electricgecko.de

Text über Musik, Raum, Gestaltung und Kunst. Fotos.

Web Design as architecture

Schreiben ist Gestaltung, Schreiben ist ästhetisches Handeln. „Ich betrachte die Methode mit viel mehr Zuneigung als die Ergebnisse“, wie Paul Valéry sagt, und ich stimme zu. Es ist schwer zu leugnen zumal in dieser Publikation. Ich glaube an die Chance, etwas auf Weisen zu sagen, bei denen der Tonfall einen Unterschied macht: Text als Perspektive. Text im weiten Sinne, Text dessen formale Beschaffenheit wesentlicher Grund für Wahrnehmung und Innehalten ist. Poetisches Theoretisieren, zu einem gewissen Grad.

Web Design as architecture ist ein solcher Text. Es ist ein Vorschlag für eine einfache, aber interessante, holistische Perspektive auf die Gestaltung von Websites. Er geht zurück auf meine Unzufriedenheit mit dem Diskurs über digitale Gestaltung. Webdesign als Architektur zu denken, hilft mir zu verstehen, was Gestaltung in diesem Zusammenhang bedeuten kann – und dabei, dieser Disziplin ästhetisch und gesellschaftlich verantwortungsvoll nachzugehen. Es ist der Kern dessen, was wir bei WAF GMBH versuchen.

Ich habe aus diesem Vorschlag eine sehr einfache Website (http://www–arc.com) und einen deutlich komplexeren Are.na-Channel1 gemacht. Beide stießen auf eine gewisse Aufmerksamkeit. Auf Einladung von Grafill2, der norwegischen Assoziation für Grafikdesign habe auf dieser Grundlage einen etwas kohärenteren und weiter führenden Vortrag geschrieben, den ich im Mai in Oslo halten durfte.

Web Design as architecture, Promotional Visual

Mein Versuch, eine gleichermaßen programmatische wie pragmatische Argumentation für Web Design as architecture vorzuschlagen, hat zumindest meinem Verständnis dieser Idee gedient.

Grafill waren wundervolle Gastgeberinnen und Gastgeber, die Gespräche nach dem Vortrag und nicht zuletzt ein Besuch bei Snøhetta wirken bis heute nach. Auch aus den Gesprächen in Oslo heraus versuche ich, meine Gedanken bei Are.na weiterzuführen. Es gibt eine Literaturliste, und diverse weitere Dinge, die ästhetisch und theoretisch von Bedeutung sind3, in idealen Fällen beides in gleichem Maße.

Ich möchte die Perspektive Web Design as architecture weiter denken, die zugehörige Website weiter entwickeln und eine ausgearbeitete Form des Vortrags für die kommende Konferenzsaison vorbereiten. Hinweise für passende Kontexte nehme ich gern – ebenso wie Diskurs, Kritik und Input. Are.na ist die geeignete Plattform für all dieses.

  1. Weiterhin meine liebste digitale Plattform für einige der spannenderen Anwendungen des Internets, ich habe das im vergangenen Jahr aufgeschrieben.
  2. Diese Einladung bedeutet mir viel – ich verfolge Grafill und das angeschlossenne Visuelt-Festival seit vielen Jahren; im Grunde seit Non-Format als Protagonisten und Gestalter diese Plattformen maßgeblich geprägt haben. Non-Format haben mir viel über Grafikdesign beigebracht, nicht zuletzt hinsichtlich der Verhältnisse von Raum und Masse in visueller Gestaltung. Full Circle.
  3. Beispielsweise: referenzierte Websites, referenzierte Bauwerke und bessere, kompaktere Formulierungen als solche, zu denen ich fähig bin.

Vanity

(Dieses Jahr verschiebt die Dinge, mit großer Ruhe, mit Nachdruck. Es ist keine Zeit der Krisen, es ist eine Zeit des Verstehens und des Handelns, des Freisetzens. 2019, Raum und Zeit.)

Vanity, das neue Release von Rainer Veil bei Modern Love ist eine stille Rückkehr. Sie folgt auf New Brutalism aus dem Jahr 2014. Nun zum ersten Mal auf Albumlänge ausgedehnt, wirkt der Ansatz des Duos aus Manchester in keiner Weise wie ein Debut – zu klar gebaut, zu fertig ausgeformt erschienen die bisherigen Veröffentlichungen. Das setzt sich in diesem Jahr fort: so vielschichtig der Sound auf Vanity ist, so kohärent und freigelegt sind die Bedingungen seiner Konstruktion: orthogonale Flächen leiten den Blick zu immer neuen Ansichten des Sounds. Jeder Track ist ein Perspektivwechsel, ein neuer Aufriss des gleichen Gebäudes.

