Schönheit liegt auch in der Zerstörung, nichts in Formaldehyd ist je schön. Das neurotische Verbessern und Instandhalten führt zu Optimalen, die man nur mit dem Herz eines Bänkers wollen kann. Es fühlt sich an, als würde man sich wichtiger nehmen als den Zustand der Welt. Bei allem Fokus auf Selbst und Individuum: Es ist immer nichts, unbedeutend, das ist von Anfang an klar. Die Schönheit liegt im dennoch, in der nutzlosen1 Auflehnung gegen das unbesiegbare Universum.
Textnachricht, Dezember.
Auf der Flucht vor dieser Gegenwart wollen wir in der Kontingenz der Zukunft leben.
Wer sich der eigenen verschütteten Vergangenheit zu nähern trachtet, muß sich verhalten wie ein Mann, der gräbt. Das bestimmt den Ton, die Haltung echter Erinnerungen. Sie dürfen sich nicht scheuen, immer wieder auf einen und denselben Sachverhalt zurückzukommen; ihn auszustreuen wie man Erde ausstreut, ihn umzuwühlen wie man Erdreich umwühlt. Denn Sachverhalte sind nur Lagerungen, Schichten, die erst der sorgsamsten Durchforschung das ausliefern, was die wahren Werte, die im Erdinnern stecken, ausmacht: die Bilder, die aus allen früheren Zusammenhängen losgebrochen als Kostbarkeiten in den nüchternen Gemächern unserer späten Einsicht – wie Trümmer oder Torsi in der Galerie des Sammlers – stehen.
(Walter Benjamin, Berliner Chronik)
Alle Dinge haben zwei Seiten, eine fürchterliche und eine schöne, und diese sind miteinander verbunden; nicht verleimt, sie teilen ihr Inneres, ein gemeinsames Sein: Jede Schönheit, die den Begriff wert ist, steht in Flammen.
Ein graues Licht liegt auf der Stadt und auf mir, an unserem letzten gemeinsamen Tag in diesem letzten Jahr der Trennung. Ein zäher Fluss, eine dichte Luft, geronnene Wolken. Es ist warm unter schweren Himmeln, der einzelnen Palme, der Nacht. Wenig ist zu finden, kaum was vorhanden, verschanzt in den Gräben der Pflicht. Ich muss mich hervorholen. Bisher gelang es nicht, nur zu diesem Neutral hat es gereicht.
When looking for serenity, at night, beyond all complexity and improvisation, I reach for my Basic Channel records. They restore a sense of order, of imprenetable softness, of calm momentum. I remember all my directions and how to move forward. Rules as materia prima.
Es ist äußerst wichtig, dass Regeln bestehen; ausgedachte Regeln, frei erfundene Regeln, Regeln, die ihre Verhältnisse erklärbar machen. Es ist ebenso wichtig, dass die Regeln jederzeit ignorierbar sind, im Interesse der Smoothness, damit es voran geht und wir hier gemeinsam zu etwas kommen. Zu wissen, wann die Regel unverrückbar gilt und wann sie ignoriert werden muss, ist kulturelle Belesenheit und Empathie.
We keep mining ever more detailed aspects of things previously mined for cultural distinction1, new aspects of spent references, the bottoms of all barrels. Fringes of fringes, fractals upon fractals.
Zurück am See. Ich fand ihn unverändert, mit neuen Wolken wohl versehen. Mich selber fand ich älter, grau, als hätten mir die wenigen Wochen seit den letzten Zügen weitere Federn geraubt. Was auch immer dieser See noch war und ist und sein wird, er ist eine Achse in meinem jetzigen Leben, eine Erinnerung. Eine Leere, deren Ufer ich regelmäßig aufsuche, um endlich nichts zu sehen.
Ein Mann im hellblauen Tanktop, eine pinke Sonnenbrille im verbliebenen eisgrauen Haar, die NZZ auf den Knien. Eine herbe Frau mit dunklen Locken raucht gierig im Hausflur. Ein großer Mann mittleren Alters, der Kopf rasiert, eine Brille aus Titan, graue technische Laufschuhe. Die resolute Alte mit ihrem ledernem Rucksack, sie geht schnellen Schrittes in Stiefeln mit Wollsocken und rot-weiß melierten Schnürsenkeln, die Sohlen mit gebirgegängigen Profilen. Ein großer, trainierter mit Oberlippenbart und dunkelblauer Speedo gleitet vom Kai in den spiegelnden See.