electricgecko

Dezember

Nachdem der Tag gekommen und wieder gegangen war, trat ich hinaus in den Gemüsegarten. Von hier waren die Alpen zu sehen, nachdem das Licht versunken war. Ich wusste, dass es nicht weit von hier am See einen Stein gab, der aus der alten Mauer herausragte, ein Fußtritt in die grünen Wasser. Wenn man dort den Körper vom Ufer abdrückte, erstreckte sich eine wunderbare Leere, deren Ufer ich in diesen Jahren immer wieder aufsuchte, um endlich nichts zu sehen. Ich verdiente es, das zu wissen, hier auch zu leben. Ein weitere Art zu Hause. Es ist alles real, real, real.

Ebenso: Die Feuer, das Gedränge, Green Chili Soda, Dub im Kiln, Text als Architektur des Bewusstseins. Das Ende Europas im Norden, Felsen, Holz und wieder Feuer. Leere Sandsteinstraßen, eine Katze in jedem Sonnenfleck, meine Hände in der Wolle eines Schafes vergraben. Wolle überhaupt, als Material für Kleidung und Räume, als Metapher für die ewige Überlegenheit des Gewachsenen über das Erfundene. Ich reihe Gewässer aneinander, der Sprung in Meere, Flüsse und Seen an aufeinander folgenden Tagen als psychologischer Sport. Reisen mit Zug und Schiff, und auch insgesamt wissen wie’s geht. Sonne, Worte und Tunnel in La Ribaute, die sich nun auch für immer in meinem Gehirn befinden. Arbeit und Tod, Widerstand und neue Oberflächen. Ein weiteres Jahr Bau der Portale in die Zukunft: Im nächsten werden wir sie gemeinsam durchschreiten. Wir sind, obschon keine Familie, eine Gruppe.

(Style ist die Artikulation von Singularität durch Verlagerung semiotischer Fragen auf die ästhetische Ebene. Wie in der Poesie geht es darum, den vielfach verwendbaren Zeichen Einzigartigkeit abzutrotzen. Das ist weiterhin, was ich versuche, hier und überhaupt, um die Bedeutung der Subjektivität zu demonstrieren. We are irreplaceable, because we cannot be compared to each other.)

Der Weg zu Permanenz ist Prozess: Die Dinge immer wieder herstellen, die Konversation von neuem beginnen, neue Worte erfinden, um das Unveränderte zu beschreiben, Vernichtung und Bau. Die erfundene Welt verlassen und in neue Sterne stürzen, die Dinge unverändert, ihr Gewand immer neu. Ein Nichts das bleibt und ein Alles, das die Leere im Zentrum verbirgt. Wir sind gemeinsam hier, ein Hier folgt uns zum nächsten. Wir sind ein unendlicher Punkt, zugleich null und eins in Raum und Zeit. Die Welt existiert nur in uns.

Gestern hat eine Zukunft begonnen. Musik, die ich 2025 hörte.

Winter

  • Ben Kaczor & Niculin Barandun – The Equilibrum in Transition
  • anbb – Foligno
  • Einstürzende Neubauten – Ich komme davon
  • Strategy – Friends and Machines
  • Lawrence – Ascend
  • Miko & Mubare – Komoma Ya­-Ya-­Ya
  • Richenel – Autumn
  • Clouds – Come with me (On a trip)
  • Cloud Management – 404 Bassline not Found

Frühling

  • Porter Ricks – Spoiled
  • Purelink – We should keep going
  • Le Tigre – Dyke March
  • Nuker – Slam sin Ruido
  • Storm on Earth – Earth
  • John Roberts – Blame
  • Yor – Golden Boy
  • Atomic Moog – Landing Point
  • Sten – Undercover

Sommer

  • Jenny Hval – The Artist is absent
  • Fcukers – Homie don’t Shake
  • V/Z – Caffe Giallo
  • UUUU – Verlagerung, Verlagerung, Verlagerung
  • Efdemin – No Exit
  • Phil Collins & Philip Bailey – Easy Lover
  • Gombeen & Doyen – D’Americana
  • Cloud Management – Dann ein Filter
  • Low-End Activist – Wave 01
  • Die Goldenen Zitronen – Positionen
  • Efdemin – A Thousand Shades of Green
  • Heathered Pearls – Caveat Emptor

