electricgecko.de

Text über Musik, Raum, Gestaltung und Kunst. Fotos.

Präziser Schatten

Ich fragte Kachelbad, ob er das Gefühl kenne, wenn man sich bewusst macht, dass man gerade in diesem einen Augenblick existiere, und Kachelbad wusste, wovon ich sprach: Es dauert nur wenige Sekunden, wenn man darüber nachdenkt und schon wird einem mulmig und bekommt das Gefühl, zu verschwinden. Als sei man immer weniger Körper und immer mehr Gedanke. Fast meint man, sich von hinten zu sehen, sich in Auflösung zu begreifen und nur noch zu denken. So ein Himmel und so eine Situation provozieren jenes Gefühl vielleicht auch. Doch seit meiner Kindheit überfallen mich derlei Gedanken. Ich mache mir bewusst, dass ich gerade nun in diesem Augenblick existiere, dass es all das gibt, was ich sehe und spüre und fühle, dass es die Physik gibt, dass Handlungen Konsequenzen haben, ich sehe meine Hände, begreife meine Auedanken kreise, dass ich jetzt gerade hier in diesem einen Moment existiere und dass das nicht anzweifelbar ist, ebeb weil dieser Gedanke sich durch die Zeit bewegt und eine Geschichte und eine Zukunft hat, er steht vor der Geschichte und macht deutlich, dass Entscheidungen erforderlich sind (Atmung, Nahrung, Bewegung, Leben oder das Gegenteil), und mir wird mulmig zumute, noch mulmiger. Gleichzeitig aber gibt es keinen anderen Modus, in dem ich so deutlich meine Existenz spüre. Die Vorstellung, was wäre, wenn das nicht wirklich sei, was also die Alternative zum Dasein wäre, ist undenkbar, sie bleibt abstrakt.

Hendrik Otremba, Kachelbad’s Erbe, 369-370. Hoffmann und Campe, 2019.

Es ist eine einigermaßen spezifische Empfindung, und sie derart präzise formuliert zu lesen, ist ein bemerkenswert warmes und verstörendes Gefühl, der lebende Schatten des eigenen Inneren auf einem Display eines Ultraschallgeräts.

Carsten Nicolai, Retrospektive im K21, Düsseldorf. Dezember 2019.

Neue Kommunikation

2019 war das erste Jahr ohne die gedruckte Spex, also die Publikation, die (neben De:Bug und The Wire) meinen Zugang zu Musik wesentlich geprägt hat. Eigentlich nicht den Zugang, eher die Art, über Musik nachzudenken, darüber zu sprechen und zu schreiben. Über Musik schreiben, nicht um sie zu kritisieren oder öffentlich gut zu finden. Über Musik schreiben als Auseinandersetzung mit der Art, wie sie in die Welt und die eigene Psychologie passt. Darüber, was Musik empfindbar macht, also darüber, was Musik in der inneren Welt hervorbringt. Auf diese Weise über Musik zu schreiben, hat eine gewisse therapeutische Qualität. Über Musik schreiben ist auch immer: Die eigene Mythologie schreiben, eine Welt erfinden und dann darin leben.

Das Format der Fünf Alben des Jahres ist beliebig, inadäquat und überholt. Auf diese Weise vermeintliche Struktur schaffen zu wollen, ist müßig. Ich tue es weiterhin, weil es mir die Möglichkeit gibt, ein Jahr zu erinnern, anhand der Dinge, die wirklich zählen, eben weil sie keine Dinge, Momente, Tage oder sonstige Gegenstände sind. Sondern Prozesse, Loops, Echos, Perspektiven und Atmosphären, die nicht stattfinden, wenn Musik nicht stattfindet. Das Jahr ist nicht passiert ohne Musik, und es wird nicht erinnert ohne Musik.

Dies sind die fünf Alben, an denen sich kristallisiert, was ich in Zukunft 2019 nennen werde. Wie kann man das erklären, wer soll das lesen, wo soll das vorkommen? Danke, Spex.

Weiterhin bedeutungsvoll, häufig gehört und hängen geblieben: TR/ST – The Destroyer 1&25, Messer – Anorak 7″, Pessimist – s/t, Wax – 70007, Demdike Stare – Passion, Topdown Dialectic – Vol. 2, Galcher Lustwerk – Information, Belgrad – s/t, Martyn – Odds against us, Hiro Kone – A Fossil begins to Bray, Pom Pom – Untitled (2019)

  1. Halbwegs nach Zumthor: Dimensionen und Materialien, Licht, Luft und Klang.
  2. Aus einem Gespräch mit Yagasaki Zentarō, aus der exzellenten Interviewsammlung Die Lehre des Gartens.
  3. Meine Überzeugung, dass es wichtiger ist, wie die Dinge gesagt werden als was gesagt wird, führt nicht selten zu Missverständnissen. Mit Einerseits völlig normal/andererseits a fucking tragedy ist wirklich restlos alles erklärt bevor die Worte überhaupt im Gehirn angekommen sind. Ich verdanke dieser Sprache viel, emotional und für’s große, ganze Weltverstehen.
  4. Und – echt – die Melancholie der Standorte.
  5. Music to dance and cry to. Wichtig und schön, aber leider auf Albumlänge nicht auf dem Niveau des ersten Albums.

