electricgecko

Dezember

Dieses Jahr war Zeit für Musik. Nach den vergessenen, überarbeiteten Jahren zu Beginn der Dekade war 2022 hell und weit, es begann früh und blieb offen, wie ein langer wacher Sommer. Ich konnte Musik aufmerksam hören, selten fand ich mich in Situationen, in denen ich sie benutzen musste – und wenn, dann tat ich es mit der Lust, das Bewusstsein zu verlieren (SPFDJ, give me strength). Das war eine Entscheidung und ein Bruch.

Meine Aufmerksamkeit und Begeisterungsfähigkeit für Details in Musik war wieder präsent, die Freude über wilde Entschlossenheit und kluge Ideen: Manchmal bin ich so hingerissen, dass mein Glaube an Schönheit und Würde für einen Moment wieder hergestellt ist1. Diese Quelle von Optimismus wurde mir in diesem Jahr wieder bewusst. Ich wollte bewegt werden, ich wurde bewegt, und Musik war die Richtung.

Wenn ich diese fünf Releases betrachte, scheinen sie mir universell, wenig gebunden an Erfahrungen oder Orte. Was ich gehört habe, habe ich dauernd gehört. Keine dieser Platten ragt heraus, wie es Darkside’s Spiral im vergangenen Jahr tat. Diese Platten sind abstrakt, vielschichtig und deep, sie eint eine gewisse Ruhe. Wenige Freakouts, keine Gitarren, keine großen Gesten und kein Geschrei. Vielleicht bin ich da etwas auf der Spur, vielleicht habe ich mich weniger an der Welt gerieben, weniger von mir vebraucht als ich gewonnen habe. Das wäre neu und gut, und vielleicht ist das die Richtung des vierten Jahrzehnts.

Listen to the few that understand rationality and poetry alike, who cannot fathom difference between knowing and making, able to create the world by speaking it. The ones that act and think in silence, obscured and friends with shadows and birds and moss, disconnected as in free.

  • Strategy – Unexplained Sky Burners (Peak Oil)

    Bevor es wirklich Sommer wurde in diesem Jahr, saß ich im Sand am Atlantik. Wir waren weit gegangen, wir hatten die Raffinerie hinter uns gelassen, wir hatten wenig mitgebracht. Wir ließen uns nahe des Obelisken nieder und besprachen den Zustand der Welt, und wie in Zukunft Umgang mit ihr zu finden sei. Mitten im Satz springe ich auf und renne, einer plötzlichen Sucht nach Intensität folgend, auf das kalte Meer zu. Die wenigen Sekunden, die ich brauche, kann ich den Moment des Eintauchens, des Auflösens im Salzwasser nicht erwarten, das kinetische und körperliche Außufern. Ich werfe mich in das Meer und in den Sand, und ich werfe mich in die Welt. Ein Mikroexzess, zu subtil und merkwürdig als dass er für die meisten erkennbar wäre.

    Unexplained Sky Burners zu hören, ist wie ein Bruchteil von Momenten wie diesem. Diese Tracks sagen nichts, und es gibt nichts über sie zu sagen2, hier ist nichts zu lesen, nur alles zu fühlen: Das encodieren und decodieren ist zeitweise ausgesetzt, Sprache hört auf, ein Bruch, ein Verglühen des sonst immer vorhandenen. Die Bedeutung dieses Albums für dieses Jahr liegt in seiner Sprachlosigkeit, und darin, wie es mich aus allem herauszuziehen in der Lage ist. Es erklärt nichts. Es ermöglicht neues Handeln.

  • Jamal Moss – Thanks 4 the Tracks you Lost (Modern Love)

    Es war ein Jahr auf der Suche nach Alternativen, der aufregenden Frage, was auf der anderen Seite der Kontingenz liegen möge. Wohin ginge all die Energie, wäre sie frei, sich in alle Richtungen auszudehnen? Thanks 4 the Tracks you Lost mag eine der Antworten auf diese Frage sein. Die sechs verlorenen Tracks sind keine EP, eher ein kurzes Best-of aus dem ausufernden Katalog von Jamal Moss3, ausgewählt von Modern Love und bei der Gelegenheit mit dem besten Artwork des Jahres versehen. Moss sucht bereits seit langem nach Alternativen, er tut es in großer Breite und Vielfalt. Mit Chicago House4 als Ausgangspunkt verfolgt er Strategien der Entgrenzung. Alles geht, und zwar zugleich und in rascher Folge: Footwork (When Love knows no Bounds), Funk, Big Room Techno (This is 4 the Rave Bangers), zu Eisnadeln gecrushte Vocals, Hooks die keine sind (weil sie nur einmal vorkommen), Minimalismus gefolgt von Maximalismus, dann plötzlich Ruhe, eine warme Rhodes, plötzlich ist es einsam auf dem Floor.

    Dem entsprechend ist Thanks 4 the Tracks you Lost eine ungeheuer eklektische Angelegenheit. Es ist Musik, die der Intuition mit dem Ziel folgt, sie vollständig und wahrhaftig offen zu legen. Es könnten Live-Aufnahmen sein, in einem Take. Die Energie der Produktion wird nie gebündelt, sie ist frei, ihren eigenen Weg in der Weite der Vorstellungskraft ihres Schöpfers zu finden. Dennoch bewahrt dieses Release zu jeder Zeit seine erkennbare Form, es wird zusammengehalten durch den Druck ihrer Intensität und Aufrichtigkeit. Das hat diese Platte für mich verständlich gemacht. Gleichzeitig war sie neu und aufregend, als Musik und als Abkehr von der Sicherheit bekannter Strategien, als Marker für was sein könnnte: same energy, less direction, Be Fearless in Your Pursuit Of What Sets Ur Soul On Fire, das ist einfach und richtig.

