electricgecko

November

shifting/positions
Wiederum Gestaltung. Dieses Mal für die Ausstellung shifting positions im Museum Goch. Zu sehen sind interaktive Arbeiten von Franz Erhardt Walther und eine Perfomance des Duos Prinz Gholam. Ich durfte das Ausstellungsdesign beitragen. Neben einem typographischen Dings in Optima Extrablack (hier als Wandsticker im Museum Goch) habe ich Einladungen und Plakate entworfen. Eine große Freude and some nights well spent. Foto vom Kurator der Ausstellung, Christoph Platz.

Die Indiediskothek unserer späten Jugend, sie ist nicht tot. Es gibt noch die Tanzflächen mit den Teppichen, die langen Tresen und die Mädchen, denen du heimlich auf die Hälse gesehen hast. Drei, vier Chords, der traurige Refrain und eine gut gelaunte Bridge dazwischen existieren ebenfalls weiter. Jedenfalls so lange, wie es The Robocop Kraus gibt. So lange, wie sie Platten rausbringen, die Metabolismus Maximus heißen und auch so klingen.

The Robocop Kraus haben die Hysterie erfunden, das Gekreische, das Zuviele, wenn alles nicht mehr in einen reinpasst. Auch den Bruch, wenn Upbeat in Downbeat stürzt. Sie lärmen und zerren, und sie tun es auch in diesem Jahr noch, wenn das alles nun wirklich nicht mehr Bestandteil zeitgemäßer Musik sein sollte. Aber es geht eben immer noch; und man kann nichts sagen, solange diese Band dabei weiterhin so klug ist und alle Parolen zur richtigen Zeit parat hat. Great if you know what I’m talking about / If you don’t read more books. Geht! Passt! Ja!

Wie sagte man damals, vor wenigen Jahren? Die neue 12″ von den Robos ist auf Altin raus. Wie sagt man heute? Auf der Flip sind Technoversionen einiger Hits der letzten Platte. Schließt sich der Kreis.
Word up.

Oktober

Gute Webprojekte funktionieren, wenn sie hochwertige Dinge nach einem einfachen Prinzip kombinieren. Jedenfalls im Sinne einer minimalistisch-funktionalen Herangehensweise, zu der es selbstverständlich keine brauchbare Alternative gibt. Insofern hat das Web mal wieder viel mit der Küche gemeinsam. Bevor ich mich in allzu naheliegenden Analogietreppenhäusern versteige, rasch das Wichtige.

Many Many ist so ein simples Ding: Jake Dow-Smith (of Triangle Triangle Fame) hat zwanzig sehr gute Fotografinnen und Fotografen eingeladen, eine fortlaufende Ausstellung im Web zu kuratieren. Gestaltung und Umsetzung (Tumblr) sind simpel, mit der genau richtigen Menge guter Details. Etwa dem wunderbaren Passpartouteffekt beim Scrollen. Dazu sind die Inhalte auf konstant hohem Niveau — was nicht weiter verwundert, bei der Auswahl großartiger Editoren.

Dass Sarah mit von der Partie ist, ist eine zusätzliche Freude. Ihre Beiträge komplettieren den Strom zeitgenössischer, naher, emotionaler Fotografie. Unbedingt ansehen.

Ich bin der Letzte, der die Übernahme mittelsinnvoller Features (lies: Reblogging) in alle Webformate empfiehlt — aber in diesem Fall mache ich gern eine Ausnahme. Ich schreibe ab, was Lisa abgeschrieben hat, weil es von der richtigen Stelle und mit Herz abgeschrieben ist. Weil ich es weiterhin nicht vergessen möchte und das außerdem in jedem Leben ein- bis tausendmal gesagt gehört. In meinem jetzt.

Freunde ergänzen einander, ergänzen heißt ganz machen, um das nötig zu haben, muss man geschädigt sein, aber wenn man es nötig hat, so kann man auch niemand brauchen, der auf dieselbe Weise beschädigt ist, sondern jemand, der andere Schäden aufweist. Die Freunde füllen die Lücken, sind komplementär, sie holen auf, was einem fehlt, sie tun, was man versäumt hat […].

— Ruth Klüger, „weiter leben”.

In den letzten Tagen habe ich mich fern gehalten von den Linien, Flächen, den wenigen Farben und all den Buchstaben. Fern von FFFFOUND! und von Haw-Lin und den vielen tollen Magazinen. Statt dessen habe ich mich mit einem Gegenstand befasst, zu dem ich zwar interessante Auffassungen vertrete und jederzeit eine Meinung parat habe, für den mir jedoch jegliches praktische Talent fehlt: Musik.

