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Are.na ist ein faszinierendes Stück Technik, ein Werkzeug für die Bearbeitung von Gegenwart. Es ist gleichermaßen individuelle wie soziale Plattform. Es stellt Funktionen und Strukturen zur Verfügung, die das permanente I/O des Lebens mit dem Netz organisieren.

Die technischen Möglichkeiten (~ Features1) sind dabei weniger entscheidend als die Tatsache, dass die Art ihrer Nutzung nur vage definiert ist. Das ist selten: Hier ist eine Software, die ihre eigene Verwendung zur Disposition stellt, die eine Reihe lose verknüpfte Schnittstellen anbietet, statt einen vorgefertigten Workflow vorzugeben. Are.na trifft wenige Aussagen darüber, wie es verwendet werden möchte.

Statt dessen verlangt es nach Aktivität, nach neuen Systemen des Kontextualisierens, nach dem Bau sinnvoller Strukturen, alleine oder mit anderen. Trotz einiger scheinbar paralleler Funktionen ist Are.na das Gegenteil von Plattformen, die auf das verstandlose Anschauen und Sammeln von Inspiration ausgelegt sind. Die Vielfalt der Nutzungsweisen und das improvisatorische, additive Prinzip (all this and …) lösen das Versprechen der Selbstbeschreibung ein: A visual platform that helps you think. Es ist aus drei Gründen wahr:

01

Das Interface. Are.na sieht aus und fühlt sich an wie ein Werkzeug. Wie etwas, das für robuste Benutzung entworfen wurde: ohne Kosmetik, effizient, klar und konstruktiv. Es ist das grafische Äquivalent einer Kommandozeile. Damit hebt es sich von den allzu magischen Oberflächen jener Anwendungen ab, die weniger ihren Nutzerinnen als ihren Besitzern dienen.

02

Are.na ist ein Publikationsmedium. Output ist auf viele verschiedene Weisen möglich – etwa durch Storytelling in Fragmenten und durch das Verbinden disparater User und Kanäle. Diesen Formaten ist gemein, dass sie nicht vollständig durch ihre Urheberinnen kontrollierbar sind, sondern Raum für Assoziation und Anknüpfung lassen. Es ist überaus spannend, herauszufinden, ob ein bestimmter Kanal ästhetisch und inhaltlich funktioniert oder nicht.

03

Die Userbase. Are.na profitiert von bemerkenswert interessanten, progressiven und weitsichtigen Nutzerinnen und Nutzern. Es befindet sich weiterhin in dem Stadium, in dem die öffentliche Explore-Sektion sinnvoll verwendbar ist2. Es ist unsicher, wie lange das so bleibt. Mit etwas Glück trägt der deppenunfreundliche Look (siehe 01) und die Haltung der Gründer dazu bei, dass es noch eine Weile so bleibt.

Es ist lange her, dass eine Plattform mir neue Perspektiven für das Leben mit dem Web gegeben hat. Ich habe mich an der Investitionskampagne beteiligt. Ich bin sehr froh darüber, dass ich für ein gutes Werkzeug bezahlen darf.

Are.na ist eine Erinnerung an das Netz, das wir verloren haben. Ein Werkzeug ohne festgelegte Funktion, ein Framework, in dem Inhalte und Formate erfunden werden können. In dieser Hinsicht ist es ein Schritt in die wünschenswerte Zukunft, und zugleich ein Rückgriff auf das freie, unprofessionelle und poetische Netz, in dem ich meine Jugend verbracht habe.

The more proprietary, predatory, and puerile a place the web becomes, the more committed I am to using it in poetic and intransigent ways. (J.R. Carpenter, Slow Media)

Alles gesagt. Nun: Kanäle, in deren Inventar ich mich gern aufhalte, aus denen ich großen Gewinn, Material und Perspektiven ziehe. T.B.C.

Meine eigenen Kanäle unterhalte ich mit wechselndem Aktivitätsgrad. Einige scheinen Publikationen sein zu wollen, andere bleiben Anhäufungen von Material zur späteren Verwendung durch mich und andere:

  1. Dieses überbenutzte Wort erscheint mir immer eine Spur zu vermenschlichend, allerdings ist seine Bedeutung – Oberflächenbeschaffenheit als Charakteristikum – absolut treffend. ↩︎
  2. Gibt es einen geeigneten, nicht furchtbaren Begriff für diese Phase im Lebenszyklus einer digitalen Plattform? ↩︎

Puff of white vape, like a winter locomotive in an old movie. „Sorry. I know it’s weird. That’s part of why I keep thinking it’s not real. What’s the other part?“

„You’re fucking impossible, as far as I know. Too advanced. Too slick. Or maybe the opposite of slick? Too organic?“

„Organic’s for tea“, Eunice said. „Tulpagenics. Google tulpa, I get Tibetan occult thoughtforms. Or I get people on the Internet who’ve invented their own imaginary friends.“

„I know. I did too.“

„I don’t feel Tibetan,“ Eunice said. „Or invented.“

M A R K

Ich hege eine ausgeprägte Zuneigung für die Kombination aus Demut und Anmaßung. Sich den Dingen ohne Angst vor dem Scheitern zu nähern, wider besseren Wissens vorauszusetzen, die eigene Art und Weise zu handeln sei valide. Ein bisschen entspricht diese Haltung dem Konzept von 初心, also der Offenheit für Fehler und dem Ebnen eines eigenen Weges, so mangelhaft und erfolglos er von außen erscheinen mag. Es ist eine Strategie, die Handlungsfähigkeit herstellt. Das ist keine leichte Aufgabe unter den Bedingungen dieser Tage.

