electricgecko.de

Text über Musik, Raum, Gestaltung und Kunst. Fotos.

Bahn

Das endende Jahr ist kein Jahr der Worte. Ich habe mehr gesehen als geschrieben, mehr in die Ferne als im Raum. Darüber wäre Interessantes und Nachdenkliches zu sagen, aber wenig ist deutlicher als der Abdruck von Zeit in Musik. Es gibt also die Playlist namens Autobahn auf meinen Devices. Sie enthält Musik, in der es um Momentum geht, ein einfaches Thema und simple Tracks, konzentriert auf die eigene Kinetik und wenig anderes.

Selected Faces von Gesaffelstein ist einer dieser Tracks, aus dem letzten Ende der Welle maximaler elektronischer Musik: Ein Tool im besten Sinne, kaum Substanz, alles Technik und gutes Finish, zugleich superklar und versaut, wie gute Highs es immer sind. Arrangiert man mehrere Tracks wie diesen zu einer dramaturgisch effektiven Reihe, führen sie in einen positivistischen Zustand reinen Handelns, einen Implementationswahn, der sich wohltuend von Denken und Entwerfen1 unterscheidet.

Ein leichter Eskapismus ist also beteiligt – oder zumindest der Versuch, einer Situation zu entkommen, um woanders wieder handlungsfähig zu werden. Entrance «Perish» (von Clouds, aus dem isolationsbedingt massiv gewachsenen Neurealm-Katalog) passt in dieses Bild: Es ist der gut gelaunte Abstieg in die Gabberunterwelt der Dark Leviathan Krew, wo ohnehin nichts mehr heil ist. Hier kann man atmen und handeln. Der destruktive Charakter ist heiter und freundlich. Er kennt nur ein Ziel: Platz schaffen (Bargeld/Benjamin).

Zum Schluss ist Hold on Tight (in der Version von Nalin & Kane) vielleicht sogar thematisch richtig, auch wenn man für derlei Feinheiten 1997 vermutlich keine Kapazitäten hatte. Wer die Frage, ob und wie man nach neuneinhalb Minuten Break wieder in den dreistesten aller Hooklineriffs zurückkommt, mit einem schlichten Spurwechsel beantwortet, hat entweder keine Zeit, keine Ideen oder Sinn für Effektivität und guten Geschmack. Alles akzeptable Gründe, vielleicht nicht in der Welt, aber hier in dieser Playlist, in der sich das Jahr 2020 bereits als qualmender schwarzer Punkt im Rückspiegel entfernt.

  1. Rastermusik hieß das gemeinhin in den frühen Tagen von WAF GMBH, kaputte Taktarten, um auf die komplizierteste aller denkbaren Weisen zu möglichst einfachen Ergebnissen zu kommen. Wir waren dumm und effizient.

Arbeit

Unfähig irgendetwas als etwas anderes als Arbeit zu betrachten. Arbeit als Gemütszustand, als Weg, sich Dasein zu erlauben. Die Welt in Arbeit auflösen, die Welt als Arbeit einrichten. Arbeit und die Fragen: Ist es zu verantworten, jetzt nicht zu arbeiten? Wie lange kann man dann leben ohne dass das Universum hereinbricht und Tribut fordert? Ist es ein Katholizismus, der die Daseinsschuld aufgewogen wissen will? Protestantismus, der die Verweigerung des Lustprinzips zur Lust erklärt?

Es ist eine List (um sich zu umgehen), etwas großes in den Weg der Arbeit zu räumen, etwas das ihr ähnlich sieht, das stärker an ihre Rezeptoren bindet. Das sie besetzt und auslaugt, bis sich eine mittlere Intensität über alles legt und der Atem zu hören ist.

