009
Dezember

Ich habe eine neue Tasche. Sie ist ein Geschenk, aus Shanghai. Genauer: von The Thing, und sie ist schön. Darin befanden sich Magazine, Ausstellungskataloge, Flyer und einige Hello-Kitty-Textmarker, so groß wie mein kleiner Finger.
In den Katalogen stehen gute Dinge, die in ihrem Tonfall, ihrem grimmigen Drang nach einem eigenen Ausdruck die Diskrepanz zwischen den Kontinenten sehr offenbar machen. Dass verstolperte Englisch mindert Aussage und Form um keinen Deut1. Im Gegenteil. Das Folgende muss man sich im Kontext von Sarahs Fotos vorstellen.
All, like revolution, communities, ceremonies, rules, customs and traditions have come to an end. Everything is floating in a self-breeding space. A kind of out, drift, instable selfhood is immersed in a void where there is no tragedy and no end. A large number of post-modern lifestyle creates a kind of bizzare emptiness. On the occasion, the craze to selfhood, self-narcissism and self-obsession and other various thoughts have appeared.
Vorwort, Katalog Scatted Times, Contemporary Art Exhibition. Die Ausstellung läuft noch bis Juli 2010 (wenn ich die Notation richtig deute), und zwar im Open Piazza, Shanghai Times Square, 99 Middle Huai Road, Shanghai.
Eine der drei besten Dinge, die man mit Zeitgenossen anstellen kann: einige davon in einem hinreichend großen Raum versammeln, Kaffee und Wlan bereitstellen, anschließend gemeinsam Nachdenken. Im Idealfall über Relevantes. Eine Veranstaltung genau dieser Sorte steht im Januar in Berlin an. Sie heißt etwas sperrig und will auch so sein: Jean Luc und die Singularität vorm Falschen Fenster.
Dabei handelt sich um einen dreitägigen, öffentlichen Think Tank, der sich mit den Implikationen des Web auf Leben, Arbeiten, Liebe und Politik auseinandersetzt. Die Orgawave ist ein spannender und dynamischer Ort — und angemessenerweise das einzige Planungsdokument. Teilnehmen werden unter anderem Markus Albers, Jan-Michael Kühn und Nilz Bokelberg. Eine Liste der Denkerinnen und Denker gibt es hier.

Hinter dem Projekt stecken die Macher des Atoms & Bits Festivals, in Person Sebastian Sooth, Martina Pickhardt und Martin Schmidt — letzterer als Kurator und DJ in Personalunion.
Ich wurde freundlicherweise eingeladen, Visuelles beizusteuern, nämlich die Wortmarke und einige beschriftete Dinge, die jetzt in Berlin überall herumliegen oder an Wänden kleben. Zu Jean Luc komme ich natürlich auch.
Jean Luc und die Singularität vorm falschen Fenster. Offener Think Tank vom
8. – 10. Januar 2010 im HAU1, Berlin.
Es ist zwei Jahre her, dass ich an dieser oder ähnlicher Stelle meine Platten des Jahres benannt habe. Die Gründe sind verschieden und uninteressant. In diesem Jahr tue ich es wieder, weil 2009 ein ausgezeichneter Zeitraum für gute Musik war. Nicht nur, weil eine ganze Reihe großartiger Tracks, EPs und Alben erschienen ist. Sondern auch und besonders für mein eigenes Verhältnis zu Musik im Allgemeinen, weil es seit 2005 nicht mehr so intensiv, vielschichtig und wichtig war. Fünf Platten für mein Jahr.
- Fünftens: The Horrors – Primary Colours
Dieses Album ist ein erstaunlicher Sprung nach vorne, von der themenfixierten Cramps-Coverband zur besten klassischen Rockband des Jahres. Sehr Bowie, sehr gute Stimmung. - Viertens: Marumari – Supermogadon
Unzerfaserte Broken Beats, warm, interessant, kraftvoll. Als würde Flying Lotus nur die schönsten Soultracks samplen. Dabei unglaublich konsistent. Das ganze Jahr in meiner Playlist. - Drittens: Quad Throw Salchow – Speed
Wie bereits erwähnt — ein der besten Neuentdeckungen des Jahres, völlig aus dem Nichts. Eiskalter Lo-Fi-Groove, heiße Frontfrau. - Zweitens: Various – Delsin 2.0
Eine Detroit-Werkschau, kompiliert aus dem Katalog eines einzigen Labels. Wohl eine der Platten, die ich 2009 am häufigsten gehört habe, mit einem der schönsten Coverartworks des Jahres. - Erstens: Ja, Panik – The Angst and the Money
Was kann ich sagen: All-Time Top-Ten. Ich weiß nicht, ob mir die Worte auf einer Platte jemals mehr bedeutet haben als diese hier. Jedes einzelne von ihnen ist wahr. Die Platte des Jahres, and it’s not even close.