Dieses Konzept ist nicht neu und tritt immer wieder dann zu Tage, wenn neue Werkzeuge zur Verfügung stehen, die für einen Augenblick lang außerhalb reglementierter Räume ausprobiert werden. Software hatte diesen Moment, und ich bin alt genug, um mich daran zu erinnern. Computerprogramme waren etwas privates, selber herzustellendes.

Das ist lange her. Aber ich bin überzeugt, dass es seinen Teil zum eingangs Gesagten beigetragen hat. Die Tatsache, dass diese Website weiterhin existiert, mag eine Ausprägung meines Wunsches nach eigensinnigen Lösungen sein1. Letztlich verdanke ich es Devine Lu Linvega2, diesen Gedanken in diesem Jahr ein wenig in die Tat umgesetzt zu haben: Ich habe mir meine eigene Software zum speichern, sortieren und archivieren guter Bilder geschrieben.

Das Programm heißt M A R K. Es besteht aus einigen Front- und Backend-Komponenten in PHP und JavaScript, die sich auf den gängigen virtuellen Hosts installieren lassen. M A R K entspricht Kriterien, die ich in dieser Kombination in keiner existierenden Lösung gefunden habe:

Eine ausführlichere Darstellung meiner Überlegungen habe ich in der Readme aufgeschrieben.

Es hat mir in diesem Jahr große Freude bereitet, an M A R K zu arbeiten und das Programm zu verwenden. Es entspricht meinen Vorlieben und Interessen. Es ist fehlerbehaftet und stets in Arbeit. Es ist diese Kombination, aus der ich viel gelernt habe. Adaptability, decentralisation, resilience, fun: D.I.Y. ist eine zeitgemäße Strategie.

  1. Oder, wie Ktinka in ihrem Aufruf zu #gobacktoblogging in diesem Jahr so treffend schrieb: the reach of your blog will be way smaller. However to a great extend it will be yours. ↩︎
  2. Devine ist vermutlich die Person, die den Weg der eigenen Lösung konsequent und am schönsten geht. Sein Universum an Darstellungsformen, Gestaltung und Programmen ist inspirierend wie wenig anderes. Case in point im Kontext dieses Textes: Ronin, eine idiosynkratische Bildbearbeitungssoftware, die notwendig wurde nachdem eines von Devines Notebooks auf hoher See kaputt ging. True Story↩︎

We haved arrived at the vernacular. The digital is transitioning into its period of unconscious usage. It has been taken from the hands of the makers and designers and set free to the space of unconsidered creation, consumption, enjoyment, use, abuse and trashing. The digital will be transformed into the dark gooey layer sticking to the tarmac of metropolises. Its transmitters are already accumulating the layers of spent semiotics that signify communicative environments with high density.

whiskie.net

Die Idee, Musikdateien auf Devices abzuspeichern, ist zunehmend albern geworden. Die wenigen Veröffentlichungen, die Permanenz verdienen, verdienen auch das ultimative Archivformat: Sie sollten als Schallplatte im Regal stehen. Für den großen Rest ist das Web der einzige sinnvolle Ort: Backkataloge, Sets und der eine Track, der es genau jetzt sein muss, lassen sich jederzeit streamen. Mit neuer Musik verhält es sich ebenso – es mangelt nicht an Kanälen (Soundcloud, Hype Machine) und Mechaniken (Following-Prinzip, Bandcamp), um über Releases und Künstler auf dem Laufenden zu bleiben.

Was fehlt, ist ein sinnvolles Interface, um diese Kanäle und Mechaniken zu aggregieren und sie nutzbar zu machen – to foster serendipity, sozusagen. ex.fm ist so ein Interface, allerdings mit dem großen Nachteil, dass es gleichzeitig overengineered und buggy ist.

Glücklicherweise habe ich Freunde, die viel bessere Dinge bauen können. Alex launchte gestern eine kleine App namens Whiskie – ein Musik-Frontend für Tumblr, das an Snappiness und Praktikabilität nicht zu überbieten ist: Es filtert Audiotracks aus den Massen von Neunzigercollagen, Katzengifs und Betonfotos, stellt sie zu Playlisten zusammen und macht sie teilbar. Wie zum Beispiel die großartige Sammlung kalter Wavetracks von Betonbabe. On Repeat.

Ich benutze Whiskie seit einigen Wochen – und es hat für mich Tumblr zu einem Ort für Musik gemacht. Es wird das auch für euch tun. Sprecht mit Alex – er freut sich über überbordendes Lob, Feedback und Feature-Requests.

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