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Texte über Musik, Raum, Gestaltung und Kunst. Fotos.

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Alle Texte zum Thema Musik.
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Spirit-Tech

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Alva Noto war schon immer das Alter Ego für die Hits, für den affirmationsorientierten Output des Projekts Carsten Nicolai. Dieser Musik geht es um die Beschreibung physikalischer Räume – dem Herausarbeiten der arkanen Konfigurationen, die in ihrer Metaphysik etwas fühlbares hinterlassen. Insofern ist die Uni-Trilogie (UnitxtUnivrsUnieqav) natürlich Popmusik, so berechnend wie effektiv.

Diese Präzision bleibt dabei unverschleiert, das Gefühl in einem antiauthentisch herauspräpariert und hochgradig empfindbar gemacht. Dies gilt für den dritten und letzten Teil der Serie in besonderem Maße: Unieqav reißt noch einmal alles ab, was die Stätten des Kunst- und Lebensbetriebs in den Städten hergeben. Printworks London, Margiela GATs, Karl-Marx-Stadt, Doppelhelix auf eins und vier. Heimweg zu Uni Blue, dem aufgerauten Hit der LP, ein Track wie gewaschener Kaschmir.

Ich erinnere eine der frühen Aufführungen dieser Platte in einem dunklen Theater in Barcelona, der Welt fern und nah dem kollektiven Inneren. Pop: Das Gefühl eindringlich vorhanden und aufgelöst zu sein. Gemeinschaft, oder zumindest Gefährtenschaft, erzählt auf eine Weise, die ich verstehen kann.

  • Alva Noto – Unieqav, LP. Noton, 2018.
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Big Yes

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Manche Gedankenformen habe ich so häufig vorfolgt, dass sie zu Bedingungen meiner Wahrnehmung der Welt geworden sind. Ich arbeite mich an Themen ab, und so wenig sie mit der elusiven Natur von Realität01 zu tun haben, so instrumentell sind sie für die Herstellung von Wahrheit als subjektive, kontingente Folgerichtigkeit. Inhaltlich letztlich bedeutungslos, aber Pfeiler eines funktionierenden Frameworks um klarzukommen.

Eines dieser Themen ist die Hochverdichtung eines Gedankens bis zu dem Punkt, an dem nicht mehr unterscheidbar ist, ob er sehr klug oder sehr dumm ist. Werden diese Pole äquivalent, sind andere Kriterien interessant und notwendig: Intensität. Effizienz. Case in Point: Das unbetitelte Release einer ebenfalls unbenannten Produzentin des nuller-Jahre-Labels Pom Pom bei Ostgut. Diese EP ist pure Form, ein Bekenntnis zum Geradeaus und zur Intensität. Musik wie diese scheint mir nach wie vor die einzige Chance, meinen Drang zur permanenten Unterscheidung für eine kurze Weile auszusetzen. Vielleicht geht es auch in erster Linie um Commitment: Commitment zu genau einer Idee, so einfach, richtig und begrenzt sie auch sein mag.

Dieser Text erscheint mir weniger zielführend als der Waschzettel des Labels zu diesem Release: Black strikes back. Pom Pom. Bumm Bumm. Ja Ja. Vollkommen richtig.

  • Pom Pom – Untitled, EP. Ostgut Ton, 2018.
  1. Dieser Begriff verlangt stets nach Anführungszeichen oder – zumindest – Kursiven: I always perceived radical constructivism as a survival tactic.↩︎
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Transparente Elektronik

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Im Falle von Topdown Dialectic von Releases zu sprechen ist einigermaßen missverständlich. Was bei Bandcamp (via Aught) als Tapes und Dateien verfügbar ist, gleicht eher arbiträren Mittschnitten einer kontinuierlich laufenden Modulation: Aufnahme und Wiedergabe eines endlos verspulten, stets neuen Grooves. Loop-basierte Musik, transparente Elektronik. Sie legt sich wie ein Film über jeden Ort, wird unmittelbar Teil der Ambience.

Trotz des so stark empfundenden Raumbezugs ist den Topdown Dialectic-Tracks ein Element der Ferne gemein. Ihre hellgraue Körperlosigkeit erreicht nie das hier, den Vordergrund, sie bleiben im dort, eine architektonisch zu spürende Abstraktion, Musik als Infrastruktur.