  • Moor Mother – Jazz Codes (Anti-)

    Nun diese Platte, die auch ein Buch oder ein Film oder eine raumgreifende Installation sein könnte, oder alles nacheinander oder alles zusammen – so viel weiß Camae Ayewa und so viel vermag sie in Worte zu fassen. Als Moor Mother hält sie auf Jazz Codes Hof. Sie ist die Bandleaderin, die Universalgelehrte. Sie produziert durch Beschwörung, deutet auf ihre Solisten und Alter Egos, verwebt ihre Beiträge in einen Groove aus Produktion, Rezitation, Rap, Gesang und Text. Das Ergebnis ist ein Stream of Consciousness, ein fließendes Hier und Jetzt ohne Ort und Zeit, ein universeller Chant, eine Synthesis. In ihren Worten: I can shift this shit, I can lift this shit, I can last all night.

    Diese Platte steht in der Historie von Blue Note und Monk, Miles, Prince, Eryka Baduh, Wu-Tang, Outkast und D’Angelo. Mir fällt keine wichtigere Vertreterin ihres Gedankengutes ein, inklusive der satten oder toten Urheber. Das ist bemerkenswert und Bürde genug. Doch Moor Mother’s Blick reicht weit über ihr unmittelbares musikalisches Universum hinaus, es umfasst Literatur, Spirituals und aktuelle Poesie, blk girl blues, project housing bop and black ghost songs5, Mr. Bones, John McPhee und Iggy Pop. Selbst vor diesem Hintergrund ist die Vielfalt an Styles und Stimmungen bemerkenswert. Real Trill Hours ist eine Nokturn, allein mit den glühenden Devices und den glühenden Gedanken, ein Verweis auf Schreiben in der Nacht als M.O. und als Fluchtweg – und dann gibt es auch acht Bars von Yung Morpheus und das ganze ist irgendwie der smoothe Hit des Albums. Barely Woke ist die Skizze eines Garage-Tracks im Hintergrund einer Rezitation, die zu Rap wird und schließlich detailreich zerfällt. Rap Jasm entwickelt aus zwei Samples eine komplexe lyrische Dramaturgie, die endet before it’s all said and never done. Unreal.

    Ich erinnere mich, wie ich im Frühling im dunklen London den langen Weg nach Hause gehe. Ich bin gebannt von Camae Ayewa’s Stimme. Ich überquere eine Brücke, ich folge den Tracks und ich folge den Lichtern, Skaterkids ziehen Bahnen. Ich bin ganz hier und zugleich im Kosmos der Verweise, in einem mehrdimensionales Flechtwerk, alternierend zwischen soulful und raw, zwischen der großen Anklage der zerstörten Gesellschaft der Vereinigten Staaten und dem spirituellen Consciousness einer parallelen Gesellschaft, die über Geist und Körper, Kultur und Sport Einfluss auf das Endstadium der Konsumgesellschaft gewonnen hat. Hier liegt die größte Hoffnung diesseits der strukturellen Kaputtheit des industrialisierten Kapitalismus.

  • Relaxer – Concealer (Planet Mu)

    Wenn ich in naher oder ferner Zukunft erklären wollte, wie sich dieses Jahr angefühlt hat, würde dieses Album nennen. Vielleicht gab es wichtigere oder präsentere Musik, für die Welt und mich. Aber Concealer ist das richtige Vokabular um den langen Sommer, der 2022 war, zu beschreiben. Wie häufig ist es der Bezug von Sound auf Raum oder die – von mir so wahrgenommene – Definition empfundener Räume, die diese Musik greifbar macht. Das ist ein Muster. In diesem Fall sind die Räume nicht eindeutig definiert – hier scheint für vieles Platz zu sein, aber wir empfinden die Ausdehnung dieser Tracks nie vollständig, ihre Größe und Form scheinen sich zu verändern, Dimensions variable. Das ist ein gutes Gefühl, und das ist neu. In manchen Tracks auf Concealer herrscht eine rastlose Spannung, ein Oszillieren auf der Stelle, das die Schwingungen der Atome aufrecht erhält. Organismus und Technologie sind gleich schwer und gleich bedeutsam in diesen Räumen, schrieb ich dazu im September.

    Eine Sache ist hinzuzufügen. Der Output von Daniel Martin-McCormick als Relaxer ist umgeben von einer spartanisch, aber bemerkenswert präzise definierten Ausdruckswelt. Text, Gestaltung, Fotografie, Track-Titel und Release-Titel, Pseudonym und Styling sind so gut und so spezifisch in ihrer Relation zueinander, dass sie mehr bilden als die gemeinhin notwendige, hinreichend anschlussfähige Ästhetik. Jede Entscheidung ist entschlossen und ihre Gesamtheit ist kohärent ohne eindeutig zu sein. Hier wird keine Identität definiert. Es ist der Vorschlag einer Perspektive auf die Dinge, eine Art der Bezugnahme von innen auf außen. Auch in dieser Hinsicht ist der Eindruck vieldeutig: Am Kontext des Clubs (und damit der Welt) nimmt die Hörerin dieser Musik distanziert, aber bewusst teil, mit dem notwendigen Abstand für Konzentration und aufmerksame Wahrnehmung. Wer was mitbekommen will, muss anwesend und bereit sein, aber nicht mittendrin und nicht zu allem.

    Bei aller Bestimmtheit bleibt diese Musik ergebnisoffen, sie ist unversell zur Zeit: angemessen für das allgemeine Gefühl hier und jetzt, und doch ohne jede direkte Anschlussfähigkeit für ein Thema oder einen Aggregatszustand, Musik als Raum und Interval.

  • Borderland – Transport (Tresor)

    Diese Platte fuhr wie ein silberner Zug durch das Jahr. Sie beschreibt die Entwicklung eines spezifischen, präzise geformten Sounds durch die Dauer und Dramaturgie einer Langspielplatte: Kraft mal Weg, der Beweis des Energieerhaltungssatzes mit den Mitteln von Techno.

