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Tekno

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Auch das Rohe hat seine Unschuld verloren. Spricht man über Musik, sind selbst die verwertungsfeindlichen, tapfer aufrichtigen Genres Hardcore und Gabber nur strukturkonservativ (also mit Hilfe großer kognitiver Anstrengung aufrecht erhaltener Ignoranz, siehe auch Black Metal und Oktoberfest) aufzuführen. Abgesehen dieser Trance-Generators- und Terrocorps-Revivals bleibt also nur das Schicksal aller Popkultur: Verwertet werden. Schaut, wie cool, hart und doof/Lolwat, Neon-Tribals?!

Glücklicherweise hat auch das Rohe Partisaninnen, die seine inhärenten Qualitäten schätzen und weiterentwickeln: die kognitive Wirksamkeit, das brutale Überladen der Wahrnehmung (damit nichts anderes stört), die endlose Schönheit seiner unbehandelten Texturen.

Clouds sind Partisanen roher elektronischer Musik. Sie schlagen neue Anordnungen für Jungle, Hardcore und Gabber vor, sie schaffen Hörbarkeit durch Kontext und stellen damit die Würde dieser Genres für die Gegenwart wieder her. Dazu setzen sie Mittel ein, die unter rohen Fassaden erst nach und nach lesbar werden. Selbstverständlich müssen zunächst Überdimensionierung und Nachdruck etabliert werden, das vollständige Ausfüllen der kognitiven Kapazität der Hörenden mit Musik: auf HTID übernehmen das die Einstiegstracks Base Damage und vor allem der Banger der Platte, Dinner at Skinjas.

Ist eine gewisse Gewaltbereitschaft unter Beweis gestellt, demonstrieren Clouds ihre Aufmerksamkeit für Details, ihr Gefühl für Zeit und Raum sowie einen gänzlich genrefremden Hang zum cineastischen: Wir hören Geschehnisse einer Welt, in der diese Platte stattfindet, vollständig eingerichtet und zuende ausgedacht, großteils in den Schatten verborgen. Diese Welt wird gleichsam hineingesampled, Charaktere und Orte bleiben unklar, aber das Gefühl für ihre Texturen und Konflikte zieht sich durch die Dramaturgie der Tracks.

(Insofern ist es nur folgerichtig, dass Clouds für ihre folgende LP das Welterfinden externalisieren. Gemeinsam mit David Rudnik erzählen sie auf Heavy the Eclipse die audiovisuelle Geschichte von Neurealm – einer in Deutschpatois ausgekleideten Version von Glasgow im Jahr 2418, in der sich allerhand unterhaltsame Raver, Gangs und Freischärler gegenüberstehen. Die Folge sind nicht nur unrealistisch gute Tags und Bombings, sondern auch Track-Titel wie Warped Amphetamine Flex und Nachtstorm Hardcore.)

Schließlich sind es die trackübergreifenden Narrative, die Clouds-LPs zu Alben machen. Auf HTID gibt es eine herausragende Progression von Quest Posse Wanted zu Rush in 2 Orbit (Skinnergate) (wie gut diese Titel sind, wie gut die ganze Lore ist). Letzteres versteckt seinen höllischen Groove bis 3:21, quasi in plain sight, und dann ist auf einmal alles da – kulminiert in einer rohen, komplexen, spartanischen Gesamtschönheit, auf dem Floor und im Hirn, rar in jedem Genre.

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Your Future Selves

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Ghostly International hat sich schon immer wie ein Resultat des Internet angefühlt, des frühen, eigensinnigen Internets. Eines Ökosystems, das ein Label wie dieses ermöglicht hat – weniger basierend auf dem Einverständnis über ein Genre als auf einem neuen, diffusen Gefühl von Gemeinschaft. Transcending its record label roots to sell an ethos, wie die Times einmal schrieb, and an emotional state of upbeat world-weariness, möchte man hinzufügen.

Es gab stets eine Gleichberechtigung zwischen Releases, den Artworks (und tatsächlich, Desktop-Hintergründen) von Michael Cina, der bisweilen arg verstolperten Floormusik auf Spectral, den Stickern und all dem Material drumherum. Seit den mittleren Zweitausendern ist Ghostly Quelle einer spezifischen Art von Moodyness, eine Welt, in der nichts okay, aber das unmittelbare Hier und Jetzt erträglich ist, voller verwaschener Beats und im Sommergegenlicht verebbender Reverbs.

Für mich hat es immer eine spezifische Stimmung gebraucht, um derartige Wärme aushalten zu können. Aber im richtigen Licht, in der richtigen Situation kann eigentlich nur ein Ghostly-Release gehört werden01.

Ihre größte Konzentration fand diese Stimmung für mich stets in den seltenen Releases von Heathered Pearls02. Stark texturierte, maximal warme, weiche und tiefe Musik ist das, wie Schlaf am Strand, und nicht ohne dessen Düsternis der Natur und des fern drohenden Wetterumschwungs.