In letzterer Hinsicht sind sie konkret und spürbar: Cleane Wärme, ein freier Schreibtisch an einem Frühlingstag. Clicks und Impulse für alles, aber keine Dichte, kein Gewicht, kalifornische Sonne, Samstag, 10:21.

… rolling from Actress or Lee Gamble-style skank-house in 05 to the frayed swing of 06 and luscious cyber-boogie-dub in 07, whilst 08 does blown-out dub with trippy flair, and the final couplet of 09 and 10 feel like the mutant antecedent of Pole’s best, early work and the unquantised ecologies of FiS.
  • Topdown Dialectic – 20170804. LP. /\\Aught, 2017.
  • Topdown Dialectic – /\\09. LP. /\\Aught, 2015.
  • Topdown Dialectic – /\\02. LP. /\\Aught, 2014.
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Deine Qual ist meine Lust

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1983 hatten die 80er Jahre des vergangenen Jahrtausends vollends begonnen, und damit das große Jahrzehnt der Selbstunterscheidung und eines der besten Jahrzehnte popkulturellen Outputs überhaupt. Zusammengebissene Zähne und technische Schärfe: Voller Selbstvertrauen, Amphetaminen und neuem Equipment machen sich die Protagonistinnen an den Rändern01 der Vermarktungsmaschinen durch experimentelle Selbstanwendung auf die sich professionalisierenden Welt selber zum Output, das Individuum wird künstlerische Arbeit.

Dieser Zusammenhang hat mit meiner aktuellen Verknalltheit in Xmal Deutschland und die 1983-Version von Anja Huwe zu tun. Trotz meiner großen Zuneigung zum rauen Vulgärminimalismus des Wave hatte ich die Gruppe recht lange erfolgreich ignoriert, vermutlich aufgrund ihres einigermaßen doofen Namens und einiger arger Fehlgriffe im Spätwerk. Das war ein Fehler, denn Fetisch, das Debut von 1983 ist eine ziemlich umfassende Welterfindung im eingangs beschriebenen Sinne. Ein ästhetisches Framework für gestrippten Grandeur und High-Goth-Theatralik, ein schwarzer Blick hinaus in die Welt (Kämpfen), die Versammlung der guten Bösen (Hand in Hand). Der tighten Intensität von Qual02, diesem löchrigen Groove, steht Anja Huwes Gesang gegenüber – und es ist wirklich Gesang, kein Wegducken in Affekte oder Shouting. Diese Frau hatte keine Angst, das ist die geschulte, geprobte und aufgenommene Wahrheit. Hier ist gemeint was gesagt wird, die Semantik von Xmal Deutschland spiegelt die Direktheit der Musik.

Wie gesagt, ich bin ganz verliebt, ich kann mich nicht wehren gegen diese große Konzentration und die weltgreifende Anmaßung der Attitüde dieser Gruppe. Fetisch ist ein Powermove, ein Manifest dafür, innere Fragilität nicht als Hinderung, sondern als etwas zu schützendes zu begreifen. Ein perfekter Zeitmoment, gelöst in einer umfassenden Ästhetik.

  • Xmal Deutschland – Fetisch. LP. 4AD, 1983.
  1. Inzwischen ausgekundschaftet und geschmackvoll vermarktet durch sehr gute Labels wie Dark Entries, Minimal Wave und Archivaren (wie Mutant Sounds). Das ist nicht schlecht, denn Gruppen wie Lunapark und Nagamatsu haben größere Publika verdient.↩︎
  2. Der 12″-Remix von Qual ist vollständig floortauglich; es ist eine Schande, das B-Seiten-Dubs kein Ding mehr sind – ebensowenig wie B-Seiten, for that matter.↩︎
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Mythology of Selves

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Es war ein klares, kristallenes, nüchternes Jahr, eindeutig in den bleibenden Momenten wie in seinen Tiefpunkten. Nach 2016 war wenig zu träumen und viel zu realisieren. Wir wissen schmerzhaft genau, wo unsere Grenzen liegen. Wir kennen Techniken, um uns verlässlich für einen Moment daraus zu befreien. Diese Effizienz macht misstrauisch, und jeder Erfolg muss zu Skepsis führen. Darum müssen nach dem Interimsjahr 2017 nun neue Dinge und neue Konstellationen erfunden werden, auf die wir uns anwenden können.

