electricgecko

Januar

Am ersten Tag meines Studiums bekam ich grundlegende Texte meines Faches ausgehändigt. Es waren viele hundert Seiten Papier des Formates Din A4, die im Querformat mittels Ringbindung und einem transparenten Cover aus dicker Plastikfolie notdürftig zusammengezwungen worden waren. Ein raubkopiertes Machwerk, das niemand, inklusive der Herausgebenden, als Buch bezeichnen mochte. Man nannte ihn daher den Reader. Diese Bezeichnung war ebenso unangemessen, denn der Reader war schließlich ich, und das scheußliche Ding war ein Wegweiser und ein leerer Container für einige Menge noch zu denkender Zukunft.

Dieser Eintrag ist ein solcher Container, gefleddert und zusammengezerrt. Was diese Bücher zusammenhält, ist allenfalls mein Leben. Es ist eine Bibliothek und ein Kleiderschrank zur Verwahrung von Ideen und Überzeugungen, aus denen diese hier anwesende Welt gewoben ist. Flugblätter, Shirts und Flaggen für Klugheit und ihre Alternativen.

Texte ohne Reihenfolge, die mein Zuhause sind. Zukünftig zu vervollständigen.

  • Christian Kracht – Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten, Roman (2008)
  • Rainald Goetz – Klage (2014)
  • Paul Valéry – Eupalinos ou l’architecte (1921)
  • Siegfried J. Schmidt – Kalte Faszination (2000)
  • Siegfried J. Schmidt – Geschichten und Diskurse (2003)
  • William Gibson – Zero History (2010)
  • Henry Miller – The Colossus of Maroussi, Reisebericht (1941)
  • Blixa Bargeld – Stimme frißt Feuer, Poesie (1988)
  • Friedrich Nietzsche – Ecce homo. Wie man wird, was man ist. (1908)
  • Le Corbusier – Vers une Architecture (1923)
  • Eiji Yoshikawa – Musashi, Roman (1935)
  • Rainald Goetz – Rave, Erzählung (2001)
  • Carola Platzek – Die Lehre des Gartens (2019)
  • Arthur Schopenhauer – Die Welt als Wille und Vorstellung (1844)
  • Thomas Bernhard – Auslöschung, Roman (1986)
  • AMO/Rem Koolhaas – Countryside, A Report (2020)
  • William Gibson – Pattern Recognition, Roman (2003)
  • Peter Zumthor – Thinking Architecture (1998)

Eine Bahn aus dem Umland auf dem Weg in die Stadt, im Parallax vor ihren kleinen Fenstern zieht die dicht bebaute Vorstadt aus Klinker und Beton vorbei. Das Interieur aus gebürstetem Stahl wurde vor dieser Fahrt zuletzt gereinigt, ein leichter Chlorgeruch hängt in der Luft. Die Sonne versinkt, als der Zug sich neigt und den Gleisen unter die Erde folgt. Es ist nun schwierig, seine Geschwindigkeit zu bestimmen: Rasen wir durch leere Stationen? Ist das eine Ausfahrt, der Test einer neuen Antriebstechnologie? Vor den Fenstern nun das innere der Stadt unter der Erde: Breite Steige, kein Mensch. Farblose Plakate mit fremder Geometrie rasen vorbei, zu schnell um näheres ausmachen zu können. Das Licht fällt aus, grau, schwarz, Rauch, Rausch. In der Ferne draußen plötzlich violettes Licht: Dioden blinken träge, zeichnen horizontale Linien in keinen Himmel. Dieser Zug hat den Tunnel nicht verlassen, auf einer konzentrischen Bahn gräbt er sich tiefer unter die Stadt. Es herrscht die Zuversicht einer fernen Zukunft: Industriell, smooth, und sauber wie ein schweres Kugellager. Stadt und Zeit fließen, wir fixieren den Horizont der Nacht und wissen nichts mehr.