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Text über Musik, Raum, Gestaltung und Kunst. Fotos.

Gasoline Zen

It’s remarkably silent as we slowly cross Beethoven Street. I ponder the gradually passing shadows and whether they are the most real thing I’ve seen today. Dry-clean smell permeates this black Kia Optima. We keep inching along Culver. Finally, the freeway sprawl, in front of us. I servo down a window in anticipation – only to find the freeway packed with the afternoon jam, and myself in stasis again.

Jon said that Uber has put a layer on top of the city, opened it up. It provides no freedom, replacing one rigged system with another. New economics, but no new access (economics newer create new things). Nothing improved, it’s a stall, sideways momentum. My driver is a quiet, chinese man, entirely clad in beige. He puts a Muji tray of caramel sweets on the handrest. I take one and never eat it.

Under the street lights, a Volkswagen Passat stops to pick me up. Its interior smells of industrial strawberries, the stereo playing progressive sidechain arpeggios. There is a moody iridiscent sliver in me that enjoys how well this music matches the ride, the nighttime tunnel flow. We are traversing the dark city in an almost meditative state. Gasoline Zen, I post to Twitter.

The music selection is an integral part of every ride, in a very different way than during Berlin Taxi rides. American radio stations somehow seem to have access to a deeper archive of 1980s rock classics, inacceptable music that seems strangely adequate in Californian air. Toto, Stones, The Wings, they all seem to complete a cliché that may be more real than the actual city.

Thomas is driving me. He is in a palm tree-patterned daishiki. He is listening to The Wave radio at full volume, some black-eyed R’n’B, and keeps humming along. The ever-present industrial strawberry smell mixes with his vanilla perfume. All of this is highly pleasant.

This one blasts trap beats, the stereo’s volume perfectly tuned. As the sun casts soft shadows onto my ankles, I notice yet another variant of the faint dry clean/dried fruit scent that I am unable to place (this country’s olfactory industry has long since emancipated itself from the limited selection of fruit available on earth, I scrawl into my notebook). The car is en route to Los Feliz, where I’d like to visit Ennis House, and stare at the cityscape in dusk and sun. On Glendower Avenue, the door closes and the Prius hums away. I remain by myself on a steep road, next to a vaguely Aztec structure.

Slowly forming Smoke on an industrial Winter Morning

Der Winter ist zurück, und mit ihm die eisige Luft. In ihr scheint mehr Raum zu sein, neben Molekülen und Edelgasen, Raum für das körperlose Material der Gedanken und Empfindungen, für die innere Welt und das Licht, das durch sie fällt. Scharf und klar scheint sie Auflösung jeder Wahrnehmung zu erhöhen, jede Empfindung schneidender und jeden Gedanken kristalliner zu machen. Luft, die zu diesen Dingen fähig ist, eine der großen Freuden der dunklen Jahreshälfte.

Möglicherweise ist diese Empfindung im Dezember 2019 so präsent, weil sie zusammenfällt mit dem neuen LP-Release von Shed1, Oderbruch, eine Art Heimatalbum. Sein Thema verhandelt es nach Shed-Kriterien: wie immer geht um das Verhältnis von Atmosphäre und Raum, um die strukturelle und formale Untersuchung eines alten Genres2. Folgerichtig ist der Opener B1 (Anfang und Ende) der große Hit der Platte, ein auf das Innere konzentrierter Banger, konstruiert aus der vollständig eigenen Materie des Shed-Universums. Durchaus spürbar fällt der Blick dabei aus der Stadt auf das umgebende Land (Sterbende Alleen).

Das Album steigt wie weißer Dampf in kalte Winterluft – die Form ständig verändernd, warm, gewichtlos und voller Momentum, pure Shedism. Der Aggregatszustand dieser Musik könnte nicht besser zur klaren Winterluftmaterie passen, sie erzeugt ein Gleichgewicht der Konzentration im Dies- und Jenseits der Wahrnehmung. Es ist Musik, die Schönheit im Dualismus des Daseins findet, abgeschlossen und aufgehoben zugleich. Das Innere, das beständig, klar und ruhig in der Welt verdampft. Musik für den Rest des Jahres, und alles was kommt.

(Und weil Shed nur ein Protagonist im Privatuniversum von René Pawlowitz ist, gibt es parallel das siebte WAX-Release. Für die schwere Luft der Nacht. Muss.)

