electricgecko.de

Text über Musik, Raum, Gestaltung und Kunst. Fotos.

View from Ennis House

School of Velocity

Basis: Eine gewisse Sachlichkeit des Ausdrucks. Diese Musik ist konstruiert, sie folgt Regeln, sie nimmt sich zurück. Jeder Track ist ein System, und Spannung entsteht aus dem Durcharbeiten seiner möglichen Konstellationen. Gegenüber anderen Dial-Releases (inklusive seines eigenen Debütalbums) wirkt Efdemin hier kühler, mit größerem Interesse an Raum und Bau als an den Menschen. In dieser Hinsicht könnte das hier auch die dritte Auskopplung aus Chicago sein, dem Meisterwerk.

Herz: Diese ausbalancierte Unruhe, Drive spürbar vorhanden, aber gedämpft, als fände die eigene Wahrnehmung im Nebenraum statt. Jeder der drei Tracks nimmt eine Abfolge verschiedener Formen an, um schließlich auf befriedigende Weise die Dramaturgie zu schließen. Die kinetische Energie bleibt über drei Tracks erhalten.

Kopf: Alles klingt nach europäischer Moderne, vielleicht sogar universell, zumindest soweit man sich 2005 noch einreden konnte, dass es das gibt. Musik für Züge und Nächte, Fineliner-Musik, Musik zum Denken. Kammermusik für hohe Räume. Alles ohne Untermalung zu werden, belanglos oder falsch. Shout out if you listen to this in 2020.

Aufgeschrieben zu Efdemin’s Bruxelles 12″, deren Erscheinen ich erst 15 Jahre später mitbekommen habe. Ich bin mir allerdings sicher, zu Baumgartnerhöhe (Copy) in irgendeiner Nacht Drinks an der mit weißem Kunstleder gepolsterten Bar des Turmzimmers bestellt zu haben.

Raum und Zeit und Selbst

Ich hege eine gewisse Zuneigung an das Zurückkehren, an den zweiten Blick auf einen Ort. Markiert der erste Blick einen Punkt, das Eintreten des Neuen, beschreibt der zweite Blick eine Strecke: Sie schließt ein psychologisches Dreieck zwischen der ersten Wahnehmung, dem zurückgelegten Weg und dem zweiten Besuch. Erst das Wieder-Erkennen eines Ortes stellt eine Relation her, die über bloßes Betrachten hinausgeht1. Einmal irgendwo gewesen sein bedeutet nichts. Zurückkehren bedeutet alles.

Ich habe Oporto häufig besucht, einige Male der Liebe und der Arbeit wegen. Ich kehrte zurück wegen Álvaro Siza, Serralves, der Topographie und der Bruchteile verwitternden Grandeurs. Schließlich wegen des seltenen Verständnisses: Diese Stadt ist mir zu eigen. Da ist eine Version dieser Stadt für mich, und eine Version von mir für diese Stadt.

Oporto hat in den letzten zehn Jahren eine beständig wiederkehrende Rolle in meinem Leben gespielt, leise und absichtslos2. Ich werde nun also eine Zeit dieses an Zeiten nicht eben armen Jahres dort verbringen. Ich bereue, das Neubauten-Konzert in der Casa da Música um ein Jahr zu verpassen. Ich freue mich auf all die Aussicht, und die Nacht in der Straße. Ich erinnere mich an den Text über Xmal Deutschland, den ich in der Nacht an der Kammer am Fluss schrieb, und an den Tag danach, die Hallen von Campanhã. Mehr, eine entschiedenere Linie beschreiben.

  1. Ich neige dazu, signifikante Wege in Städten immer wieder zurückzulegen. Vermutlich ist es der Versuch, durch das Überlagern ganz verschiedener psychologischer Zustände und sich verändernder Orte eine Linie zu erzeugen, die aus großer Ferne sichtbar bleibt: Markierung und Verbindung von Raum und Zeit und Selbst.
  2. Überrascht stelle ich fest, dass ich das vor sieben Jahren bereits ähnlich sah. Es ist irritierend und kostbar wenn sich Dinge meiner Entscheidungswut widersetzen.

Vibe (with sth.)

Interestingly, the contemporary focus on mood and vibe implies a certain speechlessness, or lack of articulation. The refusal of putting a context, a thing into words is the refusal to dissect it, which is the refusal to thoroughly understand it. Accepting a mood in this way (that is, to vibe with it) reflects the desire to interact with its context without letting it permeate one’s perceptive being. Vibing with (instead of understanding) situations is easier and requires less cognitive ressources – perception is delegated to layers closer to the biological firmware. Despite its emotional entanglement, it seems to allow more wide-ranging acceptance of varying contexts and – presumeably – easier engaging and diengaging with both aesthetic and social situations. It is, probably, adequate adaptive cognitive behaviour.

Total Shedism

Es ist natürlich so eine Sommersache, alle WAX-Releases in Reihenfolge zu hören, und dann noch mal shuffle, an einem Tag, an dem der Wind durch die Wohnung geht und alle Räume offen sind. Das bemerkenswerte an Shed-Musik ist, wie singulär, unmittelbar lesbar, komplex und vielfältig sie ist. Sie ist der bemerkenswerte Fall des ein-Personen-Genres. Shed macht Shed-Musik: Floor-Shed, Dub Shed, Mood-Shed, Break-Shed, Shed-Shed.

Fortwährende Arbeit am Material, Forschung und Entwicklung, Freilegen immer neuer Facetten einer Musik, die unbregrenzte Freiheit innerhalb eines festgelegten Regelwerks findet. Wie ein Bildhauer, der ablässt und wiederkehrt. René Pawlowitz leistet serielle Arbeit, die in ihrer Gesamtheit ihren vollen Ausdruck erlangt.

Im Dezember schrieb ich über die kristalline Form von Shed-Musik – in diesen Tagen höre ich das andere Ende ihres Spektrums: WK7-Releases, Distance Dancer, Hoover, WAX6006(A). Gleiches Material, verschiedenes Resultat. Diese Tracks sind hart, klar, smooth und direkt, die Fortsetzung von Basic Channel mit anderen Mitteln, und nicht selten mit Gewalt. Der Sommer ist schön.

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