Herbst

  • Blixa Bargeld – Where are we now?
  • Gang of Four – At Home he’s a Tourist
  • Low-End Activist – Sent West
  • Miles – Lustre
  • Efdemin – Radical Hope
  • DRC1 – Intel
  • Darkside – One last Nothing
  • Darkside – S.N.C.
  • Low End Activist – Airdrop 05 (Trust Meeee)
  • Kreidler – Diver

Winter

  • Mau Mau – Auf der Jagd
  • Tempo – Sie verlassen den Amerikanischen Sektor
  • D5 – Dark City (Edward Edit)
  • SPFDJ – Mindless Counting
  • Rick Wade – Unafraid
  • Echo Instinct – Imagined Order
  • Efdemin – Aachen
  • Cloud Management – Teracotta Realness
  • Hesaitix – Dubdermal

Mixtapes

Playlists

  • Compressed Time, Long-haul, Demon Killer, Post House, Sin-Wave

Mit diesem Jahr hatten wir ein Plateau erreicht, hier oben waren wir noch nicht. Aber ein Plateau ist eine Ebene, und wie alle Ebenen fühlt sich auch diese zunächst wie ein Mühsal an, ein Treten auf der Stelle nach der Energie des Aufstiegs. Es dauert, bis wir die Aussicht begreifen: Vergangenheit und Zukunft erstrecken sich in ihre Richtungen. Wohin von hier?

Ein Wunsch war, dass die wichtigen Dinge keine Objekte mehr sein mögen, keine Skulpturen oder Installationen, nicht einmal Prozesse, sondern: Singular, Zustand, State. Das Selbst in den Sonnenstrahlen auf dem Teer auflösen, es im Lauf auflösen, es in der Musik auflösen. Alles frontal nehmen, das Licht blendend, die Musik in alle Dimensionen ausgebreitet, alles ohne denkbares Ende. Niemals für immer, Zustand über Ort und Erreichtes. So sollte das sein in diesem Jahr, und die Musik folgte meinem Willen. 2025 hörte ich noch mehr echobasierte Musik, mehr aufgeführte als aufgenommene Musik. Musik, in denen Enden und Anfänge eine untergeordnete Rolle spielen, in der es um dieses Jetzt in diesem Hier geht. Das kulminierte in einer ubiquitären Playlist namens Compressed Time, zusammengestellt nach den Kriterien:

  • Heaviness: Die Musik existiert in den Tiefen, die Kopfnoten bleiben frei fürs Denken,
  • Abstraktion: Die Musik und ihr Prozess hat uns weit von ihrem Ausgangspunkt fortgetragen,
  • Gelassenheit: Die Musik komprimiert Zeit, sie dehnt ihre Wahrnehmung,
  • State: Die Musik löst ihren Prozess in der Wiederholung auf.

In dieser Playlist riss mich der verspulte Bassmonolog von D’Americana zuverlässig regelmäßig von allen kognitiven Kontrollen fort, die Kollision von Keine Ahnung und Lee Gamble’s Head Model erzeugte neue Sinne, der abgekupferte Rudeboy Skank der Dead 60s funktionierte noch immer und die Microdubs-Sets von K Wata kleideten schließlich alle Gedanken dieses Sommers mit smoother Synthetik höchster Auflösung aus.

Aus dieser musikalischen Stimmung heraus gerieten die Platten meines Jahres durchaus ergebnisoffener als zuvor. Es ist eine softe Liste, eine weniger intensiv überzeugte Auswahl ohne Überwältigungen – aber geprägt von der neuen, freudigen Bereitschaft, woandershin mitzugehen. Auch die lange Long List am Ende dieses Textes mag Ausdruck gesunkener ästhetischer Konzentration sein, oder die Folge neuer Neugier nach weiteren Status, plural, in alle Richtungen.

Soft, calm, clear. Warm. No part of any social proceeding, but also here, with trees and tags, in the gentle breeze of this particular mesa. As balanced, as content and silent, as unconcerned, as unknown as I can be. This year felt like entering an empty house, behind a secret door I happen to know the keypad number to.

