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Text über Musik, Raum, Gestaltung und Kunst. Fotos.

Psychological Bar Reviews (8)

The bar at August Antwerp forms a pleasing rotunda around the former chapel’s altar alcove, placing it at the aesthetic centre of the artfully desaturated former cloister. Golden stained-glass reflections and bulbous lamps in Vincent van Duysen’s dark bespoke fittings illuminate the white marble countertop.

The mood is demure. Everyone is at dinner, leaving the bar to the dedicated few who skip it all in favor of a prompt digestif. The barkeeper is working a solo shift. His heavy-set frame, colourful tattoos and overall unkemptness add a welcome edge to the slightly too sober sage-green staff uniforms. Drinks are processed expertly and not without flair, in a mesmerizing swaying choreography between freezers, cutting boards and the stately, four-story bar shelf.

Bites appear on the counter: Sardines in oil, capers and shrimp croquettes, crispy fried bread, Bellotta ham. Their inherent naughtiness is effectively balanced by August’s soft architectural dignity and the flawless etiquette of its patrons, who nonchalantly handle advanced seafood and amber-hued alcohol in civilized ways.

From the dining-room, an older man in a brown glencheck sport coat and an angular moustache approaches. After some deliberation and sweeping gestures, first a ladder, then a stately bottle of scotch is procured from the topmost echelons of the shelf. Informed about its price per glass, the gentleman carefully puts down the bottle and elects to go for something more quotidien.

A well-appointed middle-aged couple finally empties their margaritas, finding each other’s eyes and their room key with some determination. As they leave, two scooped-out maracuja shells are filled with vodka and ignited, a subtle act of riot and mixologist pyrotechnics that is left uncommented by everyone.

August Bar, Zuid, Antwerp.

Stadt und Jahr

Das Jahr war Porto und Porto war das Jahr, die Stadt und die Arbeit und wenig anderes. Alles, was ich über 2021 zu erzählen habe, hat mit ihrem Licht zu tun, mit dem Meer und dem Granit, den Oberflächen und unvollendeten Dingen. Es ist das physisch wahrgenommene Potenzial des Rückbaus, ein Ende des Wachstums und die Chance auf größeres Gleichgewicht. Eine andere Art zu Atmen, eine andere Art zu bauen und eine andere Kognition. Dieses Jahr war Ausläufer einer Zukunft, die einmal unser Leben werden könnte. Es scheint möglich, jedes mal wenn ich den Flughafen verlasse.

Auch unter diesen Bedingungen bedeutet Arbeit Zugang zur Welt. Große Teile meines Jahres liegen verschüttet unter der Zeit, die notwendig war, Entropie in Entschlossenheit zu verwandeln, Konsenz zu organisieren und den Bau des Neuen zu ermöglichen. Es ist wundervoll und erfüllend, und ich konnte das Ende von hier aus sehen. Aus Notwehr habe ich einen eigenen Bau begonnen. The construction of the house itself is both a dream and a reality, and this reality is difficult to attain, it is not a peaceful process. Indeed it is not, doch Wahrheit ist Arbeit und Realität ist Konstruktion. Die Realität der Konstruktion ist zunächst vor allem weitere Arbeit, und ich gehe fest davon aus, dass sich alles auf elegante Weise aufheben wird.

Im Juni saß ich auf einem geborgten Handtuch in der Sonne am Ufer des Flusses, in Gedanken beim Grundstück einige Meter hinter mir. Weniger als 24 Stunden später ging ich verspult durch die Straßen des vierten Arrondissements, saß in einem dieser Metallstühle in den Tuileries und fand mich allein im Palais de Tokyo wieder. Ich musste selten zuvor Reißaus nehmen in meinem Leben, l’ai-je bien descendu? So war das dieses Jahr.

Im Juli ist Christian Boltanski gestorben. Meine Verbindung war selten aber präsent, seit ich Les Archives du Cœr auf Teshima besuchte. Katalogisierte Herzschläge am Ende des Meeres, am Ende der Welt, und meinen eigenen, das habe ich verstanden und nie vergessen. Archivieren, prozessieren, bearbeiten, Arbeit und Bau als Sein und Dasein. Musik in Porto und der Welt von 2021.

Winter

Frühling

Sommer

Herbst

Winter

Nach zwei Jahren ohne Clubs erscheint es mir fast normal, gute Playlists und Sets auf Videoplattformen zu finden. Menschen wollen Bilder (People don’t like clothes, they like images of clothes), ich will Dunkelheit, drei Wodka mit Mineralwasser und den Schweiß der anderen.