    Diese Musik ist Dub-basiert, und als solche geht es ihr um Konzentration und Versenkung, Schweben bei großem Gewicht6. Das ist nur in Balance möglich, also der Zustand nach dem alle Dinge und Wesen streben. Acht Elektronen auf der Außenschale, die Balance der Konzentrationen auf beiden Seiten einer permeablen Membran. In dieser Hinsicht ist Transport ein zirkuläres Album, sein Momentum zielt nicht auf Fortschritt, sondern auf Introspektion. Was Moritz von Oswald und Juan Atkins produzieren, leitet Energie nach Innen, sie wird der Musik wieder zugeführt. Reflektion erzugt Rotation, Rotation erzeugt Balance.

    Es begann im Mai, als Moritz von Oswald einen seltenen Gig spielte, im Keller eines Kinos in Porto. Noch in der Nacht befasste ich mich einmal mehr mit seinem Output und all den Projekten, es war meine Rückkehr zu Detroit, zum gemessenen Living Room Techno, zum Eiermann-Techno und zu Dial7. Diese Dinge aus meiner Vergangenheit, die neue Sinne ergaben. Lightyear und Riod, Tracks die niemals Hintergrund sind und dennoch Raum lassen, der Vergangenheit und Zukunft verbindet. Das ist monumentale Musik, die nichts betäubt, schrieb ich im August. Das ist vermutlich, was ich in den vergangenen acht Monaten erster Linie brauchte: Aufmerksamkeit, Wachheit, innere Offenheit für Zukunft. Ich hörte diese Platte immer wieder, ich stieg in diesen Zug. Sie hat mir geholfen, zu verlassen was falsch geworden ist. Sie gehörte zu nichts und zu allem, sie ist die Atmosphäre von 2022.

Generell relevant, stets vorhanden oder kurz wichtig: Au Suisse – S/T, Borderland – S/T, The KVB – Unity Remixes, Carsten Jost – La Collectionneuse, Sten – Earthshine8, Yves Jates – M, Sky H1 – Azure, Onoe Caponoe – Voices From Planet Cattele, Mhamad Safa – Ibtihalat, Relaxer – Licking, She Past Away – X, Kuedo – Infinite Window, VA – Best of Delsin Records 2022, Airchina – LP3, Andy Stott – The Slow Ribbon


  1. Ocean Vuong hat es besser gesagt: There are moments, I think, that are more heartbreaking or absurd in reading, which I respond to by simply putting the book down (…) For me, those moments are so full of astonishment that there is no room even for their expression. (…) Maybe there’s just something wrong with me in that I cry and laugh at life — but often end up in muted awe and wonder of words. ↩︎

  2. Es gibt selbstverständlich immer etwas zu sagen, zumal über die technischen und handwerklichen Aspekte dieser Musik, und über die Art, wie sie verankert ist, die übliche Suche nach Verbindungen zu Welt und Selbst: Musik die es nicht gibt ↩︎

  3. Ein wichtiger Teil dieses Katalogs läuft natürlich unter dem Pseudonym Hyroglyphic Being, und der vielleicht interessanteste Teil als Mitglied von Africans with Mainframes. ↩︎

  4. Also dieser anderen Sorte House, mit der ich immer meine Schwierigkeiten hatte: zu nervös, zu freaky, zu sehr anything goes, why not und all das. Ich lag falsch, wie mit so vielen anderen Dingen, die mal richtig gewesen sind. ↩︎

  5. So ihre selbstgewählten Genrebeschreibungen, die treffender nicht sein könnten. ↩︎

  6. Ich kann nicht anders als die Echos und Schichtungen von Dub als Gewicht wahrzunehmen, nicht wie das Gewicht eines schweren Objektes, eher wie das implizit wahrgenommene, eher gewusste Gewicht des Wassers über mir am Grund eines Pools. ↩︎

  7. Neben der viel besprochenen Achse Detroit–Berlin gibt es natürlich auch Detroit–Hamburg. Von Oswald ist Hamburger, und die Stadt fand in den frühen nuller Jahren zu einer eigenen Version von Detroit: die Stoik der Musik und der Menschen, ihr Schalk und ihre Sachlichkeit, sie entsprachen einerander für einige Jahre. Dial Records formten daraus eine eigenständige Version von Techno, die mir vor vielen Jahren Hamburg ermöglicht hat. und das dieses Jahr bestimmt hat, in dem ich die Stadt zu verlassen begann. ↩︎

  8. Ein Verweis zurück auf The Essence, eine der zentralen Platten des Dial-Universums. ↩︎

Elektronische Musik reflektiert die Bedingungen ihrer Produktion, die Schichtung der Ebenen, die Dramaturgie von Bars und Parts – sie sind das Relief der Interfaces der Maschinen, mit denen sie erzeugt wurden, freigelegte Produktionsspuren sozusagen. In in der kargen Dramaturgie Floor-orientierter Musik werden sie besonders deutlich, lassen sich reverse-engineeren und zurückführen auf unmittelbare, lineare, westliche Emotionslogik und die Devices, die erfunden wurden um diese effizient zu bedienen1. 2022 sind alle Devices Software, sie sind ein Staub der Möglichkeiten, eine Wüste aus imaginierten Plugins und Effekten und digitalem Klebstoff dazwischen. Das Wissen um Produktionsmaterial hat eine neue Qualität erreicht und mit ihr eine gewisse Porösität von Musik, die Angriffspunkte für komplexere Ideen und mehr verschiedene Menschen ermöglicht.

