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Texte über Musik, Raum, Gestaltung und Kunst. Fotos.

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Es fehlt ein Verb für die Tätigkeit, die im Halb-Zustand zwischen Programmierung und Gestaltung stattfindet. Es ist beständiges Tasten auf der Suche nach einem angemessenen Gefühl für ein bestimmtes Interface, nach der korrekten Balance aus Physik und Assoziation. Teils ist es Konstruieren, teils räumliches Entwerfen, teils händisches Formen des Materials. In dieser Tätigkeit geht es langsam voran, aber Konstruktion, Gestaltung und inhaltlicher Ausdruck entwickeln sich zugleich, die falsche Trennung der Disziplinen außer acht lassend.

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Your Future Selves

https://electricgecko.de/2018/your-future-selves

Ghostly International hat sich schon immer wie ein Resultat des Internet angefühlt, des frühen, eigensinnigen Internets. Eines Ökosystems, das ein Label wie dieses ermöglicht hat – weniger basierend auf dem Einverständnis über ein Genre als auf einem neuen, diffusen Gefühl von Gemeinschaft. Transcending its record label roots to sell an ethos, wie die Times einmal schrieb, and an emotional state of upbeat world-weariness, möchte man hinzufügen.

Es gab stets eine Gleichberechtigung zwischen Releases, den Artworks (und tatsächlich, Desktop-Hintergründen) von Michael Cina, der bisweilen arg verstolperten Floormusik auf Spectral, den Stickern und all dem Material drumherum. Seit den mittleren Zweitausendern ist Ghostly Quelle einer spezifischen Art von Moodyness, eine Welt, in der nichts okay, aber das unmittelbare Hier und Jetzt erträglich ist, voller verwaschener Beats und im Sommergegenlicht verebbender Reverbs.

Für mich hat es immer eine spezifische Stimmung gebraucht, um derartige Wärme aushalten zu können. Aber im richtigen Licht, in der richtigen Situation kann eigentlich nur ein Ghostly-Release gehört werden01.

Ihre größte Konzentration fand diese Stimmung für mich stets in den seltenen Releases von Heathered Pearls02. Stark texturierte, maximal warme, weiche und tiefe Musik ist das, wie Schlaf am Strand, und nicht ohne dessen Düsternis der Natur und des fern drohenden Wetterumschwungs.

Ich werde mir den Sommer dieses Jahres schwer ohne den Amerikas Cities Remix von Under the Bridge vorstellen können. Weil dieser Track gleichsam zu Hause war, in all der Sonne und all der Dunkelheit dieses Sommers, in den Versuchen, neue Lösungen für die gleichen Probleme zu finden. Am 10. September notierte ich in einem Wagon der Hanzōmon-Line:

Fort Romeau’s Remix of Under the Bridge by Heathered Pearls may well be the track of this year, a requirement of the here and now. Its continuous media-sampled stream of consciousness encompasses everything to be depressed about, its pure expansive, sprawling, mellow softness describes everything to be hopeful for. In its very fabric, this track encompasses the hope, power and promise of music. To find and connect every person able and willing to perceive, to think and to feel.
  1. Früher, sehr häufig: die opulente 2×12″-Edition von Glider, von The Sight Below.↩︎
  2. Also Jakub Alexander, der als Musikautor bei Iso50 (das erfreulicherweise weiterhin existiert und weiterhin aussieht wie in 2007), für den Teil meiner Musiksozialisation verantwortlich ist, die abseits von Wavegitarren und der in Hamburg vorgefundenen Floormusik stattfand.↩︎
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https://electricgecko.de/2018/arena

Are.na ist ein faszinierendes Stück Technik, ein Werkzeug für die Bearbeitung von Gegenwart. Es ist gleichermaßen individuelle wie soziale Plattform. Es stellt Funktionen und Strukturen zur Verfügung, die das permanente I/O des Lebens mit dem Netz organisieren.

Die technischen Möglichkeiten (~ Features01) sind dabei weniger entscheidend als die Tatsache, dass die Art ihrer Nutzung nur vage definiert ist. Das ist selten: Hier ist eine Software, die ihre eigene Verwendung zur Disposition stellt, die eine Reihe lose verknüpfte Schnittstellen anbietet, statt einen vorgefertigten Workflow vorzugeben. Are.na trifft wenige Aussagen darüber, wie es verwendet werden möchte.