  • Fcukers – Baggy$$ (Technicolour)

    Das Schöne in der Kunst1 ist, dass sie nicht gut sein muss – es genügt, wenn sie sich an einem ungeschützten Rezeptor verfängt und eine neue Aufmerksamkeit nicht erregt, sondern dort erzeugt wo zuvor keine war, Energiebilanz positiv. Die Baggy$$ EP von Fcukers tat dieses im Juli diesen Jahres: Sie traf auf eine Bereitschaft zur Leichtigkeit, die von diesem jetzigen Dezember aus betrachtet unerreichbar scheint. Aber diese Platte existiert, ich hörte sie auf der Brücke, ich hörte sie auf dem Weg durch das Gewühl der Nacht. Das Artefakt einer Zeit im Sommer, in der ich der Gravitation der Zeit für einige Wochen entkam.

    Diese Musik ist schiere Affirmation, ein Pastiche aus europäischen Popreferenzen aus dem letzten Jahrhundert (Eurodisco, French Maximalism, Dub, Whatever-Step, Stone Roses), die von den noch vorhandenen progressiven Ecken der Stadt New York vor 2010 zurückreflektiert wurden. Es ist unterhaltsam und (noch) irritierend für mich, das zu hören und mich zugleich an die unverzauberte Form dieses kulturellen Materials zu erinnern: Die Wet-Look-Frisuren, die Minidiscs, Low Waists und kleine Tops. Große Jeans und Hornets-Trikots2.

    Die Referenzen gingen so häufig hin- und her, dass sie hinreichend an Auflösung und Bedeutung verloren haben, um als neu zu gelten. Insofern hat das musikalische Resultat auf dieser EP aller Collage zum Trotz wenig mit seinem kulturellen Ausgangsmaterial zu tun: Das ist zu getuned, zu sharp, zu informiert. Diese EP klingt, wie wir damals hofften, auszusehen, es aber natürlich niemals taten. Jaja, ist ja gut. Wie hört sich das an?

    Six pieces of saccharine puff candy: Hot clean fun, glossy shades, short shorts, park run, roadside river bridge sun. Cool.

  • Echo Instinct – Electronic Soundscapes for Post-Industrial Urban Decay (Unlimited Dream Records)

    In jedem Jahr gibt es zumindest eine Platte mit Musik, die wenigen Ansprüchen genügt, zu sehr einem bekannten Grundriss folgt. Musik die klingt wie die frühen 1980er Jahre, aber nicht allzusehr wie die Musik dieser Zeit. Eher wir die Austattung der Filme der Dekade, immer ein wenig zu spärlich, größerenteils gefüllt mit Hall und Schatten. Musik wie ein graues Capsleeve-T-Shirt, eine schmale Hüfte und eine breite, kurze Jacke aus synthetischem Material. In dieser Musik ist immer Nacht, und wir gehen die dunkle Straße hinab. Es ist Musik, die auf die ekstatische Wahrheit der Zeit deutet, in der ich geboren wurde. Das Genre ist Musik die Malte hört. Sie ist eine Art ästhetischer Factory Default meiner inneren Welt3.

    In den letzten Jahren waren es eine Handvoll Künstlerinnen, die dafür gesorgt haben, dass meine Playlists Beach Goth und Long-haul abwechslungsreich mit dem immer Gleichen gefüllt blieben: The Soft Moon, Boy Harsher, TRST, The KVB. Eine Platte dieser Künstlerinnen war stets präsent, wenn in einer Bahn ein guter Gedanke hermusste, oder die 2020er Jahre gar zu prosaisch und saturiert schienen. In diesem Jahr war es ein spätes Release, das erste des KVB-Seitenprojekts Echo Instinct.

    Wie anmoderiert und durch den Titel der Platte doppelt unterstrichen, ist der Vibe hier wenig überraschend: Die leeren Straßen des industriellen Verfalls sind natürlich finster, da weht ein kalter Wind, aber wir durchschreiten diese Welt entschlossen und mit stetem Momentum. In unserer Harrington ist es recht angenehm warm, aber das muss ja dort draußen niemand wissen.