Was noch? Die hier: Redshape – 2010 EP, The Robocop Kraus – Metabolismus Maximus 12″, Die Goldenen Zitronen – Die Entstehung der Nacht, The Mary Onettes – s/t, The Field – Yesterday and Today, VA – Ortloff Eins, Junior Boys – Begone Dull Care, Farben – Textstar
Schließlich: Besonderer Respekt und ebensolcher Dank gebührt Christian Löffler für die Heights EP. Diese Platte ist eine Pracht. Vier stille, kraftvolle, herausragende Tracks, die immer präsent waren, in den besten Momenten dieses Jahres. Die übrigen wichtigen Songs folgen am 30. Dezember. Kann, soll und darf ja schließlich noch was passieren, vor der großen Party.
Nichts besseres als ein gutes Magazin und Ingwertee, wenn Schnee auf den Fensterbrettern liegt, schon klar. Aber manchmal ist der Motto halt fern, und was der Bahnhofskiosk hergibt (Monocle, Spex, Mark) ist ausgelesen. Dann bleibt das Web und die Contentflut. Zwei in Form und Inhalt überzeugende Publikationen, für das Notebook auf dem Sofa.
Erstens: Inventory Magazine. Dabei handelt es sich ein wenig um die Magazin gewordene Flickr-Gruppe What’s in your Bag, oder um SVPPLY auf hochwertigem Papier. Eine Abhandlung über Produkte, ihren Herstellungsprozess und ihre Geschichten. Ein wenig Fantastic Man, ein wenig Manufactum, aber ohne Dünkel und nur zur Unterhaltung. Es gibt eine Online-Ausgabe.
Zweitens: The Hymn for the Cigarettes. Das Fotoblog von Annette Pehrsson tut, was Fotoblogs eben tun. Es dokumentiert ein Leben, in diesem Fall auf wunderbare Weise. Nah, kalt zuweilen und voller analoger Low-fi-Schönheit. Wie nennt Emilie Björk diesen Stil? Nordic Angst? Perfect fit.
Fits winter days and ginger teas.
Strategien sind ja generell eine gute Idee, wenn man ein Ziel verfolgt, so quer über das Schachbrett oder beim Versuch, das Spiel in den letzten drei Minuten noch zu drehen. Für Leben und Arbeit ist das nicht anders, nur fehlt die Hälfte der Steine, die Schnürsenkel sind offen und das Regelbuch liegt hinter dem Sofa.
Das gilt für Gestaltung, aber auch für sonstige Tätigkeiten zwischen neun am Morgen und vier in der Früh. Wie vieles andere auch bedeutet Gestaltung, aus nichts etwas zu schaffen, das im besten Fall zwar nicht neu, aber from scratch, also von Neuem aufgebaut ist. Man kommt nicht umhin, zwischenzeitlich auch mal zu denken. Wer denkt, hadert. Kontingenz ist zwar eine schöne Sache, aber unerwünscht auf dem Weg zum klaren Ziel. Mit jedem hinterfragten Versuch und jeder verworfenen Option lungert man sich schließlich selbst im Weg herum. Man lauert sich auf, bereit, in den eigenen Rücken zu fallen, auf dem Weg zum guten Ergebnis.
Es braucht Zeit, um zu lernen, Willkür zu akzeptieren.
Die Entscheidung für eine Schriftart und ihren Schnitt lässt sich halbwegs über Referenzen und erlerntes Aushandlungswissen begründen. Die Entwicklung eines Rasters ist eine halbwegs formalisierte Aufgabe. Aber spätestens für dessen inhaltliche Ausgestaltung ist die Komplexität der Optionen zu hoch, als dass sie zu überblicken wäre. Und das Ende des Plans, der Abschluss der Arbeit ist letztlich pure Willkür. Es gibt immer noch eine Linie zu entfernen, ein Element feinzujustieren, eine Richtung auszuprobieren.
