Mit diesem Jahr hatten wir ein Plateau erreicht, hier oben waren wir noch nicht. Aber ein Plateau ist eine Ebene, und wie alle Ebenen fühlt sich auch diese zunächst wie ein Mühsal an, ein Treten auf der Stelle nach der Energie des Aufstiegs. Es dauert, bis wir die Aussicht begreifen: Vergangenheit und Zukunft erstrecken sich in ihre Richtungen. Wohin von hier?
Ein Wunsch war, dass die wichtigen Dinge keine Objekte mehr sein mögen, keine Skulpturen oder Installationen, nicht einmal Prozesse, sondern: Singular, Zustand, State. Das Selbst in den Sonnenstrahlen auf dem Teer auflösen, es im Lauf auflösen, es in der Musik auflösen. Alles frontal nehmen, das Licht blendend, die Musik in alle Dimensionen ausgebreitet, alles ohne denkbares Ende. Niemals für immer, Zustand über Ort und Erreichtes. So sollte das sein in diesem Jahr, und die Musik folgte meinem Willen. 2025 hörte ich noch mehr echobasierte Musik, mehr aufgeführte als aufgenommene Musik. Musik, in denen Enden und Anfänge eine untergeordnete Rolle spielen, in der es um dieses Jetzt in diesem Hier geht. Das kulminierte in einer ubiquitären Playlist namens Compressed Time, zusammengestellt nach den Kriterien:
Aus dieser musikalischen Stimmung heraus gerieten die Platten meines Jahres durchaus ergebnisoffener als zuvor. Es ist eine softe Liste, eine weniger intensiv überzeugte Auswahl ohne Überwältigungen – aber geprägt von der neuen, freudigen Bereitschaft, woandershin mitzugehen. Auch die lange Long List am Ende dieses Textes mag Ausdruck gesunkener ästhetischer Konzentration sein, oder die Folge neuer Neugier nach weiteren Status, plural, in alle Richtungen.
Soft, calm, clear. Warm. No part of any social proceeding, but also here, with trees and tags, in the gentle breeze of this particular mesa. As balanced, as content and silent, as unconcerned, as unknown as I can be. This year felt like entering an empty house, behind a secret door I happen to know the keypad number to.
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Fcukers – Baggy$$ (Technicolour)
Das Schöne in der Kunst1 ist, dass sie nicht gut sein muss – es genügt, wenn sie sich an einem ungeschützten Rezeptor verfängt und eine neue Aufmerksamkeit nicht erregt, sondern dort erzeugt wo zuvor keine war, Energiebilanz positiv. Die Baggy$$ EP von Fcukers tat dieses im Juli diesen Jahres: Sie traf auf eine Bereitschaft zur Leichtigkeit, die von diesem jetzigen Dezember aus betrachtet unerreichbar scheint. Aber diese Platte existiert, ich hörte sie auf der Brücke, ich hörte sie auf dem Weg durch das Gewühl der Nacht. Das Artefakt einer Zeit im Sommer, in der ich der Gravitation der Zeit für einige Wochen entkam.
Diese Musik ist schiere Affirmation, ein Pastiche aus europäischen Popreferenzen aus dem letzten Jahrhundert (Eurodisco, French Maximalism, Dub, Whatever-Step, Stone Roses), die von den noch vorhandenen progressiven Ecken der Stadt New York vor 2010 zurückreflektiert wurden. Es ist unterhaltsam und (noch) irritierend für mich, das zu hören und mich zugleich an die unverzauberte Form dieses kulturellen Materials zu erinnern: Die Wet-Look-Frisuren, die Minidiscs, Low Waists und kleine Tops. Große Jeans und Hornets-Trikots2.
Die Referenzen gingen so häufig hin- und her, dass sie hinreichend an Auflösung und Bedeutung verloren haben, um als neu zu gelten. Insofern hat das musikalische Resultat auf dieser EP aller Collage zum Trotz wenig mit seinem kulturellen Ausgangsmaterial zu tun: Das ist zu getuned, zu sharp, zu informiert. Diese EP klingt, wie wir damals hofften, auszusehen, es aber natürlich niemals taten. Jaja, ist ja gut. Wie hört sich das an?
Six pieces of saccharine puff candy: Hot clean fun, glossy shades, short shorts, park run, roadside river bridge sun. Cool.
