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Neapel-Beobachtungen

Neapel ist eine Art zusammengeschmolzener Klumpen der vergangenen zweitausend Jahre am Mittelmeer. Wohnhäuser, Fahrzeuge, Marktstände, Statuen, Pflanzen – alles ist Teil eines gleichen, texturierten Stadtmaterials. Vollkommen unbekannt ist die lineare Folge von Straßen zu Plätzen zu Bauten, wie man sie aus dem irgendwann in die Pläne einer aristokratischen Klasse gezwungenen Inneren großer europäischer Städte kennt.

Vielmehr entspricht Neapel dem unüberblickbaren Gewirke ostasiatischer Großstädte: geeignet, Invasoren zu desorientieren, ohne Unterscheidung zwischen Infrastruktur, Architektur und privat organisiertem Räum. Bauten sind Material, Ruinen sind Material, Märkte und andere temporäre Raumorganisationen sind Material. Via San Antonio Abate ist näher an der Jalan Tun Razak als am Place d‘Aligre. Neapel altert uniform, in einer gleichmäßigen Patina aus Sandsteinschmirgel, Schwärzung und Bruch; die Übergänge sind fließend. Mit jedem Tag schreibt sich das Gefüge der Stadt tiefer in sich selbst ein, Wildnis, Steppe.

Die Straßen Neapels sind der Ort der Performance (und der Ort für alles Andere), wie das häufig der Fall ist in Städten, in denen um vieles gekämpft werden muss. Was Stil angeht, fallen zwei Dinge auf.

Erstens: Die überzeichnete Silhouette der Ramones-Sneaker von Rick Owens hat in Neapel die subtilere des Converse-Originals abgelöst. In einer Art Möbiusschleife kultureller Referenzierung ist die Comic-Version des simplesten Sneakers der Welt hier wieder angekommen und zum Default geworden: Der 25-Euro-Fake eines Luxusprodukts, das vermutlich weder seinen ostasiatischen Herstellern noch seinen Käufern bekannt ist. Jede Altersgruppe trägt die massiven weißen Sohlen und den Zip auf der Innenseite – mutmaßlich ohne den Versuch, Status und Geld zu demonstrieren, sondern aus Lust an der Lautstärke, an Präsenz und Sichtbarkeit.

Zweitens: Pyrex‘s not dead. Das (Fake-) Echo01 von Virgil Abloh‘s Streetwear-Versuch hallt durch die neapolitanischen Straßen, das Momentum der Beflockungsmaschinen war zu groß, sie laufen weiter. Gemüsehändler tragen die Shirts zur Arbeit, ihre Freundinnen die Trainingshosen zu Pumps. PYREX, eine Reihe ziemlich guter Buchstaben, der Name eines Kochtopfherstellers, encodiert von Pushern und Tickern, gesampled, geflockt, gefaked, cargo-kultiviert am südlichen Ende des geistigen Europas. Semiotik kann schwindelerregend sein.

  1. Turns out: Das Label führt ein untotes Leben auf dem italienischen Markt, in größerem Umfang und vermutlich höherer Qualität als das kurzlebige Original.↩︎

Psychological Transit Notes, Singapore

Night food market across from Fu Lu Show Complex, stall after stall clad in foam and polymer plastic, covered with laminated color prints of laksa bowls, tou foo and noodles and neon-colored jelly desserts. Everything here is good, if a single dish was not, its vendor would be driven from their stall by a mob of blue-collar workers. Here, they gather to slurp mie and use their Samsung phones to watch the amped up stuff that evolved from american sitcoms in the studios of Chengdu. The satay tou foo may be the best chinese I had in months, despite the knifelike edges of the thin plastic spoon they handed me to ensure I finish every last drip of the spicy sauce. (03-28-17)

Lounging on one of the grey stretchers that line the Park Royal’s fifth-floor pool, the sounds of Pickering Street blend into Carsten Joost’s Ambush playing on my headphones. Unable to separate the faint pink noise that softly lines the track from the humming of cars. Singapore is measured and efficient, foregoing the transitional elements of urban life. Citizens and visitors alike are expected to be driven, moved, teleported from capsule to capsule, all but removing the urban fabric as ground for experience and life. There is soft light and well-kept brutalist architecture. There is Perrier with lime and always a hawker stall close by. Nowhere to be found is Tokyo’s depth and profoundly logical spirituality nor Seoul’s frantic pace and ubiquitous lust for consumption. It is an irritating place, but by now a far cry from Disneyland with the Death Penalty. An amalgam of soft places, connected by a pragmatic system of hyperlinks. An exceptionally fine void has formed around me, from the greenery draping concrete isohypses above to the domes of Esplanade, extending to the far right of my view. I am at ease, but the calm does not reach my heart. It may be emotional boredom, it may be my restless nature. (04-12-17)

The faint iridiscent glitter of small square tiles rushing past below me, reflecting Singapore’s hazy cloudscapes, distorted by my lazy swim strokes as I dive the length of the pool, imagining the view of an southeast asian metropolis gliding past, wondering whether it will still be there when I open my eyes. (04-12-17)

(Aus meinen Reisenotizen in Singapur.)

