electricgecko

März

Es gibt in jedem Jahr den Tag an dem es zu sich findet, Ausdruck gewinnt. Häufig ist es dieser Moment, der im Verzeichnis der gelebten Jahre auffindbar bleibt: So war das, dort und dann gelebt zu haben. Niemals ist es ein erwartbares Datum. Die Situation ergibt sich, sie breitet sich aus, und dann ist es klar.

2026 taucht das Jahr hinter einer Serpentine auf, Beschleunigung, Momentum aus der Kurve, Ideallinie jenseits gelber Markierungen, entlang der hohen Mauern aus vorgefundenen Steinen in der schmalen Straße (zuvor waren die Steine viele tausend Jahre lang Berge gewesen, Klippen am See). Die Fliehkräfte werden von The KVB überlagert, das Demo von First Encounter durch das überraschend muskulöse Soundsystem, und da ist es nun, das Jahr. Es hat die unwirklichen Jahre hinter sich gelassen und ist ganz real, konkret, scharf wie die schneebedeckten Gipfel der Alpen in der klaren Luft weit vor mir. Ich lehne mich in die gegenläufige Kurve, ein lächerliches weißes Auto trägt mich in neue Zukunft.

Als wir jung waren, wussten wir nicht, dass wir jung waren und wir wussten auch nicht, wer wir sein würden, wenn wir unsere Jugend dann heute abgelegt haben würden.

Februar

Der See gefüllt und aufgewühlt, arg dunkel, die Berge blau, als glaubten sie nicht, dass der Frühling bereits hier gewesen ist. Diese Klippe ist ein Haus, wo der Rest der Welt keines kennt. Der Nebel kommt hoch, vom Wasser her. Man kann sich hier vorstellen, wie alle weg wären. Die Treppen und Brunnen und kieselgepflasterten Straßen in Frieden gelassen, so dass zum ersten Mal seit dreitausend Jahren hier Platz ist, Luft verbleibt, Gelassenheit lebt. Alle Stege liegen einsam. Eine Katze und ich wechseln das Verfolgen ab. Dann warten wir, bis die Schläge der Glocke der Insel verhallen. Alle Städte sehen, alle Werke ohne ihre Macherinnen betrachten, Frieden finden.

Deine innere Welt ist das Werkzeug und die Droge, die die äußere Welt genießbar macht. Schönheit und Freude werden deiner Perspektive folgen. Nutze das Innere, um das Äußere als das erscheinen zu lassen, das es sein müsste. Hold both things in your hands: Decisiveness and compromise, arrogance and empathy. With age, learn to balance them.

Dein Körper ist Teil der äußeren Welt. Dein Geist erzeugt die Innere. Das Geheimnis ist, dass sich wie durch eine kosmische Verschränkung beide gegenseitig enthalten. Geheimnisse kennen. Zwischen ihnen leben, niemandem sagen. Türen, Wege, Bilder, Worte, Ufer.

The reasonable person adapts themselves to the world: the unreasonable one persists in trying to adapt the world to themselves.

Die Konstante ist das Leid an den Mängeln der Welt. Die einzigen Auswege sind Konzentration und Flucht: Hetzend verschwimmt alles.

Schon immer habe ich die Demoversion dem fertigen Werk vorgezogen. Das Demo trägt die Energie der Erschaffung einer neuen Idee in sich, eines neuen Eintrags in das Buch der Welt: Die Idee ist reine Energie, und die Energie ist reine Idee.

Die geschlossene Arbeit, das vermeintliche Original, beansprucht kognitiven Raum. Es besteht aus verbrauchten Möglichkeiten. Die Demoversion stellt nur Fragen, und doch kennt sie den Zweifel noch nicht, es fehlen ihr alle falschen Gedanken. Sie schleift die Schichten ab, sie raut die Oberflächen aan, je grober die Skizze, desto geringer ist der Verlust.

Überlegen ist es, das Demo als geschlossen zu deklarieren, es rauszugeben, der reinen Idee sofort dauerhafte Existenz zu gewähren.

Januar

Mailand: Nüchtern, ruhig, leer, Steingrau, Salbeigrün. Der Garten in Brera: Ebenfalls leer, aber voller ungetriebenen Lebens. Später dann ist die Stadt gefüllt mit ihren Bewohnern. Zwei Sciure kommen mir in der Via Palermo entgegen, ihre Mäntel mit den Mustern verschiedener Tierfelle bedruckt, riesige Sonnenbrillen, ein anzügliches Lächeln. Was ist zu Lernen in Aula 43, was ist zu vergessen, in dieser Sitzung? Lampen, Grün, Holz und leere Rahmen im Hinterhof. Ein großes Glas im Regal, sein Inhalt: Nichts. Der Stoff eines sehr weiten, dunkelgrünen Anzugs, gefüttert in weißer, gestärkter Baumwolle. Eine Wolljacke, weich verfilzt, mit dem gleichen Futter. Raue, trockene Wolle, breite Kordelzüge, zugleich Trackpants und Teil eines Anzugs. Nur gefundene Dinge darf man behalten. Ich verstecke mich auf der Terasse bei Cracco mit zwei Getränken, offensichtlich verborgen unter den diversen Fluten, die Samstags in der Galleria verebben.