Statt dessen verlangt es nach Aktivität, nach neuen Systemen des Kontextualisierens, nach dem Bau sinnvoller Strukturen, alleine oder mit anderen. Trotz einiger scheinbar paralleler Funktionen ist Are.na das Gegenteil von Plattformen, die auf das verstandlose Anschauen und Sammeln von Inspiration ausgelegt sind. Die Vielfalt der Nutzungsweisen und das improvisatorische, additive Prinzip (all this and …) lösen das Versprechen der Selbstbeschreibung ein: A visual platform that helps you think. Es ist aus drei Gründen wahr:

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Das Interface. Are.na sieht aus und fühlt sich an wie ein Werkzeug. Wie etwas, das für robuste Benutzung entworfen wurde: ohne Kosmetik, effizient, klar und konstruktiv. Es ist das grafische Äquivalent einer Kommandozeile. Damit hebt es sich von den allzu magischen Oberflächen jener Anwendungen ab, die weniger ihren Nutzerinnen als ihren Besitzern dienen.

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Are.na ist ein Publikationsmedium. Output ist auf viele verschiedene Weisen möglich – etwa durch Storytelling in Fragmenten und durch das Verbinden disparater User und Kanäle. Diesen Formaten ist gemein, dass sie nicht vollständig durch ihre Urheberinnen kontrollierbar sind, sondern Raum für Assoziation und Anknüpfung lassen. Es ist überaus spannend, herauszufinden, ob ein bestimmter Kanal ästhetisch und inhaltlich funktioniert oder nicht.

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Die Userbase. Are.na profitiert von bemerkenswert interessanten, progressiven und weitsichtigen Nutzerinnen und Nutzern. Es befindet sich weiterhin in dem Stadium, in dem die öffentliche Explore-Sektion sinnvoll verwendbar ist02. Es ist unsicher, wie lange das so bleibt. Mit etwas Glück trägt der deppenunfreundliche Look (siehe 01) und die Haltung der Gründer dazu bei, dass es noch eine Weile so bleibt.

Es ist lange her, dass eine Plattform mir neue Perspektiven für das Leben mit dem Web gegeben hat. Ich habe mich an der Investitionskampagne beteiligt. Ich bin sehr froh darüber, dass ich für ein gutes Werkzeug bezahlen darf.

Are.na ist eine Erinnerung an das Netz, das wir verloren haben. Ein Werkzeug ohne festgelegte Funktion, ein Framework, in dem Inhalte und Formate erfunden werden können. In dieser Hinsicht ist es ein Schritt in die wünschenswerte Zukunft, und zugleich ein Rückgriff auf das freie, unprofessionelle und poetische Netz, in dem ich meine Jugend verbracht habe.

The more proprietary, predatory, and puerile a place the web becomes, the more committed I am to using it in poetic and intransigent ways. (J.R. Carpenter, Slow Media)

Alles gesagt. Nun: Kanäle, in deren Inventar ich mich gern aufhalte, aus denen ich großen Gewinn, Material und Perspektiven ziehe. T.B.C.

Meine eigenen Kanäle unterhalte ich mit wechselndem Aktivitätsgrad. Einige scheinen Publikationen sein zu wollen, andere bleiben Anhäufungen von Material zur späteren Verwendung durch mich und andere:

  1. Dieses überbenutzte Wort erscheint mir immer eine Spur zu vermenschlichend, allerdings ist seine Bedeutung – Oberflächenbeschaffenheit als Charakteristikum – absolut treffend.↩︎
  2. Gibt es einen geeigneten, nicht furchtbaren Begriff für diese Phase im Lebenszyklus einer digitalen Plattform?↩︎
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Puff of white vape, like a winter locomotive in an old movie. „Sorry. I know it’s weird. That’s part of why I keep thinking it’s not real. What’s the other part?“

„You’re fucking impossible, as far as I know. Too advanced. Too slick. Or maybe the opposite of slick? Too organic?“

„Organic’s for tea“, Eunice said. „Tulpagenics. Google tulpa, I get Tibetan occult thoughtforms. Or I get people on the Internet who’ve invented their own imaginary friends.“

