electricgecko

Oktober

Ich habe häufig von meiner Reise nach Japan erzählt, in den letzten Wochen. Mal kurz zwischen zwei Getränken und auch in rekursiver long form, die Selektivität und Gemachtheit der eigenen Erfahrungen ins Licht rückt. Aufgefordert, meinen Eindruck des japanischen Zustandes auf eine Pointe hin zu besprechen, sage ich: Alles sei considered. Also Plan- und absichtsvoll erdacht und anschließend ebenso umgesetzt – Bars, Dienstleistungen, Sitzgelegenheiten, Clubs, Kleidung, Rückzugsorte, Nahrungsmittel. Diese und viele andere Dinge sehen fantastisch aus und funktionieren exakt wie sie sollen.

Gemeinhin trinken die Zuhörer dann von ihrer Limonade. Ob das nicht furchtbar rigide sei, also nicht auf natürliche Weise gut, aus der freien, kreativen Natur der Menschen heraus? Sondern das Produkt reißbrettartiger Kreativität, also unlocker und damit klaustrophobisch ihre eigene Schönheit verneinend? Absichtsvolle Schönheit hat einen schlechten Ruf.1

Nein, absichtvolle Gestaltung und präzise Exekution sind keine Makel. Das gilt für die Schönheit tokyoter Stadtplanung, es gilt für grafische Gestaltung, für die Einrichtung von Bars und es gilt – wie immer alles – auch für Musik. Ich habe den Punkt überschritten, an dem ich gutes Sounddesign gutem Songwriting vorziehe. Relevante Musik muss Raum und Licht und Zeit definieren, und zwar ultrapräzise unterscheidbar. Situationen sind interessanter als Geschichten.

Folgerichtig bestimmen zwei ältere Alben von The Black Dog mein Reisen, Leben und Arbeiten in der zweiten Hälfte des Jahres 2013. Music for Real Airports auf meiner Reise gen Osten und durch die Wartehallen von Dubai und Narita. Und Radio Scarecrow, das Magnum Opus der Produzenten-Boyband. Beide Platten markieren Wegpunkte zwischen Musik und vertonten Situationen, Präzise Syntax/diffuse Semantik.

Radio Scarecrow ist ein Musik-Album, auf dem die Hits orthogonal zu den Tracks verlaufen. Beim Skippen sind sie plötzlich unauffindbar; sie offenbaren sie sich nur als Teil der gesamten Arbeit. Einer der besten Parts der Platte verläuft irgendwo zwischen Short Wave Lies und Siiiipher (und von dort weiter zu Digital Poacher), ohne dass es beim Anspielen der einzelnen Tracks nachvollziehbar wäre. Nichts funktioniert ohne seine Umgebung.

Auf Music for Real Airports widmen sich The Black Dog schließlich vollends der Muzak, wie vom Titel impliziert. Es ist die Vertonung der Reisesituation, das Sound-Äquivalent zu Alain de Bottons The Art of Travel. Die LP wird bestimmt durch eine strukturierte Indexierung und Bearbeitung von Situationen. Es sind die Augenblicke und Nicht-Orte des Reisens, und zwar jeweils samt der ihnen eigenen Paranoia. Die fiesen Vibes des Unterwegs-seins werden nicht ausgeblendet, sondern effektvoll eingesetzt. Es handelt sich um zudringliches, ganz und gar diesseitiges Sounddesign – ein freundschaftlicher Stoß in die Rippen von Brian Enos fabelhaftem Nullkontaktutopia.

Radio Scarecrow und Music for Real Airports verweigern die Ausformulierung, das endgültige Aussprechen im Einzelnen zugunsten der Atmosphäre, der Verortung, der präzisen Gestaltung eines Settings. Sie sind Alben der Post-Album-Ära. Sie sind Orte, sie sind Zeiten, sie sind Erlebnisse.