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In jedem Jahr gibt es zumindest eine Platte mit Musik, die wenigen Ansprüchen genügt, zu sehr einem bekannten Grundriss folgt. Musik die klingt wie die frühen 1980er Jahre, aber nicht allzusehr wie die Musik dieser Zeit. Eher wir die Austattung der Filme der Dekade, immer ein wenig zu spärlich, größerenteils gefüllt mit Hall und Schatten. Musik wie ein graues Capsleeve-T-Shirt, eine schmale Hüfte und eine breite, kurze Jacke aus synthetischem Material. In dieser Musik ist immer Nacht, und wir gehen die dunkle Straße hinab. Es ist Musik, die auf die ekstatische Wahrheit der Zeit deutet, in der ich geboren wurde. Das Genre ist Musik die Malte hört. Sie ist eine Art ästhetischer Factory Default meiner inneren Welt3.
In den letzten Jahren waren es eine Handvoll Künstlerinnen, die dafür gesorgt haben, dass meine Playlists Beach Goth und Long-haul abwechslungsreich mit dem immer Gleichen gefüllt blieben: The Soft Moon, Boy Harsher, TRST, The KVB. Eine Platte dieser Künstlerinnen war stets präsent, wenn in einer Bahn ein guter Gedanke hermusste, oder die 2020er Jahre gar zu prosaisch und saturiert schienen. In diesem Jahr war es ein spätes Release, das erste des KVB-Seitenprojekts Echo Instinct.
Wie anmoderiert und durch den Titel der Platte doppelt unterstrichen, ist der Vibe hier wenig überraschend: Die leeren Straßen des industriellen Verfalls sind natürlich finster, da weht ein kalter Wind, aber wir durchschreiten diese Welt entschlossen und mit stetem Momentum. In unserer Harrington ist es recht angenehm warm, aber das muss ja dort draußen niemand wissen.
Anders als auf den KVB-Releases von Kat Day und Nicholas Wood finden die beiden für das Echo Instinct-Projekt durchaus vielseitige Formate – zehn instrumentale Tracks, die sich zwischen optimal angeschmutztem Elektrowavehits (Imagined Order), floorfähigen Tools (beinahe funky: New Purity) und cinematischen Sequenzen (Intersection) platzieren. Das ist alles im besten Sinne brauchbare Musik, die in einem klar abgegrenzten ästhetischen Fokus überraschende Vielfalt findet.
Wie andere dieser Platten in diesen Listen an den Enden dieser Jahre ist Electronic Soundscapes for Post-Industrial Urban Decay vermutlich nicht wirklich Teil meiner musikalischen Rezeption des Jahres 2025 gewesen – eher ein weiteres Artefakt einer ausgedachten Welt, in der ich meine innere Zeit verbringe. In der ich die Dinge vorfinde, die ich dann hier und in meiner Arbeit zumeist gegen ihrem Willen zur Existenz zwinge.
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Low End Activist – Superwave EP (Best Intentions) & Dry Chat, Wet Rag (Sneaker Social Club)
In der Abstraktion fühle ich mich zu Hause. Freitragende Gedankengebäude (also: kohärente Ideen, die ihre eigenen Prämissen erfinden und einhalten) erschließen sich mir leicht, ich finde mich zurecht. Sensorische Wahrnehmung und ihr stressiger Detailgrad überfordern mich schnell, da fehlt mir der Überblick. Diese beiden Arten die Welt zu erfahren, sind in mir klar getrennt. Sie scheinen nur in der Architektur (oder richtiger: im Bau) und in der Musik zusammenzufallen. Wenn man den Bau betritt oder die Musik hört, überlagern sich im idealen Fall intellektuelle Appreciation und physische Hingerissenheit. In diesem besten Fall wirkt also eine Atmosphäre im zumthorschen Sinne.
Was auch immer in der Lage ist, diese Athmosphäre, diese Synthese aus Körper und Hirn hervorzurufen, ist in meiner Welt kostbar und rar. Low End Activist produziert Musik, die das verlässlich tut: Sie ist at once intuitive and cerebral, das ist ihre definierende Eigenschaft, man kann sie auf Deutsch kaum in dieser Kürze beschreiben. Ich hole aus.
Nach der fantastischen Airdrop, die 2024 eine der wichtigsten Platten war, folgten in diesem Jahr eine ganze Reihe von Releases (darunter Airdrop 02 und 03, beide blieben der Qualität der namensgebenden Platte fern), die sich kaum in größere Kontexte sortieren lassen – zu vielfältig fraktal ist der Output innerhalb des formal engen, aber konzeptionell tiefen Feldes britischer Bassmusik.
