electricgecko

November

Ubiquitous Infinite Repetitive Patterns Of Sameness

Oktober

Gute Webprojekte funktionieren, wenn sie hochwertige Dinge nach einem einfachen Prinzip kombinieren. Jedenfalls im Sinne einer minimalistisch-funktionalen Herangehensweise, zu der es selbstverständlich keine brauchbare Alternative gibt. Insofern hat das Web mal wieder viel mit der Küche gemeinsam. Bevor ich mich in allzu naheliegenden Analogietreppenhäusern versteige, rasch das Wichtige.

Many Many ist so ein simples Ding: Jake Dow-Smith (of Triangle Triangle Fame) hat zwanzig sehr gute Fotografinnen und Fotografen eingeladen, eine fortlaufende Ausstellung im Web zu kuratieren. Gestaltung und Umsetzung (Tumblr) sind simpel, mit der genau richtigen Menge guter Details. Etwa dem wunderbaren Passpartouteffekt beim Scrollen. Dazu sind die Inhalte auf konstant hohem Niveau — was nicht weiter verwundert, bei der Auswahl großartiger Editoren.

Dass Sarah mit von der Partie ist, ist eine zusätzliche Freude. Ihre Beiträge komplettieren den Strom zeitgenössischer, naher, emotionaler Fotografie. Unbedingt ansehen.

Ich bin der Letzte, der die Übernahme mittelsinnvoller Features (lies: Reblogging) in alle Webformate empfiehlt — aber in diesem Fall mache ich gern eine Ausnahme. Ich schreibe ab, was Lisa abgeschrieben hat, weil es von der richtigen Stelle und mit Herz abgeschrieben ist. Weil ich es weiterhin nicht vergessen möchte und das außerdem in jedem Leben ein- bis tausendmal gesagt gehört. In meinem jetzt.

Freunde ergänzen einander, ergänzen heißt ganz machen, um das nötig zu haben, muss man geschädigt sein, aber wenn man es nötig hat, so kann man auch niemand brauchen, der auf dieselbe Weise beschädigt ist, sondern jemand, der andere Schäden aufweist. Die Freunde füllen die Lücken, sind komplementär, sie holen auf, was einem fehlt, sie tun, was man versäumt hat […].

— Ruth Klüger, „weiter leben”.

In den letzten Tagen habe ich mich fern gehalten von den Linien, Flächen, den wenigen Farben und all den Buchstaben. Fern von FFFFOUND! und von Haw-Lin und den vielen tollen Magazinen. Statt dessen habe ich mich mit einem Gegenstand befasst, zu dem ich zwar interessante Auffassungen vertrete und jederzeit eine Meinung parat habe, für den mir jedoch jegliches praktische Talent fehlt: Musik.

Das Ergebnis ist ein Mixtape, etwa vierzig Minuten lang, voller Crossfades, Beatmatching und solchen Dingen. Es sind dilettantische Crossfades und holpernde Übergänge, zugegeben. Aber die Geschichte stimmt, es ist ein Mixtape und hat sogar einen Namen. Außerdem gibt es ein schönes Cover.

Rainfall Cover

So düster wie es auf den ersten Blick scheinen mag, ist Rainfall gar nicht. Es beginnt im Sommer bei Nacht und mit Hafenblick, auf den warmen Stufen neben dem Pudel und endet im Herbst, mit hochgeschlagenem Kragen und festem Schuhwerk. Zwischendurch wird getanzt und geträumt. Strände kommen auch vor und es darf gegrinst werden. So sieht es aus, in Hamburg, as of now.

Download (zip).

September

Dienstag Paranoia, Mittwoch Agonie. Ja, es stimmt, like a rich man’s child.

Ich lese gerade wieder, beziehungsweise endlich mal, Rainald Goetzens Klage-Blog. Endlich mal, weil das Buchformat die Rezeptionshaltung dann noch noch einmal verändert; ein Bett ist etwas anderes als ein Feedreader. Mal wieder, weil ich zu Vanity-Fair-Zeiten die Rants und Ramblings des wütenden Autors abwechselnd genossen und verflucht habe.