    Anders als auf den KVB-Releases von Kat Day und Nicholas Wood finden die beiden für das Echo Instinct-Projekt durchaus vielseitige Formate – zehn instrumentale Tracks, die sich zwischen optimal angeschmutztem Elektrowavehits (Imagined Order), floorfähigen Tools (beinahe funky: New Purity) und cinematischen Sequenzen (Intersection) platzieren. Das ist alles im besten Sinne brauchbare Musik, die in einem klar abgegrenzten ästhetischen Fokus überraschende Vielfalt findet.

    Wie andere dieser Platten in diesen Listen an den Enden dieser Jahre ist Electronic Soundscapes for Post-Industrial Urban Decay vermutlich nicht wirklich Teil meiner musikalischen Rezeption des Jahres 2025 gewesen – eher ein weiteres Artefakt einer ausgedachten Welt, in der ich meine innere Zeit verbringe. In der ich die Dinge vorfinde, die ich dann hier und in meiner Arbeit zumeist gegen ihrem Willen zur Existenz zwinge.

  • Low End Activist – Superwave EP (Best Intentions) & Dry Chat, Wet Rag (Sneaker Social Club)

    In der Abstraktion fühle ich mich zu Hause. Freitragende Gedankengebäude (also: kohärente Ideen, die ihre eigenen Prämissen erfinden und einhalten) erschließen sich mir leicht, ich finde mich zurecht. Sensorische Wahrnehmung und ihr stressiger Detailgrad überfordern mich schnell, da fehlt mir der Überblick. Diese beiden Arten die Welt zu erfahren, sind in mir klar getrennt. Sie scheinen nur in der Architektur (oder richtiger: im Bau) und in der Musik zusammenzufallen. Wenn man den Bau betritt oder die Musik hört, überlagern sich im idealen Fall intellektuelle Appreciation und physische Hingerissenheit. In diesem besten Fall wirkt also eine Atmosphäre im zumthorschen Sinne.

    Was auch immer in der Lage ist, diese Athmosphäre, diese Synthese aus Körper und Hirn hervorzurufen, ist in meiner Welt kostbar und rar. Low End Activist produziert Musik, die das verlässlich tut: Sie ist at once intuitive and cerebral, das ist ihre definierende Eigenschaft, man kann sie auf Deutsch kaum in dieser Kürze beschreiben. Ich hole aus.

    Nach der fantastischen Airdrop, die 2024 eine der wichtigsten Platten war, folgten in diesem Jahr eine ganze Reihe von Releases (darunter Airdrop 02 und 03, beide blieben der Qualität der namensgebenden Platte fern), die sich kaum in größere Kontexte sortieren lassen – zu vielfältig fraktal ist der Output innerhalb des formal engen, aber konzeptionell tiefen Feldes britischer Bassmusik.

    Ich greife für diese Liste die Superwave EP und Dry Chat, Wet Rag heraus, doch es hätten auch diverse weitere EPs und Singles sein können. Low End Activist entwickelt sich zu einem der zentralen Protagonisten meiner Musikrezeption als älterer Erwachsener. Möglicherweise ist es die wunderbare komplexe Leere4 in dieser Musik (höre: Neurosis), die den Parallelzugang über Geist und Physis ermöglicht: Wenigem ist hier sensorisch zu folgen, aber das, was vorhanden ist, formt komplexe Gerüste, die Raum für eigene Gedanken bereitstellen. Tracks wie Wave 01 feuern mich verlässlich in eine Form von Gesamtpräsenz, die ich als schwer erreichbar empfinde.

    Die Musik von Larry Edgar Anderson hat mich den Räumen und den Zeiten dieses Jahres 2025 nähergebracht; ihr Ryhthmus und ihre eigene Zeit bleiben stets zerbrochen, und damit dieser so genannten Gegenwart angemessen. Musik, die mich zugleich dividiert und zusammensetzt: Straße Distanz Interaktion — Zirkel Wärme Wort Auflösung

  • Cloud Management – Unfinished Business (Digital Sting) & Invisible Salad (Abstrakce)

    Cloud Management, das ist eine Gruppe aus der Nachbarschaft und dem erweiterten Freundeskreis. In der Kernbesetzung früherer Projekte5 entwickeln Thomas und Sebastian als Cloud Mangement seit Jahren nicht nur eine Musik, sondern auch Methoden des Musizierens: Studio ist live und live ist (auch) Studio. Ihre Gigs finden inzwischen sitzend statt, in der Besetzung Maschinen, Vocals und Bass, und gleichen tastenden Listening Sessions.