„I know. I did too.“

„I don’t feel Tibetan,“ Eunice said. „Or invented.“

  • Bill Gibson – Conversation in Dolores Park, late November, evening. Veröffentlicht als fotografiertes Manuskript, April 2016.
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M A R K

https://electricgecko.de/2016/mark

Ich hege eine ausgeprägte Zuneigung für die Kombination aus Demut und Anmaßung. Sich den Dingen ohne Angst vor dem Scheitern zu nähern, wider besseren Wissens vorauszusetzen, die eigene Art und Weise zu handeln sei valide. Ein bisschen entspricht diese Haltung dem Konzept von 初心, also der Offenheit für Fehler und dem Ebnen eines eigenen Weges, so mangelhaft und erfolglos er von außen erscheinen mag. Es ist eine Strategie, die Handlungsfähigkeit herstellt. Das ist keine leichte Aufgabe unter den Bedingungen dieser Tage.

Dieses Konzept ist nicht neu und tritt immer wieder dann zu Tage, wenn neue Werkzeuge zur Verfügung stehen, die für einen Augenblick lang außerhalb reglementierter Räume ausprobiert werden. Software hatte diesen Moment, und ich bin alt genug, um mich daran zu erinnern. Computerprogramme waren etwas privates, selber herzustellendes.

Das ist lange her. Aber ich bin überzeugt, dass es seinen Teil zum eingangs Gesagten beigetragen hat. Die Tatsache, dass diese Website weiterhin existiert, mag eine Ausprägung meines Wunsches nach eigensinnigen Lösungen sein01. Letztlich verdanke ich es Devine Lu Linvega02, diesen Gedanken in diesem Jahr ein wenig in die Tat umgesetzt zu haben: Ich habe mir meine eigene Software zum speichern, sortieren und archivieren guter Bilder geschrieben.

Das Programm heißt M A R K. Es besteht aus einigen Front- und Backend-Komponenten in PHP und JavaScript, die sich auf den gängigen virtuellen Hosts installieren lassen. M A R K entspricht Kriterien, die ich in dieser Kombination in keiner existierenden Lösung gefunden habe:

  • M A R K stellt einen chronologischen Stream aller Inhalte dar – und damit ihre Ähnlichkeiten, Unterschiede und die Entwicklung meiner ästhetischen Vorlieben. Thematische Ordner gibt es zusätzlich.
  • Bilder werden nicht in einer Datenbank gespeichert, sondern in sinnvoll benannten Ordnern im Dateisystem des Servers organisiert. Die Benennung der Dateien ist chronologisch. Auf diese Weise bleiben Ordner unabhängig vom Programm und behalten ihre Ordnung – auch außerhalb von M A R K.
  • Die Größe der Bilder lässt sich über die Tasten + und – anpassen. Das ist entscheidend, um M A R K gleichermaßen als Moodboard wie als Bilderpool verwenden zu können.
  • Bilder lassen sich über ein Bookmarklet und durch Drag & Drop hinzufügen.

Eine ausführlichere Darstellung meiner Überlegungen habe ich in der Readme aufgeschrieben.

Es hat mir in diesem Jahr große Freude bereitet, an M A R K zu arbeiten und das Programm zu verwenden. Es entspricht meinen Vorlieben und Interessen. Es ist fehlerbehaftet und stets in Arbeit. Es ist diese Kombination, aus der ich viel gelernt habe. Adaptability, decentralisation, resilience, fun: D.I.Y. ist eine zeitgemäße Strategie.

  1. Oder, wie Ktinka in ihrem Aufruf zu #gobacktoblogging in diesem Jahr so treffend schrieb: the reach of your blog will be way smaller. However to a great extend it will be yours.↩︎
  2. Devine ist vermutlich die Person, die den Weg der eigenen Lösung konsequent und am schönsten geht. Sein Universum an Darstellungsformen, Gestaltung und Programmen ist inspirierend wie wenig anderes. Case in point im Kontext dieses Textes: Ronin, eine idiosynkratische Bildbearbeitungssoftware, die notwendig wurde nachdem eines von Devines Notebooks auf hoher See kaputt ging. True Story.↩︎
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