Sie haben den Torre Velasca gesandstrahlt. Nun einfarbig, wirkt seine invertiert balancierte Masse noch bedrückender. Stahlträger wie die Beine eines großen Insekts, das sich niederließ und nun den Turm umklammert. Aus der Nähe besehen sind die Oberflächen des Gebäudes erstaunlich fein: Filigranes Ornament monumental skaliert, eine Form vom Asphalt zu den Sternen.

Am ersten Tag meines Studiums bekam ich grundlegende Texte meines Faches ausgehändigt. Es waren viele hundert Seiten Papier des Formates Din A4, die im Querformat mittels Ringbindung und einem transparenten Cover aus dicker Plastikfolie notdürftig zusammengezwungen worden waren. Ein raubkopiertes Machwerk, das niemand, inklusive der Herausgebenden, als Buch bezeichnen mochte. Man nannte ihn daher den Reader. Diese Bezeichnung war ebenso unangemessen, denn der Reader war schließlich ich, und das scheußliche Ding war ein Wegweiser und ein leerer Container für einige Menge noch zu denkender Zukunft.

Dieser Eintrag ist ein solcher Container, gefleddert und zusammengezerrt. Was diese Bücher zusammenhält, ist allenfalls mein Leben. Es ist eine Bibliothek und ein Kleiderschrank zur Verwahrung von Ideen und Überzeugungen, aus denen diese hier anwesende Welt gewoben ist. Flugblätter, Shirts und Flaggen für Klugheit und ihre Alternativen.

Texte ohne Reihenfolge, die mein Zuhause sind. Zukünftig zu vervollständigen.

  • Christian Kracht – Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten, Roman (2008)
  • Rainald Goetz – Klage (2014)
  • Paul Valéry – Eupalinos ou l’architecte (1921)
  • Siegfried J. Schmidt – Kalte Faszination (2000)
  • Siegfried J. Schmidt – Geschichten und Diskurse (2003)
  • William Gibson – Zero History (2010)
  • Henry Miller – The Colossus of Maroussi, Reisebericht (1941)
  • Blixa Bargeld – Stimme frißt Feuer, Poesie (1988)
  • Friedrich Nietzsche – Ecce homo. Wie man wird, was man ist. (1908)
  • Le Corbusier – Vers une Architecture (1923)
  • Eiji Yoshikawa – Musashi, Roman (1935)
  • Rainald Goetz – Rave, Erzählung (2001)
  • Carola Platzek – Die Lehre des Gartens (2019)
  • Arthur Schopenhauer – Die Welt als Wille und Vorstellung (1844)
  • Thomas Bernhard – Auslöschung, Roman (1986)
  • AMO/Rem Koolhaas – Countryside, A Report (2020)
  • William Gibson – Pattern Recognition, Roman (2003)
  • Peter Zumthor – Thinking Architecture (1998)

Eine Bahn aus dem Umland auf dem Weg in die Stadt, im Parallax vor ihren kleinen Fenstern zieht die dicht bebaute Vorstadt aus Klinker und Beton vorbei. Das Interieur aus gebürstetem Stahl wurde vor dieser Fahrt zuletzt gereinigt, ein leichter Chlorgeruch hängt in der Luft. Die Sonne versinkt, als der Zug sich neigt und den Gleisen unter die Erde folgt. Es ist nun schwierig, seine Geschwindigkeit zu bestimmen: Rasen wir durch leere Stationen? Ist das eine Ausfahrt, der Test einer neuen Antriebstechnologie? Vor den Fenstern nun das innere der Stadt unter der Erde: Breite Steige, kein Mensch. Farblose Plakate mit fremder Geometrie rasen vorbei, zu schnell um näheres ausmachen zu können. Das Licht fällt aus, grau, schwarz, Rauch, Rausch. In der Ferne draußen plötzlich violettes Licht: Dioden blinken träge, zeichnen horizontale Linien in keinen Himmel. Dieser Zug hat den Tunnel nicht verlassen, auf einer konzentrischen Bahn gräbt er sich tiefer unter die Stadt. Es herrscht die Zuversicht einer fernen Zukunft: Industriell, smooth, und sauber wie ein schweres Kugellager. Stadt und Zeit fließen, wir fixieren den Horizont der Nacht und wissen nichts mehr.

