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Abstand von den Dingen

Luxus ist Abstand von den Dingen, Raum der keinen Nutzen hat, nur die Unterscheidung überdeutlich markiert, weit und leer genug, damit du dich darin selber aufhalten kannst. Die Leere ist das Essentielle, ihr Gegenüber existiert nur als Gegengewicht und Markierung, der Garten definiert das Haus. Das sind keine neuen Ideen. Ich denke und schreibe immer wieder über Nichts und ungefüllten Raum – nicht als eine Abwesenheit oder etwas das fehlt, sondern als etwas Absichtsvolles, Leere die besteht, Leere als Luxus, Abstand a priori. Jedenfalls, Musik.

Die Musik von Relaxer ist luxuriös auf diese Weise. Es sind Zeit und Licht und Raum, aufgehoben in weiten Umlaufbahnen, gerade weit genug ausgearbeitet, um Rotation und Balance zu erhalten, floaty Meditations on a Garage-type Beat. Bei aller Bestimmtheit bleibt diese Musik ergebnisoffen, sie ist unversell zur Zeit: angemessen für das allgemeine Gefühl hier und jetzt, und doch ohne jede direkte Anschlussfähigkeit für ein Thema oder einen Aggregatszustand1. Relaxer operiert derart präzise dazwischen und daneben, wie es sonst nur Lee Gamble kann, oder halt Ital bereits auf Planet Mu konnte, das inzwischen abgelegte primäre Projekt von Daniel Martin-McCormick.

In manchen Tracks auf Concealer herrscht eine rastlose Spannung, ein Oszillieren auf der Stelle, das die Schwingungen der Atome aufrecht erhält. Organismus und Technologie sind gleich schwer und gleich bedeutsam in diesen Räumen. Erst der letzte Track, der titelgebende Concealer, macht spürbar, wie viele Ecken und Klingen sich in den Weiten dieser Musik verborgen haben müssen. Er verweist zurück auf den Luftdruck und das Metall in Traps and Lures, das Aufrastern der Klangplatten in Excision in Androgyne; Mello war offenbar das Echo eines Ravehits von 1998? Und natürlich war da der Beginn, die zunehmend androide Stimme von Kahee Jeong, eerie und verführt: Let The Walls Drip. Hier war nichts leer. Du warst hier und du hast dich aufgehalten.

  1. Auf Licking, dem neueren Release vom Anfang dieses Monats geht es konkreter geradeaus: Der Titeltrack samt Kilbourne Remix und Disinfectant sind reines Momentum. Doll allerdings klingt wie der elfte Track, der Concealer noch gefehlt hätte. Ein windendes, schillerndes Stück Musik. ↩︎
A marker tag on a backlight surface

Gegenwart

Ein silberner Zug zieht seine Bahn durch eine Landschaft in der Abendsonne, schnell und gemessen, ein leichter Geruch von Ozon geht vom ihm aus. Lok und Waggons sind aerodynamisch wie ein Nozomi-Triebwagen, aseptisch und warm zugleich, wie ein fabrikneues Abteil der New Yorker U-Bahn, ein industrielles Objekt, das es nicht gibt. Dieser Zug durchquert das Grenzland meines Sommers, der kein Sommer ist, sondern das erste fühlbare Stadium des Welt-Untergangs in Zeitlupe. Es ist Borderland, das gemeinsame Projekt eines deutschen Adligen und einem Funkadelic-Kid aus Detroit1, zwei Releases aus den Jahren 2013 und 2016. Damit fallen diese Platten in den Zeitraum, in dem ich die mit Samt ausgekleideten Releases auf Dial und Delsin hinter mir gelassen hatte, es ging rauer zu in den zehner Jahren. Ich bin zurück.