Ich greife für diese Liste die Superwave EP und Dry Chat, Wet Rag heraus, doch es hätten auch diverse weitere EPs und Singles sein können. Low End Activist entwickelt sich zu einem der zentralen Protagonisten meiner Musikrezeption als älterer Erwachsener. Möglicherweise ist es die wunderbare komplexe Leere4 in dieser Musik (höre: Neurosis), die den Parallelzugang über Geist und Physis ermöglicht: Wenigem ist hier sensorisch zu folgen, aber das, was vorhanden ist, formt komplexe Gerüste, die Raum für eigene Gedanken bereitstellen. Tracks wie Wave 01 feuern mich verlässlich in eine Form von Gesamtpräsenz, die ich als schwer erreichbar empfinde.
Die Musik von Larry Edgar Anderson hat mich den Räumen und den Zeiten dieses Jahres 2025 nähergebracht; ihr Ryhthmus und ihre eigene Zeit bleiben stets zerbrochen, und damit dieser so genannten Gegenwart angemessen. Musik, die mich zugleich dividiert und zusammensetzt: Straße Distanz Interaktion — Zirkel Wärme Wort Auflösung
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Cloud Management, das ist eine Gruppe aus der Nachbarschaft und dem erweiterten Freundeskreis. In der Kernbesetzung früherer Projekte5 entwickeln Thomas und Sebastian als Cloud Mangement seit Jahren nicht nur eine Musik, sondern auch Methoden des Musizierens: Studio ist live und live ist (auch) Studio. Ihre Gigs finden inzwischen sitzend statt, in der Besetzung Maschinen, Vocals und Bass, und gleichen tastenden Listening Sessions.
Ihre Veröffentlichungen verweigern sich der letztgültigen Version des Albums: Die Slices-Serie entlässt Skizzen, Loops und Anrisse in die Welt, bevor beide Seiten der Gleichung dafür bereit sind. Auch die Tapes um die es hier geht – Unfinished Business und Invisible Salad – finden ihr Format zwishen Experiment und Edit: After throwing rough ideas and sketches together (…), there’s a process of remixing/resampling ourselves while drinking manzanilla.
In dieser Hinsicht unterscheiden Cloud Management nicht mehr zwischen Aufführung und Aufnahme. Sie folgen damit den Prinzipien von Dub als Musik des Prozesses und der Performance. Jede Improvisation und jeder Eingriff in einen fortlaufenden Groove steht in einer Reihe von weiteren konkreten oder denkbaren Eingriffen, die sich in den Echos des Delays unendlich weit in die Vergangenheit und die Zukunft erstrecken. Musik wie zwei Spiegel, die sich gegenüber stehen.
Die Musik auf Unfinished Business und Invisible Salad6 scheint konzentriert auf der Stelle zu treten, während sie zugleich mäandernd ausufert und dabei zu allen möglichen musikalischen Facetten gelangt. Das Ganze erzeugt erzeugt eine angenehm abstrakte Mischung aus der schleppenden Audioviskosität von Dub (Teracotta Realness) und der Bodenhaftung einer verlässlichen Vier, die aus den krautigen Ursprüngen der Gruppe verblieben ist (Unfinished Business 4). Auf der Ende November erschienen Invisible Salad scheint dieser Aufbau seine Urpsrünge in der jamaikanischen Diaspora stärker zu reflektieren als zuvor, ein weiteres Echo, ein weiterer Vorschlag in einer unedlichen Reihe.
Das ist alles sehr sehr gut, und das seit vielen Jahren. In diesem Jahr realisierte ich, wie aufmerksam und regelmäßig ich diese Musik höre. Wenn es einen sperrigen Groove braucht: Heavy music for heavy thinking, a hyperdense void of energy that remains rooted in place, brown and green, stoned but fully present
, schrieb ich im Mai über Unfinished Business.
Was Cloud Management in Form und Inhalt machen, hat dauerhaft meine Aufmerksamkeit. Es informiert einen zentralen Teil meines Musikgeschmacks. Es hätte nicht das Dubjahr 2025 brauchen sollen, damit mir das auffällt.
