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Text über Musik, Raum, Gestaltung und Kunst. Fotos.

Raumzeitwelle

In den ersten zwei Monaten des Jahres höre ich viel Dub und dubverwandte Musik1. Es mag mit der fortdauernden Stasis der Welt zu tun haben, oder dem Wunsch nach Konzentration und Innerem, oder mit guten Releases. Möglicherweise sind es Schnittstellen zu Themen, die bei mir vorkommen. Zwei erscheinen mir interessant und plausibel:

Dub als Struktur

Dub ist grundlegend raumbezogene Musik: Hall ist akustische Wahrnehmung von Raum durch Zeit. In dieser Hinsicht definiert jeder Dubtrack einen Raum, samt architektonischer Beschaffenheit. Zugleich ist der – in Effektgeräten produzierte – Hall durch die Eigenschaften eines physikalischen oder digitalen Raumes, und damit durch physische oder digitale Architektur definiert. Dub verwendet bestehende Räume, um neuen musikalischen Raum zu erzeugen. Es ist in dieser Hinsicht ein unmusikalisches Genre; es interessiert sich für die Bedingungen von Musik, nicht für Musik an sich.

Dub als Arbeit

Dub versteht bestehende Musik als Material. Er unterzieht sie einem Vorgehen, der einem Durcharbeiten der Möglichkeiten gleicht, die das Material zur Verfügung stellt. Im Vordergrund steht nicht Intuition – sondern ein Prozess, ausgezeichnet durch ein begrenztes Set von Werkzeugen und eine gewisse Form meditativer Disziplin2. Dieses Vorgehen übersetzt Kunst in Arbeit und Inspiration in Durchhaltevermögen. Es neutralisiert die Bürde der Bewusstheit und ermöglicht reines Handeln, reine Arbeit. Hier liegt der taostische Aspekt des Dub3. Diese Perspektive scheint mir die Grundlage für die große Anschlussfähigkeit des Genres: selbstverständlich kann man niemals sagen, dass es um Kunst geht. Das gebietet das Gesetz der Ernsthaftigkeit und die for better or worse angeborenen Selbstdefinition als arbeitender Mensch. Ebenso selbstverständlich geht es aber immer genau um Kunst, als Strategie des Ausdrucks und des inneren Widerstands4.

Beide Aspekte machen Dub zu einer freitragenden Kulturtechnologie. Dub negiert künstlerischen Anspruch jenseits seiner musikalischen Praxis. Dub verfolgt eigensinnige Ziele ohne Wert und Verbindung, frei von Raum und Zeit – Dub ist der Raum und die Zeit. Nothing from something, something from nothing, völlige Konzentration

Musik im Kontext:

  1. Eher im weiteren Sinne von weiterverarbeiteter Musik denn im engeren Kontext der virtuosen Verwendung des Halleffekts im Kontext jamaikanischer Musikpraxis – aber durchaus auch letzteres, siehe Dub als Struktur↩︎
  2. To presume intuition on a subject was to upend the rigor of process. And the rigor of process was where true story lived schreibt Craig im Vorwort zu Kissa by Kissa im Bezug auf Alexander Chee – und stellt damit Bezüge zu zwei ebenfalls prozessbezogenen Kulturtechniken her: Schreiben und Gehen. ↩︎
  3. Rainald Götz hat es am besten formuliert und den Bezug zur deutschen Appropiation der Dubtechnologie hergestellt: Monumentaler Realbuddhismus. Man kann nicht über Dub sprechen, ohne über Basic Channel zu sprechen. ↩︎
  4. Das ist übrigens schön zu hören in der hundertsten Nacherzählung des Joy Division/New Order/Factory-Mythos (dieses Mal als Podcast: Transmissions) – insbesondere der Idealproletarier Peter Hook setzt alles daran, nicht als das Genie wahrgenommen zu werden, das er ganz offensichtlich ist. ↩︎

Wüsten

Die Wüste des Jahres 2020 breitet sich hinter mir aus, in allen Dimensionen und Tiefen, omnipräsent in ihrer Leere und Auflösung, ihrer umfassenden metaphorischen Qualität. Die Wüste als Wunder, wenn sie in Stille betrachtet wird (auf dem Rücken liegend, in die Sterne blickend). Die Wüste als unendliche Belastung wenn sie durchquert werden muss. Mir ist die Wüste in Hotelzimmern begegnet und allein in meinem Bewusstsein, eine Wüste, die den Horizont auslöscht, die Himmel, Luft und Terrain in völliger Weite aufgehen lässt. Wüste als tief gesättigtes Gelb, die Farbe des Jahres 2020, Wüste als Myriade geschmolzener Glaspartikel. Wüste als disproportionale Leere, als ein Innehalten allen Momentums, in Zeit und Raum.

Das Jahr begann zwischen Wüste und Meer in Südamerika und Agafay, fulminant und voller Neuheit und Optimismus, eine Welt entfernt vom hier und jetzt. Ich hörte die Messerplatte in einem Zug von Casablanca und wenig später Monira Al-Qadiri, wie sie mit Holy Quarter alles in diesem Jahr beschrieb. Ich las Dune und war eingehüllt im warmen Nebel am Meer bei Espinho, alle Zukunft diffus und soft, aber entschieden hier. Das traf auf die Katharsis in den Straßen von Paris, du musst dein Leben ändern, auf Kiko’s Show und kurze Zeit später Performa mit Anne und der Abend danach mit allen, we’re not lovers, we’re here to serve you. Full stop. Ein schnelles Jahr ein langsames Jahr. Ein Jahr Grundlagenarbeit und subkutane Energie und das Wissen um den Erhaltungssatz. Die Entscheidungen sind gefallen, nun wird gebaut. Musik im Jahr 2020.

