electricgecko.de

Text über Musik, Raum, Gestaltung und Kunst. Fotos.

All your City lies in Dust

Am letzten Tag der Dekade steht die Sonne tief, waagerecht zu den letzten schwarzen Oberflächen des Jahres 2019. So muss das sein, Echo einer Erinnerung an den Blick aus Kriesse’s Fenster in den Nuller Jahren. 2019 war ein Jahr mit hoher Dichte, das war klar, als es sich vor einer Ewigkeit über den Dächern der Stadt ausbreitete.

Die Konstanten in diesem Jahr waren Bewegung und Arbeit. Das war erwartet und geplant, und in der Kombination schöner und härter als vorgestellt. Ich habe in einem Hotelzimmer über Wilshire gearbeitet, in Garagen an den Westküsten der USA und Portugals, in einem Haus aus Holz am Tegernsee, auf einer Dachterasse über dem Beton Marseilles. Am Schreibtisch einer kolonialen Stube in Ho Chi Minh City, in einem sonnigen Innenhof in Paris. Neben dem Ofen in einer Scheune in Brandenburg. In Betten, Zügen, Nächten. An welchen Ort ich gelangte, Arbeit war bereits dort.

Vieles später: Los Angeles und seine Schatten, Sport1, Staples, Alkohol, schwarz weiß. Rave, Nebel Nebel, Love in a Basement. Eupalinos und die Wahrheit und Demut, die mich Web Design as Architecture gelehrt hat. Gebäude in Marseille, Rue Marengo. SEGMENT oder die Freude, Willen in Präsenz zu verwandeln. Wahre Partnerschaft. My life as perpetual experimental proof that a life can be lived this particular way.

Selbstdisziplin und Intensität sind berauschend, und berauschende Dinge darf man nicht übertreiben, sonst spürt man sie nicht. In den 2020er Jahren muss das Verschwinden gelernt werden. Langsamkeit, Intervall, den Kick der Disziplin rationalisieren. Mit den Jahren wird klar, dass diese Worte nicht das Gegenteil der Agenda sind, sondern ihr Endgame. Totale Intensität und völlige Ruhe als Einheit der Differenz, しんずい, following the material and guiding it at the same time, until coherence emerges organically. Musik kurz davor, am Ende der Zehner Jahre.

Winter

Frühling

Sommer

Herbst

Winter

Sets

  1. I never lost my adoration for the lessons the sport taught me, about resilience and grace, about humbleness, the american myth of hard work, about getting up and not blaming anyone but your own body and mind.

Präziser Schatten

Ich fragte Kachelbad, ob er das Gefühl kenne, wenn man sich bewusst macht, dass man gerade in diesem einen Augenblick existiere, und Kachelbad wusste, wovon ich sprach: Es dauert nur wenige Sekunden, wenn man darüber nachdenkt und schon wird einem mulmig und bekommt das Gefühl, zu verschwinden. Als sei man immer weniger Körper und immer mehr Gedanke. Fast meint man, sich von hinten zu sehen, sich in Auflösung zu begreifen und nur noch zu denken. So ein Himmel und so eine Situation provozieren jenes Gefühl vielleicht auch. Doch seit meiner Kindheit überfallen mich derlei Gedanken. Ich mache mir bewusst, dass ich gerade nun in diesem Augenblick existiere, dass es all das gibt, was ich sehe und spüre und fühle, dass es die Physik gibt, dass Handlungen Konsequenzen haben, ich sehe meine Hände, begreife meine Auedanken kreise, dass ich jetzt gerade hier in diesem einen Moment existiere und dass das nicht anzweifelbar ist, ebeb weil dieser Gedanke sich durch die Zeit bewegt und eine Geschichte und eine Zukunft hat, er steht vor der Geschichte und macht deutlich, dass Entscheidungen erforderlich sind (Atmung, Nahrung, Bewegung, Leben oder das Gegenteil), und mir wird mulmig zumute, noch mulmiger. Gleichzeitig aber gibt es keinen anderen Modus, in dem ich so deutlich meine Existenz spüre. Die Vorstellung, was wäre, wenn das nicht wirklich sei, was also die Alternative zum Dasein wäre, ist undenkbar, sie bleibt abstrakt.

Hendrik Otremba, Kachelbad’s Erbe, 369-370. Hoffmann und Campe, 2019.

Es ist eine einigermaßen spezifische Empfindung, und sie derart präzise formuliert zu lesen, ist ein bemerkenswert warmes und verstörendes Gefühl, der lebende Schatten des eigenen Inneren auf einem Display eines Ultraschallgeräts.

Carsten Nicolai, Retrospektive im K21, Düsseldorf. Dezember 2019.