Mhamad Safa ist einer dieser Menschen. Er weiß das Poröse zu greifen, er findet Schnittstellen die komplex genug sind für die rhythmischen Traditionen seiner Sozialisation: Es braucht eine prozessorientierte Betrachtung, einen Stream oder ein zirkuläres Verständnis, um die Tiefen der nordafrikanischen und levantinischen Songstrukturen zu lesen. Sein Release Ibtihalat ist detailreich zerklüftet und polished zugleich, ein komplexes System, dessen fraktale Struktur nicht in Bars und Parts zu beschreiben ist. Diese Musik ist wild und geordnet zugleich, sie ist beides in jedem Moment.

Ein Track wie Ouda & the Strikers ist als Dramaturgie, als Storytelling zu begreifen und im gleichen Moment als Musik, deren überwältigende Präsenz fast skulpturale Qualität bekommt. Sie ist Designprozess und Beschwörung, eine Legierung aus Industrie und psychologischer Macht, Mathematik und Ritual.

Nicht nur diese Auflösung von Körper und Intellekt in Musik legt den Vergleich zu Iannis Xenakis nahe, sondern auch die Fähigkeit, Maschinen perfekt zu verstehen und sie mit diesem Wissen gegen ihre eigene Natur zu verwenden. Wie Xenakis gliedert auch Mhamad Safa seine Devices in die Geschichte der Kulturtechnologie ein, älter und weiser als die in Platinen und Code eingeschriebenen Interessen ihrer allzu weißen Urheber.

Ibtihalat ist eine der anstrengenden und interessantesten Platten des Jahres. Musik zum Denken, Musik zum nichts mehr denken. Ein Plateau von dem aus beinahe unsere Zukunft zu sehen ist.

(Ich begann diesen Text im April und konnte ihn nicht beenden. Im Dezember, beim wieder-hören der interessanten und wichtigen Musik des Jahres, weiß ich was ich sagen wollte.)


  1. Die weiße Transparenz dieser Maschinen hat erst in den Händen der schwarzen Diaspora in Detroit, Chicago und London Raum und Funkiness gewonnen. Wir sprechen nicht von Techno, wenn wir von weißen Männern sprechen. ↩︎

Eine merkwürdige Platte, Unexplained Sky Burners, liegt quer in der zweiten Hälfte dieses Jahres und fordert kognitiven Raum. Es ist ein wortloses Release, ein Album gefüllt mit Bildern, wie sie an den Enden von analogen Fotofilmen zu finden sind. Brechende Farben, Motive die keine sind, grafische Kompositionen, die niemand gestaltet hat. Der Titel unterstreicht es: Was hier vor sich geht, ist unklar, aber spezifisch. Nichts zu lesen, alles zu fühlen. Es ist vertraute Musik, die es nicht gibt.

Die Tracks bedienen sich aus einer imaginierten kollektiven Erinnerung, sie scheinen aus Versatzstücken gesampled zu sein, die niemals vollständige Tracks waren. Diesen Club gab es nicht, und wir waren nie zusammen dort, wir haben diese Musik nicht gehört – aber wenn ich nachts die Goltzstraße hinabgehe, dann gehen Menschen durch ihre Straßen in Taipeh und Istanbul, hören diese Musik und fühlen was ich fühle, davon bin ich überzegt. Unexplained Sky Burners wendet sich gegen Nostalgie für die neunziger und nuller Jahre, zieht ein künstlich geschaffenes Hier und Jetzt verklärten Erinnerungen vor.

Die Kunst von Paul Dickow besteht im Zerlegen des bestehenden Materials in seine feinsten Bestandteile, molekulare Musik, Musik aus elementaren Bestandteilen von Techno: Wobbles, Stabs, Slaps, Horns und Klicks und weitere hoffnungslose Lautmalereien der Soundbeschreibung werden in disparate Arrangements verstrickt, die soch scheinbar schon immer so zusammengehört haben müssen. In dieser Hinsicht sind die Tracks also from first principles gebaut, also weder neu noch alt, sondern die Gegenwart eines Paralleluniversums, dass von außen, durch den Himmel in unser Ravekontinuum drängt. They are a specific attempt to grapple with iconic samples in a kind of archaeological dissection, sagt der Waschzettel1 ganz treffend.

Wenn Blue Situation und Bassmaker aufeinander folgen, könnte ich überall sein, aber ich bin in Porto und habe noch vier Kilometer und zehn Katzen vor mir, Pace, Traktion und Bodenhaftung könnten nicht besser sein.


  1. 1998–2003: Die Worte aus meiner Zeit bei der Zeitung, sie werden nie verschwinden. ↩︎

November

[Xenakis‘ music] is an alien shard, glimmering in the heart of the West. (Alex Ross)

Zeit ist vergangen, zwei Jahre und fast ein weiteres, und manchen Erinnerungen1 begegne ich wie ein Fremder, oder ein Anderer. Das Atonal-Festival war eine Konstante und eine Bestätigung, ein Denkmal für das Richtige in der Welt und in der Musik. Es gab kein Festival in diesem Jahr, aber X100, Konzerte und Inszenierungen zum hundertsten Geburtstag von Iannis Xenakis2. Eine Veranstaltung mit vergleichbaren Mitteln, aber transformierter Perspektiven: Unten ein Perkussionsensemble am Boden des Lichtschachtes. Vor und hinter uns die Serialität und Modulation der aus Stahlrohr errichteten Bühnen, sie sehen aus wie gefrorene Equalizer. Über uns die Weite von Bau und Raum und Zeit. Dieses mal ist nicht Techno der Ausgangspunkt unserer Aufmerksamkeit, es sind ältere Zuwege, ein tieferes Verständnis von Musik.

Ohne Kontext und Reihenfolge:

Pléïades, the circulating, layered, intersecting, air-compressing percussive piece, is reverberating upwards and around us and towards Kraftwerks stoic t-beams. Its rhythm is taking on tectonic qualities, intersecting and locking itself in place, suspended in air and held without external force. Music of wooden strength and earthen power. This is analogue body music.

