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Texte über Musik, Raum, Gestaltung und Kunst. Fotos.

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Iridiscent Fragment

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Dark Flow, die Installation von Transforma im Untergeschoss des Atonal wird von ihren Urhebern beschrieben als as much an experiment in physics as it is a mystic shrine: Ein an- und abschwellender Strom dicker schwarzer Flüssigkeit läuft ein Betonmodul herab, das wenige Licht reflektierend, glänzend wie Chitin oder Maschinenöl.

Gegenüber der Installation spielte Acronym am Freitag ein Live-Set, das sich aus seiner neuen Platte (June) speiste – und seinem ästhetischen Kontext vollkommen entsprach. Das Schnittkreuz aus Mystik, Technologie, Natur und Industrie. Überaus interessant.

June beginnt in dunkler Natur, im schweren Wasser und mit dem Geruch nach süßem Tod; kondensierende Luft verfiltert die Sonne zu einer diffusen Scheibe. Ein Flussdelta in Laos zur falschen Zeit, so in etwa. Die ersten vier Tracks pulsieren und atmen, langsam und ölig. Sie vermitteln eine träge Schönheit, deren Subtext leise und deutlich sagt: lauf. Tiefer in das Herz der Finsternis.

Nach den massiven Drones von In the Swamp ist es schließlich Humid Zone, der den Zustand der Stasis beendet. Lähmende Parnoia schlägt um in Vorwärtsbewegung, und die eigentliche Dramaturgie der Platte beginnt. Die sorgsam entwickelte, organische Atmosphäre weicht der Präzision gerenderter Sounds. Der folgende Bogen von Centering über Realisation zu Back to Understanding dauert etwa zwanzig Minuten – und ist eines der hypnotischsten und kohärentesten Stücke Techno, das ich in diesem Jahr gehört habe. Jede Minute löst die überhitzte Atmosphäre der ersten Hälfte der LP ein. Die ungute Natur, sie ist nach wie vor vorhanden. In Fragmenten herauspräpariert und als Textur verbaut bestimmt sie die Stimmung dieser Tracks.

Schließlich die Auflösung. Tribal Drums, eine Enklave im tiefsten Dschungel, das Herz der Paranoia, die Erkenntnis. The Horror, the Horror (The Eye). Am Ende dringt das Licht hinein, direktes warmes Sonnenlicht und sauerstoffreiche Luft. Wir sind frei (Letting go of it all).

June ist eine cinematische Platte, die sich kaum beschreiben, nur nacherzählen lässt. Was sie hervorruft, ist mit Dark Flow angemessen machtvoll bezeichnet. Es ist diese Form von Kontext, die das Atonal planvoll zur Verfügung stellt.

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