electricgecko

September

Die Hände nicht still halten. Immerzu entwerfen, formulieren und bauen. Nach einer eigenen Sprache suchen. Das mit den Mitteln tun, die zur Verfügung stehen. Seit Jahren nicht aufhören, anzukämpfen. Gegen die Langsamkeit, gegen die Dummheit, gegen den einfachen Weg. Manisch bleiben. In den guten Momenten tatsächlich eine Aussage treffen, die stehen bleibt, auch wenn wir schon weiter sind.

Martins Sova Magazine ist eine der Publikationen, die definieren, wovon wir sprechen, wenn von uns die Rede ist. Nicht, weil es inhaltlich ganz besonders zutreffend wäre. Sondern weil seine Produktionsbedingungen und sein Material dem entsprechen, was wir uns noch nehmen können. Was auszusuchen ist, aus dem Fundus der schönen, nichtoptimierten Dinge. Arbeiten mit den Dingen, die nicht verzeichnet sind.

Wir hatten das Vergnügen, das Plakat für die aktuelle, vierte Ausgabe – Appeal – zu gestalten. Das handlackierte Ergebnis gibt es hier zu kaufen. Am Freitag feiern wir das Release der neuen Ausgabe im Magazin in der Neustadt. Kommt dazu und sagt Hallo.

August

Ich erinnere mich, einmal in einem De:Bug-Interview mit Shed/René Pawlowitz gelesen zu haben, dass er Musik auf zwei verschiedene Weisen produziert. Die 12″, die Hits, sind reduziert auf und zentriert um eine einzige brillante Idee. Bei denen lasse er sich regelrecht gehen. Das Ergebnis sind Veröffentlichungen, die so stark sind, dass selbst ihren Remixern – Mittel- und Materiallos – es nicht gelingt, sie auch nur einen Deut schlechter zu machen. Höchstens besser.

Die anderen Releases1 gehören zur seltenen Gruppe der Techno-LPs, die das Wort tatsächlich verdienen. Nicht aufgrund von Spieldauer oder inhaltlicher Fülle. Sondern weil ihre Tracks nicht ohne einander funktionieren. Weil sie voneinander abhängen, in ihrer gerüsthaften Löchrigkeit, sich gegenseitig stützen. Sie umgehen bewusst, was Shed in seinen Club-Releases so perfekt zu leisten in der Lage ist: die unbedingte Verdichtung, das don’t watch that, watch this des Floors.

Das neue Release dieser Art ist richtigerweise mit The Killer betitelt und verwebt elf Tracks zu einer Geschichte über den Führungsanspruch in Sachen Style und Skills. Trash Talk also, und unverhohlener noch dazu. Kann man machen/sollte man häufiger machen. Vor allem, wenn die Ware so gut ist, wie beschrieben.

Denn die Verhältnisse sind nach Silent Witness und I come by Night klar, Track zwei und drei. Sie sind straighter Techno, gefolgt von verwobenen Ambient/Dub-Fragmenten, die den Druck ihrer Vorgänger nur kurzzeitig zurücknehmen, ihn eher unterstreichen als mindern. Der größte Hit kommt an zehnter Stelle und ist – selbstverständlich – mit The Filler betitelt. Grinsen und aufgeben, weil das so absurd gut ist. Das Selbstzitat im letzten Track (#11) in seiner ganzen Schönheit hinnehmen, sein Titel zuletzt im Display: Follow the Leader.


  1. Shedding the Past, The Traveller und nun: The Killer ↩︎

Juni

The Hundreds in the Hands – Keep it Low, single Artwork

Ich hatte etwas übrig für die 2010er Releases von The Hundreds in the Hands, das interessante Gegenteil zu den unerträglichen The XX. Neben der Tatsache, dass inzwischen Till für das (abgebildete) Artwork der Gruppe verantwortlich ist, ein hinreichender Grund, der Promotion für das neue Album – Red Night – Aufmerksamkeit zu schenken. Turns out: Zu recht. Denn an Keep it Low, der ersten 12″, ist Andy Stott mit einem fantastischen Remix beteiligt. Schwerfällig und mit gesenktem Kopf stapft seine Version durch die verstaubte Dystopie, dass es nur so eine Art hat. Es ist die angemessenere Kulisse für Eleanore Everdells Stimme, wesentlich besser als die gestrippte Originalversion. Ich will das Haus nach Anbruch der Dunkelheit nicht mehr ohne diesen Track verlassen. Small things cast big Shadows.

  • The Hundreds in the Hands – Keep it Low 12″. Warp, 28. Mai 2012. Andy Stott Remix bei Vimeo.

