lebens in das Durcheinander der Stadt, gab es eine Gruppe, die sich ausnahm in ihrer Ehrlichkeit und Schönheit zwischen all dem Schutt, den Optionen, den Drinks, der Sonne über dem Brunnen vor dem Dom und den Hackeschen Höfen, die damals noch ein Ort waren. The Aim of Design is to Define Space spielten Rock der klang wie Rave, und alles sah besser aus als bei den anderen. Sie sagten was ich damals hören musste. Der Moodboardpop des allzu geradeaus betitelten Depeche Mode wird mich immer an den Besarinplatz erinnern, die Türme des Frankfurter Tors, den Blick auf die Volksbühne aus der S75. Und daran, was wichtig ist (Frisuren und Schuhe).

Im vergangenen Jahr spielten Aim ein Konzert am Schlesischen Tor und nun gibt es neue Musik, eine 12″ und wohl ein Album, ein weiteres Konzert (Dialog mit der Jugend, the grown-ups are tired), das Alex und ich besuchen werden.

Es gibt nun eine neue Geschichte über diese Stadt zu erzählen, gleichermaßen dunkel und perfekt ausgeleuchtet: Aim #@%!$, das erste Release seit elf Jahren, nach der Volksbühne. Das ist alles, 5K-Schranz, Wut, Klugheit, Schönheit, die eigene Sprache, die rasierten Seiten, das tätowierte Herz. 1992, 1994, 1997. Teile von uns waren immer hier.

One might say that everything was better back then. The girls were prettier, the parties wilder and the drugs better. Back then, The Aim of Design is to Define Space was the best band, which was more Berlin than Berlin was the Aim of Design is to Define Space.

Am Ende dann Schulzkys Aimriff, das immer sein muss, auch für mich. Good fucking day, ihr Bauern.

And the city orange

Das Atonal fügte sich auf neue Weise in dieses Jahr. Es gab nichts zu feiern, es gab nichts loszulassen. Es gab die Notwendigkeit von Input und Freiheit, die Notwendigkeit der einzigen Form von Spiritualität zu der ich in der Lage bin1. In einem weiteren Jahr stand ich also mit Hannes und David im Exoskelett des Industriezeitalters, wir tranken Wasser mit Wodka darin und sahen unsere Zukunft vor uns ausgebreitet.

Das Lineup 2019 kam uns entgegen. Viele der Projekte operierten hochkonzentriert, das Programm der Hauptbühne ließ sich ohne Pausen verfolgen. Im Ergeschoss wurde weniger instagramtauglich dekoriert und mehr inszeniert; die Disziplin Tanz ist eine ebenso naheliegende wie richtige Ergänzung für diese Veranstaltung.

Wie bereits vor zwei Jahren bemühte ich mich um Notizen, also darum, festzuhalten, was Raum und Sound mit meiner Kognition taten. Es erscheint mir relevant als Ergänzung der reinen Macht des Atonal im Jahr 2019.

In keiner spezifischen Reihenfolge oder Sprache:

Lee Gamble practises mantis origami and everything is liquified, the concrete carpace of Kraftwerk magically transformed. The ghost of raves past infects every bar Gamble is launching into the cavernous hall, all grooves that have been, resurrected to serve grim new purposes. We are witnessing 1994 being smashed and sliced into shards, made new, assembling crystalline parts of a bygone era into constructs resilient enough to withstand the atmospheric pressure of 2019. Viewed from the right angle with the right mind, shapes become recognizable, sticking out for a second before being re-incorporated into a heaving sonic architecture. The hall is drenched in blood red light. Everything stops.

As Allesandro Cordini is playing, a rift appears in the crowd and I am suddenly free: Bodies move, the crowd converges, both on screen and in physical space. Staub löst sich von allem ab, und irgendwann auf jedem, denke ich, und dann: This isn’t beauty, This is the rest of it. „Es bedeutet mir die Welt, das hier, alles, an diesem Ort in dieser Stadt in diesem Jahr“, sage ich zu David.

Mitra render the world in ice at psychotropic resolution. Like shaping a monument from pink noise, some imaginative somatic architecture made from organic matter, perpetually in the process of melting or freezing, ever transitioning. A 5K temple ruin in the shader world. Far away, a small figure is wailing, draped in light, veiled in concrete. A voice endlessly reverberating. The profound, old beauty of her song is almost too much to bear. I wish it would stop and continue for ever. The particle equalizer as an emitter of architecture is followed by the magic of a repectfully receding virtual camera, as distant dwellings slowly fade out of view.