    Ihre Veröffentlichungen verweigern sich der letztgültigen Version des Albums: Die Slices-Serie entlässt Skizzen, Loops und Anrisse in die Welt, bevor beide Seiten der Gleichung dafür bereit sind. Auch die Tapes um die es hier geht – Unfinished Business und Invisible Salad – finden ihr Format zwishen Experiment und Edit: After throwing rough ideas and sketches together (…), there’s a process of remixing/resampling ourselves while drinking manzanilla.

    In dieser Hinsicht unterscheiden Cloud Management nicht mehr zwischen Aufführung und Aufnahme. Sie folgen damit den Prinzipien von Dub als Musik des Prozesses und der Performance. Jede Improvisation und jeder Eingriff in einen fortlaufenden Groove steht in einer Reihe von weiteren konkreten oder denkbaren Eingriffen, die sich in den Echos des Delays unendlich weit in die Vergangenheit und die Zukunft erstrecken. Musik wie zwei Spiegel, die sich gegenüber stehen.

    Die Musik auf Unfinished Business und Invisible Salad6 scheint konzentriert auf der Stelle zu treten, während sie zugleich mäandernd ausufert und dabei zu allen möglichen musikalischen Facetten gelangt. Das Ganze erzeugt erzeugt eine angenehm abstrakte Mischung aus der schleppenden Audioviskosität von Dub (Teracotta Realness) und der Bodenhaftung einer verlässlichen Vier, die aus den krautigen Ursprüngen der Gruppe verblieben ist (Unfinished Business 4). Auf der Ende November erschienen Invisible Salad scheint dieser Aufbau seine Urpsrünge in der jamaikanischen Diaspora stärker zu reflektieren als zuvor, ein weiteres Echo, ein weiterer Vorschlag in einer unedlichen Reihe.

    Das ist alles sehr sehr gut, und das seit vielen Jahren. In diesem Jahr realisierte ich, wie aufmerksam und regelmäßig ich diese Musik höre. Wenn es einen sperrigen Groove braucht: Heavy music for heavy thinking, a hyperdense void of energy that remains rooted in place, brown and green, stoned but fully present, schrieb ich im Mai über Unfinished Business.

    Was Cloud Management in Form und Inhalt machen, hat dauerhaft meine Aufmerksamkeit. Es informiert einen zentralen Teil meines Musikgeschmacks. Es hätte nicht das Dubjahr 2025 brauchen sollen, damit mir das auffällt.

  • Efdemin – Poly (Ostgut)

    Efdemin ist einer der wenigen Produzenten, deren Musik meine Nächte und Tage ohne Unterbrechung durchziehen. Keine Veröffentlichung ist auch nur uninteressant, und mehrere sind herausragend in meiner Rezeption als tatsächlich Erwachsener in Berlin und dann Hamburg; also seit 2007–2008? Ich ging in viele Clubs weil Efdemin dort auflegte. Das Spektrum reichte von der samtenen Wärme im Turmzimmer, von der kunstlederbezogenen Bar aus gesehen, zum Lederschweiß in der hohen Halle, der DJ eine Miniatur, vier Meter unter dem betonieren Tieftönerloch. Ich hörte Efdemin-Produktionen in der Dunkelheit der Nacht am Schreibtisch, zum Frühstück hinten raus an der Köpenicker Straße.

    Chicago schlug 2010 für mich die Brücken zwischen ästhetischen Prinzipien in meiner Arbeit und den persönlichen Obsessionen, die nach wie vor vieles tragen, das ich hier tue und will. Sie ist eine der Platten dieses Lebens. Also: Efdemin ist zentral. Ich höre mir alle Releases an. Ich mochte die Releases als Philipp Sollmann, Monophonie war seinerzeit eines der Resultate des gesteigerten Dranges nach solipsistischer Exploration fern der eingangs beschriebenen Floorsituationen, sie war eine meiner Platten des Jahres 2020. Früheres, auf Dial erschienenes gehört ohnehin zum Kanon/Starter Pack.

