electricgecko

August

Schreiben ist Gestaltung, Schreiben ist ästhetisches Handeln. „Ich betrachte die Methode mit viel mehr Zuneigung als die Ergebnisse“, wie Paul Valéry sagt, und ich stimme zu. Es ist schwer zu leugnen zumal in dieser Publikation. Ich glaube an die Chance, etwas auf Weisen zu sagen, bei denen der Tonfall einen Unterschied macht: Text als Perspektive. Text im weiten Sinne, Text dessen formale Beschaffenheit wesentlicher Grund für Wahrnehmung und Innehalten ist. Poetisches Theoretisieren, zu einem gewissen Grad.

Web Design as architecture ist ein solcher Text. Es ist ein Vorschlag für eine einfache, aber interessante, holistische Perspektive auf die Gestaltung von Websites. Er geht zurück auf meine Unzufriedenheit mit dem Diskurs über digitale Gestaltung. Webdesign als Architektur zu denken, hilft mir zu verstehen, was Gestaltung in diesem Zusammenhang bedeuten kann – und dabei, dieser Disziplin ästhetisch und gesellschaftlich verantwortungsvoll nachzugehen. Es ist der Kern dessen, was wir bei WAF GMBH versuchen.

Ich habe aus diesem Vorschlag eine sehr einfache Website (http://www–arc.com) und einen deutlich komplexeren Are.na-Channel1 gemacht. Beide stießen auf eine gewisse Aufmerksamkeit. Auf Einladung von Grafill2, der norwegischen Assoziation für Grafikdesign habe auf dieser Grundlage einen etwas kohärenteren und weiter führenden Vortrag geschrieben, den ich im Mai in Oslo halten durfte.

Web Design as architecture, Promotional Visual

Mein Versuch, eine gleichermaßen programmatische wie pragmatische Argumentation für Web Design as architecture vorzuschlagen, hat zumindest meinem Verständnis dieser Idee gedient.

Grafill waren wundervolle Gastgeberinnen und Gastgeber, die Gespräche nach dem Vortrag und nicht zuletzt ein Besuch bei Snøhetta wirken bis heute nach. Auch aus den Gesprächen in Oslo heraus versuche ich, meine Gedanken bei Are.na weiterzuführen. Es gibt eine Literaturliste, und diverse weitere Dinge, die ästhetisch und theoretisch von Bedeutung sind3, in idealen Fällen beides in gleichem Maße.

Ich möchte die Perspektive Web Design as architecture weiter denken, die zugehörige Website weiter entwickeln und eine ausgearbeitete Form des Vortrags für die kommende Konferenzsaison vorbereiten. Hinweise für passende Kontexte nehme ich gern – ebenso wie Diskurs, Kritik und Input. Are.na ist die geeignete Plattform für all dieses.


  1. Weiterhin meine liebste digitale Plattform für einige der spannenderen Anwendungen des Internets, ich habe das im vergangenen Jahr aufgeschrieben↩︎

  2. Diese Einladung bedeutet mir viel – ich verfolge Grafill und das angeschlossenne Visuelt-Festival seit vielen Jahren; im Grunde seit Non-Format als Protagonisten und Gestalter diese Plattformen maßgeblich geprägt haben. Non-Format haben mir viel über Grafikdesign beigebracht, nicht zuletzt hinsichtlich der Verhältnisse von Raum und Masse in visueller Gestaltung. Full Circle. ↩︎

  3. Beispielsweise: referenzierte Websites, referenzierte Bauwerke und bessere, kompaktere Formulierungen als solche, zu denen ich fähig bin. ↩︎

Juli

The Heathrow Hilton is my favorite building in London. It’s part space-age hangar and part high-tech medical centre. It’s clearly a machine, and the spirit of Le Corbusier lives on in its minimal functionalism. […] Inside, it’s a highly theatrical space, dominated by its immense atrium. […] Most hotels are residential structures, but rightly the Heathrow Hilton plays down this role, accepting the total transcience that is its essence, and instead turns itself into a huge departure lounge, as befits an airpot annexe. Sitting in its atrium one becomes, briefly, a more advanced kind of human being. Within this remarkable building one feels no emotions and could never fall in love, or need to. — J.G.B, Notes on Love, Death, Architecture and Modernity. Kompiliert von Studio Muoto.

Dezember

Es fehlt ein Verb für die Tätigkeit, die im Halb-Zustand zwischen Programmierung und Gestaltung stattfindet. Es ist beständiges Tasten auf der Suche nach einem angemessenen Gefühl für ein bestimmtes Interface, nach der korrekten Balance aus Physik und Assoziation. Teils ist es Konstruieren, teils räumliches Entwerfen, teils händisches Formen des Materials. In dieser Tätigkeit geht es langsam voran, aber Konstruktion, Gestaltung und inhaltlicher Ausdruck entwickeln sich zugleich, die falsche Trennung der Disziplinen außer acht lassend.