Drei Orte in Kuala Lumpur

Kuala Lumpur ist weniger eine Stadt als die südostasiatische Version des Sprawl – das Substantiv im Gibsonschen Sinne, nicht das Verb im Infinitiv. Es ist ein für europäische und (noch) zeitgenössische Verhältnisse unkontrolliert wachsendes Geflecht aus Tradition, Pragmatismus, dem Technologismus des vergangenen Jahrtausends und dem simplen Prinzip der Verdrängung: Masse erzeugt Druck und erschließt in der Folge Wege und Raum.

Somehow everything is infrastructure here01, und interessanterweise scheinen ihre Komponenten ihren eigenen Codices zu folgen. In dieser Hinsicht entspricht Kuala Lumpur seinem Land. Malaysia bezieht Identität aus Multikulturalität: muslimische Prägung, ethnische Bevölkerungsgruppen aus Indien und China sowie eine trotz allem spürbare indigene Präsenz.

In Kuala Lumpur ist das an wenigen Orten so evident wie am Central Market am Rande von Chinatown. Es ist sicherlich ein chinesisches Viertel wie es im ostasiatischen Raum häufig zu finden ist (think Garküche, tech repair shack, unlikely Yeezy colorways) – doch es ist durchdrungen von den Vibes und der Haptik des mittleren Ostens. Der Dayabumi-Komplex überragt das kleine Viertel wie ein Architektur gewordener Konjunktiv: Ein Turm ornamentierter Geradlinigkeit, ein entschlossener Entwurf, on point in seiner Slickness (und vermutlich eines der schönsten Gebäude, die ich gesehen habe).

Das Durcheinander Kuala Lumpurs ist bestimmt von Kontrasten wie diesen, zu denen mir kein adäquater Vergleich einfällt. Alles hier war niemals prä- oder post-, es ist urbane Biologie, das über-, unter- und ineinander Verwachsen in alle Richtungen, möglicherweise die Entsprechung des malayischen Dschungels. Drei Orte in Kuala Lumpur.

  1. William Gibson – Disneyland with the Death Penalty, Wired (1993).↩︎

Sechs Orte in Mailand

Mailand ist eine gleichermaßen modern wie materiell. Was den urbanen Raum angeht, ist die Stadt ihren Nachbarn im Norden (Como, Bergamo und die italienische Schweiz) näher als der Toskana und den historisierten Orten ihrer südlichen Umgebung. Im Gegensatz zu Florenz und Siena ist die Entwicklung der Stadt auf die Gegenwart bezogen – und wie zu erwarten, findet sie hier in der (Innen-) Architektur ihren prägnanten Ausdruck.

Das Neue in Mailand hat seine Basis in Ideen, die in der Stadt verwurzelt sind. Die zeitgemäße Fortführung dieser Ideen führt zu bemerkenswerten Orten und Situationen, im Stadtraum und den Räumen der Stadt. Das Ergebnis ist eine Moderne im Dienst des gesellschaftlichen Moments, häufig mühelos aber stets bestimmt. Der Luxus dieser Stadt liegt in ihren Materialien und den Umgebungen, die sie schafft. Über einige davon habe ich mich bei meinem Besuch im April und Mai sehr gefreut.

  1. Die Präposition erschien mir hier schon immer falsch: wohinein soll hier etwas gerichtet werden? Wenn überhaupt werden Dinge doch ausgerichtet, und zwar an den eigenen ästhetischen Prinzipien. Entschuldigung.↩︎

Psychological Bar Reviews (2)

The sloe gin fizzes arrive, making no sound as they are set down on the stainless bar counter, by virtue of thick rubber coasters. The drink’s creamy foam radiates monochromatic light, emitted by a ceiling-mounted Nec projector. A blonde woman with an aerodynamic haircut sweeps by and elegantly takes seat on a canted monolith of vaguely geometric design, upholstered in emerald green velvet.

There is a pleasant bronze hue to the room, achieved by well-placed lighting and a palette of saturated grays. Muted and calm, without being sedated, the interior counterbalances the bold furniture. Even the curiously bulbous animals, made from brown leather, that lurk in the bar’s shadows seem to join the general atmosphere of well-behaved lavishness.

Sudden Jazz fills the room. A well-groomed trio left its place and three partially empty Screwdrivers across the bar, positioning itself in the far corner. The drummer is playing brushes, shuffling along to thick, meandering incarnations of cool jazz clichés, not at all unpleasant. Patrons shift focus back to drinks and acquaintances, treating the music as an immaterial extension of the bar furnishing.

A silver-haired man in a wide-lapeled suit reaches over from his armchair to thoroughly extinguish his Cohiba in a crystal ashtray, his gaze lingering in the blonde woman’s eyes, her collarbones and chest before reclining, largamente, into velvet. Time oozes on, in the most delightful of ways.

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