Was ich in deinen Träumen suche/Ich suche nichts/Ich räume auf

Winter

Frühling

Sommer

Herbst

Winter

Sets

Bau

14 years after my first house, I keep drawing iterations of it, over and over, as an obsession. though they’re always different, they’re different so that they’re always the same (to resist being defined by their location). We always draw the same house, for the same person – under various pseudonyms – as if the idea were set in stone, like also Rossi says: without ever letting myself be distracted by useless people or things, in the belief that progress in art and science depends on such continuity and constancy, which are the only means of achieving renewal.

Eduardo Souto de Moura, Memories, Projects, Buildings, 2020.

In the face of increasing complexity, we are more than ever in need of a system of thought that that is capable of simplifying without mutilating. When reality resists simplification, we have to turn to complexity. Complexity is the eruption of the disorder of the random and of uncertainty in the reality […] We all know that the future is unpredictable today, given the perpetual intervention of the new and the unexpected. And it is for that very reason that extreme complexity has a tendency to resemble a permanent crisis.

Edgar Morin, On Complexity. Hampton Press, 2008.

The Assembler

The assembler calculates expressions and resolves symbolic names for memory locations and other entities.

Was wenn du nicht rauskannst? Was wenn alles das du hast hier ist? Dann baust du mit dem, was in Reichweite ist, oder du baust mit Nichts, from nothing to something. Wenig Material ermöglicht tiefere Auseinandersetzung mit dem Vorhandenen, so war es mit dem Input in diesem Jahr. In den kalten Monaten habe ich keine Kunst jenseits der Bildschirme gesehen, nur im Sommer in Serralves und in den weiten Hallen meiner Städte. Eine einzige Musikaufführung gab es (die wunderbaren Love Songs, aus dreißig Meter Entfernung), alle anderen wurden abgesagt. Um so eingehender habe ich gehört und gelesen, und alles auf Raum und Gemüt bezogen.

Trotz der ganzen Misere war es ein Jahr für Neues und für Tiefes, für die Lust an Veränderung und für das Formen der Welt. Für große, leise Dinge, möglicherweise. Es ist also nicht überraschend, dass die wichtigen Releases des Jahres 2020 überaus raumgreifend sind, sogar für meine Geschmacksverhältnisse. Es sind vier Platten, die Material und Baupläne für ganze Welten zur Verfügung stellen. Platten die ich zerlegt habe, und die mich zerlegt haben, Platten die ich benutzt habe, für alles mögliche, und nicht nur als Ersatz. Und dann ist da noch eine Platte für den Sommer, die Straßen von Bonfim, die Brücken über den Fluss und die Stunde, in der ich doof und glücklich war. Vier zu eins, Kopf zu Herz, ich kann damit arbeiten.

Auch gut und richtig: Beatrice Dillon – Workarounds, My Disco – Environment Remixes, Love Songs – Nicht Nicht, Einstürzende Neubauten – Alles in Allem, Messer – No Future Days, iTal Tek – Dream Boundary, Young Palace – Locus, Gila – Energy Demonstration, Helena Hauff – Kern Vol. 5, Nazer – Guerilla, Topdown Dialectic – FUR 084, Schwefelgelb – Dahinter das Gesicht

  1. Wie in meinem Text zur Bruxelles 12″ erwähnt, scheint Chicago einer der zentralen Messpunkte meiner Musiksozialisiation zu sein – das definitive, raum- und strukturbezogene Album. Dass es die schönsten Innensleeves und das schönste Cover hat, trägt dazu bei. ↩︎
  2. Es ist bemerkenswert, wie nah Efdemin hier Perpetuum Mobile kommt, der großen Auseinandersetzung der Einstürzenden Neubauten mit strömender Luft und der Leere, die ihre Abwesenheit hinterlässt. Zuweilen meint man, auf Monophonie Blixa Atem holen hören. Equivalenzen Berliner Musik. ↩︎
  3. Truth is mysterious and elusive, and can be reached only through fabrication and imagination and stylization, sagt Werner Herzog und hat recht. ↩︎
  4. Produziert und pre-released für das RMT01-Projekt von ACRONYM®, zu dem ich mit WAF GMBH ebenfalls beitragen durfte. Good company. ↩︎
  5. Es besteht natürlich eine direkte Äquivalenz zu Boy Harsher, die mir im vergangenen Jahr so viel bedeutet haben, auf eine gewissermaßen kalifornische Weise: all der Hall auf allem, das ewige cinematische Autogefahre, der schwarze Sonnenschein – es macht schlicht zu großen Spaß (All your City lies in Dust). ↩︎
  6. Während sie gehört wird, ist jeder Gedanke durch ihre Atmosphäre gefiltert. Jede Handlung trägt ihr Gewicht, its measured intensity, its rigour and concentration. Its all-leveling truth. (Still) Dabei bleibe ich. ↩︎

The prevalent emotion in context with the death of a loved one is the brutal and finite realisation that we are the lucky ones, who get to continue to witness the world, that get to continue to watch, to listen, to love, to inscribe ourselves. We get to continue to do the things that – to a certain degree – are possible because of those that came before us. With this comes the urgent realisation that we must not waste a minute, an impetus, a connection. We need to ferociously continue to be ourselves, we owe it to those who had to go.

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