Ich werde mir den Sommer dieses Jahres schwer ohne den Amerikas Cities Remix von Under the Bridge vorstellen können. Weil dieser Track gleichsam zu Hause war, in all der Sonne und all der Dunkelheit dieses Sommers, in den Versuchen, neue Lösungen für die gleichen Probleme zu finden. Am 10. September notierte ich in einem Wagon der Hanzōmon-Line:

Fort Romeau’s Remix of Under the Bridge by Heathered Pearls may well be the track of this year, a requirement of the here and now. Its continuous media-sampled stream of consciousness encompasses everything to be depressed about, its pure expansive, sprawling, mellow softness describes everything to be hopeful for. In its very fabric, this track encompasses the hope, power and promise of music. To find and connect every person able and willing to perceive, to think and to feel.
  1. Früher, sehr häufig: die opulente 2×12″-Edition von Glider, von The Sight Below.↩︎
  2. Also Jakub Alexander, der als Musikautor bei Iso50 (das erfreulicherweise weiterhin existiert und weiterhin aussieht wie in 2007), für den Teil meiner Musiksozialisation verantwortlich ist, die abseits von Wavegitarren und der in Hamburg vorgefundenen Floormusik stattfand.↩︎
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Zeitmaterie

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(Noch ein Text über Shed, zum Re-release von Well Done My Son, veröffentlicht eigentlich irgendjemand sonst noch Musik?)

Shed ist zwei Personen – ein Produzent von Techno-Alben, die von ihrer Spationierung leben, deren große Momente in der Leere und im Rauschen des Delay-Filters arrangiert sind. So sorgsam und kontrolliert produziert, dass sie bereits zum Zeitpunkt ihres Erscheinens zeitlos sind.

Die andere Person ist WAX-Shed, Dub-Shed, Banger-Shed, Funktions-Shed – der Typ, der nach zwanzig Jahren immer noch Whities für die Floors raushaut. Komprimierter Techno, der stets und spürbar im Raum stattfindet (auch hier ist Dub die Basis01). Es sind die einfachsten Progressions aus zwei Akkorden, die kompakteste Snare und kurz vor 130 BPM.

In beiden Varienten des Shed-Outputs geht es um Zeit: ihre Manipulation, Verdichtung, Auflösung und Wiederverwertung: Ein Spektrum zwischen dem ganz und gar Dasein im hochverdichteten Moment und dem endlosen Leben mit seinen auseinanderliegenden Momenten, Verbunden durch Musik. 12 Jahre nach seinem ursprünglichen Release ist Well Done My Son auch in diesem Sommer wieder ein Punkt auf dieser Achse.

Ich wollte nur sagen: Well Done ist ein Banger für den Sommer, ein komprimiertes Brett, komprimierte Zeit, jetzt und hier keine weiteren Gedanken, der Track ist so gut.

  1. Wie zuletzt zu hören auf No Repress But Warehouse Find.↩︎
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Fluid77 Efx130+Fan

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Auseinandersetzung mit Kunst ist Unterscheidungsfindung, die Suche nach einer Perspektive, das Begutachten von neuem Material auf Brauchbarkeit für kognitive, emotionale, ästhetische Baustellen. Es ist schön und befriedigend, wenn die Kognition einrastet, wenn sich Verständnis einstellt, die Entcheidung fällt, wie da von nun an etwas zu betrachten ist: Suddenly hooked on that new Shed EP.

Im Fall der einigermaßen sperrig betitelten Not a Repress but Warehouse Find hat es eine Weile gedauert, um zu verstehen, wo das alles hingehört. Vermutlich brauchte es überhitzten Berliner Asphalt und ein leicht dehydriertes Gehirn, um dieser kunstvollen Anordnung von Ravebrutalismen folgen zu können. Lumber Fix TT ist ein Stück Architektur, so präzise, dass man die schamlose Peaktimehook erstmal überhört – und von den ersten zwei Minuten Acid Drift bleiben wenige Erinnerungen übrig, nachdem eine brachiale 808 endlich Bodenhaftung erzeugt. Dann zwei Shedding-The-Past-mäßige Interludes, zu denen man über den Kanal oder in den Himmel blickt. Die beiden letzten Tracks (Entschuldigung, ich muss, die Namen sind so schön: Sp ToolVltk3 und 130 Go Sweep) könnten um ein Haar das neue Wax-Release sein, wären sie nicht so kompakt und kontrolliert und nicht so mittelbar fantastisch.

Such a nice piece of sonic brutalism, so verfasert kohärent und so intens, dass es sehr gut zu diesem Sommer passt.

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Spirit-Tech

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Alva Noto war schon immer das Alter Ego für die Hits, für den affirmationsorientierten Output des Projekts Carsten Nicolai. Dieser Musik geht es um die Beschreibung physikalischer Räume – dem Herausarbeiten der arkanen Konfigurationen, die in ihrer Metaphysik etwas fühlbares hinterlassen. Insofern ist die Uni-Trilogie (UnitxtUnivrsUnieqav) natürlich Popmusik, so berechnend wie effektiv.

Diese Präzision bleibt dabei unverschleiert, das Gefühl in einem antiauthentisch herauspräpariert und hochgradig empfindbar gemacht. Dies gilt für den dritten und letzten Teil der Serie in besonderem Maße: Unieqav reißt noch einmal alles ab, was die Stätten des Kunst- und Lebensbetriebs in den Städten hergeben. Printworks London, Margiela GATs, Karl-Marx-Stadt, Doppelhelix auf eins und vier. Heimweg zu Uni Blue, dem aufgerauten Hit der LP, ein Track wie gewaschener Kaschmir.

Ich erinnere eine der frühen Aufführungen dieser Platte in einem dunklen Theater in Barcelona, der Welt fern und nah dem kollektiven Inneren. Pop: Das Gefühl eindringlich vorhanden und aufgelöst zu sein. Gemeinschaft, oder zumindest Gefährtenschaft, erzählt auf eine Weise, die ich verstehen kann.

  • Alva Noto – Unieqav, LP. Noton, 2018.
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