Infinite complexity, infinite modulation of ideas, destruction of direction, reassembly: a swarm of small grey fish in algorithmic motion in a rock basin by the Atlantic coast.

The guidebook speaks of diffusion, rather than performance of these works. Sergio Luque recites Hibiki Hana Ma (composed for Expo ’70, Osaka): re-assembling its audio frames by bouncing boomy reverbs across six dimensions. Once again, this venue plays the artists.

The kind of precisely metered drumming that has put species under spell for milenia, the primal tick tock, is performed here and now by Valentina Magaletti. There is a dark drone beneath, its complexity wrapped in felted wool. Blue smoke slowly oozes along dark floors, I find myself transported into Michael Mann’s questionable setting of The Keep (1983), must be the palette, or my haunted longing.

This music is not performance, it’s more like weather, a condition of space and time.

Utmost concentration and concentricity in Rides of Discord, the piece comissioned from Puce Mary and Bill Kouligas. It presents a clear diametral arrangement around an algorithmic string progression: opening with shaped noise (a hint of groove, remarkably) and closing with explosions of light synced to brash white flares of analogue synths. Onyx shattering, voids beyond the beams, the dark between the stars.


  1. Bei meinem ersten Besuch entschied ich mich, Notizen zu machen und wenige Bilder. Ich schrieb Reaktionen im Moment des Erlebens in eine Textdatei auf meinem Telefon. In späteren Jahren habe ich einige dieser Notizen hier veröffentlicht. Wenn ich sie heute lese, erinnere ich mich präzise an den Moment und wie sich das anfühlte, aber ich scheine von einem anderen Ort herüber zu blicken. Gleicher Aufstieg, anderes Plateau. ↩︎

  2. Nach einigen Begegnungen bei meiner Arbeit mit Ensemble Resonanz war es vor allem The Architect is Absent, das Xenakis für mich fassbar machte. Ich empfehle es sehr. ↩︎

September

Luxus ist Abstand von den Dingen, Raum der keinen Nutzen hat, nur die Unterscheidung überdeutlich markiert, weit und leer genug, damit du dich darin selber aufhalten kannst. Die Leere ist das Essentielle, ihr Gegenüber existiert nur als Gegengewicht und Markierung, der Garten definiert das Haus. Das sind keine neuen Ideen. Ich denke und schreibe immer wieder über Nichts und ungefüllten Raum – nicht als eine Abwesenheit oder etwas das fehlt, sondern als etwas Absichtsvolles, Leere die besteht, Leere als Luxus, Abstand a priori. Jedenfalls, Musik.

Die Musik von Relaxer ist luxuriös auf diese Weise. Es sind Zeit und Licht und Raum, aufgehoben in weiten Umlaufbahnen, gerade weit genug ausgearbeitet, um Rotation und Balance zu erhalten, floaty Meditations on a Garage-type Beat. Bei aller Bestimmtheit bleibt diese Musik ergebnisoffen, sie ist unversell zur Zeit: angemessen für das allgemeine Gefühl hier und jetzt, und doch ohne jede direkte Anschlussfähigkeit für ein Thema oder einen Aggregatszustand1. Relaxer operiert derart präzise dazwischen und daneben, wie es sonst nur Lee Gamble kann, oder halt Ital bereits auf Planet Mu konnte, das inzwischen abgelegte primäre Projekt von Daniel Martin-McCormick.

In manchen Tracks auf Concealer herrscht eine rastlose Spannung, ein Oszillieren auf der Stelle, das die Schwingungen der Atome aufrecht erhält. Organismus und Technologie sind gleich schwer und gleich bedeutsam in diesen Räumen. Erst der letzte Track, der titelgebende Concealer, macht spürbar, wie viele Ecken und Klingen sich in den Weiten dieser Musik verborgen haben müssen. Er verweist zurück auf den Luftdruck und das Metall in Traps and Lures, das Aufrastern der Klangplatten in Excision in Androgyne; Mello war offenbar das Echo eines Ravehits von 1998? Und natürlich war da der Beginn, die zunehmend androide Stimme von Kahee Jeong, eerie und verführt: Let The Walls Drip. Hier war nichts leer. Du warst hier und du hast dich aufgehalten.

  • Relaxer – Concealer, 12×LP, Planet Mu, 2021
  • Relaxer – Licking, EP, Lovers Rock Recordings, 2022

  1. Auf Licking, dem neueren Release vom Anfang dieses Monats geht es konkreter geradeaus: Der Titeltrack samt Kilbourne Remix und Disinfectant sind reines Momentum. Doll allerdings klingt wie der elfte Track, der Concealer noch gefehlt hätte. Ein windendes, schillerndes Stück Musik. ↩︎

August

Ein silberner Zug zieht seine Bahn durch eine Landschaft in der Abendsonne, schnell und gemessen, ein leichter Geruch von Ozon geht vom ihm aus. Lok und Waggons sind aerodynamisch wie ein Nozomi-Triebwagen, aseptisch und warm zugleich, wie ein fabrikneues Abteil der New Yorker U-Bahn, ein industrielles Objekt, das es nicht gibt. Dieser Zug durchquert das Grenzland meines Sommers, der kein Sommer ist, sondern das erste fühlbare Stadium des Welt-Untergangs in Zeitlupe. Es ist Borderland, das gemeinsame Projekt eines deutschen Adligen und einem Funkadelic-Kid aus Detroit1, zwei Releases aus den Jahren 2013 und 2016. Damit fallen diese Platten in den Zeitraum, in dem ich die mit Samt ausgekleideten Releases auf Dial und Delsin hinter mir gelassen hatte, es ging rauer zu in den zehner Jahren. Ich bin zurück.