Denn Rainald Goetz findet in Klage keine Themen und keine Konsistenz. Er tut, was wir alle tun: er sammelt, klebt und zerreißt. Das Ergebnis wechselt beständig zwischen vollends großartig und blasser Langeweile. Das passt, weil das ja immer so ist und die Moderne in Format und Inhalt richtig abbildet. Oder wie Nils Minkmar vor einer Weile für die FAZ schrieb: Das Internet passt zu Goetz, was in diesem Fall für beide Seiten keine gute Nachricht ist.

Ich finde, das gedruckte Format passt besser zu Goetz, oder zumindet zu Klage, weil es die Schnipsel und Zettelchen, die Phrasen und die Hysterie zwischen zwei Deckeln zusammenhält. Statt sie zwischen den vielen anderen Fragmenten im Feedreader, im Web, verflattern zu lassen. Als Buch ist Klage geradezu aufdringlich und näher als man das zuweilen möchte. Manchmal hat Rainald Goetz darin aber auch einfach recht und — das ist wichtig — schreibt es auch so hin.

Man geht ja ganz direkt und normal miteinander um, äußerlich. Und große Energien gehen dahinein, das in den Begegnungen subtextlich Mitgeteilte uneindeutig, offen, in der Schwebe zu halten. Das betrifft die Erotik, die Fragen der Macht, der persönlichen Wertschätzung, der charakterlichen Disposition, der intellektuellen Über- oder Unterlegenheit, der Rituale des Alltags.

Word.

  • Rainald Goetz, Klage. Suhrkamp, 2008.

Over and Out — Einladung

Gestaltung für Kunstveranstaltungen zu machen ist besonders schön. Einerseits herrscht Verständnis für Irritierendes und Interessantes. Andererseits ist die Rolle der Gestaltung immer noch die einer Erfüllungsgehilfin — Kunst beschreien oder mit ihr konkurrieren sollte sie nicht. Aber sie sollte ihr das Wasser reichen, nicht ungelenk durch künstlerisches Terrain stolpern und mit dem Hintern die Geranien umstoßen.

Gestaltung für Kunstveranstaltungen zu machen ist besonders schwer, wenn die Veranstaltung ein hohes Niveau und spannende Inhalte verspricht. Der Fall ist das bei Over and Out, der Ausstellung, die in der vergangenen Woche am Hafen in Münster eröffnet wurde. Dabei sind unter anderem der bereits genannte Sebastian Freytag und Lars Breuer vom Kosortium D. Dem Titel entsprechend zieht Over and Out ein Kreuz zwischen der einen Hafenseite (der schmutzigen, schönen) zur anderen Hafenseite (der bereinigten, ganz okayen) bis rüber zum denkmalgeschützten Bürogebäude in der Herwarthstraße.

Ich habe mich bemüht, mit den Plakaten und Einladungskarten die metaphorischen Geranien stehen zu lassen. Over and Out hat sauberes Parkett verdient. Wer bis Mitte November in Münster zu tun hat, sollte diese Ausstellung besuchen. Weitere Informationen gibt es bei der AzKM.

Man sollte Palma grundsätzlich ohne den Zusatz de Mallorca verwenden, denn der ist voll schlechter Assoziationen. Natürlich ist Palma Einfallstor für die Einfallslosen und Tumben, aber das ist ja nicht neu und auch langweilig. Dass die Stadt inzwischen mehr kann, als ältere Gebäude herumzuzeigen und pittoresk im Sonnenuntergang daliegen, ist auch kein Geheimnis. Im Gegenteil — nach allem, was man so liest hat Palma auch in Sachen Moderne und smartem Dasein eine Menge zu bieten.

Ich habe neun Tage meines späten Sommerurlaubs in der Stadt verbracht und kann das bestätigen. In Palma geschehen eine Menge gute Dinge, von denen man in Hamburg nur schwer mitbekommt. Sechs Orte, an denen man gewesen sein sollte.

