electricgecko

Juli

Das Beste an an dieser Stadt, nach vielen Jahren hier, ist die Sachlichkeit ihrer Bewohnerinnen: Sie schätzen Ruhe und Maß mehr als das meiste andere. Darin finden sie eine Balance, die aus ihrer Distanz zur Welt herrührt. Klar, weiß, hinreichend, notwendig. Kein Staub, Kein Rauch. Nur Welt und Zeit und Argument. Darüber und darunter kennen sie nichts, die Hamburger.

Der See am Montag Morgen ist der gleiche See wie immer. Ich fliehe vor der Zeit auf die gleiche Weise wie ein Flugkörper die Erdanziehung überwinden muss, durch eine kritische Kombination aus Entschluss, Geschwindigkeit und Distanz. Der Zeit und der Erde einmal entkommen, ist da die Leere und die Schönheit der Leere. Sie besteht auch dann, wenn nur einer da ist, um sie wahrzunehmen und hervorzubringen, und eventuell ein Esel, eine Entenlinie. Alle anderen haben sich in Zeit und Gravitation verfangen. Ich komme davon: Alles hinter mir, der See vor mir.

Das Sommerhaus, das Haus im Sommer ist durch offene Seiten definiert, durch die der Wind dieser Stadt stetig weht. Kein Licht mehr, nur ein Rest Sonne, der es noch entlang der Krümmung der Erde zu mir schafft. Ein weiter Hof, in dem Eichhörnchen leben. Umstanden von Häusern, fünf Stockwerken und schlanken Birken, eine Remise, ein Rasen, begrenzte Gärten, Lichter. Morgens ziehen zwei Mauersegler Bögen durch den Balkon. Auf der anderen Seite die in dieser Zeit zumeist leere Straße, selten kommen Verrückte vorbei.

Ich zählte nicht nach, aber ich nehme an, dass ich an dieser Stelle mehr Worte über die Musik von Shed (also der für’s Langformat zuständigen Persona von René Pawlowitz) geschrieben habe, als über die Musik aller anderen Musikerinnen, die ich mag und hier bespreche. Seit Shedding The Past vor, herrje, 18 Jahren kamen hier zumindest LPs vor, und dazu viele der fantastischen, hastig mit Stempeln oder Tags signierten White-Labels, die unter diversen anderen Namen und Handles erschienen sind.

Techno auf Albumlänge ist ein widersprüchliches Format: Eine Art Philatelie des Rave, geordnetes Nachdenken über den Kontrollverlust, die Liebe in Gedanken. Dennoch hat ausgerechnet Shed1 einen viablen Weg gefunden, Storytelling mit funktionaler Musik zu betreiben, das physische Sein im Club in die Welt der geistigen Gesamtanwesenheit übersetzen. Wie Shedding the Past oder The Killer findet Rave Echoes musikalische Äquivalenzen für weitere der endlosen Stimmungen und Aggregatszustände der Nacht. Sie erzählt ihre Geschichten in den Kontrasten zwischen Dichte und Leere, zwischen der Euphorie der Erkenntnis, hier und jetzt also offenbar anwesend und unmittelbar am Leben sein zu dürfen und dem Ausbrennen, der Verzweiflung, dass alles vergebens sein soll. Und da Musik und Nacht untrennbar zusammengehören, können die Ereignisse bei Tag nur Echos sein: Reflektion und Romantik des Schönen, Wahren, Schweren.

Da ist Password in zwei Versionen, unbändiges Momentum, gehüllt in einen schwarzen Schleier der Skepsis. Es gibt Double Scoop, vermutlich der shedmäßigste Track der Platte, eine zäh wabernde Leere, auf die unbedingt ITHAW folgen muss, der aus irgendeinem kosmischen Edelgas destillierte definierende Hit von 2008. Kurz vor dem Ende schließlich Taking You Home: Zu affirmativ, zu dick aufgetragen, was soll das mit den Vocal-Samples. Aber doch zu schön und zu aufrichtig, um sich diesem Konstrukt nicht hinzugeben, weil man erlebt hat, worum es hier vermeintlich geht, weil man das gefühlt und irgendwie eingebaut hat, tief im Finstern der mutmaßlichen Seele.

Rave Echoes ist entgegen aller Wahrscheinlichkeit das siebte Shed-Album. Es findet eine neue Qualität der Empathie für die Narrative der Nacht, und es ist nunmehr die Bestätigung eines großen Chronisten dieser Musik und ihrer prägenden Wirkung auf die Menschen ihrer Zeit.


  1. Ausgerechnet wegen all der Whities als WAX, als Head High und WK7, und einmal auch unter dem Namen seines Geburtsortes Seelow: Tools für alle tatsächlichen und denkbaren Floors. ↩︎

Es braucht eine Relativitätseinsicht oder eine Relativitätstherorie der Sprache, der fundamentalen, radikalen, persönlichen Relativität des Gesagten und Verstandenens. Ihre Relativität wird nur im Zaum gehalten durch Kultur im groben und den sozialen Kontrakt im feinen. Nicht, dass diese Kontexte etwas Absolutes darstellten, an das sich die Sprache befestigen ließe, doch sie sind zumindest in der Gegenwart der Rede für die Nachgiebigen eine Erdung, die das gemeinsame Verständnis vor die Möglichkeit, das Richtige für einen kurzen Moment zu halten, prorisiert. Das sollte jemand in eine handhabbare Form bringen, aber ich nicht, jedenfalls nicht mehr heute Abend.

no poem is aimed at the reader
no picture at the viewer
no symphony at the people
not through opportunism
not by chance
not for the sake of convenience

Slim, extremely lightweight sneakers made from ballistic nylon, a modicum of yellowed foam and black suede, barely discernible on feet, sporty but hard to place: Country club? Driving shoe? Practical, pragmatic, swift and simpler, more refined than most. A specific solution to a generic problem: what to wear with a suit jacket while remaining nimble?

Juni

The future is in old things, rustic things, things that have matured until they became boring and hermetic. Things that no longer turn profit: their efficiency gains remain in the systems that produced them, entangled in the tool and its lore. These are gains that are suitable only to fuel the production of more beautiful questions, exquisite doubt and idiosyncratic interest. The future is blunt tools in adept hands. The future will occupy less space than its past. We will have narrow futures, sliver-shaped futures, that provide sufficient space to dwell for a heart and a soul.

In der zweitlängsten Nacht des Jahres türmt sich eine Cumuluswolke in der Ferne. Wir stehen auf dem Dach und betrachten ein lautloses Gewitter, das sich in ihrem Inneren abspielt. Nur seine Resonanz erhellt den Himmel. Die Welt sieht das nicht, sie ist anderswo beschäftigt. Amseln singen auf dem Baukran.

Der alpine Zustand: Wissen dass man nichts ist, wissen dass man hier ist und alles hat. Überhaupt wissen um Welt und Fels. Wissen um die Ewigkeit. Wissen wie’s geht. Was auch immer du willst: Es wird in die Form der Welt passen müssen. Du kannst dich gegen die Berge lehnen, und es wird nichts bewegen, ein Lehnen bleiben. Sprengstoff beschleunigt nur die Entropie, die sich am Rande der Täler bereits sammelt.

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