    Als ich in diesem Jahr eines Tages in meiner zweiten Stadt ankomme, nachdem zu viele Ereignisse in zu kurzer Zeit stattgefunden hatten, atmete ich kognitiv auf und entdeckte: Ein neues Album von Efdemin als Efdemin, auf Ostgut, Poly, ein elektronisches Album, bestehend aus keiner Meditation, keiner Exploration, also kein Spätwerk, sondern: ausschließlich Hits. Als ich wenig später, aufmerksam zuhörend aus der Bahn trete und die Möwen schreien, ist mir klar: Das ist die Musik, die mit diesem Ort zu dieser Zeit assoziiert sein wird. Hier liegt ein neues Momentum vor, das sich in die salzige Luft lehnt, ein Gefühl der Expansion, des Ausatmens, wie der Blick über das Ende Europas schweift.

    Die Musik, die hier vorliegt, ist einfach und direkt. Sie folgt Efdeminprinzipien. Höre: die stete Wärme tief unten, die Textur der perkussiven Sounds in Aachen. Höre auch: Die große Öffnung Aller Dinge am Ende der Nacht zu unendlicher Schönheit hin in Lost somewhere in the Day. Höre die rohe Energie in Monophase und die reine Schönheit der Formulierung Radical Hope. Höre: Doch gleich die ganze Platte. Wie auf den klassischen Efdemin-Releases ist es auch hier die Kohärenz des Sounddesigns, das die Komplexität der Strukturen dieser Tracks ermöglicht. Die Klugheit dieser Musik wird von ihrer Funktionalität übertroffen, und ihre Funktion ist letztlich Hirne und Herzen zugleich zu bewegen.

    Poly ist ein kosmisches Album, Musik wie Wind zwischen Sternen, ein Sonnensegel, das solare Energie in Geschwindigkeit übersetzt. Eine Maschine aus Licht, weiß wie es alle Farben gemeinsam sind, crossing the bright sky of day and moving the dark expanse of the night. Alles wie neu, alles wie immer. Platte des Jahres, auch genau jetzt und hier, wie ich das höre und schreibe, auf einer Klippe am Rand dieser Zeit.

Die lange Liste weiterhin relevanter Musik des Jahres 2025: Gombeen & Doygen – D’Americana7, Gombeen & Doygen – Prada, Blixa Bargeld – Blixa Bargeld sings David Bowie8, Hesaitix – 18.000/Dubdermal, D5 – Edward Edits, Porter Ricks – S/T, Mau Mau – Kraft, V/A – Klubnacht 01, V/A – Laid Compilation, Einstürzende Neubauten – Jewels, Darkside – Nothing9, Bochum Welt – JS, SPFDJ – Heel Thyself, Tempo – Sie Verlassen Den Amerikanischen Sektor 1978-1982, Andrea – Living Room, Cloud Management – Slice #1 & Slice #2, The Dead 60s – S/T, Lawrence – The City of Tomorrow III


  1. Und allem anderen, zu dem man sich einen Rezeptionszugang ohne definierte Leitdifferenz zurechtlegen kann. ↩︎

  2. Die nachlässigen Webcam-Musikvideos der Fcukers inszenieren diese Dinge auf die ideale, genuin verführerische Weise, siehe Homie don’t shake und Play me↩︎

  3. Bezeichnenderweise schrieb ich an dieser Stelle im vergangenen Jahr bereits Ähnliches: Auf diese Weise ist die spärlich möblierte Räumlichkeit vage waviger Popmusik der 1980er Jahre ein Zuhause, in ihrer Distanziertheit fühle ich mich auf Anhieb wohl. Es ist universelle Musik. Selbst ihr Faksimile genügt mir, I’m a sucker. ↩︎

  4. Zur Bedeutung der Leere, der Abwesenheit von Musik in der Musik von Low-End Activist, siehe meine Notizen zu Airdrop zum Ende des vergangenen Jahres. ↩︎

  5. Die großartigen Frankreich muss bis Polen reichen und Love Songs↩︎

  6. Verweisen die Titel dieser Tages eigentlich auf die beschriebene Unendlichkeit der Optionen dieser Musik oder ist das alles zu heavy und meine Kontingenzerfahrung hat sich im Taperekorder verwickelt? ↩︎