Neue Kommunikation

2019 war das erste Jahr ohne die gedruckte Spex, also die Publikation, die (neben De:Bug und The Wire) meinen Zugang zu Musik wesentlich geprägt hat. Eigentlich nicht den Zugang, eher die Art, über Musik nachzudenken, darüber zu sprechen und zu schreiben. Über Musik schreiben, nicht um sie zu kritisieren oder öffentlich gut zu finden. Über Musik schreiben als Auseinandersetzung mit der Art, wie sie in die Welt und die eigene Psychologie passt. Darüber, was Musik empfindbar macht, also darüber, was Musik in der inneren Welt hervorbringt. Auf diese Weise über Musik zu schreiben, hat eine gewisse therapeutische Qualität. Über Musik schreiben ist auch immer: Die eigene Mythologie schreiben, eine Welt erfinden und dann darin leben.

Das Format der Fünf Alben des Jahres ist beliebig, inadäquat und überholt. Auf diese Weise vermeintliche Struktur schaffen zu wollen, ist müßig. Ich tue es weiterhin, weil es mir die Möglichkeit gibt, ein Jahr zu erinnern, anhand der Dinge, die wirklich zählen, eben weil sie keine Dinge, Momente, Tage oder sonstige Gegenstände sind. Sondern Prozesse, Loops, Echos, Perspektiven und Atmosphären, die nicht stattfinden, wenn Musik nicht stattfindet. Das Jahr ist nicht passiert ohne Musik, und es wird nicht erinnert ohne Musik.

Dies sind die fünf Alben, an denen sich kristallisiert, was ich in Zukunft 2019 nennen werde. Wie kann man das erklären, wer soll das lesen, wo soll das vorkommen? Danke, Spex.

Weiterhin bedeutungsvoll, häufig gehört und hängen geblieben: TR/ST – The Destroyer 1&25, Messer – Anorak 7″, Pessimist – s/t, Wax – 70007, Demdike Stare – Passion, Topdown Dialectic – Vol. 2, Galcher Lustwerk – Information, Belgrad – s/t, Martyn – Odds against us, Hiro Kone – A Fossil begins to Bray, Pom Pom – Untitled (2019)

  1. Halbwegs nach Zumthor: Dimensionen und Materialien, Licht, Luft und Klang.
  2. Aus einem Gespräch mit Yagasaki Zentarō, aus der exzellenten Interviewsammlung Die Lehre des Gartens.
  3. Meine Überzeugung, dass es wichtiger ist, wie die Dinge gesagt werden als was gesagt wird, führt nicht selten zu Missverständnissen. Mit Einerseits völlig normal/andererseits a fucking tragedy ist wirklich restlos alles erklärt bevor die Worte überhaupt im Gehirn angekommen sind. Ich verdanke dieser Sprache viel, emotional und für’s große, ganze Weltverstehen.
  4. Und – echt – die Melancholie der Standorte.
  5. Music to dance and cry to. Wichtig und schön, aber leider auf Albumlänge nicht auf dem Niveau des ersten Albums.

Gasoline Zen

It’s remarkably silent as we slowly cross Beethoven Street. I ponder the gradually passing shadows and whether they are the most real thing I’ve seen today. Dry-clean smell permeates this black Kia Optima. We keep inching along Culver. Finally, the freeway sprawl, in front of us. I servo down a window in anticipation – only to find the freeway packed with the afternoon jam, and myself in stasis again.

Jon said that Uber has put a layer on top of the city, opened it up. It provides no freedom, replacing one rigged system with another. New economics, but no new access (economics newer create new things). Nothing improved, it’s a stall, sideways momentum. My driver is a quiet, chinese man, entirely clad in beige. He puts a Muji tray of caramel sweets on the handrest. I take one and never eat it.

Under the street lights, a Volkswagen Passat stops to pick me up. Its interior smells of industrial strawberries, the stereo playing progressive sidechain arpeggios. There is a moody iridiscent sliver in me that enjoys how well this music matches the ride, the nighttime tunnel flow. We are traversing the dark city in an almost meditative state. Gasoline Zen, I post to Twitter.

The music selection is an integral part of every ride, in a very different way than during Berlin Taxi rides. American radio stations somehow seem to have access to a deeper archive of 1980s rock classics, inacceptable music that seems strangely adequate in Californian air. Toto, Stones, The Wings, they all seem to complete a cliché that may be more real than the actual city.

Thomas is driving me. He is in a palm tree-patterned daishiki. He is listening to The Wave radio at full volume, some black-eyed R’n’B, and keeps humming along. The ever-present industrial strawberry smell mixes with his vanilla perfume. All of this is highly pleasant.

This one blasts trap beats, the stereo’s volume perfectly tuned. As the sun casts soft shadows onto my ankles, I notice yet another variant of the faint dry clean/dried fruit scent that I am unable to place (this country’s olfactory industry has long since emancipated itself from the limited selection of fruit available on earth, I scrawl into my notebook). The car is en route to Los Feliz, where I’d like to visit Ennis House, and stare at the cityscape in dusk and sun. On Glendower Avenue, the door closes and the Prius hums away. I remain by myself on a steep road, next to a vaguely Aztec structure.

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