  • Duke (Karte)
    Das Duke ist einer dieser Läden ohne Schild in einem kleinen Haus, gedrängt zwischen andere kleine Häuser. Das Restaurant verdankt Duke Kahanamoku – mehr oder weniger der Erfinder des modernen Surfens – mehr als nur seinen Namen: Die Location zieht einen angenehmen 60er-Jahre Surfstil durch, ohne Richtung Plastik-Tiki abzurutschen. Das Essen ist ebenfalls auf hohem Niveau und bewegt sich zwischen Karibik und Kalifornien. Fotos und mehr Infos gibt es hier.
  • Portixol (Karte)
    Im etwas verschlafene Hafengebiet Portixol östlich von Palma findet gerade ein sehr spannendes Stadtentwicklungsprojekt statt. Mit viel Rücksicht auf die gewachsenen Strukturen wird Portixol zu einem sekundären Zentrum aufgebaut — mit einer wunderbaren Promenade am Meer, minimalistischen Appartments und einigen Bars und Restaurants. Alles in gesunder Dimensionierung und ohne Prestigeobjekte.
  • Monocle Shop (Karte)
    Einer der drei Monocle Shops ist in Palma. Natürlich liegt er (wie auch das Duke) in Santa Catalina, dem smarten, ungehobelten Viertel der Stadt und dient gleichzeitig als Appartment für Redakteure, Markentouchpoint und Konversationsstube. Ruhig, freundlich, schön.
  • Es Trenc (Karte)
    Einer der schönsten Strände der Insel liegt eine rumpelige Busfahrt östlich von Palma. Der Strand von Es Trenc nimmt kein Ende, das Wasser ist absurd türkis und vor der Küste dümpeln Segelschiffe aus Holz im Sonnenschein. Als wäre das nicht Prospekttext genug, steht auch noch die Dünenlandschaft unter Naturschutz und die Gegend ist eine bekannte Herstellerregion von Modesalzen.
  • S.P.Q.R. (Karte)
    Das S.P.Q.R. ist meiner Lieblingsbar in Stockholm, dem AG 925 dermaßen ähnlich, dass man annehmen könnte, die Beitreiber hätten ihr Interieur aus den gleichen Quellen bezogen. Also zu gleichen Teilen aus Resten der Blade-Runner-Sets und von Vitra. Beide Läden sind industriell, modern und verkaufen unfassbar gute Cocktails.
  • Fundació Pilar i Joan Miró (Karte)
    Pilar Miró hat ihrem Mann nach seinem Tod ein Denkmal gesetzt, dass es architektonisch und inhaltlich locker mit dem Es Baluard aufnehmen kann. Zwischen Palmen und dem Atelier duckt sich ein massiver Betonbunker in den Hang der Insel, dessen Räume dank halbtransparenter Marmorflächen geradezu filigran wirken. Dass sie außerdem eine sehr gut kuratierte Miró-Sammlung enthalten, versteht sich von selbst.

Nur unwesentlich postkartige Fotos aus Palma gibt es in meinem Palma-Set bei Flickr und bald an dieser Stelle.

Miró

Ich werde die Stadt verlassen. Die Elbe und ihr Strand, die Plastikmöbel in der Agentur, die Stufen zum Hafen und die Zelte auf dem leeren Heiligengeistfeld sollen ihren Kram für einige Tage alleine machen. Währenddessen werde ich mich auf eine Insel im Mittelmeer legen und den Blick auf das Meer und vielleicht auf Afrika richten. Mit einem billigem Fotoapparat und einer Flasche Wasser, sonst verdurstet man schnell.

Wenn ich zurückkomme, erwarte ich anständigen hamburger Herbst, einen Parka auf meinen Schultern und Regen in meinem Gesicht. Was vom Sommer dann noch übrig ist, könnt ihr behalten. Passt gut darauf auf.

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