Transport und Borderland sind Lektionen in Präsenz, es ist eine Musik der vollständigen Anwesenheit in der Gegenwart. Oder vielleicht eine Musik der Nostalgie für die Gegenwart, die es nicht mehr gibt. Die Tracks sind ganz konzentriert auf den Prozess ihrer eigenen Entwicklung, methodisch und in sich wiederholenden einfachen Schritten. In Ruhe, mit Nachdruck. Natürlich geht es auch um Oberflächen, Dubtechno ist Sounddesign, die kontrollierte Präzision der 1980er Jahre hallt durch Sub und Main. Es ist Architektenfunk, eckiger, verhaltener Groove aus Düsseldorf, der in den Händen und den gekaperten Maschinen von Musikerinnen der urbanen afrikanischen Diaspora zu etwas spirituellem wurde – ohne seine grafischen Klarheit zu verlieren, Magie der Echos.

Transport ist die bessere der beiden Platten, und sie begleitet mich seit dem Frühjahr durch ein Jahr des Rückzugs in die Gegenwart. Lightyear und Riod, Tracks die niemals Hintergrund sind und dennoch Raum lassen, der Vergangenheit und Zukunft verbindet. Das ist monumentale Musik, die nichts betäubt. Sie ist leicht zu unterschätzen in ihrer Smoothness, ihre Komplexität entfaltet sich erst in der Betrachtung aus verschiedenen Perspektiven und in verschiedenen Kontexten – Odyssey gleicht einem Miegakure-Arrangement, Tag und Nacht, Tau und Wüste, ein gleitender Zug des Hier und Jetzt. Ich habe meine Faszination für diese Form nicht verloren, und sie ist präsenter als sie es lange Zeit war – am Ende sind es immer die gleichen, wenigen Menschen, die etwas Übergeordnetes verstanden haben und es ausdrücken können, das ist rar und alles, zumal im hier (Berlin) und jetzt (2020–).

Es sei ihm bei den Millionen von Schritten aufgefallen, dass es eine Gegenwart nicht gab, nicht geben könne. Jeder seiner Schritte war bereits Vergangenheit, und jeder neue die Zukunft. Der Fuß angehoben bereits Gewesenes, den Fuß in den Schlamm vor sich niedersetzen noch in der Zukunft. Wo war die Gegenwart?

Werner Herzog berichtet über Hiroo Onoda, aus Das Dämmern der Welt, Seite 125.

  • Borderland – Transport, LP, Tresor, 2016
  • Moritz von Oswald & Juan Atkins – Borderland, LP, Tresor, 2013

  1. Natürlich: Moritz von Oswald und Juan Atkins ↩︎

Juli

Journey Index (released today by Heathered Pearls) is completed by a rhythmic cicadae hum, a thousand voices unisono, filtered through flimsy noise cancelling algorithms rendered hapless by chitine percussion, at La Serre dei Giardini in Bologna. The track’s slow drone emulsifies with this summer day’s relentless heat, subduing this universe to a heavy slow motion crawl: All is bound and connected to its irresistible momentum. The sound design might lean towards Detroit, but this is a decidedly rural affair, under the sky and close to nature. Like Detroit once, it points to the future. A majestic, monastic desert planet idleness has befallen this place of advanced permaculture agritech, casting humanity as a mute witness, as silent dust ghosts, at the edge of an end and the beginning of another era. I can feel it, this soft track, this soft moment.

  • Heathered Pearls – Journey Index, Digital, Self-released, 2022

Juni

Wir sitzen am verwitternden Hang der Stadt, wir blicken auf Eisen und den roten Himmel. Es läuft Gang of Four, alles ist mehr als richtig: weit, rau und klar.

Ein Tag zuvor, am 18. Mai, spielen die Einstürzenden Neubauten ein Konzert in der Casa da Música, ihr drittes oder viertes nach Jahren. Es kommt also zu den Konstellationen Koolhaas-Hacke, Repräsentation und Verwitterung, Kulturhauptstadt/Industriestandort, Berlin und Porto. Es ist das zweite mal, dass die Neubauten in einer Stadt auftreten, in der ich lebe1. Der Nexus ist nicht so tief und vielschichtig, wie es 2017 der Fall war, aber dieses Konzert berührt viele Dinge in mir und um mich. Die Neubauten haben 2020 ein Album über Berlin veröffentlicht, das sie nun zur Aufführung bringen. Es ist eine bemerkenswerte Erfahrung, diese so spezifische und vertraute Sprache isoliert zu hören, abgelöst von ihrer Umgebung, auf weißem Hintergrund präpariert, klar und uns zu eigen, zu Gast im Kontext unserer Vergangenheit.

Wie meist zu solchen Gelegenheiten vermeide ich Fotos und mache Notizen. The radical act of note-taking: grasping a piece (from the real), withdrawing (from the world) to make a new context for it.

(Um Himmels Willen keinen Gott!)

Die Neubauten spielen ein Konzert im Gebäude von O.M.A., und sie singen ein Lied über Berlin, das Meditation ist, Suchen und Wiederholen, Rhythmus rausarbeiten, ihn dieser Stadt abringen von der so wenig übrig ist: Zurück ins Wedding, ding, ding. Das Stück legt seinen eigenen Herstellungsprozess offen, seine zirkelnde Suche und das Vermessen der persönlichen Geographie: Von Mitte aus nach Norden. It shouldn’t groove, but it grooves.

Die Bühne ist so sehr weiß. Die neuen langen Haare sind weniger grau als erwartet. Der Dreiteiler mit Regenmuster, barfuß, weiterhin das beste denkbare Bühnenoutfit. In all dem liegt große Offenheit und Unverstelltheit, bemerkenswert im vierzigsten Jahr dieser Gruppe.

Es ist tatsächlich Musik über und mit den Mitteln von Architektur: Das Aneigenen von Räumen, das Verwandeln von allem in Baustoff.