Als junger Mensch habe ich einen Weg gefunden, mich zur Welt zu verhalten; durch Konstruktion.

Soil Therapy

Ich lese keine Magazine mehr, ich höre keine Platten im Plattenladen, ich gehe nicht aus, ich sehe keine Lineups. Ich bin ein uninformierter Musikhörer. Ich habe keinen Überblick, nur guten Geschmack. In diesem Jahr habe ich zu wenig gehört, das es über meine mit Arbeit verklebte Aufmerksamkeitsschwelle geschafft hätte. Ich bin sicher, es gibt mehr und besseres. Es wird mir begegnen, wenn ich aufnahmefähiger bin, weniger Müde und weniger belegt, wenn ich wieder jünger bin, mit anderen Worten.

Interessanterweise sind die wichtigen Platten dieses Jahres allesamt Releases, die lange angekündigt und erwartet waren. Keine erwischte mich zur Unzeit, alle waren adressiert und antizipiert. Sie erfüllten oder übertrafen Erwartungen, weil sie gänzlich neu waren (Darkside) oder weil sie so ideal in die Umstände des Daseins passten (Imhof). Alle Iterationen dieser Liste haben die Eckpunkte meiner ästhetischen und psychologischen Sensibilitäten mehr oder weniger abgedeckt – doch in diesem Jahr scheint mir die Zusammenstellung die Koordinaten meiner Perspektive etwas zu vollkommen zu verbinden: Rohe Gesten der Entschlossenheit, abgeplatzter Grandeur, Terroir, Präzision und Raumbezug.

Was heißt das nun? Ich weiß wer ich bin, ich weiß was ich will, und ich weiß, wo ich es bekomme. Fünf Platten, ein Jahr. Autobahn, Sonne, Haus, a graceful line from A to B.

Weitere wichtige und häufig gehörte Alben in diesem Jahr: Pan Daijing – Jade 玉观音6, Emeka Ogboh – Beyond The Yellow Haze, Topdown Dialectiv – Vol. 3, Head High – Mega Trap, Lawrence – Birds on the Playground, Koreless – Agor, Only Now – Captivity, Nov_Sad – ΚΕΡΑΥΝΟΣ, Love-Songs & U. Schütte – Spannende Musik, EQD – Equalized #111, Fatima Al Qadiri – Medival Femme, Mathias Modica presents Kraut Jazz Futurism Vol. 27

  1. Ich denke an Efdemin’s Chicago, die ich bereits im vergangenen Jahr erwähnte, und große Teile des Neubauten-Frühwerks sowie die ersten beiden Supporter-Platten. ↩︎
  2. Tiefer unter der Oberfläche mag es auch mit dem Einfluss der Nuller Jahre auf Unity zu tun haben: Lumens und Unbound leben von ziemlichen Killers- und Rakes-Riffs. ich hoffe inständig, dass meine jugendliche Freude darüber nichts mit meinen neuen Jeans und einer beginnenden Lebenskrise zu tun haben. ↩︎
  3. Lord of the Fucking Wasteland ist der sehr gute Titel der Gemäldereihe von Eliza Douglas, die sich als Teil von Natures Mortes in der dunkelsten Ecke des tiefsten Untergeschosses des Palais de Tokyo fand. Zerknautschte Metalshirts in Acryl. ↩︎
  4. Die Auseinandersetzung mit Chude-Sokei, seiner Arbeit und seinem autobiografischen Roman Floating in a most peculiar Way lohnt sich sehr. Dieser Artikel ist ein guter Anfang. ↩︎
  5. Es ist selbstverständlich aber erwähnenswert, dass diese Ideen (wie große Teile britischer Popkultur) unter prägendem Einfluss von Menschen aus den ehemaligen karibischen Kolonien entstanden sind. Ich sagte das schon einmal im Bezug auf Jungle. ↩︎
  6. Dieses Album ist fantastisch, und überbordend, überfordernd. Ich habe es nicht zu fassen bekommen, aber es ist bedeutsam und verdient mehr Gedanken und mehr Gefühle. ↩︎
  7. Eine bemerkenswerte Compilation, die mich auf Frage nach den Resten der zerstörten mitteleuropäischen Spiritualität und Funkyness aufmerksam gemacht hat. In dieser Musik sind lose Enden, die es sich zu verfolgen lohnt. ↩︎
electricgecko – Heroismo 333

Carry the world/Walk the line/To your eventual demise
Where there was none before and there will be none after
(Rua Heroismo 333)

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