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Text über Musik, Raum, Gestaltung und Kunst. Fotos.

Vibe (with sth.)

Interestingly, the contemporary focus on mood and vibe implies a certain speechlessness, or lack of articulation. The refusal of putting a context, a thing into words is the refusal to dissect it, which is the refusal to thoroughly understand it. Accepting a mood in this way (that is, to vibe with it) reflects the desire to interact with its context without letting it permeate one’s perceptive being. Vibing with (instead of understanding) situations is easier and requires less cognitive ressources – perception is delegated to layers closer to the biological firmware. Despite its emotional entanglement, it seems to allow more wide-ranging acceptance of varying contexts and – presumeably – easier engaging and diengaging with both aesthetic and social situations. It is, probably, adequate adaptive cognitive behaviour.

Total Shedism

Es ist natürlich so eine Sommersache, alle WAX-Releases in Reihenfolge zu hören, und dann noch mal shuffle, an einem Tag, an dem der Wind durch die Wohnung geht und alle Räume offen sind. Das bemerkenswerte an Shed-Musik ist, wie singulär, unmittelbar lesbar, komplex und vielfältig sie ist. Sie ist der bemerkenswerte Fall des ein-Personen-Genres. Shed macht Shed-Musik: Floor-Shed, Dub Shed, Mood-Shed, Break-Shed, Shed-Shed.

Fortwährende Arbeit am Material, Forschung und Entwicklung, Freilegen immer neuer Facetten einer Musik, die unbregrenzte Freiheit innerhalb eines festgelegten Regelwerks findet. Wie ein Bildhauer, der ablässt und wiederkehrt. René Pawlowitz leistet serielle Arbeit, die in ihrer Gesamtheit ihren vollen Ausdruck erlangt.

Im Dezember schrieb ich über die kristalline Form von Shed-Musik – in diesen Tagen höre ich das andere Ende ihres Spektrums: WK7-Releases, Distance Dancer, Hoover, WAX6006(A). Gleiches Material, verschiedenes Resultat. Diese Tracks sind hart, klar, smooth und direkt, die Fortsetzung von Basic Channel mit anderen Mitteln, und nicht selten mit Gewalt. Der Sommer ist schön.

Act

Versuch, über Environment zu schreiben, die 2019 erschienene LP von My Disco. Es ist ein Album, das die Prinzipien und den Sound der Gruppe weiter zu komprimieren versucht – und sie dabei splittern lässt, wie es extrem harte Dinge naturgemäß tun.

Ruhe, nicht zu verwechseln mit der Abwesenheit von Masse und Momentum: Die stete Flugbahn eines schweren Objekts am Himmel, der lautlose Beginn einer Lawine. Energie, die mit keinem Sinn wahrzunehmen und dennoch spürbar ist.

Reduktion, Entfernen um das Verbleibende zu betonen: Die entscheidende Bedeutung der Abwesenheit von Architektur in Tadao Ando’s Sayamaike Museum in der Nähe von Osaka. Die unerträgliche Dichte der Leere in dieser Musik1.

Handlung, sich zu entschließen, in den Lauf der Welt einzugreifen: Environment befasst sich mit der Konzentration vor der Handlung. Keineswegs mit dem Zögern oder Überlegen, sondern mit dem Abwarten des richtigen Zeitpunkts. Schließlich: Die gemessene Handlung, den Raum abschreiten, einen Satz abschreiten, in Musik. Do I do enough?

Environment, die umgebende Welt: Ein treffender Titel für eine organische Industrial-Platte. So nah am Körper, zugleich auf sein Verhältnis zum Draußen bezogen (Forever, Equatorial Rainforests of Sumatra).

This is temple music, notierte ich vor zwei Monaten, unter dem Eindruck von Rival Colour, dem entscheidenen Track auf Environment. Es ist eine Musik, die Wahrnehmung und Körperhaltung verändert, wie das Betreten eines monumentalen Bauwerks oder eines alten Gartens. Während sie gehört wird, ist jeder Gedanke durch ihre Atmosphäre gefiltert. Jede Handlung trägt ihr Gewicht, its measured intensity, its rigour and concentration. Its all-leveling truth.

  1. Der dringende Wunsch dieser Gruppe, hier und jetzt nicht zu existieren, aufzugehen in konzentrierter Musik., schrieb ich auf während des My Disco-Gigs beim Atonal 2019.

Olympiapark

Frei Otto’s silent membrane and steel slopes woven into the grassy hills of Olympiapark are reminders of an optimistic time, of the idea that opposites could meet through the measured hand of engineering and design. An industrialized culture remembering its origins, the signifiers of which are never far in Bavaria. Organic spiderwebs made from steel and glass and concrete mimic the valleys and woods that were left behind.

While there is elegance to the engineering, and the optics are pleasing, the structures never achieve their goal of appearing unforced and natural. The park and its architecture appear sculpted without context. In an attempt to create something like nature, a sanitized spirit of nature, the sheer amount of force applied by its creators remains perceptible. Where the Japanese practiced bowing and weaving with the leaves and shrubs and moss for centuries, the germans knew only execution. All plans executed, all goals achieved.

Differenz, Einheit

Die undifferenzierte/nicht-dychotome, unabschabschaltbare Arbeitsfähigkeit (und ihr endlose Arbeitswille) der Algorithmen reflektiert die entscheidende Eigenschaft des Kapitalismus, die ihn über alternative Organisationsformen hat triumphieren lassen: Der Einschluss der Verneinung. Wenn es nicht um eine Leitdifferenz geht/wenn es nicht um Inhalte geht, sondern um Effizienz, ist auch Kritik in erster Linie eine Ressource für wirtschaftlichen Erfolg. Die Ablehnung des Kapitalismus zu einem vermarktbaren Produkt zu machen ist die rekursive Auflösung jeden Widerspruchs durch Einschluss in die Effektivitätslogik. Dass der Kapitalismus, und in seiner Folge der Algorithmus, seine eigene Verneinung einschließt (Abstand nehmen vom Algorithmus heißt, ihm rückschlussfähige Daten zur Verfügung stellen, man kann nicht nicht kommunizieren, man kann nicht nicht gelesen werden), ist der Grund für das Ende der Geschichten und Diskurse, und, in mittelbarer Folge, dem Rückzug ins Immaterielle und dem Beginn des Raubbaus an der letzten existierenden Ressource: Bedeutung.

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