Wann Gestaltung aufhört, ist nicht abzusehen. Weitere Strategie, bitte. Sie kann nur darin bestehen, Willkür zu akzeptieren. Die Endgültigkeit der Vorläufigkeit nicht zu verwerfen, sondern zu begrüßen. Man muss sagen: Vorläufiges ist hinreichend fertig. Die Angst an sich selber zu scheitern, ist unbegründet.
Der Mangel ist unsere glänzendste Eigenschaft1.
Das ist alles, was wir zu hoffen wagen dürfen. Und gleichzeitig ist es ein großer Luxus, selber zu bestimmen, wann ein Ding anfängt zu existieren. Ob es überhaupt anfängt. Und wann es wieder aufhört.
So far. From now on.
Sie kommen spät, aber sie kommen rechtzeitig. Quad Throw Salchow sind die letzte Band des Jahres 2009, und auch die erste des Jahres 2010. Sie definieren den Sound dieses Winters, der nichts vom warmen, leichten Sommer zurückgelassen hat. Die minimale Instrumentierung aus Bass, Schlagzeug/Drummachine und Synthies ist kalt und klar separiert, jeder Sound schneidet, um dann in der Leere des Arrangements zu verhallen.
Das gilt auch für die Stimme von O, die sich windet, kiekst und quält, ohne jemals ihren mechanischen Groove zu verlieren. Als musikalische Referenz muss man darum auch eher Warsaw als Joy Division nennen — Quad Throw Salchow besitzen noch die Energie und spröde Konsequenz der ersten Platte. Ansonsten ist das natürlich Protowave, der hervorragend auf der zweiten, düsteren Tanzfläche funktioniert.
Überhaupt steht ihre sinistre Sexyness der Jahreszeit gut zu Gesicht, es mangelt ohnehin an Ernst und Distanziertheit und auch an echter Coolness. In diesem Kontext ist der Verweis auf Eiskunstlauf und seinen dominanten Protagonisten der 1910er Jahre, Ulrich Salchow geschmackvoll und damit funktional.
Ihre LP, Speed, ist wunderschön und bei Tummy Touch erschienen. Ich habe Ramon zu danken, für den Hinweis.
November

Wiederum Gestaltung. Dieses Mal für die Ausstellung shifting positions im Museum Goch. Zu sehen sind interaktive Arbeiten von Franz Erhardt Walther und eine Perfomance des Duos Prinz Gholam. Ich durfte das Ausstellungsdesign beitragen. Neben einem typographischen Dings in Optima Extrablack (hier als Wandsticker im Museum Goch) habe ich Einladungen und Plakate entworfen. Eine große Freude and some nights well spent. Foto vom Kurator der Ausstellung, Christoph Platz.
Die Indiediskothek unserer späten Jugend, sie ist nicht tot. Es gibt noch die Tanzflächen mit den Teppichen, die langen Tresen und die Mädchen, denen du heimlich auf die Hälse gesehen hast. Drei, vier Chords, der traurige Refrain und eine gut gelaunte Bridge dazwischen existieren ebenfalls weiter. Jedenfalls so lange, wie es The Robocop Kraus gibt. So lange, wie sie Platten rausbringen, die Metabolismus Maximus heißen und auch so klingen.
The Robocop Kraus haben die Hysterie erfunden, das Gekreische, das Zuviele, wenn alles nicht mehr in einen reinpasst. Auch den Bruch, wenn Upbeat in Downbeat stürzt. Sie lärmen und zerren, und sie tun es auch in diesem Jahr noch, wenn das alles nun wirklich nicht mehr Bestandteil zeitgemäßer Musik sein sollte. Aber es geht eben immer noch; und man kann nichts sagen, solange diese Band dabei weiterhin so klug ist und alle Parolen zur richtigen Zeit parat hat. Great if you know what I’m talking about / If you don’t read more books. Geht! Passt! Ja!
Wie sagte man damals, vor wenigen Jahren? Die neue 12″ von den Robos ist auf Altin raus. Wie sagt man heute? Auf der Flip sind Technoversionen einiger Hits der letzten Platte. Schließt sich der Kreis.
Word up.