Der architektonische Sound von Rainer Veil gewinnt an Tiefe und Abwechslung, zusammengehalten durch eine einheitliche Stimmung und ein ruhigen, beständigen Drive. Es ist die Schönheit des Vakuums in Gauze, das die geräuschvolle Stille beim Wenden der Platte zum Teil des Übergangs zu Third Sync macht. Den Leerstellen gegenüber steht die fortwährende Meditation über den fernen Geist von Jungle und UK Hardcore schwebt über dieser Platte.

Vanity legt sich über den Raum, in dem mein Schreibtisch steht. Sie füllt die Nacht mit einem schweren Grau. Es ist nicht das Grau des Covers1, sondern ein dunkles, warmes, komfortables Grau. Eine Art Audio-Eigengrau, not intricate but textural.

  1. Das übrigens in einer seltenen Verbindung aus Illustration und Argrarwirtschaft recht erfolgreich die Ruhe des Albums vermittelt.

Psychological Bar Reviews (6)

The mezzanine level of Sightglass is bustling at this time of the day, making the fact that the lower floor is designed to hold a maximum of ten patrons at full capacity all the more commendable.

Along the bar, a free as in coffee startup consultation is taking place, the vocal fry soothing over whatever deep domain experience, human ressources and management background is relayed to two young trucker-jackeded entrepreneurs. The phrase fermented time is uttered and followed by a pause for added effect.

Despite the amount of business conducted in the former warehouse, the overall mood remains calm and Californian. It’s friday after all. Down below, the barista adjusts the small red comb in his sizeable afro after pulling what is presumeably the four hundred twenty second espresso shot of the day. He wipes a hand on his Queen shirt, skull motif. It has been a long day. Outside, the clouds lay heavy and low on the sightlines to downtown and Telegraph Hill. A single slim figure disappears into the haze. The dogs keep barking and a week proceeds to wind down.

Sightglass Coffee, SoMa, San Francisco.

Es fehlen die Beweise

Rockmusik hat gemeinhin wenige Antworten auf meine Fragen dieser Jahre, unsinnig ist die Aufrichtigkeit und die unbeholfene Suche nach Ausdruck und Wahrheit hier und jetzt. Aber einmal in zwei Jahren scheint Raum für das Widersetzen, für den schönen Trotz und die Anmaßung zu sein, der Welt auf Augenhöhe entgegen zu treten. 2017 haben Belgrad ihr selbstbetiteltes erstes Album veröffentlicht, und es hat diese Zeit gebraucht, um zu mir zu finden1.

Belgrad ist eine schwarze Platte und eine schwarze Gruppe. Ein großes Gewicht zieht diese Musik nach unten, der Sog ist in jeder Minute spürbar. Nichts hier ist ironisch – acht Songs Schichtarbeit: Es ist das düstere Momentum schwerer Popmusik, das Wühlen im Selbst (ich muss an den Klappentext eines der blauen Bücher von Rainald Goetz denken, Wütend schritt ich voran). Musik für einen grimmigen, klaren Gemütszustand nicht ohne Schmerzen, aber ohne Kälte. Ich habe das schon einmal besser über ganz ähnliche Musik gesagt: Regen und Füße auf Asphalt, die Fundamente aller Dinge.

So wenig innovativ Belgrad ist, so klar seine Referenzen sind – so sorgsam ist alles zusammengesetzt, so taktil und freigelegt und ohne Affekt ist jedes Gefühl. Es ist zu spüren im Rauschen zu Beginn von Niemand, im öligen Groove von Eisengesicht und im Sustain und Release des monumentalen Ravetracks namens Westen: Nichts Aufrichtiges ist peinlich, nichts Furchtloses ist vergebens.

Beyond the train station, I look up. The grey sky refuses to let me feel anything.

  1. Belgrad werden gerade Sarah’s Nachbarn, es ließ sich nicht vermeiden.

The Heathrow Hilton is my favorite building in London. It’s part space-age hangar and part high-tech medical centre. It’s clearly a machine, and the spirit of Le Corbusier lives on in its minimal functionalism. […] Inside, it’s a highly theatrical space, dominated by its immense atrium. […] Most hotels are residential structures, but rightly the Heathrow Hilton plays down this role, accepting the total transcience that is its essence, and instead turns itself into a huge departure lounge, as befits an airpot annexe. Sitting in its atrium one becomes, briefly, a more advanced kind of human being. Within this remarkable building one feels no emotions and could never fall in love, or need to. — J.G.B, Notes on Love, Death, Architecture and Modernity. Kompiliert von Studio Muoto.

Neuere TexteÄltere Texte