  1. Überhaupt lassen sich die Jahre in solche mit und solche ohne Shed-Alben unterteilen. Die Jahre mit Shed sind die, die mich an den Rand von etwas gebracht haben, in denen etwas wortlos erklärt werden konnte, in denen zusätzlicher Platz zur Verfügung stand.
  2. Mir fällt ein, dass die Kraftwerk-Platten meines Vaters, die ich als Kind hörte, jünger waren als es Techno heute ist. Zeit ist anekdotisch.
March 21st, 2019

Ich kann mich an manche perfekte Tage erinnern, als vollkommene Rhythmen von Raum und Perspektive, Tage, deren Licht anhält. Der 21. März meines sechsunddreißigsten Jahres war ein solcher Tag.

In my life, in moments of clarity, in moments of being close to myself, the world has felt abstracted, foreign and incompatible. In these moments, I have felt akin to the patterns of eroded signage paint on tar, to the shapes of the clouds, to insects resting on a sun-basked leaf. I have felt disconnected, yet at home in the cracks and ends, at home inscribed into the patterns, nowhere to be found but somehow. (010717)

Let’s save this particular now

Dieses Jahr hat in Los Angeles begonnen, nachdem die ersten beiden Monate in einer Art Druckwelle an mir vorbeigezogen waren, nachdem WAF GMBH ihre Existenz rechtsgültig begonnen hatte. Es war eine Rückkehr an einen Ort, den ich während meiner vorigen Besuche nicht verstand, aber mich stets fasziniert zurückließ. Das fundamentale Versagen dieser Stadt, eine Stadt zu sein1, ihre psychotische Dunkelheit, die Geometrie ihrer Schatten im immerzu perfekten Licht – mein Versuch, eine Perspektive auf Los Angeles zu finden hält an und findet inzwischen in einem Are.na-Channel statt: Parsing L.A..

Seit meiner Rückkehr habe habe ich nicht aufgehört, über diese projizierte Stadt und ihre Orte nachzudenken. Ebenso habe ich nicht aufgehört, Boy Harsher zu hören. Die dunkle Campyness des Projekts aus (enttäuschenderweise: Massachusetts) fließt gleichermaßen in den schwarzen Sonnenschein, der so spezifisch für Los Angeles ist. Diese Musik füllt Industriebrachen und flutet die mit 20 Meilen pro Stunde vorbeiziehenden leeren weißen Kuben, die Gebäude sein sollen. Wie so vieles in den Vereinigten Staaten ist sie eine Rekonstruktion europäischer Affekte mit amerikanischen Mitteln. Wie so vieles in Los Angeles speist sich ihre Anziehungskraft aus eben dieser monumentalen Fakeness.

Ich habe die Alben und LPs von Boy Harsher mehr gehört als viele andere Musik in diesem Jahr. Los Angeles blieb und die Stimmung blieb und die Erinnerung an das Licht und die Menschen blieb. Es ist schwer, sich der Sleaziness zu erwehren, dem Eingeständnis einiger Kaputtheit und der Weite und Freiheit, die von dieser Musik ausgeht. Das hat viel mit Jae Matthews‘ Gesang zu tun, geschult an der Attitüde und Anziehungskraft der europäischen Goths (Siouxsie Sioux, Anja Huwe, man muss die richtigen YouTube-Videos kennen).

Motion, Westerners und Morphine (ey, diese Titel) haben mich durch einige Härten halluziniert, als Narrative einer Welt, die es nur ausgedacht gibt, und halt in Los Angeles, wo alles erfunden ist. Es ist großartige Musik, wie L.A. eine großartige Stadt ist, wie es nichts sharperes gibt als eine Truckerjacke aus gewachstem Twill im richtigen Licht.

Boy Harsher wurden zum Kristallisationspunkt meiner Beach Goth-Playlist, vermutlich der reinste Ausdruck meiner Lust an brachial doofer Affirmation, zu der ich in diesem Jahr gefunden habe. Diese Playlist bedeutet mir viel – ebenso wie Los Angeles und meine Perspektiven in der Stadt, denen Boy Harsher Raum und Permanenz in 2019 gegeben haben, auch auf dem kalten Boden der Tatsachen zum Ende der Dekade.

There was a moment among the abstract government buildings. I was very tired, the mournful groove of Boy Harsher oozing from my wireless earpiece, an electric scooter zooming past. I realized where I was, which world, how far I had walked. Let’s save this particular now. (Berlin, September 2019)

  1. Traversing the airspace above L.A. and the valley beyond makes the vastness of this country apparent. It is, fundamentally, still the far west, unclaimed nature, emptied of its original inhabitants, painted with a thin layer of civilisation and semi-permanent architecture. Were the people settling here to leave, it would turn full western-trope ghost town of monumental dimensions.
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