Oktober

The specific peace that exists within Ryoji Ikeda’s installations must be described as a black peace (borrowing the term from Ikeda’s aesthetic contemporary, Byetone). It evokes a specific type of calm that can only exist in a situation of being overwhelmed, awash with data and scale, in a moment of incomprehension. This is Ikeda’s foundation: Confronting recipients of his work with scales and semantics that are incongruent with the human perceptive systems, following and focusing the data permeating every situation and every place, unbeknownst and unperceived by the human subjects of such situations. In this way, Ryoji Ikeda’s work must be likened to the sublime, to moments on mountaintops, in deep forests and on beach cliffs. It evokes a realization of insignificance1, of belonging to the universe. With this comes peace, a warm feeling of being oneself and one with all, a black peace.

(Auf den Treppen im Foyer des Eye, nach Ryoki Ikeda im Oktober 2018.)


  1. Sublime places repeat in grand terms a lesson that ordinary life typically teaches viciously: that the universe is mightier than we are, that we are frail and temporary and have no alternative but to accept limitation on our will, that we must bow to necessities greater than ourselves., Alain de Botton – The Art of Travel (2002), p.169 ↩︎

August

Als ich schließlich das bauhaus erblickte, das ganz aus einem Stück gegossen zu sein scheint wie ein beharrlicher Gedanke, und seine Glaswände, die einen durchsichtigen Winkel bilden, mit viel Luft verschließend und doch von ihr getrennt durch einen exakten Willen […]. Dieses Bauwerk steht gewissermaßen im feindlichen Gegensatz zu den benachbarten Häusern und zum Erdboden selbst, zum ersten Male sieht hier die Erde einen Kult der nackten Vernunft […]. Jeder Winkel, jede Linie, jedes kleinste Detail wiederholt hier eindringlich die Schlussworte seit der Schulzeit vergessener Theoreme: Was zu beweisen war. — Ilja Ehrenburg, erster Besuch am bauhaus Dessau, 1929. Eine der zahlreichen signifikanten Textpassagen unserer Reise in die beiden bauhausstädte.

Dezember

Mai

Schreiben ist Gestalten. Je länger ich beides betreibe, desto weniger verstehe ich es, zwischen diesen beiden Tätigkeiten zu unterscheiden. Mir erscheint es sinnlos, eine Idee oder einen ästhetischen Vorschlag entweder visuell oder durch Sprache zu formulieren. Der Begriff Programmieren ist geeignet, um die Einheit von Gestaltung (als planvolles Arrangieren) und Text-Schreiben auszudrücken. Wenig zufälligerweise hat sich die Gestaltung von digitalen Dingen vom Grafikdesign gelöst und sich dem Produktdesign oder der Architektur genähert: Prototyping, Iteration, Gestaltung mit/im Code.

To program means to write something into existence.

In den letzten Monaten habe ich ein Programm geschrieben, um damit wiederum Texte schreiben zu können. In einem Anflug von Albernheit und überspannter Lust am personal Branding nannte ich dieses Programm DRKWRTR – in Verweis auf seine utilitaristische Ästhetik und Featurearmut. Beide Eigenschaften sind zu gleichen Teilen einem Mangel an Fähigkeiten und dem Drang zur Ästhetisierung geschuldet. DRKWRTR ist eine spartanische Umgebung für das Schreiben von Texten – das entspricht meinen Kriterien, um mich beim Schreiben wohlzufühlen. Im Einzelnen:

  • Ein invertiertes Farbschema: Helle Schrift auf dunklem Grund. Es erzeugt weniger Licht und verbraucht weniger Energie.
  • Eine funktionale, schöne und gleichsam ausdruckslose Schrift: Die Atlas Typewriter Light – sofern sie lokal installiert ist. Die Fallbacks sind Menlo, Monaco und Courier Prime.
  • Ein auf Shortcuts basierendes Interface, um die Hände nicht von der Tastatur nehmen zu müssen.
  • Markdown-Support und HTML-Export.

Wie so häufig hat der Versuch, ein limitiertes Featureset umzusetzen, zu einem anderen Ergebnis geführt, als ursprünglich beabsichtigt war. DRKWRTR ist ein eigensinniges Programm mit eigensinnigen Trade-Offs. Es ist ein simples Werkzeug zum Schreiben, wie ich es mir vorstelle, a writing environment for slaves in a brutalist spaceship1, aber sicherlich alles andere als flexibel einsetzbare oder gar sinnvolle Software.