April

Ich bin in einer Welt aufgewachsen, deren populäre Kultur wesentlich durch die USA geprägt war. Was neu und relevant war, entschied Amerika (sic), also der Mainstream der nordamerikanischen Unterhaltungsindustrie. Diese Welt gibt es schon seit längerer Zeit nicht mehr; was in den schönen Künsten passiert, passiert in Europa.

Dennoch ist und bleibt jede Reise nach Amerika eine Verheißung. Eine leere Verheißung eines weniger gebundenen Lebens, eine leere Verheißung befriedigenderen Konsums, die Verheißung von Weite und Schönheit.

Ich reise am Mittwoch für einige Tage nach San Francisco und Los Angeles, um eine der Besten zu besuchen. Um besseres Koffein zu trinken, um zu arbeiten, nicht um Urlaub zu machen, um das Leben zu leben. Um den Pazifik zu sehen. Vielleicht kaufe ich mir Schuhe von Poell, aber wahrscheinlich nicht. Ich reise, warum ich immer reise: für die Blicke, für die Orte, für den Krach der Straßenbahn, für die Transition, für den State of Flux.

Nachtrag: Es gibt eine Playlist für die Reise, S—F, der bei Spotify ein Track fehlt: Claro Intelecto – It’s getting Late.

Eine der schönen Eigenschaften der Postmoderne ist ihre Unübersichtlichkeit. Egal wie hart die Filter und wie groß die Konsequenz des Blickes – was es wert ist, gesehen zu werden, wird gesehen. Vor zwei Jahren hörte ich in einem Stapel Releases das Staub-12″ auf Giegling durch. Offenbar in der falschen Stimmung oder auf der Suche nach etwas anderem. Heute fiel mir die Platte wieder in die Hände – und mit ihm ein einstündiger Mix aus Vril-Tracks.

Eine massive Angelegenheit, zugegeben – aber zu staubig, zu affirmativ und zu deep, als dass sie zu ignorieren wäre. Ein ruhender Kern, ein Geflecht aus rasiermesserscharfen Sounds, ein Set für hohe, leere Räume bei Nacht. 43:24. Go. Vril ssg special (59:22), courtesy of mnml ssgs.

Entweder braucht es inzwischen gehörigen Schub, um mich aus der Lethargie zu bewegen – oder um den Qualitätsdurchschnitt der Releases des frühen Jahres 2012 ist nicht zum Besten bestellt. Gut, die neue Scuba war erfreulich, die Tracks July und The Hope waren prägend für zwei Wochen, immerhin.

Enter Claro Intelecto. Mark Steward produziert seit den frühen zweitausender Jahren langsame, dubbasierte Clubmusik – zuweilen leicht und nah am House, zuweilen mit brachialem Druck nach vorne schleppend. Letzteres zuletzt auf der Warehouse Sessions1, ersteres zum Beispiel auf Patience einer sehr guten 12″ von 2005.

In diesem Monat erscheint Reform Club, das dritte Album, und zwar bei Delsin. Nirgendwo wäre es besser aufgehoben, denn die neun Tracks reichen weit über den Club hinaus. Sie sind die Nacht und sie sind der Sommer. Second Blood: Dunkel, warm und texturiert, wie der Weg entlang des Paul-Linke-Ufers. It’s getting Late: leicht, körperlos, ohne Ende. Control: Peaktime auf dem Weg nach Hause, auf dem Fahrrad in der Ideallinie.

Reform Club ist die Platte, die den Frühling prägt, bevor er wirklich begonnen hat. Sie gehört in die Rotation, für den Fall, nachts allein auf dem Weg zu sein.

  • Claro Intelecto – Reform Club. Delsin, 23. April 2012.
    Snippets bei Soundcloud.

  1. Compilation. Erschienen auf Modern Love: LOVE052 ↩︎

Februar

Die Idee, Musikdateien auf Devices abzuspeichern, ist zunehmend albern geworden. Die wenigen Veröffentlichungen, die Permanenz verdienen, verdienen auch das ultimative Archivformat: Sie sollten als Schallplatte im Regal stehen. Für den großen Rest ist das Web der einzige sinnvolle Ort: Backkataloge, Sets und der eine Track, der es genau jetzt sein muss, lassen sich jederzeit streamen. Mit neuer Musik verhält es sich ebenso – es mangelt nicht an Kanälen (Soundcloud, Hype Machine) und Mechaniken (Following-Prinzip, Bandcamp), um über Releases und Künstler auf dem Laufenden zu bleiben.

Was fehlt, ist ein sinnvolles Interface, um diese Kanäle und Mechaniken zu aggregieren und sie nutzbar zu machen – to foster serendipity, sozusagen. ex.fm ist so ein Interface, allerdings mit dem großen Nachteil, dass es gleichzeitig overengineered und buggy ist.