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Efdemin – Poly (Ostgut)
Efdemin ist einer der wenigen Produzenten, deren Musik meine Nächte und Tage ohne Unterbrechung durchziehen. Keine Veröffentlichung ist auch nur uninteressant, und mehrere sind herausragend in meiner Rezeption als tatsächlich Erwachsener in Berlin und dann Hamburg; also seit 2007–2008? Ich ging in viele Clubs weil Efdemin dort auflegte. Das Spektrum reichte von der samtenen Wärme im Turmzimmer, von der kunstlederbezogenen Bar aus gesehen, zum Lederschweiß in der hohen Halle, der DJ eine Miniatur, vier Meter unter dem betonieren Tieftönerloch. Ich hörte Efdemin-Produktionen in der Dunkelheit der Nacht am Schreibtisch, zum Frühstück hinten raus an der Köpenicker Straße.
Chicago schlug 2010 für mich die Brücken zwischen ästhetischen Prinzipien in meiner Arbeit und den persönlichen Obsessionen, die nach wie vor vieles tragen, das ich hier tue und will. Sie ist eine der Platten dieses Lebens. Also: Efdemin ist zentral. Ich höre mir alle Releases an. Ich mochte die Releases als Philipp Sollmann, Monophonie war seinerzeit eines der Resultate des gesteigerten Dranges nach solipsistischer Exploration fern der eingangs beschriebenen Floorsituationen, sie war eine meiner Platten des Jahres 2020. Früheres, auf Dial erschienenes gehört ohnehin zum Kanon/Starter Pack.
Als ich in diesem Jahr eines Tages in meiner zweiten Stadt ankomme, nachdem zu viele Ereignisse in zu kurzer Zeit stattgefunden hatten, atmete ich kognitiv auf und entdeckte: Ein neues Album von Efdemin als Efdemin, auf Ostgut, Poly, ein elektronisches Album, bestehend aus keiner Meditation, keiner Exploration, also kein Spätwerk, sondern: ausschließlich Hits. Als ich wenig später, aufmerksam zuhörend aus der Bahn trete und die Möwen schreien, ist mir klar: Das ist die Musik, die mit diesem Ort zu dieser Zeit assoziiert sein wird. Hier liegt ein neues Momentum vor, das sich in die salzige Luft lehnt, ein Gefühl der Expansion, des Ausatmens, wie der Blick über das Ende Europas schweift.
Die Musik, die hier vorliegt, ist einfach und direkt. Sie folgt Efdeminprinzipien. Höre: die stete Wärme tief unten, die Textur der perkussiven Sounds in Aachen. Höre auch: Die große Öffnung Aller Dinge am Ende der Nacht zu unendlicher Schönheit hin in Lost somewhere in the Day. Höre die rohe Energie in Monophase und die reine Schönheit der Formulierung Radical Hope. Höre: Doch gleich die ganze Platte. Wie auf den klassischen Efdemin-Releases ist es auch hier die Kohärenz des Sounddesigns, das die Komplexität der Strukturen dieser Tracks ermöglicht. Die Klugheit dieser Musik wird von ihrer Funktionalität übertroffen, und ihre Funktion ist letztlich Hirne und Herzen zugleich zu bewegen.
Poly ist ein kosmisches Album, Musik wie Wind zwischen Sternen, ein Sonnensegel, das solare Energie in Geschwindigkeit übersetzt. Eine Maschine aus Licht, weiß wie es alle Farben gemeinsam sind, crossing the bright sky of day and moving the dark expanse of the night. Alles wie neu, alles wie immer. Platte des Jahres, auch genau jetzt und hier, wie ich das höre und schreibe, auf einer Klippe am Rand dieser Zeit.
Die lange Liste weiterhin relevanter Musik des Jahres 2025: Gombeen & Doygen – D’Americana7, Gombeen & Doygen – Prada, Blixa Bargeld – Blixa Bargeld sings David Bowie8, Hesaitix – 18.000/Dubdermal, D5 – Edward Edits, Porter Ricks – S/T, Mau Mau – Kraft, V/A – Klubnacht 01, V/A – Laid Compilation, Einstürzende Neubauten – Jewels, Darkside – Nothing9, Bochum Welt – JS, SPFDJ – Heel Thyself, Tempo – Sie Verlassen Den Amerikanischen Sektor 1978-1982, Andrea – Living Room, Cloud Management – Slice #1 & Slice #2, The Dead 60s – S/T, Lawrence – The City of Tomorrow III