Das Ergebnis ist ein Mixtape, etwa vierzig Minuten lang, voller Crossfades, Beatmatching und solchen Dingen. Es sind dilettantische Crossfades und holpernde Übergänge, zugegeben. Aber die Geschichte stimmt, es ist ein Mixtape und hat sogar einen Namen. Außerdem gibt es ein schönes Cover.

Rainfall Cover

So düster wie es auf den ersten Blick scheinen mag, ist Rainfall gar nicht. Es beginnt im Sommer bei Nacht und mit Hafenblick, auf den warmen Stufen neben dem Pudel und endet im Herbst, mit hochgeschlagenem Kragen und festem Schuhwerk. Zwischendurch wird getanzt und geträumt. Strände kommen auch vor und es darf gegrinst werden. So sieht es aus, in Hamburg, as of now.

Download (zip).

September

Ich lese gerade wieder, beziehungsweise endlich mal, Rainald Goetzens Klage-Blog. Endlich mal, weil das Buchformat die Rezeptionshaltung dann noch noch einmal verändert; ein Bett ist etwas anderes als ein Feedreader. Mal wieder, weil ich zu Vanity-Fair-Zeiten die Rants und Ramblings des wütenden Autors abwechselnd genossen und verflucht habe.

Denn Rainald Goetz findet in Klage keine Themen und keine Konsistenz. Er tut, was wir alle tun: er sammelt, klebt und zerreißt. Das Ergebnis wechselt beständig zwischen vollends großartig und blasser Langeweile. Das passt, weil das ja immer so ist und die Moderne in Format und Inhalt richtig abbildet. Oder wie Nils Minkmar vor einer Weile für die FAZ schrieb: Das Internet passt zu Goetz, was in diesem Fall für beide Seiten keine gute Nachricht ist.

Ich finde, das gedruckte Format passt besser zu Goetz, oder zumindet zu Klage, weil es die Schnipsel und Zettelchen, die Phrasen und die Hysterie zwischen zwei Deckeln zusammenhält. Statt sie zwischen den vielen anderen Fragmenten im Feedreader, im Web, verflattern zu lassen. Als Buch ist Klage geradezu aufdringlich und näher als man das zuweilen möchte. Manchmal hat Rainald Goetz darin aber auch einfach recht und — das ist wichtig — schreibt es auch so hin.

Man geht ja ganz direkt und normal miteinander um, äußerlich. Und große Energien gehen dahinein, das in den Begegnungen subtextlich Mitgeteilte uneindeutig, offen, in der Schwebe zu halten. Das betrifft die Erotik, die Fragen der Macht, der persönlichen Wertschätzung, der charakterlichen Disposition, der intellektuellen Über- oder Unterlegenheit, der Rituale des Alltags.

Word.

  • Rainald Goetz, Klage. Suhrkamp, 2008.

Over and Out — Einladung

Gestaltung für Kunstveranstaltungen zu machen ist besonders schön. Einerseits herrscht Verständnis für Irritierendes und Interessantes. Andererseits ist die Rolle der Gestaltung immer noch die einer Erfüllungsgehilfin — Kunst beschreien oder mit ihr konkurrieren sollte sie nicht. Aber sie sollte ihr das Wasser reichen, nicht ungelenk durch künstlerisches Terrain stolpern und mit dem Hintern die Geranien umstoßen.

Gestaltung für Kunstveranstaltungen zu machen ist besonders schwer, wenn die Veranstaltung ein hohes Niveau und spannende Inhalte verspricht. Der Fall ist das bei Over and Out, der Ausstellung, die in der vergangenen Woche am Hafen in Münster eröffnet wurde. Dabei sind unter anderem der bereits genannte Sebastian Freytag und Lars Breuer vom Kosortium D. Dem Titel entsprechend zieht Over and Out ein Kreuz zwischen der einen Hafenseite (der schmutzigen, schönen) zur anderen Hafenseite (der bereinigten, ganz okayen) bis rüber zum denkmalgeschützten Bürogebäude in der Herwarthstraße.

Ich habe mich bemüht, mit den Plakaten und Einladungskarten die metaphorischen Geranien stehen zu lassen. Over and Out hat sauberes Parkett verdient. Wer bis Mitte November in Münster zu tun hat, sollte diese Ausstellung besuchen. Weitere Informationen gibt es bei der AzKM.