Glücklicherweise habe ich Freunde, die viel bessere Dinge bauen können. Alex launchte gestern eine kleine App namens Whiskie – ein Musik-Frontend für Tumblr, das an Snappiness und Praktikabilität nicht zu überbieten ist: Es filtert Audiotracks aus den Massen von Neunzigercollagen, Katzengifs und Betonfotos, stellt sie zu Playlisten zusammen und macht sie teilbar. Wie zum Beispiel die großartige Sammlung kalter Wavetracks von Betonbabe. On Repeat.

Ich benutze Whiskie seit einigen Wochen – und es hat für mich Tumblr zu einem Ort für Musik gemacht. Es wird das auch für euch tun. Sprecht mit Alex – er freut sich über überbordendes Lob, Feedback und Feature-Requests.

Januar

Vergleiche zwischen Hamburg und Berlin gehören zu den uninteressantesten Themen, die man zum Ende eines abebbenden Smalltalks heranziehen kann. Ja, das Second-City-Syndrome, der Komplex jeder zweiten Stadt jedes Landes. Ja, die Mieten. Oh nein, die SUVs. Ja, das Laissez-faire. Nichts, das wir nicht wüssten. Nichts, das uns die wirklich schweren Entscheidungen leichter oder schwerer macht.

Ich lese gerade aus beruflichen Recherchegründen alte Sounds-Artikel1; Konzertkritiken und Oral Histories über Punk und Wave in Hamburg. Die Namen ihrer Protagonisten und ihre zentralen Orte klingen nach einem Grad von Kredibilität, der unter postmodernen Bedingungen zu einer endlichen Ressource geworden ist. Um so schöner, wenn sich dieses Gefühl während der Lektüre in Luft auflöst. Authentizität war 1978 noch nicht erfunden: Die Avantgarde der neuen Rockmusik war verkrampft, ernsthaft inszeniert und toupierte sich die Haare nur nachmittags über die Augen. In der Schule machte Wave einfach noch zu viel Ärger.

Diese Dinge über die Subkulturgeschichte der Stadt zu lesen, in der ich lebe, macht mich etwas zufrieden. Die Unlockerheit, die verschränkte Stoik der Hamburger ist eines ihrer besten Klischees. Sie erscheint mir geeigneter als die allzu leicht propagierte, freundliche Überoffenheit, das Alles-kann, das konsequente Gutfinden.

Take-aways: Lest die Sounds, und Zustimmung mit Augenmaß.


  1. Meine Quelle highdive.de ist übrigens pures Gold. Für diese Dinge hat Marco Arment Instapaper entwickelt. ↩︎

Es ist schwer, über Mode zu sprechen ohne dies tautologisch, deskriptiv oder banal zu tun. Diejenigen, die es dennoch schaffen, sind selten Genrejournalistinnen und Genrejournalisten1 und noch seltener Modeschaffende selber. Es scheint, als bedürfe es in erster Linie eines guten Versuchsaufbaus, um interessante Aussagen über und Bilder von Mode zu einem sinnvollen Text zusammenzubringen.

Wim Wenders‘ Notebook on Cities and Clothes ist ein solcher Aufbau. Die Dokumentation spannt einen Raum, den Yohji Yamamoto auf beeindruckende Weise füllt – mit einer brüchigen, tastenden Analyse seiner eigenen Arbeit, einem Vorschlag. Ein Teil dieser Brüchigkeit mag der englischen Sprache geschuldet sein – und zwar weniger aufgrund der Tatsache, dass Yohji Yamamoto schlechtes Englisch spricht, als der Abwesenheit des großen ästhetischen Referenzrahmens seiner Muttersprache.

Interessant, wenn auch hinreichend verbreitet ist Yamamotos Interpretation des Wabi-Sabi in seinen Entwürfen – der Abneigung gegen die hundertprozentige, gegen die „richtige“ Lösung. Letztlich handelt es sich dabei um eine Formulierung der Konkurrenz zwischen Skill und Geschmack:

Human beings can’t make perfect things. When I make something symmetric, something a little too perfect, I always want to break it, destroy it a little.

Deutlicher und nahezu übertragbar auf die eigenen Erfahrungen, das eigene Versagen am Entwurf ist das zweite Thema. Die Auseinandersetzung mit sich selbst, mit dem Scheitern und der Unmöglichkeit, die eigene Arbeit beurteilen zu können: Become aware of your style. Don’t try to neglect it. Use it to get your message across.

Es ist zu exakt gleichen Teilen motivierend und einschüchternd, Yohji Yamamoto diese Dinge sagen zu hören – denn sein Beitrag zum Text des Films besteht weniger in den zitierbaren Inhalten als in der leisen Wucht seiner Persönlichkeit. Es ist ein Verdienst dieses Filmes, diese Aussagen auf diese Art und Weise möglich gemacht zu haben.