Soft/hard, coexisting like matter and antimatter, creating perfect stasis. Ich bin hier mit niemandem, ein Haus stürzt ein in perfekter Stille, und darum in Zeitlupe. The silence of walking in empty nights. The silence of imagination. The silence after they stop. The silence after pressing play. Der dringende Wunsch dieser Gruppe, hier und jetzt nicht zu existieren, aufzugehen in konzentrierter Musik. Vor vier jahren schrieb ich über Severe: „Kein Zögern, keine Unsicherheit hier. (…) Klar, präzise, mit überaus hoher Dichte.“ (My Disco)

Über die Performance von Objekt und Ezra Miller schließlich kann ich wenig Kluges sagen, die Notizen sind undeutlich, bereits als ich sie schreibe. Dieses Set ist eine Kata aus Licht und Sound, deren Bewegungen mit jeder Wiederholung an Kraft und Nachdruck gewinnen. Dieses Licht: zumeist in der Horizontalen in das Publikum gerichtet, Licht der zweiten Person Plural: Wir sind die Empfänger, wir sind die Leinwand. Schließlich, der Moment dieser beiden Tage: Das Vocal-Sample und dann Love inna Basement, niemand hier kann es fassen, jede Konzentration explodiert. Für zwanzig Minuten ist hier nichts zu denken, reine Körpersache, ansatzlose Ruhe im Pandämonium. Das große Rave-Versprechen ist wahr (es ist nun genug gedacht worden).

Pablo’s Eye present a performance about weather, visuals sublimating, ever-new suns rising and fading away. There is a generality, an all-encompassing perspective to this performance, that transcends the boundaries of even this venue. „He wondered what new weather she had divined/It was night and the city orange“.

  1. In dieser Hinsicht sind die Nächte im Kraftwerk vergleichbar mit den Tagen in japanischen Gärten: eine Bank, ein Teehaus, eine Kathedrale und die Unfassbarkeit der geformten Umgebung. []

Vanity

(Dieses Jahr verschiebt die Dinge, mit großer Ruhe, mit Nachdruck. Es ist keine Zeit der Krisen, es ist eine Zeit des Verstehens und des Handelns, des Freisetzens. 2019, Raum und Zeit.)

Vanity, das neue Release von Rainer Veil bei Modern Love ist eine stille Rückkehr. Sie folgt auf New Brutalism aus dem Jahr 2014. Nun zum ersten Mal auf Albumlänge ausgedehnt, wirkt der Ansatz des Duos aus Manchester in keiner Weise wie ein Debut – zu klar gebaut, zu fertig ausgeformt erschienen die bisherigen Veröffentlichungen. Das setzt sich in diesem Jahr fort: so vielschichtig der Sound auf Vanity ist, so kohärent und freigelegt sind die Bedingungen seiner Konstruktion: orthogonale Flächen leiten den Blick zu immer neuen Ansichten des Sounds. Jeder Track ist ein Perspektivwechsel, ein neuer Aufriss des gleichen Gebäudes.

Der architektonische Sound von Rainer Veil gewinnt an Tiefe und Abwechslung, zusammengehalten durch eine einheitliche Stimmung und ein ruhigen, beständigen Drive. Es ist die Schönheit des Vakuums in Gauze, das die geräuschvolle Stille beim Wenden der Platte zum Teil des Übergangs zu Third Sync macht. Den Leerstellen gegenüber steht die fortwährende Meditation über den fernen Geist von Jungle und UK Hardcore schwebt über dieser Platte.

Vanity legt sich über den Raum, in dem mein Schreibtisch steht. Sie füllt die Nacht mit einem schweren Grau. Es ist nicht das Grau des Covers1, sondern ein dunkles, warmes, komfortables Grau. Eine Art Audio-Eigengrau, not intricate but textural.

  1. Das übrigens in einer seltenen Verbindung aus Illustration und Argrarwirtschaft recht erfolgreich die Ruhe des Albums vermittelt. []

Es fehlen die Beweise

Rockmusik hat gemeinhin wenige Antworten auf meine Fragen dieser Jahre, unsinnig ist die Aufrichtigkeit und die unbeholfene Suche nach Ausdruck und Wahrheit hier und jetzt. Aber einmal in zwei Jahren scheint Raum für das Widersetzen, für den schönen Trotz und die Anmaßung zu sein, der Welt auf Augenhöhe entgegen zu treten. 2017 haben Belgrad ihr selbstbetiteltes erstes Album veröffentlicht, und es hat diese Zeit gebraucht, um zu mir zu finden1.

