electricgecko

Dezember

Nachdem der Tag gekommen und wieder gegangen war, trat ich hinaus in den Gemüsegarten. Von hier waren die Alpen zu sehen, nachdem das Licht versunken war. Ich wusste, dass es nicht weit von hier am See einen Stein gab, der aus der alten Mauer herausragte, ein Fußtritt in die grünen Wasser. Wenn man dort den Körper vom Ufer abdrückte, erstreckte sich eine wunderbare Leere, deren Ufer ich in diesen Jahren immer wieder aufsuchte, um endlich nichts zu sehen. Ich verdiente es, das zu wissen, hier auch zu leben. Ein weitere Art zu Hause. Es ist alles real, real, real.

Ebenso: Die Feuer, das Gedränge, Green Chili Soda, Dub im Kiln, Text als Architektur des Bewusstseins. Das Ende Europas im Norden, Felsen, Holz und wieder Feuer. Leere Sandsteinstraßen, eine Katze in jedem Sonnenfleck, meine Hände in der Wolle eines Schafes vergraben. Wolle überhaupt, als Material für Kleidung und Räume, als Metapher für die ewige Überlegenheit des Gewachsenen über das Erfundene. Ich reihe Gewässer aneinander, der Sprung in Meere, Flüsse und Seen an aufeinander folgenden Tagen als psychologischer Sport. Reisen mit Zug und Schiff, und auch insgesamt wissen wie’s geht. Sonne, Worte und Tunnel in La Ribaute, die sich nun auch für immer in meinem Gehirn befinden. Arbeit und Tod, Widerstand und neue Oberflächen. Ein weiteres Jahr Bau der Portale in die Zukunft: Im nächsten werden wir sie gemeinsam durchschreiten. Wir sind, obschon keine Familie, eine Gruppe.

(Style ist die Artikulation von Singularität durch Verlagerung semiotischer Fragen auf die ästhetische Ebene. Wie in der Poesie geht es darum, den vielfach verwendbaren Zeichen Einzigartigkeit abzutrotzen. Das ist weiterhin, was ich versuche, hier und überhaupt, um die Bedeutung der Subjektivität zu demonstrieren. We are irreplaceable, because we cannot be compared to each other.)

Der Weg zu Permanenz ist Prozess: Die Dinge immer wieder herstellen, die Konversation von neuem beginnen, neue Worte erfinden, um das Unveränderte zu beschreiben, Vernichtung und Bau. Die erfundene Welt verlassen und in neue Sterne stürzen, die Dinge unverändert, ihr Gewand immer neu. Ein Nichts das bleibt und ein Alles, das die Leere im Zentrum verbirgt. Wir sind gemeinsam hier, ein Hier folgt uns zum nächsten. Wir sind ein unendlicher Punkt, zugleich null und eins in Raum und Zeit. Die Welt existiert nur in uns.

Gestern hat eine Zukunft begonnen. Musik, die ich 2025 hörte.

Winter

  • Ben Kaczor & Niculin Barandun – The Equilibrum in Transition
  • anbb – Foligno
  • Einstürzende Neubauten – Ich komme davon
  • Strategy – Friends and Machines
  • Lawrence – Ascend
  • Miko & Mubare – Komoma Ya­-Ya-­Ya
  • Richenel – Autumn
  • Clouds – Come with me (On a trip)
  • Cloud Management – 404 Bassline not Found

Frühling

  • Porter Ricks – Spoiled
  • Purelink – We should keep going
  • Le Tigre – Dyke March
  • Nuker – Slam sin Ruido
  • Storm on Earth – Earth
  • John Roberts – Blame
  • Yor – Golden Boy
  • Atomic Moog – Landing Point
  • Sten – Undercover

Sommer

  • Jenny Hval – The Artist is absent
  • Fcukers – Homie don’t Shake
  • V/Z – Caffe Giallo
  • UUUU – Verlagerung, Verlagerung, Verlagerung
  • Efdemin – No Exit
  • Phil Collins & Philip Bailey – Easy Lover
  • Gombeen & Doyen – D’Americana
  • Cloud Management – Dann ein Filter
  • Low-End Activist – Wave 01
  • Die Goldenen Zitronen – Positionen
  • Efdemin – A Thousand Shades of Green
  • Heathered Pearls – Caveat Emptor