Ich bin diesem Jahr dankbar für simple Momente ruhender Schönheit, die kein produktives Reißen erzeugten, sondern einfache Teilhabe an der Gegenwart. Das fiel mir nie leicht.

In Basel gibt es einen Fluss im Sonnenlicht und all den Beton, es gibt die Möglichkeit einer Insel und das gelbe Licht in der Nacht in Weimar. Es gibt den Regen in gläsernen Schluchten und immer noch Teppich in den Terminals des Changi Airport. Wieder Tate Modern, wo Tillmans 2017 formuliert. Es gibt die Möglichkeit, loszulassen, Kopf und Körper auf wundervolle Weise zu erledigen. Es gibt die dunklen Tropen (die Welt ist unglaublich). Wir dürfen den Besten zuhören. Es gibt ein Konzert der Einstürzenden Neubauten und das Bauhaus steht für uns noch. Nicht überall, aber überall hier gibt es ungebrochene, ewige Gemeinschaft, true Zeitgenossenschaft.

Everything one invents is true.

Tracks, die wichtig waren, kurz vor und kurz nach den definierenden Momenten des Jahres 2017.

Winter

  • Killah Priest – Cross my Heart
  • Kangding Ray – Epsilon
  • Tangerine Dream – Phaedra
  • Maurizio – M06a1
  • Jesse Osborne-Lanthier – Blackwell Dynonetics
  • Kyoka – Hovering
  • Senking – Lighthouse Hustle
  • Black Marble – Static
  • Einstürzende Neubauten – Keine Schönheit ohne Gefahr
  • Gener8ion – H808
  • Joy Orbison – Rite Ov
  • CO/R – Bells, Walking
  • Einstürzende Neubauten – Morning Dew

Frühling

  • Colourbox – Looks Like We’re Shy One Horse/Shoot Out
  • Kangding Ray – Purple Phase
  • Carsten Jost – Army Green
  • Freddie Gibbs – How we Do
  • Sverca – Peels a Tangerine (Regis Remix)
  • Shed – Taken Effect
  • Ital Tek – Re Entry
  • Vril – Lazar
  • Freddie Gibbs – Knicks
  • JP Enfant – Rem Phase
  • Fragile – Fast Lane
  • Alva Noto – Bit
  • Seawash – Closer (Vox)
  • Artefakt – The Mental Universe

Sommer

  • Trust – Peer Pressure
  • Lorn – Vestige I
  • Peter van Hoesen – Coast to Coast
  • Rin – Blackout
  • Island People – Colour District
  • D.A.F. – Kebabträume
  • Alva Noto – Milan
  • Curren$y – Scottie Pippen
  • Few Nolder – Wisher
  • Tha Audio Unit – Make a Move
  • Rhythm & Sound – Troddin Version
  • Tlim Shug – Rari Techno
  • Sawlin – Motion Keeper
  • RZA – Airwaves
  • Maud Geffray – 1994
  • Zomby – Zprite

Herbst

  • 死サイコロ – Жребий брошен
  • Lavascar – Lavascar
  • Lee Gamble – M25 Echo
  • Rin – Monica Bellucci
  • M.E.S.H. – Search. Reveal.
  • Pilotpriest – White Blazer (Darknet Edit)
  • Demdike Stare ‎– At Rest (Version 2)
  • Die Dominas – Die Wespendomina
  • Turinn – 1625
  • Rhythm & Sound – Mango Drive
  • Basic Channel – Q1.1 B01
  • Lee Gamble – UE8
  • Gaika – Roadside
  • Nick Cave and the Bad Seeds – Weeping Song

Winter

  • Caapi – Untitled
  • Lee Gamble – You Hedonic
  • Vril – Anima Mundi (Side 2)
  • New Order – Ultraviolence
  • Andy Stott – Posers
  • Demdike Stare – Savage Distort
  • Miles – Plutocracy
  • Claro Intelecto – Sunshine
  • Q3A – Temple of Retribution
  • D’Marc Cantu – Fenset
  • Mama Bubo – Sen
  • Claro Intelecto – Ageless Eyes

Sets sind idealerweise transportable Atmosphären für Momente in Transit oder im Flow. Das Tape ist nicht tot, und ich freue mich über Labels wie Oblast, die diesem Format gerecht werden. Weiterhin häufig gehört und bemerkenswert gefunden:

Sets

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