  1. Nein, ich kann keinen Makel daran erkennen. Qualität ist wichtiger als Spontaneität. In der Kritik an wahrnehmbarer Gestaltetheit schwingt allzu häufig die bürgerliche Furcht vor Schönheit und Klasse mit; die Angst, ein zu schönes Café oder ein zu anspruchsvolles Geschäft zu betreten. Wird darauf hingewiesen, liegt eine Diskussion des leidigen Begriffs der Authentizität nicht fern. Und die ist ein probater Weg, sich gegenseitig den Abend zu ruinieren. ↩︎

August

Der Reiz der fotografischen Auseinandersetzung mit einem Ort, einem Ereignis, einem Ding ist ihre Direktheit (nicht etwa die Unmittelbarkeit!). Sie ist die Grundlage des iconoclastic Turn und dem, was danach kam. Live-Selbstverortung, Live-Kontextualisierung und der Semiotisierung des Bildes: Ich nehme wahr und beweise damit, dass ich XYZ kenne/besitze/verstehe/zu fühlen in der Lage bin.

Das ist alles prima, und ich wäre ein schlechter Vertreter meiner Arbeit, würde ich nicht daran glauben und teilnehmen. Für meine Reise nach Japan hatte ich das Bedürfnis nach einem weiteren Kanal dieser Art. Allein: es gibt so viele, und sie ähneln sich.

Etwas weniger Direktheit wäre schön. Ein Medium, das ich schlechter kontrollieren kann, das weniger zur Semiotisierung taugt, etwas, das oszilliert. Mit meinem Flug gen Osten beginne ich also einen Kanal namens Calabi-Yau.

Calabi-Yau

Calabi-Yau is a sonic journal. It documents my journey to Japan (at the age of thirty) through a series of field recordings. Each point in spacetime radiates its own complicated topology.

Der letzte Satz ist der entscheidende. Mich interessiert die Zuordnung von Sounds zu Orten1 (darum der Name), und zwar eher solchen der individuellen Psychogeografie als solchen, die mit Gradzahlen und Datumsangaben zu bestimmen sind. Keine Motive, nur Staub und Rauschen.


  1. Eigentlich der Raumzeit, aber das liest sich schlecht. Zum Thema siehe auch dieses↩︎

This kind of light makes decisions easier, more black and white. Good versus bad, pure versus impure, aspiration versus collapse. Determined grim optimism versus self indulgent despair, wiping out any flaw or imperfection, hallucinating yourself into who you wanna be.

Juli

Dieses ist das Jahr in dem ich nach Japan reisen werde. Ich werde dreißig Jahre alt sein, wenn mein Flugzeug in Tokio landet, ich werde einen missglückten Versuch hinter mir haben, diese Reise anzutreten1. Ich bin kein sentimentaler Mensch und glaube nicht an Bestimmungen, Schicksal und ähnliche Kausalvereinfachungen. Aber ich habe mich hinreichend mit den Orten und Zeiten des Landes auseinandergesetzt und bin überzeugt, dass Japan bedeutsam und transformierend sein wird, un Rite de Passage.

Ich werde einige Tage in Tōkyō verbringen, mich in Daikanyama, Ginza und Harajuku verlieren. Dann werde ich einen Shinkansen nach Kyōto und weiter nach Ōsaka nehmen, um schließlich mit einer langsamen Bahn und einer Fähre einen Kai in Naoshima zu erreichen. Abgesehen von Tōkyō weiß ich keinen Ort auf der Welt, den ich dringender besuchen möchte.

Es fällt mir schwer, das Endes des Monats August abzuwarten. Ich kann es nicht erwarten, meinen Blick auf diese Orte und Konstellationen zu richten, meine Ausgabe von Yukio Mishima’s Kinkaku-ji an seinem Schauplatz zu lesen. Mirror-world, here I come.