  7. Vermutlich sowas wie der definierende Track des Jahres, er warf mich vollständig um und hat einigen Anteil daran, dass 2025 tief im Dubsumpf versank. Not complaining. ↩︎

  8. Blixa wählt hier natürlich die berlinbezogenen Songs, und sein eckiges Deutsch steht ihnen ausgezeichnet. Where are we now hatte ich im Original nie bewusst gehört, und es ist vermutlich mein liebster Track auf dieser Platte, er ruft ein Berlingefühl hervor, von dem ich nicht wusste, dass ich es habe. ↩︎

  9. This year‘s Darkside album came in hard and heavy, on a fifth, inattentive listening while living in InDesign. Previously, elsewhere, its complexity had alienated me, its thick production, impasto applied to a delicate canvas. The first few tracks of this read like The Chic, and viewed from this angle, I appreciate their thickness and drawl, shaking out all intellect. Heavy is Good for This, probably. ↩︎

Ein Grieche, graumelierter Bart und scharfer Scheitel, hat sich in einem Café an der Promenade des Küstendorfes Aegina ein kleines Bier bestellt und wendet – vorsichtig und überaus aufmerksam studierend – Seite um Seite einer Ausgabe der: Micky Maus.

Schönheit liegt auch in der Zerstörung, nichts in Formaldehyd ist je schön. Das neurotische Verbessern und Instandhalten führt zu Optimalen, die man nur mit dem Herz eines Bänkers wollen kann. Es fühlt sich an, als würde man sich wichtiger nehmen als den Zustand der Welt. Bei allem Fokus auf Selbst und Individuum: Es ist immer nichts, unbedeutend, das ist von Anfang an klar. Die Schönheit liegt im dennoch, in der nutzlosen1 Auflehnung gegen das unbesiegbare Universum.

Textnachricht, Dezember.


  1. Nicht: sinnlosen. ↩︎

Auf der Flucht vor dieser Gegenwart wollen wir in der Kontingenz der Zukunft leben.

Wer sich der eigenen verschütteten Vergangenheit zu nähern trachtet, muß sich verhalten wie ein Mann, der gräbt. Das bestimmt den Ton, die Haltung echter Erinnerungen. Sie dürfen sich nicht scheuen, immer wieder auf einen und denselben Sachverhalt zurückzukommen; ihn auszustreuen wie man Erde ausstreut, ihn umzuwühlen wie man Erdreich umwühlt. Denn Sachverhalte sind nur Lagerungen, Schichten, die erst der sorgsamsten Durchforschung das ausliefern, was die wahren Werte, die im Erdinnern stecken, ausmacht: die Bilder, die aus allen früheren Zusammenhängen losgebrochen als Kostbarkeiten in den nüchternen Gemächern unserer späten Einsicht – wie Trümmer oder Torsi in der Galerie des Sammlers – stehen.

(Walter Benjamin, Berliner Chronik)

Alle Dinge haben zwei Seiten, eine fürchterliche und eine schöne, und diese sind miteinander verbunden; nicht verleimt, sie teilen ihr Inneres, ein gemeinsames Sein: Jede Schönheit, die den Begriff wert ist, steht in Flammen.

November

From the bog they were buried before the end of the 1980s, The Cramps’ decaying bodies surface into 2025’s hailstruck winter. Bare-chested and in tight leather jeans they are stomping forward with a mindless minimalism otherwise only found in ichigenkin songs. This music presents the highest state of post-self existence to the contemporary listener: A worm-eaten bog wraith Nirvana that seems inconceivable viewed from the high-gloss ruins of today’s cultural landscape. It is a sound schooled in the garages of Detroit and CBGB’s toilet stalls, keeping one restless eye on the horrors of the creole south, only to be hung out to dry-ferment into a fully realized form during L.A.’s 1980s punk scene. All Tore Up has been among my favourite songs and records for 20 years. This music refuses to let its intelligence get in the way of becoming the most abrasive and direct version of itself – a remarkable quality in all of popular culture1, let alone in rock music. The Cramps cannot be killed, they have been undead for a long time, here to haunt whatever needs haunting.