Dezember

Nachdem der Tag gekommen und wieder gegangen war, trat ich hinaus in den Gemüsegarten. Von hier waren die Alpen zu sehen, nachdem das Licht versunken war. Ich wusste, dass es nicht weit von hier am See einen Stein gab, der aus der alten Mauer herausragte, ein Fußtritt in die grünen Wasser. Wenn man dort den Körper vom Ufer abdrückte, erstreckte sich eine wunderbare Leere, deren Ufer ich in diesen Jahren immer wieder aufsuchte, um endlich nichts zu sehen. Ich verdiente es, das zu wissen, hier auch zu leben. Eine weitere Art zu Hause. Es ist alles real, real, real.

Ebenso: Die Feuer, das Gedränge, Green Chili Soda, Dub im Kiln, Text als Architektur des Bewusstseins. Das Ende Europas im Norden, Felsen, Holz und wieder Feuer. Leere Sandsteinstraßen, eine Katze in jedem Sonnenfleck, meine Hände in der Wolle eines Schafes vergraben. Wolle überhaupt, als Material für Kleidung und Räume, als Metapher für die ewige Überlegenheit des Gewachsenen über das Erfundene. Ich reihe Gewässer aneinander, der Sprung in Meere, Flüsse und Seen an aufeinander folgenden Tagen als psychologischer Sport. Reisen mit Zug und Schiff, und auch insgesamt wissen wie’s geht. Sonne, Worte und Tunnel in La Ribaute, die sich nun auch für immer in meinem Gehirn befinden. Arbeit und Tod, Widerstand und neue Oberflächen. Ein weiteres Jahr Bau der Portale in die Zukunft: Im nächsten werden wir sie gemeinsam durchschreiten. Wir sind, obschon keine Familie, eine Gruppe.

(Style ist die Artikulation von Singularität durch Verlagerung semiotischer Fragen auf die ästhetische Ebene. Wie in der Poesie geht es darum, den vielfach verwendbaren Zeichen Einzigartigkeit abzutrotzen. Das ist weiterhin, was ich versuche, hier und überhaupt, um die Bedeutung der Subjektivität zu demonstrieren. We are irreplaceable, because we cannot be compared to each other.)

Der Weg zu Permanenz ist Prozess: Die Dinge immer wieder herstellen, die Konversation von neuem beginnen, neue Worte erfinden, um das Unveränderte zu beschreiben, Vernichtung und Bau. Die erfundene Welt verlassen und in neue Sterne stürzen, die Dinge unverändert, ihr Gewand immer neu. Ein Nichts das bleibt und ein Alles, das die Leere im Zentrum verbirgt. Wir sind gemeinsam hier, ein Hier folgt uns zum nächsten. Wir sind ein unendlicher Punkt, zugleich null und eins in Raum und Zeit. Die Welt existiert nur in uns.

Gestern hat eine Zukunft begonnen. Musik, die ich 2025 hörte.

Winter

  • Ben Kaczor & Niculin Barandun – The Equilibrum in Transition
  • anbb – Foligno
  • Einstürzende Neubauten – Ich komme davon
  • Strategy – Friends and Machines
  • Lawrence – Ascend
  • Miko & Mubare – Komoma Ya­-Ya-­Ya
  • Richenel – Autumn
  • Clouds – Come with me (On a trip)
  • Cloud Management – 404 Bassline not Found

Frühling

  • Porter Ricks – Spoiled
  • Purelink – We should keep going
  • Le Tigre – Dyke March
  • Nuker – Slam sin Ruido
  • Storm on Earth – Earth
  • John Roberts – Blame
  • Yor – Golden Boy
  • Atomic Moog – Landing Point
  • Sten – Undercover

Sommer

  • Jenny Hval – The Artist is absent
  • Fcukers – Homie don’t Shake
  • V/Z – Caffe Giallo
  • UUUU – Verlagerung, Verlagerung, Verlagerung
  • Efdemin – No Exit
  • Phil Collins & Philip Bailey – Easy Lover
  • Gombeen & Doyen – D’Americana
  • Cloud Management – Dann ein Filter
  • Low-End Activist – Wave 01
  • Die Goldenen Zitronen – Positionen
  • Efdemin – A Thousand Shades of Green
  • Heathered Pearls – Caveat Emptor

Herbst

  • Blixa Bargeld – Where are we now?
  • Gang of Four – At Home he’s a Tourist
  • Low-End Activist – Sent West
  • Miles – Lustre
  • Efdemin – Radical Hope
  • DRC1 – Intel
  • Darkside – One last Nothing
  • Darkside – S.N.C.
  • Low End Activist – Airdrop 05 (Trust Meeee)
  • Kreidler – Diver

Winter

  • Mau Mau – Auf der Jagd
  • Tempo – Sie verlassen den Amerikanischen Sektor
  • D5 – Dark City (Edward Edit)
  • SPFDJ – Mindless Counting
  • Rick Wade – Unafraid
  • Echo Instinct – Imagined Order
  • Efdemin – Aachen
  • Cloud Management – Teracotta Realness
  • Hesaitix – Dubdermal

Mixtapes

Playlists

  • Compressed Time, Long-haul, Demon Killer, Post House, Sin-Wave

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