(Aufgetürmte Zukunft)

Das ist eine harte, atonale, verdichtete Version der Befindlichkeit des Landes2, mit Nachdruck und Emphase. Als hätte sich diese Gruppe nicht vorstellen können, was noch alles passieren würde, in ihrer Stadt und mit ihrer Stadt und über dem Land, in den zwanzig Jahren seit sie dieses Lied veröffentlichten. Da ist neue, ärgerliche Kraft in diesen alten Männern, in ihren Brillen und Anzügen. Bezeichnend, diese Version in Porto zu hören, einem Ort, der das Schlimmste noch vor sich hat. Nothing but future ruins.

Blixa, immer gut gelaunt.

Wie einzig diese Gruppe in der koordinierten Herstellung, Texturierung und Formung von Noise ist. Großer, präziser, zielgerichteter, fantastischer Lärm.

Der Eindruck erhärtet sich: Zurück zum Metall. Die Neubauten lösen sich auf in ihrer Musik und treffen immer wieder auf sich selber: Hacke haut Eisen, Blixa singt rückwärts, was hier los ist.

Monumente für die Orte unseres Lebens/Wie ungeheuer, wenn sich die Splitter mischen/Teil einer Verständnisgemeinschaft/Ich kann mich kaum erinnern, was passiert ist, aber die Orte gehören mir/Laying claim to presence between before and after/The entranceway you kissed me in/It’s a Wework now

(Auf dem Ozean der Möglichkeiten/On the sea of possibilities)

Die Neubauten wirken weiterhin neu und verändert. Es ist die Lehre aus der Arbeit dieser Gruppe: Der Weg der stetigen, tief greifenden Veränderung, der alles in Essentia behält und doch keinen Stein auf dem anderen lässt. Er erwächst aus der Einsicht in die umfassende Rekonfigurierbarkeit des Vorhandenen, manifestiert in stets neuen Versuchsanordnungen von Instrumentierung und Rollenverteilung für jeden Song und jedes Projekt. Es ist eine Antwort auf die Frage nach Balance: Ihre Strategie beinhaltet die Mechanismen ihrer eigenen Disruption. Einsturz und Bau.

Xenakis, she says, ‘used the term “alloy” to describe the relationship of arts and sciences. The term alloy suggests that both disciplines are almost melted together: you cannot define if architecture provides tools for music or if it’s the other way round.

Be careful with this instrument!

Wieder zuletzt: Redukt, alles formuliert, jede Erwartung erwartet, der Hoffnung nichts zurückgelassen als den Prozess, die nächsten Schichten, den nächsten Zirkel der Ichbehauptung, letztlich nichts weniger als das Überwinden des westlichen Dualismus aus Subjekt und Objekt zugunsten prozessualer Strategien, keine Antwort auf keine Frage, sondern Kritik und Zweifel an ihren Bedingungen.

(The sound of a BVG train arriving in high summer)


  1. Ich überquerte einmal den Park der Rotunda da Boavista, unter dem getöteten Vogel und dem Löwen, und als die Casa da Música zwischen den Bäumen zu sehen war, realisierte ich, dass mein Leben einen Platz in dieser Stadt hat. Das Gefühl, etwas gefunden zu haben, oder gefunden worden zu sein. ↩︎

  2. Die Befindlichkeit des Landes, dieses Lied über das Berlin des Jahres 2000 (und zusammen mit dem Beauty-Skit zuvor: über den Potsdamer Platz und die Leipziger Straße) ist monumental großartig: gemessen, schön, hart, präzise, umfassend. ↩︎

Mai

Dial habe ich damals unmittelbar verstanden, europäischer Technomodernismus und Detroit, hinreichend eigen – die Abwesenheit jeglicher Funkiness mit hamburger Verspultheit kompensiert. Ein Versteckspiel mit den unterkühlten Publika in den damaligen Clubs dieser früheren Stadt. Vieles an Dial war immer etwas verhalten, die Parties und die Passepartouts auf den Covern; diese Distanziertheit hat mir gut gefallen und sie entsprach mir, und meinen Vorstellungen von Clubs und Interaktion und Gestaltung.

Andere Dekade halt, in meinem Leben und in der Welt, und auf nicht ganz nachvollziehbare Weise ist Dial weiterhin hier. Es gibt ein paar Compilations und den Travel Almanac1 und Releases mit Gitarren und es gibt Lawrence-Singles (und noch mehr in Japan bei Mule), und irgendwie ist es genug, um den Vibe auf unanachronistische Weise zu erhalten, das Gefühl dieser Musik und ihre Zeit, ohne sie unter dem Druck der Gegenwart erstarren zu lassen.

Bald erscheint die neue Platte von Carsten Jost, mit der ich nach Perishable Tactics nicht gerechnet habe (ganz gut, nicht zwingend; der Werbebanner auf dem Bandcamp-Profil verweist noch immer darauf). La Collectionneuse VII hat direkt diese paradox unterkühlte Wärme, eine Fläche weit unten, eine entspannte Konstellation, von der aus sich operieren lässt, schauen was die nächsten Bars bringen. In diesem Fall Vangelis-Synths, sachlich eingesetzt, angenehm uncinematisch. Das ist kluge, ruhige, dunkle Musik die schon was will, aber halt nicht jetzt direkt um jeden Preis. Ich höre das und mir wird klar, wie sehr mir die Art von Nacht fehlt, die zu dieser Musik gehörte, und wie entscheidend Carsten Jost sie seit CC01 (Detroit) geprägt hat.

Ich freue mich auf den Release dieses Albums. Noch mehr freue ich mich darüber, dass der Dial-Vibe präsent und universell und zeitlos ist, in diesem Leben. Living Room Techno for future living rooms.


