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Slowly forming Smoke on an industrial Winter Morning

Der Winter ist zurück, und mit ihm die eisige Luft. In ihr scheint mehr Raum zu sein, neben Molekülen und Edelgasen, Raum für das körperlose Material der Gedanken und Empfindungen, für die innere Welt und das Licht, das durch sie fällt. Scharf und klar scheint sie Auflösung jeder Wahrnehmung zu erhöhen, jede Empfindung schneidender und jeden Gedanken kristalliner zu machen. Luft, die zu diesen Dingen fähig ist, eine der großen Freuden der dunklen Jahreshälfte.

Möglicherweise ist diese Empfindung im Dezember 2019 so präsent, weil sie zusammenfällt mit dem neuen LP-Release von Shed1, Oderbruch, eine Art Heimatalbum. Sein Thema verhandelt es nach Shed-Kriterien: wie immer geht um das Verhältnis von Atmosphäre und Raum, um die strukturelle und formale Untersuchung eines alten Genres2. Folgerichtig ist der Opener B1 (Anfang und Ende) der große Hit der Platte, ein auf das Innere konzentrierter Banger, konstruiert aus der vollständig eigenen Materie des Shed-Universums. Durchaus spürbar fällt der Blick dabei aus der Stadt auf das umgebende Land (Sterbende Alleen).

Das Album steigt wie weißer Dampf in kalte Winterluft – die Form ständig verändernd, warm, gewichtlos und voller Momentum, pure Shedism. Der Aggregatszustand dieser Musik könnte nicht besser zur klaren Winterluftmaterie passen, sie erzeugt ein Gleichgewicht der Konzentration im Dies- und Jenseits der Wahrnehmung. Es ist Musik, die Schönheit im Dualismus des Daseins findet, abgeschlossen und aufgehoben zugleich. Das Innere, das beständig, klar und ruhig in der Welt verdampft. Musik für den Rest des Jahres, und alles was kommt.

(Und weil Shed nur ein Protagonist im Privatuniversum von René Pawlowitz ist, gibt es parallel das siebte WAX-Release. Für die schwere Luft der Nacht. Muss.)

  1. Überhaupt lassen sich die Jahre in solche mit und solche ohne Shed-Alben unterteilen. Die Jahre mit Shed sind die, die mich an den Rand von etwas gebracht haben, in denen etwas wortlos erklärt werden konnte, in denen zusätzlicher Platz zur Verfügung stand.
  2. Mir fällt ein, dass die Kraftwerk-Platten meines Vaters, die ich als Kind hörte, jünger waren als es Techno heute ist. Zeit ist anekdotisch.
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