  1. 2011 erfuhr ich in New York vom Reaktorunfall in Fukushima und stornierte alle Buchungen für Flüge, Hotels und Züge im Fenster meines Hotelzimmers in Manhattan stehend. ↩︎

Juni

Ein Text über die letzten beiden Releases auf Modern Love. Es mag das Alter sein, nachlassende Rezeptionsfähigkeit oder beginnende Ignoranz. Ich bin nicht mehr länger nur unwillens, sondern nicht in der Lage, mich mit der Musik auseinanderzusetzen, die größte Aufmerksamkeit und wirtschaftlichen Erfolg genießt. Sie ist mir zu hart, ihre Agressivität und Produziertheit überfordern mich. Sie verlangen strukturell wie inhaltlich nach spezifischen Reaktionen. Klanggestaltung und Performance dienen als Cues für den Abruf dieser – in spezifischer Abfolge und Wiederholung. Diese inhaltliche Rigidität und Härte macht mich fertig, innerhalb weniger Sekunden.

Dagegen: Musik, die sich auf den Raum bezieht. Nicht im im Sinne einer Zuordnung, sondern im Sinne eines Entwurfs. Plutocracy, die zweite B-Seite des neuesten Miles-Releases, ist ein solcher Track. Er markiert seine eigene Ausdehnung in der Welt auf klare, eindrückliche Art, er beschreibt den Rahmen seiner eigenen Performance. Plutocracy ist vermutlich das, was gemeinhin als harte Musik aufgefasst wird, doch alle Rigidität und Härte liegen im Sound, sie sind notwendig zur präzisen Vermessung der Oberfläche. Im Inneren ist Raum für Ambiquität, Deutungsoffenheit. Von Musik wie dieser geht große Ruhe aus, ihre Brachialität und Langsamkeit lässt Luftholen zu, und Ablehnung und Überlegtheit.

Dagegen: Musik, die sich auf Momentum bezieht. Dyslogy, ein Track, der Demdike Stare eindeutiger auf den Floor orientiert als sämtliche Releases zuvor. Dyslogy ist ein immersives Erlebnis – gebaut aus perkussiven Spuren, verwoben und geschichtet auf einem Jungle-Gerüst, allein das Wort schon. Wäre der Sound der Toms nicht so haargenau richtig und würden sie nicht erst bei 4:01 einsetzen – es wäre alles vergebens. Auch dieser Track wäre ohne seine Konzentriertheit und Rigidität weniger bedeutsam. Er schafft ein Momentum, physischen Vortrieb für jede Assoziation und jede Frage. Auch dieser Track fordert keine Reaktion zu keinem Zeitpunkt.

Mit eurem ständigen Gewäsch

Mai

Porto war kein Ziel mit Absicht. Porto ist mir passiert, sozusagen, der Arbeit wegen. Das passte ganz gut, denn Porto ist eine arbeitende Stadt in einer arbeitenden Region. Dass sie wunderschön sind (Stadt und Region), und zwar auf eine Weise, die ich verstehen und ertragen kann, habe ich erst dort gelernt. Porto ist die interessante Stadt des Landes. Es geht große Anziehung aus, von seiner hügeligen Kolonialhaftigkeit (Farben: weiß/weiß/grün/blau), durchtrennt und zusammengefügt mit exzellenter öffentlicher und kommerzieller Architektur (grau/weiß). Es gibt einen spezifischen Anspruch an die Gestaltung des Raumes, der Porto schön und gebrauchbar macht. Porto erscheint an vielen Stellen auf so schöne Art und Weise gebaut, dass man die Art wie die Stadt mit seinen Hügeln, dem Fluss und dem Meer verfließt übersehen könnte, um ein Haar. Ich blieb für zehn Tage in einem wunderschönen Appartment und in einem Hotel für ein langes Wochenende im April, and I’ve grown strangely fond of this place.

  • Champanheria da Baixa

    (Karte)

    Portugiesisches Essen – solange es nicht aus frisch gefangenem Fisch besteht – ist keine unproblematische Sache. Glücklicherweise gibt es in Porto exzellente Plätze mit exzellenten Speisekarten. Die Champanheria da Baixa ist ein solcher Platz. Es gibt sehr gute kleine und noch bessere große Gerichte. Man sollte entweder auf dem schönen kleinen Platz draußen oder im hinteren Teil der Bar innen sitzen. Was noch? Das Brot ist fantastisch und die Getränkefrage klärt sich von selbst.

