electricgecko

Mai

Mit Ironie ohne Unschuld

Ich habe ein Poster als Geburtstagsgeschenk für Kriesse gestaltet und direkt einige mehr drucken lassen. Freunde in Hamburg und Berlin: watch your mailboxes. Waldfoto von Sarah.

Solange der alte Allgemeinplatz vom Content als King und Kriterium noch wiederholt und geglaubt wird, solange werde ich nicht müde, dagegen zu halten. Zu behaupten, dass Form und Präsentation mindestens Queen und gleichberechtigt sind. Inhalte sind verfügbar und austauschbar, für wenig oder kein Geld zu haben. Es gibt mehr Mängelexemplartaschenbücher als reguläre Ausgaben. Doppeldigipack-Editionen relevanter Platten kosten einstellige Eurobeträge und damit weniger als ein Plastikessen in der Mönckebergstraße.1

Den Unterschied macht die Form, Inszenierung, Performance. Nichts kann mehr gut sein, das nicht gut aussieht (Credit: ZIA). Gestaltung ist nicht, was drumherum ist. Gestaltung ist, was den Inhalt zu etwas Relevantem macht. Zwei Beispiele, über die ich mich heute sehr gefreut habe.

Erstens, eine neue Reihe von Science-Fiction-Klassikern. Ich habe für diese Sorte Literatur recht wenig übrig. Doch die Art, mit der Sanda Zahirovic aus extremer Mittel- und Materialbeschränkung eine umwerfende Serie von Coverartworks kreiert hat, gibt der Auflage eine andere Qualität. Das Artwork für Eon von Craig Bear – ein Foto des Titelprints auf einem eingerollten Druckbogen – ist nichts weniger als grandios. Dabei ist der kurze Umweg über die dritte Dimension zurück in die Zweidimensionalität an sich ein simples Maneuver. Bonuspunkte für weitere Metaebenen im Umgang mit dem Romanwerkstoff Papier. Eine Freude.

Noch besser ist es, wenn die formalen Kriterien Teil des Inhalts werden. Ist beides verwickelt und ineinander verschlungen, wird die Sache mit der Abgrenzung so schwer, dass man eher von funktionalen Gesamtartworks sprechen sollte.

Ein schönes Beispiel ist das sehr gute Album Atavism des Elektroprojekts SND. Musik und Verpackung sind so streng in Konzepte und Regeln eingezwängt, dass größere Abstraktion und Spannung schwer vorstellbar sind. Die Musik setzt sich aus einer minimalen Menge Sounds zusammen, die allein durch Wiederholung und Überlagerung zu einem Groove zusammenfinden und wieder zerfallen. Das Cover verwendet Farbe ausschließlich auf den Innenseiten des CD-Sleeves und macht Informationen über Laufzeit und Titel des Albums als farblose Prägungen sichtbar. Die Platte gibt es bei Raster-Noton zu kaufen. Mehr Fotos der Verpackung hat ihr Gestalter, chokogin, bei Flickr hochgeladen.


  1. Fordern dafür allerdings den Weg in die Elektrodiscounterhölle. Das sollte man sich per Schadensersatzcoupon vergüten lassen können. ↩︎

Die Welt ist doch bunt und interessant. Zieht man an beliebiger Stelle einen losen Faden heraus und folgt ihm ein Stück – man kann sich darauf verlassen, an bekannten Orten und Icons vorbeizukommen. In Stockholm bin ich in dem sehr geschmackvollen Club Almänna Galleriet 925 in die Gewinnerausstellung des Kolla! Designpreises geraten. Zwischen viel guter Illustration, Fotoprojekten und einem Beerdigungs-CI von Kristian Möller bin ich in einer der wenigen Editorial-Arbeiten über das Cover der Heron Debut EP gestolpert. Spitzenname, Spitzencover. Beide landeten im Moleskine, for further reference.

Turns out: Heron ist ein Minimal-Projekt aus good old Münster. DIe Gestaltung kommt von Till Wiedeck, der nicht nur ein unfassbar gutes Portfolio vorweisen kann, sondern ebenfalls in Münster lebt (und dessen Arbeiten schon länger bei meinen liebsten Bookmarks liegen). Wer in Münster mit offenen Augen durch die Stadt geht, kennt zumindest seine Plakate und die CI für die Schaltkreis-Parties.

Eine Freude, wenn sich die Dinge so ministeckmäßig zusammenfügen, Schleifen drehen und im Zeichensystem des eigenen Lebens wild umherzeigen, wie es ihnen passt.