Gasoline Zen

It’s remarkably silent as we slowly cross Beethoven Street. I ponder the gradually passing shadows and whether they are the most real thing I’ve seen today. Dry-clean smell permeates this black Kia Optima. We keep inching along Culver. Finally, the freeway sprawl, in front of us. I servo down a window in anticipation – only to find the freeway packed with the afternoon jam, and myself in stasis again.

Jon said that Uber has put a layer on top of the city, opened it up. It provides no freedom, replacing one rigged system with another. New economics, but no new access (economics newer create new things). Nothing improved, it’s a stall, sideways momentum. My driver is a quiet, chinese man, entirely clad in beige. He puts a Muji tray of caramel sweets on the handrest. I take one and never eat it.

Under the street lights, a Volkswagen Passat stops to pick me up. Its interior smells of industrial strawberries, the stereo playing progressive sidechain arpeggios. There is a moody iridiscent sliver in me that enjoys how well this music matches the ride, the nighttime tunnel flow. We are traversing the dark city in an almost meditative state. Gasoline Zen, I post to Twitter.

The music selection is an integral part of every ride, in a very different way than during Berlin Taxi rides. American radio stations somehow seem to have access to a deeper archive of 1980s rock classics, inacceptable music that seems strangely adequate in Californian air. Toto, Stones, The Wings, they all seem to complete a cliché that may be more real than the actual city.

Thomas is driving me. He is in a palm tree-patterned daishiki. He is listening to The Wave radio at full volume, some black-eyed R’n’B, and keeps humming along. The ever-present industrial strawberry smell mixes with his vanilla perfume. All of this is highly pleasant.

This one blasts trap beats, the stereo’s volume perfectly tuned. As the sun casts soft shadows onto my ankles, I notice yet another variant of the faint dry clean/dried fruit scent that I am unable to place (this country’s olfactory industry has long since emancipated itself from the limited selection of fruit available on earth, I scrawl into my notebook). The car is en route to Los Feliz, where I’d like to visit Ennis House, and stare at the cityscape in dusk and sun. On Glendower Avenue, the door closes and the Prius hums away. I remain by myself on a steep road, next to a vaguely Aztec structure.

Slowly forming Smoke on an industrial Winter Morning

Der Winter ist zurück, und mit ihm die eisige Luft. In ihr scheint mehr Raum zu sein, neben Molekülen und Edelgasen, Raum für das körperlose Material der Gedanken und Empfindungen, für die innere Welt und das Licht, das durch sie fällt. Scharf und klar scheint sie Auflösung jeder Wahrnehmung zu erhöhen, jede Empfindung schneidender und jeden Gedanken kristalliner zu machen. Luft, die zu diesen Dingen fähig ist, eine der großen Freuden der dunklen Jahreshälfte.

Möglicherweise ist diese Empfindung im Dezember 2019 so präsent, weil sie zusammenfällt mit dem neuen LP-Release von Shed1, Oderbruch, eine Art Heimatalbum. Sein Thema verhandelt es nach Shed-Kriterien: wie immer geht um das Verhältnis von Atmosphäre und Raum, um die strukturelle und formale Untersuchung eines alten Genres2. Folgerichtig ist der Opener B1 (Anfang und Ende) der große Hit der Platte, ein auf das Innere konzentrierter Banger, konstruiert aus der vollständig eigenen Materie des Shed-Universums. Durchaus spürbar fällt der Blick dabei aus der Stadt auf das umgebende Land (Sterbende Alleen).

Das Album steigt wie weißer Dampf in kalte Winterluft – die Form ständig verändernd, warm, gewichtlos und voller Momentum, pure Shedism. Der Aggregatszustand dieser Musik könnte nicht besser zur klaren Winterluftmaterie passen, sie erzeugt ein Gleichgewicht der Konzentration im Dies- und Jenseits der Wahrnehmung. Es ist Musik, die Schönheit im Dualismus des Daseins findet, abgeschlossen und aufgehoben zugleich. Das Innere, das beständig, klar und ruhig in der Welt verdampft. Musik für den Rest des Jahres, und alles was kommt.

(Und weil Shed nur ein Protagonist im Privatuniversum von René Pawlowitz ist, gibt es parallel das siebte WAX-Release. Für die schwere Luft der Nacht. Muss.)

  1. Überhaupt lassen sich die Jahre in solche mit und solche ohne Shed-Alben unterteilen. Die Jahre mit Shed sind die, die mich an den Rand von etwas gebracht haben, in denen etwas wortlos erklärt werden konnte, in denen zusätzlicher Platz zur Verfügung stand.
  2. Mir fällt ein, dass die Kraftwerk-Platten meines Vaters, die ich als Kind hörte, jünger waren als es Techno heute ist. Zeit ist anekdotisch.
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