Transport und Borderland sind Lektionen in Präsenz, es ist eine Musik der vollständigen Anwesenheit in der Gegenwart. Oder vielleicht eine Musik der Nostalgie für die Gegenwart, die es nicht mehr gibt. Die Tracks sind ganz konzentriert auf den Prozess ihrer eigenen Entwicklung, methodisch und in sich wiederholenden einfachen Schritten. In Ruhe, mit Nachdruck. Natürlich geht es auch um Oberflächen, Dubtechno ist Sounddesign, die kontrollierte Präzision der 1980er Jahre hallt durch Sub und Main. Es ist Architektenfunk, eckiger, verhaltener Groove aus Düsseldorf, der in den Händen und den gekaperten Maschinen von Musikerinnen der urbanen afrikanischen Diaspora zu etwas spirituellem wurde – ohne seine grafischen Klarheit zu verlieren, Magie der Echos.

Transport ist die bessere der beiden Platten, und sie begleitet mich seit dem Frühjahr durch ein Jahr des Rückzugs in die Gegenwart. Lightyear und Riod, Tracks die niemals Hintergrund sind und dennoch Raum lassen, der Vergangenheit und Zukunft verbindet. Das ist monumentale Musik, die nichts betäubt. Sie ist leicht zu unterschätzen in ihrer Smoothness, ihre Komplexität entfaltet sich erst in der Betrachtung aus verschiedenen Perspektiven und in verschiedenen Kontexten – Odyssey gleicht einem Miegakure-Arrangement, Tag und Nacht, Tau und Wüste, ein gleitender Zug des Hier und Jetzt. Ich habe meine Faszination für diese Form nicht verloren, und sie ist präsenter als sie es lange Zeit war – am Ende sind es immer die gleichen, wenigen Menschen, die etwas Übergeordnetes verstanden haben und es ausdrücken können, das ist rar und alles, zumal im hier (Berlin) und jetzt (2020–).

Es sei ihm bei den Millionen von Schritten aufgefallen, dass es eine Gegenwart nicht gab, nicht geben könne. Jeder seiner Schritte war bereits Vergangenheit, und jeder neue die Zukunft. Der Fuß angehoben bereits Gewesenes, den Fuß in den Schlamm vor sich niedersetzen noch in der Zukunft. Wo war die Gegenwart?
Werner Herzog berichtet über Hiroo Onoda, aus Das Dämmern der Welt, Seite 125.

  1. Natürlich: Moritz von Oswald und Juan Atkins ↩︎

On Hair

February: There is a new unruliness that takes time to emerge. A permanent potential of subtle chaos and gentle disruption (comparable to the mild high of caffeine) in my days, a set of fresh annoyances that remind me of the ways of the universe. I invite it, and I cherish it, and I invite the change in external and internal expression, they go well with open shirt sleeves and polished boots.

June: My hair is now the longest it has been in years, and astonishingly, i am able to stand its blatant imperfection. There is no purpose in its style and no swagger in its unkempt appearance. Having hair and doing nothing about it is to relinquish control, to be defenseless, it is to not have an answer. The hair is a non-statement, it just is (while paradoxically being strong-willed and chaotic by nature, with a wiry strength in all the wrong directions, at odds with all ideals and imaginations). My hair has taken me this far, it allowed me some casualness, and the freedom to tear down rules without letting arbitration take their place. Rather, it’s like replacing a rigid structure with polyform mesh, something equally strong, but less brittle, less restrictive and less reliant on forces and powers. One day, things might emerge, where I say the words and am understood instead of bending them and the universe to my will, like my hair.

Dust Gods

Journey Index (released today by Heathered Pearls) is completed by a rhythmic cicadae hum, a thousand voices unisono, filtered through flimsy noise cancelling algorithms rendered hapless by chitine percussion, at La Serre dei Giardini in Bologna. The track’s slow drone emulsifies with this summer day’s relentless heat, subduing this universe to a heavy slow motion crawl: All is bound and connected to its irresistible momentum. The sound design might lean towards Detroit, but this is a decidedly rural affair, under the sky and close to nature. Like Detroit once, it points to the future. A majestic, monastic desert planet idleness has befallen this place of advanced permaculture agritech, casting humanity as a mute witness, as silent dust ghosts, at the edge of an end and the beginning of another era. I can feel it, this soft track, this soft moment.

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