Belgrad ist eine schwarze Platte und eine schwarze Gruppe. Ein großes Gewicht zieht diese Musik nach unten, der Sog ist in jeder Minute spürbar. Nichts hier ist ironisch – acht Songs Schichtarbeit: Es ist das düstere Momentum schwerer Popmusik, das Wühlen im Selbst (ich muss an den Klappentext eines der blauen Bücher von Rainald Goetz denken, Wütend schritt ich voran). Musik für einen grimmigen, klaren Gemütszustand nicht ohne Schmerzen, aber ohne Kälte. Ich habe das schon einmal besser über ganz ähnliche Musik gesagt: Regen und Füße auf Asphalt, die Fundamente aller Dinge.

So wenig innovativ Belgrad ist, so klar seine Referenzen sind – so sorgsam ist alles zusammengesetzt, so taktil und freigelegt und ohne Affekt ist jedes Gefühl. Es ist zu spüren im Rauschen zu Beginn von Niemand, im öligen Groove von Eisengesicht und im Sustain und Release des monumentalen Ravetracks namens Westen: Nichts Aufrichtiges ist peinlich, nichts Furchtloses ist vergebens.

Beyond the train station, I look up. The grey sky refuses to let me feel anything.

  1. Belgrad werden gerade Sarah’s Nachbarn, es ließ sich nicht vermeiden. []

Unity and Measure

Das Langformat hat ausgedient, unter aktuellen Weltbedingungen des Beobachtens ist es nicht adäquat. Der permanente Wechsel zwischen Perspektiven und Kontexten ist die richtige Strategie; jedes Medienformat ist notwendigerweise ein Metaformat, das ein Bewusstsein aller gleichzeitig stattfindenden Formate einschließt. In Floor-bezogener Musik ist das nicht neu, das Einsteigen und Aussteigen aus der Dramaturgie der Nacht gehört dazu. Die kalte Luft atmen, jemanden küssen, Wasser trinken und zurückkehren in eine veränderte Stimmung ist essentiell. Kontextswitch, good entertainment.

Einem langen Format zu folgen, erfordert etwas anderes: Erscheinen, wenn die Tür aufgeht. Sich an den Schreibtisch setzen in der Nacht ohne Vorhaben. Fünf Stunden Zeit.

Das fünf-Stunden-Set ist bereits zu Beginn anders, sein Narrativ ist nicht zu überblicken, nach acht Minuten, aber dass er verschieden ist, ist klar. Ein fünf-Stunden-Set bewegt sich tastend durch Zeit und Raum, statt sich auf die Körper zu werfen (meist sind wenige vorhanden). Es verwebt die Leere zu etwas Fühlbarem, es definiert und kontrolliert den körperlichen und den emotionalen Vibe. Das fünf-Stunden-Set hat Zeit, den Raum zu durchmessen, sich zu entfernen und zurückzukehren – ohne die Spannung zu durchbrechen, wie es auf dem Floor gewöhnlich wäre.

Es ist eine meiner liebsten und seltenen Freuden, eine Nacht im Club mit ihrem Anfang zu beginnen. Dort sein, wenn die Türen aufgehen, so lange bleiben wie es mir gefällt. Ich habe das Warm-up oft mehr gemocht als die Party – die Antizipation, das Aufschichten, das Anstauen von Energie. Völlig klar einem langsamen Narrativ zu folgen, Zeit verwenden ohne Ablenkung, Alles fühlen, Freiheit im Gebundensein. Going through the motions, but doing so with increased mindfulness.

(Während ich das 5:34:14 lange Set von Pom Pom höre, das sich tastend durch große Hallen bewegt, ins Freie tritt, den aufwirbelnden Staub betrachtet, Linien auf dem Boden folgt, um schließlich nach zweieinhalb Stunden zu einem höllischen Basic-Channel-Groove zu finden, zur brutalen Gelöstheit der zweiten Pom-Pom-LP, in den Schluchten der Nacht. Buy the ticket, take the slow ride).

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