April

Wenn die Summe der gefühlten Durchschnittstemperaturen an vier aufeinander folgenden freien Tagen größer ist als achtzig, sind ausschließlich Wiesen und Parks akzeptable Aufenthaltsorte. Faustregel. Man wirft sich tagsüber Frisbees zu und hört sich nachts eingängiges Zeug an dunklen Orten an. Das alleräußerste, was an Produktivität dabei herausspringen darf, ist ein launiger Relaunch des eigenen Tumblelogs.

Ich habe mich über das lange Wochenende einige Stunden lang meiner momentanen Freude an generischem Blau hingegeben und dem Seitenblog bei soc.electricgecko.de eine neue Form gegeben. Herausgekommen ist etwas, das meinem selbstveordneten Grundsatzcredo für alles (Schrottige Eleganz) recht nahe kommt. Wer nur Feeds oder das Dashboard ließt kann ja kurz reinschauen und sich verwirren lassen. So sieht das aus.

Stream of Consciousness

Einige der am einfachsten im Web aufzutreibende Dinge sind Schreibtischhintergründe. Zwischen Deviantart und Interfacelift quietscht und schreit so viel Kitsch, Aqua-Style und Hochglanzphotoshop, dass man am lieber weiter auf sein neutrales dunkelgrau schauen mag. Um so erfreulicher, wenn im visuellen Datenstrom ansprechende, interessante und – vor allem – sinnvoll verwendbare Hintergründe auftauchen. Einige der schönsten Arbeitsumgebungen überhaupt bieten die Gestalter des fantastischen Studios Your Majesty an.Your Majesty desktop pictures

Ihre abstrakten Formen und mäandernden Renderings sind von fast architektonischer Qualität – hochwertige Texturen, komplexe Formen; sie wirken wie Visualisierungen unbekannter Datensätze. Gleichzeitig sind sie ruhig und minimal genug, um hinter all den Photoshop-Paletten und Social-Networking-Clients nicht abzulenken.

Eine Übersicht über alle Schreibtischhintergründe von Your Majesty sowie Downloads für verschiedene Bildschirmmaße gibt es hier. Außerdem prima und brauchbar:

März

Berlinerinnen/Berliner! Nach dem großen Mundwässrigmachen folgt das große Gutfinden und Genießen. Es geht um das neue Opak Magazin, das in den letzten Monaten seinem Namen alle Ehre gemacht hat. Und weil gute Zeitschriften wie alles andere auf der Welt eine Release-Party verdient haben, ist es nur angemessen, dass eben diese am Donnerstag in der Bar in der Karl-Marx-Allee 36 stattfindet. Ich werde leider nicht dort sein können – aber ihr, Berlinerinnen/Berliner, ihr solltet. Denn am Opak Magazin sind so viele entschlossene, fähige und schöne Menschen beteiligt, dass beides gut werden muss: Release-Party und Heft. Und: wenn das Editorial Design auch nur ansatzweise mit der Plakatgestaltung zu tun hat, folge ich Lisas Rat.

Feiert! Ich denke an euch.

Opak Release Party

Miyagi - How to do it EP
Es läuft, wie es immer läuft. Miyagi sind eine Gruppe, sie veröffentlichen Platten. Kriesse und ich sind Gestalter, wir denken uns auf Zuruf Zeug dazu aus. Für die neue How to do it EP ist uns was mit Weltall und Public-Domain-Fotos des Hubble-Telekops eingefallen. Die Zusammenhänge erschließen sich nicht auf den ersten Blick, aber es muss ja auch noch Gründe geben, diesen Tonträger samt digitaler Verpackung bei iTunes zu erwerben. Weitere Gründe: Neben dem Titelsong gibt es diverse hitfähige Remixe (unter anderem von Frittenbude) und eine vertrackte Liveversion von Sideways. Ich empfehle wärmstens.

Dass der seit Langem zum Bureau angewachsene Gestalter Mario Lombardo konsequent herausragende, manchmal atemberaubende Arbeit abliefert, ist nicht neu. Seine jahrelange Art Direktion für Spex, zwei herrliche Plattencover und diverse Tourplakate für die Gruppe Fotos, weitere Cover und Artworks für das inzwischen verloren gegangene Label Labels und zuletzt die Liebling – diese Dinge sind Dokumente eines visuellen Status Quo, das Mario Lombardo erst aus Köln, dann aus Berlin maßgeblich mitbestimmt hat.