  1. Der vermutlich mein liebstes Magazin war, als es noch um Stimmungen in Lobbies, Bars und Spas ging, mit dieser spezifischen Schreibe, dem offenen Papier und den schwarzweiß-Fotos von Rick Owens. Leider findet man darin viel allzu Vergleichbares zu Magazinen mit glänzenderem Papier und größerem Format. Die wunderbaren Transit- und Aviation-Gefühle sind leider von den Seiten verschwunden. ↩︎

Januar

Das Jahr war Porto und Porto war das Jahr, die Stadt und die Arbeit und wenig anderes. Alles, was ich über 2021 zu erzählen habe, hat mit ihrem Licht zu tun, mit dem Meer und dem Granit, den Oberflächen und unvollendeten Dingen. Es ist das physisch wahrgenommene Potenzial des Rückbaus, ein Ende des Wachstums und die Chance auf größeres Gleichgewicht. Eine andere Art zu Atmen, eine andere Art zu bauen und eine andere Kognition. Dieses Jahr war Ausläufer einer Zukunft, die einmal unser Leben werden könnte. Es scheint möglich, jedes mal wenn ich den Flughafen verlasse.

Auch unter diesen Bedingungen bedeutet Arbeit Zugang zur Welt. Große Teile meines Jahres liegen verschüttet unter der Zeit, die notwendig war, Entropie in Entschlossenheit zu verwandeln, Konsenz zu organisieren und den Bau des Neuen zu ermöglichen. Es ist wundervoll und erfüllend, und ich konnte das Ende von hier aus sehen. Aus Notwehr habe ich einen eigenen Bau begonnen. The construction of the house itself is both a dream and a reality, and this reality is difficult to attain, it is not a peaceful process. Indeed it is not, doch Wahrheit ist Arbeit und Realität ist Konstruktion. Die Realität der Konstruktion ist zunächst vor allem weitere Arbeit, und ich gehe fest davon aus, dass sich alles auf elegante Weise aufheben wird.

Im Juni saß ich auf einem geborgten Handtuch in der Sonne am Ufer des Flusses, in Gedanken beim Grundstück einige Meter hinter mir. Weniger als 24 Stunden später ging ich verspult durch die Straßen des vierten Arrondissements, saß in einem dieser Metallstühle in den Tuileries und fand mich allein im Palais de Tokyo wieder. Ich musste selten zuvor Reißaus nehmen in meinem Leben, l’ai-je bien descendu? So war das dieses Jahr.

Im Juli ist Christian Boltanski gestorben. Meine Verbindung war selten aber präsent, seit ich Les Archives du Cœr auf Teshima besuchte. Katalogisierte Herzschläge am Ende des Meeres, am Ende der Welt, und meinen eigenen, das habe ich verstanden und nie vergessen. Archivieren, prozessieren, bearbeiten, Arbeit und Bau als Sein und Dasein. Musik in Porto und der Welt von 2021.

Winter

  • Nipsey Hussle & DJ Tiger – Who detached us from God
  • Café Türk – Şöyledir
  • Common – I Used to Love H.E.R.
  • Iggy Pop – Some Weird Sin
  • Clouds – Cait Sith
  • Messer – Lügen (Demo)
  • Emeka Ogboh – Lekki Aiah Freeway
  • Head High – Hex Pad
  • Irakli – Blessing from the Future
  • Digger Dance – O-Block Tempel
  • IVIC – Horse the Color of Rust
  • Love Songs – Kölner Straße

Frühling

  • Einstürzende Neubauten – Architektur ist Geiselnahme
  • Messer & Toto Belmont – Dyyni
  • Lawrence – Everglade
  • Fantastic Man – Mazes
  • Flying Lotus – Pain and Blood
  • EQD – 005B
  • Ja, Panik – Die Gruppe
  • Anne Imhof, Eliza Douglas, Billy Bultheel – Marlene
  • Niklas Wandt – Zum schmalen Handtuch
  • The KVB – Under the Weight
  • The Specials – Danger
  • Laraaji – Cave (Bee Mask Version)
  • Hoover1 – 2B1

Sommer

  • Smith n Hack – Falling Stars
  • Inhalt – Alles
  • EQD – 001A
  • Yone-ko – KKLKN
  • Private Press – Beardman Driven
  • Luke Slater et al. – Dialogue #2
  • Darkside – Liberty Bell
  • Pan Daijing – Tilt 四月
  • Augustus Pablo – King Tubby Meets Rockers Uptown
  • Spezializtz – Faker
  • Love-Songs – Dumpfes Hämmerndes Dröhnen
  • Anne Imhof, Eliza Douglas, Billy Bultheel – Pretty People
  • Efdemin – Wrong Movements (Circles)
  • Koreless – Sun
  • Darkside – Only Young

Herbst

  • SPFDJ – (Unreleased)
  • Andrew Tighe – Spirits
  • Pan Daijing – Let 七月
  • The KVB – Unité
  • Hoavi – Hayabusa
  • Efdemin – Endless
  • Belief Defect – Opium Den
  • Messer & Toto Belmont – A No.3
  • Only Now – Mutants
  • Rex the Dog – Maximize
  • Åmrtüm × Synta – Heiss (Floorkiller Flex)
  • Richard Fearless – Future Rave Memory
  • Novi_Sad – Africa

Winter

  • Leafar Legov – Melting
  • DD2 – Infinite
  • Vril – Purge
  • My Disco – Toil
  • The KVB – Lumens
  • Topdown Dialectic – A4
  • Vladislav Delay – Huone
  • Dasha Rush – Scratching your Surface
  • Alva Noto – HYBR:ID oval collider
  • Koreless – Shellshock
  • Einstürzende Neubauten – Ich Warte
  • The Cure – Just like Heaven
  • Siarem & Estrato Aurora – Acacio

Nach zwei Jahren ohne Clubs erscheint es mir fast normal, gute Playlists und Sets auf Videoplattformen zu finden. Menschen wollen Bilder (People don’t like clothes, they like images of clothes), ich will Dunkelheit, drei Wodka mit Mineralwasser und den Schweiß der anderen.

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