DRKWRTR ist Open Source und basiert auf jQuery, Markitup und einigen anderen frei verfügbaren Javascript-Bibliotheken. Der Quelltext liegt bei GitHub. Ich freue mich über Kritik, Meinungen und Bugreports. Aus diesem Grund bin ich Alex sehr dankbar – für seine Hilfe und einige sehr gute Hinweise. Ich habe großes Interesse, aus DRKWRTR eine Offline-First-Applikation in seinem Sinne zu machen2. Mehr über das Programm steht in einer Datei namens Readme.md, auf drkwrtr.co/about und im User Manual, das beim ersten Öffnen angezeigt wird.

Schließlich: Seit dem vergangen Herbst schrieb ich die Einträge dieser Seite mit verschiedenen rudimentären Versionen von DRKWTR. Es freut mich sehr, dass ich diesen Text nun in einer Umgebung schreiben kann, die trotz und wegen ihrer beschränkten Möglichkeiten und vielen Mängel meiner Art zu denken, zu schreiben und zu gestalten entspricht. Without further ado:

http://drkwtr.co

CNCRT


  1. Um diese schöne Formulierung ästhetischer und ethischer Ideale unverändert zu stehlen. C.F. ↩︎

  2. Weil es DRKWRTR auf Mobiltelefonen zu einem wesentlich sinnvolleren Programm machen würde. Momentan ist es ohne Webzugriff nicht verwendbar. ↩︎

Februar

I

Wie ein massiver Block organischer Technik duckt sich ein Gebäude unter dem niedrigen römischen Himmel, wie ein nasser Waran, seine graue Oberfläche im Regen schimmernd. Auf den ersten Blick ist es eine Schichtung kompakter Masse, breit und windend, die Hadid-Grundform.

Auf den zweiten weicht der Eindruck der Geschlossenheit. Das MAXXI ist destrukturierender Raum, es löst den Blick auf, die es löst die Wege auf, es löst die Zugänge auf. Jede Achse im und am Gebäude hat Parallelen, stellt alternative Routen für Blick und Körper zur Verfügung. Diese Verwindung bleibt auflösbar, jeder Zugang ist verständlich aus jeder Perspektive. Das alles folgt dem Flow der ins unendliche extrapolierten Zukunftsvision der neunziger Jahre. Jeder Winkel hat 45° und ist abgerundet, löst sich aus dem Ganzen, fließt ins Ganze zurück. Hangartreppen, schwarzer Kontrast gegen das Glas und den grünen Schimmer der Halogen-Reflektoren.

II

Das Ineinander-Setzen in der Architektur: Den Charakter eines Ortes entwerfen und ihm zugleich vehement widersprechen. Ihm auf Augenhöhe widersprechen, ihm so sehr widersprechen, dass es sinnlos wäre, den Widerspruch nicht als integralen Bestandteil des Entwurfs zu nennen.

Das MACRO liegt in den Schatten, in der Tiefe des Raumes und der Tiefe des Schwarz an allen sechs Flächen seines Atriums. Darin: das Infrarot des Kubus, von Odile Dercq quasi als Readymade hineingesetzt, wie eine eigene Etage wirkend. Darüber: das bunt gefilterte Licht des Glasdaches. Zu allen Seiten: Filigrane Galerien aus schwarzem Stahl. Spitze Winkel, Halogen. Wieder diese Neunzigersache1. Die Wahl der Perspektive und des Zugangs zum Raum ist frei. Je nach Position und Wendung dominiert die schwarze Bühne oder der Wille zum Effekt und zum Übermut – aber nie ohne auf das jeweils Andere hinzuweisen.


  1. Eher: 1988, wie ja Jahrzehnte gemeinhin selten zur vollen Dekade beginnen, sondern einige Jahre früher oder später. ↩︎

Januar

Der Gedanke einer alternden Website ist nach wie vor ungewohnt; die Laufzeit hinterlässt keine Spuren in den Oberflächen, keine Patina, die auf das schon lang Vorhandene hinweist. Das Digitale entspricht dem Wandel, es füllt die gegenwärtige Form und war anschließend schon immer so.

Ich habe diese Website neu gestaltet. Ein weiterer Wechsel des Aggregatszustands ihrer Inhalte. Hoffentlich eine Komprimierung der Ideen, die ich verfolge (wohin?), idealweise eine Fortsetzung der vorigen fünf Versionen. Ich habe weitere Dinge entfernt, um dem Format der Loseblattsammlung näher zu kommen. Weniger Kontext, mehr Aufmerksamkeit für die einzige relevante Frage: Wie interessant ist die Geschichte?. Alles Weitere ist gutes Interaktionsdesign für eine simple Aufgabe und mein fortlaufender Versuch, eine eigene Sprache zu finden, für alles und in allem.

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