Man durfte erwarten – oder zumindest hoffen – dass das Bureau wie viele andere Editorial-Designer am Web dauerhaft scheitert. Dem ist nicht so. Die neue Präsenz des, Achtung, Bielefelder Kunstvereins ist eine der wenigen Websites, die sich extrem hochwertig anfühlen und gleichzeitig dem ärgerlichen Plastikzuckergussmainstream zeitgenössischen Webdesigns widersetzen. Dass die Plakate ebenfalls ganz wunderbar sind, ist naheliegend.

Die Gestaltung tut alles, was eine Website dieser Art tun sollte. Sie erzeugt große visuelle Spannung. Sie ist so simpel wie möglich. Sie findet die einfachste und schönste Lösung für ihre Layoutfragen, wie der Umgang mit Fotografien in den Bereichen Ausstellungen und Institution beweist.

Das Video-Interview mit Mario Lombardo im Folge Mag ist zwar schon etwas älter, aber immer wieder mit Gewinn anzusehen. Der sehr gute Titel dieses Eintrags ist von der alten Website des Bureau gestohlen.

Wir sollten alle die MARK lesen. Wir sind keine Architekten, jedenfalls nicht im engeren Sinne. Doch MARK, der Architektur-Ableger der Frame, bietet so viele Ecken und Kanten, dass sich die Auseinandersetzung aus jeder Perspektive lohnt. Zuerst: Die Gestaltung gehört zum Besten, was momentan auf dem europäischen Zeitschriftenmarkt zu bekommen ist, spielt also in einer Liga mit Fantastic Man, Apartamento und Neue Mode Magazine. Vielleicht ist sie sogar besser als diese Titel, weil sie anspruchsvollere Designaufgaben (will sagen: keine Modestrecken) mit unorthodoxeren Methoden auf spannende Weise löst. Doppelseite der aktuellen Mark

Zweitens: Die Breite der Themen und Perspektiven ist eine einzige Freude. Wie von den Damen und Herren in den schwarzen Rollkragen gewohnt, setzen sich die Inhalte zu gleichen Teilen aus ästhetischen Auseinandersetzungen mit Gegenwart und Zukunft, Architekturshowcases, sozialgeographischen Reportagen und haltloser Fabuliererei zusammen. Das ist eine sehr angenehme Mischung. Für den perfekten Sonntag fehlen dazu eigentlich nur noch ein Barcelona Chair und die notwendige Brille. Die Moderne rettet ihre Kinder. Und bis es so weit ist hat sie wenigstens etwas Vernünftiges zu Lesen für uns.

MARK – Another Architecture, circa 200 Seiten, Mark Publishers, 19.95 €.

Januar

Speaking of Human Empire: das sympathischste aller Gestaltungskonglomerate veranstaltet momentan in seinen hamburger Geschäftsräumen eine kleine Ausstellung mit Großplakaten aus der Schweiz von 1955 bis 1965. Am Samstag habe ich mich kurz bei der Vernissage umgesehen.

Was auffällt: nicht alle schweizer Plakate der 50er sehen nach International Typographic Style und Müller-Brockmann aus (also etwa so). Selbstverständlich verwenden auch die ausgestellten Poster ein Raster und die Akzidenz und Helvetica Bold in ausreichender Menge – im Mittelpunkt stehen aber ganz klar freundliche, grafische Tiermotive und allerlei sympathietragende Maskottchen (Abbildung eins). Sie sind auf eine gute und unschuldige Art simpel und farbenfroh. Nicht einmal solche Adjektive gibt es ja heute noch. Außer in Beschreibungen der Arbeiten von Human Empire. Freundliche, offene Gestaltung ohne postmoderne Arglist, wie man sie von Morr-Music-Platten und T-Shirts guter Menschen kennt. Insofern dürfte die Ausstellung auch ein Knicks vor den eigenen Helden sein.

Zur Eröffnung der Ausstellung gab es angemessenerweise Fetenleckereien nach Rezepten der 50er: Käsespieße, Eierfliegenpilze und Gurkenboote mit Schinkensegel und Fleischsalatbesatzung (Abbildung zwei). In der Bartelsstraße gab es dazu noch einen flugs improvisierten Gelben Engel, ein herausragendes Partygetränk der fünfziger, bestehend zu gleichen Teilen aus Eierlikör und Zitronenlimo. Die Plakate haben mir aber sehr gut gefallen.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 18. April.

Neuere Texte über Gestaltung

Ältere Texte über Gestaltung