  • Piscina des Marés

    (Karte)

    Dies ist ein Eintrag auf meiner nicht existierenden Liste Der Schönsten Orte Der Welt. Das Piscina des Marés ist ein Schwimmbad im Meer, gelegen zwischen den scharfkantigen Felsen von Matoshinhos. Alvaro Siza setzte in den 1960er Jahren dem unwirtlichen Strand eine brutalistische Architektur entgegen, die ihn gebrauchbar macht. Das Schwimmbecken ist mit Meerwasser gefüllt und endet an der organischen Felsenbegrenzung – in einer harten Zusammenfügung von Architektur und Natur mit dramatischem Ausblick über den atlantischen Ozean. Das Beste am Piscina des Marés sind allerdings die Umkleidekabinen. Roher, unverputzter Beton, schwarzes Holz und plötzliche Kühle, niedrige Decken – eine Rite du Passage, die den Blick freigibt auf Beige, Sandstein und Azurblau. Es ist fabelhaft.

  • Fundação Serralves

    (Karte)

    Die zeitgenössischen Museen europäischer Städte zu besuchen ist natürlich immer eine gute Idee. In Porto funktioniert sie ganz ausgezeichnet, denn die Fundação Serralves ist exzellent kuratiert (subjektiv anekdotisch: besser als das MACBA) und in einem auf unterhaltsame Weise disproportionalen White Cube von José Marques da Silva aufgehoben. Es empfiehlt sich ein ausgedehnter Spaziergang durch den wunderschönen Park und eine Tasse Kaffee samt Kakao/Chili-Cashews im Teehaus am alten Tennisplatz. Die alte Villa Serralves ist auch unbedingt einen Besuch wert – denn sie ist sowohl kubistisch, altrosa als auch vollkommen leer.

  • Por Vocação

    (Karte)

    Por Vocação ist – vielleicht neben Wrong Weather der einzige relevante Shop für Herrenmode in Porto – und ein äußerst angenehmer Ort, um eine oder zwei Stunden zu verbringen. Vielleicht wegen der perfekten Lichtstimmung, aber ganz sicher wegen des unglaublich freundlichen Personals. Auch wenn die Range der vertretenen Labels nicht so ganz meinem Geschmack entspricht, ist die Auswahl aus den jeweiligen Kollektionen immer exzellent. Ich verdanke dem guten Geschmack der Betreiber einen perfekten Nylon-Blazer von Raf Simons, ohne den ich den Hamburger Herbstregen bedeutend zerknitterter überstanden hätte.

  • Casinha

    (Karte)

    Casinha ist so einfach wie sein Name. Ein Café direkt an der überaus anstrengenden Avenida da Boavista (und schräg gegenüber vom Por Vocação), das guten Kaffee, gutes Mittagessen und das beste Eis der Stadt verkauft. Der Grund, die Cashinha zu besuchen, liegt allerdings auf der anderen Seite des Cafés: ein stiller, mit Holzboden belegter Innenhof, in dem nichts von den Touristen vor der Casa di Musica und nichts von der großen Straße zu spüren ist.

  • Casa d’Oro

    (Karte)

    Schließlich: Ein Restaurant an einem der besten denkbaren Orte für ein Restaurant – in einer Box aus Glas und Beton auf halber Höhe über dem Duoro, neben der wunderbaren Silhouette der Ponte da Arrábida. Deren Architekt, Edgar Cardoso, überwachte den Bau der Brücke aus einem eigens (von seinem Sohn) entworfenen Büropavillon – besagter Box, die nun die zwei Restaurants der Casa d’Oro beinhaltet. Zu empfehlen ist in jedem Fall das Pizza- und Pasta-lastige Restaurant auf dem Dach (und dessen ausgezeichnete Aperitiv-Karte). Das Restaurant in der unteren Etage ist leider schlechter und teurer – das ist vor allem schade um den Blick über den Duoro durch die deckenhohen Fenster.

April

Do something unique only you and nobody else in the world can do. Don’t call it art.

Ashore

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