Ich empfehle Notebook on Cities and Clothes uneingeschränkt. Er ist eine bemerkenswert zeitlose Dokumentation der ästhetischen Beweggründe eines herausragenden Kreativen, weit über das Thema Mode hinaus.

Erstaunt stellt Wim Wenders während der Dreharbeiten in Tokio fest, dass sein kleiner, neuer Camcorder hier das angemessenere Werkzeug sei – ihre Bilder seien geeigneter als die der großen 35-Milimeter-Kamera. Konsequenterweise beschließt er seinen Film im Sommer 1989 mit der Frage: Will there be an electronic craft, an electronic craftsman?


  1. Das gilt insbesondere für digitale Medien; Publikationen auf dem Niveau von Mahret Kupkas Fashion & Art (inzwischen: modekoerper) oder der collagierten Eindringlichkeit von Lynn and Horst sind die Ausnahme. ↩︎

Dezember

No Tears (For The Creatures of the Night), das erste Stück Musik in diesem Jahr, habe ich zu laut mitgesungen, in einer sehr gut eingerichteten Wohnung gegenüber den Neukölln-Arkaden.

Ich war in London und Leipzig und dann wird irgendwo stehen, dass ich 2011 ein Designstudio eröffnet habe. Und nicht: Wie lange ich davon träumte und wie gut das Gefühl ist, wenn man in die Sommernacht tritt und hinter sich abschließt. Nicht, wie viel es bedeutet, einen Partner zu haben und auch nicht wie viel Offensichtliches ich noch über Kausalität lernen musste.

Ich habe erlebt, wie DJ Phono im Ego sein erstes Album live gespielt hat und finde, dass Espy recht hat.

Ich war in Zürich und Barcelona, besuchte Damir Domas Atelier in Paris, hatte die beste Playlist in New York und war im Publikum, als Andy Stott und Demdike Stare das Jahr 2011 auf dem Berghain-Floor formuliert haben. No Tears For the Creatures of the Night; it might as well be our battle cry. Die Tracks und Songs und Sets des Jahres.

Winter

  • Tuxedomoon – No Tears (For the Creatures of the Night)
  • Actress – Always Human
  • Ghostface Killah – Ghetto
  • Pawel – Crillon (Sistrum Remix)
  • Spandau Ballet – Gold
  • Madvillain – 3.214
  • The Field – Istegarde
  • Daisuke Tanabe – Coil
  • Tyler, the Creator – Yonkers
  • Ghost of Tom Joad – Snow in the Summertime

Frühling

  • Von Spar – Scotch & Chablis
  • Taras Van De Voorde – 1998 (Deetron Remix)
  • Vince Watson – Long Way from Home
  • Gang Starr – The ? Remains
  • Nas – Represent
  • Dirty Gold – Sea Hare
  • RVDS – Pain
  • Robag Wruhme – Tulpa Ovi
  • Dam Mantle – Rebong
  • Daniel Bortz – No Griggity
  • Pet Shop Boys – I want to wake up

Sommer

  • Battles – Rolls Bayce
  • Quarion – Pepper Candy
  • DJ Phono – Your Name
  • Heiko Laux & Teo Schulte – Sound Hug (Daniel Bortz Remix)
  • Trickski – Wilderness
  • Subb-An – What I Do
  • Andreas Dorau – Stimmen in der Nacht
  • Lunapark – Dieser Tag
  • IAM – L’Aimant
  • Chopstick & Johnjon – Obviously She’s a Whore
  • Aeromaschine – Must Be
  • Felix – You can’t hold me down
  • Tigerskin – Shea’s gone
  • Pional – Where Eagles Dare

Herbst

  • Andy Stott – Posers
  • Shigeto – Children at Midnight
  • Viadrina – Better (Arto Mwambe Remix)
  • Com Truise – Colorvision
  • Meridiens – Animals
  • Ribn – Save Me
  • Efdemin – Nighttrain (Fred P Reshape)
  • Andy Stott – Tell me Anything
  • M83 – Midnight City
  • Conforce – Shadows of the Invisible
  • OCP – Blue Spring

Winter

  • Todd Terje – Ragysh
  • Yør – Golden Boy
  • Moomin – You
  • ItalTek & MF Doom – S/T Bootleg
  • Einstürzende Neubauten – Nagorny Karabach
  • Double X – Sunshine
  • Manuel Tur – Misery
  • OCP – Convoy
  • Pillowtalk – Soft (Life and Death Remix)
  • Madvillain – Cold One

Sets

Schließlich: Was Max John Buschfeld in Bad Bunny Bummer von Minute 44 bis 1:02 macht, ist mit Abstand die beste Viertelstunde, die ich 2011 in einem Set gehört habe. Human League wins everything.

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