  • The Cramps – All Tore Up, LP, Revisited Records, 1989

  1. Prevalent, if at all, in forms close to pop’s folk culture origins: delta blues, spirituals, drone metal ↩︎

Ich kehre in regelmäßigen Abständen zu echobasierter Musik zurück, oder besser: Diese Musik kehrt zurück zu mir, nachdem sie die Welt ein weiteres mal durchquert hat, verhallt ist in Städten und Meeren, zurückgeworfen wurde von Felsen und Wäldern.

Echo ist die Virtualisierung des Raumes in der Musik. Im Sound ist er nur als Leere einer zeitlichen Ausdehnung darzustellen, als energetische Pause, als Abwesenheit und Entfernung. In der Materialität der Malerei existiert das in der erzwungenem Perspektive, im Fluchtpunkt1, im Text ist der Raum der Umbruch in der Zeile, im Rhythmus der Strophe, in der Ellipse, in der Abwesenheit von Erzählung.

Wie das Echo durchqueren die wenigen Releases von Gombeen & Doygen dieses Jahr, auf ihren Wegen weg und zurück zu mir. Zwei 12“-Singles gibt es da, jeweils zwei mal zehn Minuten dicker blue-eyed Dub, wenn es das geben kann, verspult, verquarzt, verkratzt. Zwei Edelgas-Kartuschen aus Edelstahl unter großem Druck. In den insgesamt vier Tracks steht D’Americana für sich. Das ist Gasgigant, ein monumentaler Skank, dessen Text als Stream of Conscioussness, als endloser Koan in der Atmosphäre schwebt: Schwere Moleküle aus Wort und Track, die nicht zu verstehen und nicht zu vereinen sind, und doch alle Aufmerksamkeit binden. Hypnotisch, kognitiv überwältigend, in mehr als einer Hinsicht: Dicht. Prada und seine B-Seite, Sequel2 versuchen diese Atmosphäre mit dem gleichen Instrumentarium ein weiteres Mal herzustellen und dabei halbwegs heimlich einen Floorfiller zumindest in Kauf zu nehmen. Das gelingt, jedoch ohne die kognitive Intensität der ersten Single zu erreichen. Diese Absicht und jene Verfehlung haben miteinander zu tun – in dieser Musik muss man die Rückkehr der Echos abwarten, acht geben, um von der verzerrten Kopie der eigenen Gedanken aufs neue irritiert zu werden. Das Hypnotische lässt sich nicht absichtsvoll herstellen. Es ist einfacher, die Leute auf die Tanzfläche zu jagen als ihre Blicke nach innen zu wenden, ihr Selbst für einen Moment sprudelnd in Nichts3 aufzulösen.

Das Aufheben von zwei Gegenpolen in einem neuen Nichts ist ein übliches Muster dieses Universums. In der Musik ermöglicht es den Durchbruch durch das Naheliegende, hindurch zur anderen Seite der Signifikanz: Wo nichts mehr zu entfernen ist, stellen wir fest, dass eine Ebene tiefer eine neue Welt liegt. Das Neue in der Musik entsteht im Druck zwischen Reduktion und Konzentration.


  1. Als müsse der Blick aus der Fläche fliehen, Schutz in der Abstraktion suchend. ↩︎

  2. Ein Track, der in seiner steppenden Verpeilung eine gewisse Verwandschaft zu Kareem’s Rattledisco aufweist. Mir fällt kein weiteres Stück Musik ein, das noch in diese Reihe passt. ↩︎

  3. In allen Diziplinen ist die Leere des Echos eine temporäre Abwesenheit: sie verspricht die Rückkehr des Ausgesetzten, seine eigene Rückkehr. Der imaginierte Raum, der hier zu durchqueren ist, steht den Rezipientinnen zur Verfügung: er darf unverwendet bleiben: The gentle sonic abstraction, the fuzz of background static create a grey box, lined in the ultrasuede of your thoughts. ↩︎

Ein graues Licht liegt auf der Stadt und auf mir, an unserem letzten gemeinsamen Tag in diesem letzten Jahr der Trennung. Ein zäher Fluss, eine dichte Luft, geronnene Wolken. Es ist warm unter schweren Himmeln, der einzelnen Palme, der Nacht. Wenig ist zu finden, kaum was vorhanden, verschanzt in den Gräben der Pflicht. Ich muss mich hervorholen. Bisher gelang es nicht, nur zu diesem Neutral hat es gereicht.

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