Das Vorhandensein der Musikgruppe Ja, Panik ist eine Freude. Das ist nicht neu, im Gegenteil, The Taste and the Money war eins der besten, wichtigsten und schönsten Alben des letzten Jahres. Weil es mit seinem strubbeligen Soul, der Lust an Parolen und der Wahrheit eine eigene Sprache gefunden hat. Eine Sprache für die albernen Situationen, in denen man sich als nicht mehr vollständig junger Stadtbewohner zwischen Wochenende und Wochentag wiederfindet. Weil ihr ein Manifest voranging, das mit Nachdruck den einzigen Ausweg forderte:

Glaubt an wenig! Glaubt an die Liebe! Fürchtet wenig! Fürchtet nur die erschreckenste, schlimmste Angst aller Ängste, den endlosen Kreislauf, die Wiederholung: the taste is familiar and so is the sound.

Sich als Musikgruppe Unklarheit und Unbestimmtheit nicht nur zu trauen, sondern sich ihr zu verschreiben — das ist nicht selbstverständlich, sondern gefährlich. Das Spiel mit übermütigen Ansprüchen, Manifesten und einer anmaßenden Grundhaltung wirkt geradezu albern in der musikalischen Umgebung der iTunes-Bibliotheken. Sinn machen einzig die Platten der Ronettes, von Martha Reeves und den Four Tops. Das ist Soulmusik. Ihren Tonfall besetzen Ja, Panik. Nur eben für eine andere Zeit und mit einem letzten Rest Wienerisch in den Stimmen. Damit kann man nur gewinnen. Folgerichtig heißt es in der Ansage zur neuen Platte:

Der Mangel ist unsere glänzendste Eigenschaft. Wir werden nichts erklären, nichts begründen, wir haben nichts verloren als unser Interesse.

Ich wüsste nicht, wer (außer vielleicht The Aim of Design is to define Space) momentan einen so klaren, nahen und überzeugenden inhaltlichen Entwurf von Popmusik anzubieten hat. Wie auch immer. Ich empfehle dringend das Video zur neuen Single Alles hin hin hin. Jedes Wort des Songs ist wahr.

Am 25. September erscheint das neue Album der Gruppe Ja, Panik. Es heißt The Angst and the Money. Man sollte ihnen zuhören.

August

Die Dinge laufen behäbig, aber sie laufen. Freie Stunden der letzten Wochen habe ich zu gleichen Teilen auf Wiesen, Picknickdecken und mit der Futura Condensed verbracht. Produktiv geht anders. Aber immerhin ist das ja auch ein Sommer, den man so nennen darf. Da muss es reichen, zu prokrastinieren, Produktivität also nur zu spielen. Und vollauf damit zufrieden sein, Neues vorzubereiten.

Will sagen: es gibt hier einen neuen Seitenkopf, Platz für schöne neue Navigationspunkte und einige weitere Kleinigkeiten. Das war nötig, um Platz für die eine oder andere Idee und neuen Content zu schaffen. Bis es damit soweit ist, dauert es allerhöchstens noch bis zum Herbst.

Bis dahin lege ich euch die schlicht betitelte gemeinsame Platte, die II von Lindstrøm & Prins Thomas an eure Herzen. Die Wolken und Picknickdecken, die ohne dieses Album gut sein sollen, die soll mir erstmal jemand zeigen.

Nur Dinge aufzählen die man mag, das ist langweilig und gilt nicht; außerdem gibt es für soetwas inzwischen Tumblelogs. Dennoch, es ist Sonntag, da darf man sich auch mal auf den puren Verweis beschränken. In diesem Fall auf die Arbeiten von Sebastian Freytag.

Seine Installationen und Gemälde bewegen sich entlang der Grenze zwischen minimaler Kunst und Grafikdesign. Arbeiten wie Villa oder Error würden als Funktionskunst im Rahmen einer Unternehmensidentität ebenso funktionieren wie sie es als freie Anwendungen von Typografie tun. Error

Sebastian Freytag ist Teil des Düsseldorfer Künstlerkollektivs Konsortium D. Im September wird er als Teil einer Gruppenausstellung der AZKM in Münster zu sehen sein. Bis dahin lohnt sich ein halbe Stunde Sonntagszeit für die ausgiebige Begutachtung seiner bisherigen Projekte. Und jetzt zurück in die Sonne.

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