Und meine Unfähigkeit, Arbeit, wenn sie getan ist, als Triumph zu begreifen, sie auszustellen und davon zu erzählen. Allenfalls kann sie eingetragen werden in die Liste Getaner Dinge, aufgeführt im Resümee. In jedem Fall schnell vergessen und durch neue ersetzt, die Arbeit in Zeiten der Pest. (London)

View from Ennis House

School of Velocity

Basis: Eine gewisse Sachlichkeit des Ausdrucks. Diese Musik ist konstruiert, sie folgt Regeln, sie nimmt sich zurück. Jeder Track ist ein System, und Spannung entsteht aus dem Durcharbeiten seiner möglichen Konstellationen. Gegenüber anderen Dial-Releases (inklusive seines eigenen Debütalbums) wirkt Efdemin hier kühler, mit größerem Interesse an Raum und Bau als an den Menschen. In dieser Hinsicht könnte das hier auch die dritte Auskopplung aus Chicago sein, dem Meisterwerk.

Herz: Diese ausbalancierte Unruhe, Drive spürbar vorhanden, aber gedämpft, als fände die eigene Wahrnehmung im Nebenraum statt. Jeder der drei Tracks nimmt eine Abfolge verschiedener Formen an, um schließlich auf befriedigende Weise die Dramaturgie zu schließen. Die kinetische Energie bleibt über drei Tracks erhalten.

Kopf: Alles klingt nach europäischer Moderne, vielleicht sogar universell, zumindest soweit man sich 2005 noch einreden konnte, dass es das gibt. Musik für Züge und Nächte, Fineliner-Musik, Musik zum Denken. Kammermusik für hohe Räume. Alles ohne Untermalung zu werden, belanglos oder falsch. Shout out if you listen to this in 2020.

Aufgeschrieben zu Efdemin’s Bruxelles 12″, deren Erscheinen ich erst 15 Jahre später mitbekommen habe. Ich bin mir allerdings sicher, zu Baumgartnerhöhe (Copy) in irgendeiner Nacht Drinks an der mit weißem Kunstleder gepolsterten Bar des Turmzimmers bestellt zu haben.

Raum und Zeit und Selbst

Ich hege eine gewisse Zuneigung an das Zurückkehren, an den zweiten Blick auf einen Ort. Markiert der erste Blick einen Punkt, das Eintreten des Neuen, beschreibt der zweite Blick eine Strecke: Sie schließt ein psychologisches Dreieck zwischen der ersten Wahnehmung, dem zurückgelegten Weg und dem zweiten Besuch. Erst das Wieder-Erkennen eines Ortes stellt eine Relation her, die über bloßes Betrachten hinausgeht1. Einmal irgendwo gewesen sein bedeutet nichts. Zurückkehren bedeutet alles.

Ich habe Oporto häufig besucht, einige Male der Liebe und der Arbeit wegen. Ich kehrte zurück wegen Álvaro Siza, Serralves, der Topographie und der Bruchteile verwitternden Grandeurs. Schließlich wegen des seltenen Verständnisses: Diese Stadt ist mir zu eigen. Da ist eine Version dieser Stadt für mich, und eine Version von mir für diese Stadt.

Oporto hat in den letzten zehn Jahren eine beständig wiederkehrende Rolle in meinem Leben gespielt, leise und absichtslos2. Ich werde nun also eine Zeit dieses an Zeiten nicht eben armen Jahres dort verbringen. Ich bereue, das Neubauten-Konzert in der Casa da Música um ein Jahr zu verpassen. Ich freue mich auf all die Aussicht, und die Nacht in der Straße. Ich erinnere mich an den Text über Xmal Deutschland, den ich in der Nacht an der Kammer am Fluss schrieb, und an den Tag danach, die Hallen von Campanhã. Mehr, eine entschiedenere Linie beschreiben.

  1. Ich neige dazu, signifikante Wege in Städten immer wieder zurückzulegen. Vermutlich ist es der Versuch, durch das Überlagern ganz verschiedener psychologischer Zustände und sich verändernder Orte eine Linie zu erzeugen, die aus großer Ferne sichtbar bleibt: Markierung und Verbindung von Raum und Zeit und Selbst.
  2. Überrascht stelle ich fest, dass ich das vor sieben Jahren bereits ähnlich sah. Es ist irritierend und kostbar wenn sich Dinge meiner Entscheidungswut widersetzen.
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