Herbst

  • Blixa Bargeld – Where are we now?
  • Gang of Four – At Home he’s a Tourist
  • Low-End Activist – Sent West
  • Miles – Lustre
  • Efdemin – Radical Hope
  • DRC1 – Intel
  • Darkside – One last Nothing
  • Darkside – S.N.C.
  • Low End Activist – Airdrop 05 (Trust Meeee)
  • Kreidler – Diver

Winter

  • Mau Mau – Auf der Jagd
  • Tempo – Sie verlassen den Amerikanischen Sektor
  • D5 – Dark City (Edward Edit)
  • SPFDJ – Mindless Counting
  • Rick Wade – Unafraid
  • Echo Instinct – Imagined Order
  • Efdemin – Aachen
  • Cloud Management – Teracotta Realness
  • Hesaitix – Dubdermal

Mixtapes

Playlists

  • Compressed Time, Long-haul, Demon Killer, Post House, Sin-Wave

Ein Grieche, graumelierter Bart und scharfer Scheitel, hat sich in einem Café an der Promenade des Küstendorfes Aegina ein kleines Bier bestellt und wendet – vorsichtig und überaus aufmerksam studierend – Seite um Seite einer Ausgabe der: Micky Maus.

Schönheit liegt auch in der Zerstörung, nichts in Formaldehyd ist je schön. Das neurotische Verbessern und Instandhalten führt zu Optimalen, die man nur mit dem Herz eines Bänkers wollen kann. Es fühlt sich an, als würde man sich wichtiger nehmen als den Zustand der Welt. Bei allem Fokus auf Selbst und Individuum: Es ist immer nichts, unbedeutend, das ist von Anfang an klar. Die Schönheit liegt im dennoch, in der nutzlosen1 Auflehnung gegen das unbesiegbare Universum.

Textnachricht, Dezember.


  1. Nicht: sinnlosen. ↩︎

Auf der Flucht vor dieser Gegenwart wollen wir in der Kontingenz der Zukunft leben.

Wer sich der eigenen verschütteten Vergangenheit zu nähern trachtet, muß sich verhalten wie ein Mann, der gräbt. Das bestimmt den Ton, die Haltung echter Erinnerungen. Sie dürfen sich nicht scheuen, immer wieder auf einen und denselben Sachverhalt zurückzukommen; ihn auszustreuen wie man Erde ausstreut, ihn umzuwühlen wie man Erdreich umwühlt. Denn Sachverhalte sind nur Lagerungen, Schichten, die erst der sorgsamsten Durchforschung das ausliefern, was die wahren Werte, die im Erdinnern stecken, ausmacht: die Bilder, die aus allen früheren Zusammenhängen losgebrochen als Kostbarkeiten in den nüchternen Gemächern unserer späten Einsicht – wie Trümmer oder Torsi in der Galerie des Sammlers – stehen.

(Walter Benjamin, Berliner Chronik)

Alle Dinge haben zwei Seiten, eine fürchterliche und eine schöne, und diese sind miteinander verbunden; nicht verleimt, sie teilen ihr Inneres, ein gemeinsames Sein: Jede Schönheit, die den Begriff wert ist, steht in Flammen.

November

Ein graues Licht liegt auf der Stadt und auf mir, an unserem letzten gemeinsamen Tag in diesem letzten Jahr der Trennung. Ein zäher Fluss, eine dichte Luft, geronnene Wolken. Es ist warm unter schweren Himmeln, der einzelnen Palme, der Nacht. Wenig ist zu finden, kaum was vorhanden, verschanzt in den Gräben der Pflicht. Ich muss mich hervorholen. Bisher gelang es nicht, nur zu diesem Neutral hat es gereicht.

Oktober

When looking for serenity, at night, beyond all complexity and improvisation, I reach for my Basic Channel records. They restore a sense of order, of imprenetable softness, of calm momentum. I remember all my directions and how to move forward. Rules as materia prima.

Es ist äußerst wichtig, dass Regeln bestehen; ausgedachte Regeln, frei erfundene Regeln, Regeln, die ihre Verhältnisse erklärbar machen. Es ist ebenso wichtig, dass die Regeln jederzeit ignorierbar sind, im Interesse der Smoothness, damit es voran geht und wir hier gemeinsam zu etwas kommen. Zu wissen, wann die Regel unverrückbar gilt und wann sie ignoriert werden muss, ist kulturelle Belesenheit und Empathie.

We keep mining ever more detailed aspects of things previously mined for cultural distinction1, new aspects of spent references, the bottoms of all barrels. Fringes of fringes, fractals upon fractals.


  1. The Farm at Black Mountain College, nothing against this book, I’m sure it’s quite interesting. ↩︎

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