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Texte über Musik, Raum, Gestaltung und Kunst. Fotos.

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Gerüste bauen

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Wie war das, mit der Musik in diesem neuesten Jahr? Zuweilen scheint Musik nicht existiert zu haben, weil kein Raum blieb für den Modus Musik hören (Releases nachvollziehen, Labels verfolgen, Empfehlungen nachgehen). Umso nachdrücklicher musste ich realisieren, wie bedeutsam die Auseinandersetzung mit dem System Musik weiterhin ist. Im Verlauf des Jahres habe ich es zunehmend besser verstanden, mich an diese ganz funktionale psychologische Rolle zu erinnern.

Meine wichtigsten Releases des Jahres 2017 sind wohl nicht zufällig in besonderer Weise Quellen für Atmosphären und empfundene Räume – also psychologische Infrastruktur, aus der heraus neue Maneuver geplant und vergangene losgelassen werden können. In dieser Hinsicht war das Jahr möglicherweise dort grundlegend, wo Neues auf die etablierten Muster traf. Ein Aufbruch, der nur im Rückblick wahrnehmbar ist. Fünf Platten in 2017.

  • Rhythm & Sound – The Versions (Asphodel)

    Zu Beginn des Jahres brach meine Schwäche für Dub-basierte Musik durch zum untechnoiden, organischen Teil der Basic Channel-Releases. King Tubby und Scratch Perry also, alte bekannte aus verschiedenen Phasen meiner Musiksozialisation01. Mit seinem Rhythm & Sound-Projekt fand Moritz von Oswald zu Beginn des Jahrtausends einen Weg, die rohe Kraft dieser Musik und seine hochflorigen Oberflächen in eine Form zu bringen, die für das Leben in der Stadt Berlin sinnvoll ist.

    The Versions ist ein flexibles Gerüst für ganz verschiedene emotionale Zustände und Energielevel: Troddin‘ Version, wie ich an der Ankerklause in die langen Schatten am Maybachufer einbiege. Wie ich in einer Nacht erst nach Minuten bemerke, wie vollkommen King Version meine Bewusstheit durchdrungen hat und ich meine Arbeit vollkommen hooked mit ganz anderer Perspektive fortsetze. Musik als spartanisches Bühnenbild, offene Räume schaffend, dabei unbedingt im Einzelnen zutreffend.

  • Rin – Eros (Division)

    Es ist unterhaltsam und beruhigend, dass auch die internetbedingte Permeabilität aller Dinge es bislang nicht geschafft hat, das alte Biest Pop zu vernichten. Noch gelingt es der westweltlichen Konsumkultur02, gleichermaßen zutreffende wie verkaufbare Aussagen über den State of Mind ihrer jungen Generationen zu machen. Enter: Rin.

    Während ich seine Wegbereiter der vergangenen Jahre maximal unterhaltsam und angenehm Lo-Fi fand, funktioniert Rin vollständig und ernsthaft, weil er das Versprechen von Cloud-, Vapor- und Tube-Irgendwas einlöst: Es geht um Vibe und um Vibe allein, ein Wort, das keine Entsprechung in vorangegangenen Konzepten hat. Eros ist purer Vibe und kann es sein, weil Rin sein Debütalbum erfolgreich von allen Verpflichtungen gegenüber Trap, Narrativ, Authentizität (Abteilung: inadäquate Konzepte) und kritischeren Künstlern befreit.

    Auch deshalb ist Eros eine der am häufigsten gehörten Platten dieses Jahres: eine gezielt zustandsverbessernde Substanz. Und vielleicht auch, um bei aller Düsternis das Grinsen und die Gewissheit zu ermöglichen: The Kids are alright.

  • Island People – S/T (Raster-Media)

    Ich verbrachte in diesem Jahr einige Tage in den Tropen, auch ein wenig auf der Suche nach der Empfindung einer spezifischen heißen Düsternis. Die ist natürlich imaginiert und, wie häufig in solchen Fällen, eng mit Musik und einer Stimmung verbunden: Drony, hazy, washed out as fuck.

    Damit sind die definierenden Schlagworte für Island People genannt, das gefühlt akustische All-Star-Release Island People bei Raster-Media. Es ist eine Platte unbedingter Konzentration, eine Auseinandersetzung mit der Natur und der eigenen Beziehung zu ihr. Ihr Blick ist frei von Romantik: The Jungle is Neutral, und in dieser Musik ist stets Raum für den Sturz ins Dunkle und das Lauern in der Tiefe. Shadows and I ist von faszinierender Spannung, es ist kaum möglich, diesem Track nicht völlig gebannt zu folgen, wie dem stürzenden Atmosphärendruck vor dem tropischen Unwetter.

    Es gibt Parallelen zu Darkside03, doch wo sich das Projekt von Nicolas Jaar dem Groove hingibt, floaten Island People ins ungewisse Weite, der Sonne oder dem Untergang entgegen, je nach dem. Ein prägendes Album.

  • Vril – Anima Mundi (Giegling)

    In den vergangenen Jahren notierte ich an dieser Stelle kein Vril-Release, obwohl sein spezifisch affirmativer Moodboardtechno permanent zum Rahmen meines Lebens und Arbeitens in 2016 und 2015 gehörte.

    Vril entwickelt seinen rigiden ästhetischen Entwurf langsam und introspektiv weiter, ohne Umbrüche und Einflüsse – es ist kein Ausbreiten, sondern ein tiefer gehen. Das gefällt mir natürlich. 2017 erreichte dieser Prozess eine neue Schicht, eine noch stärkere Zuwendung zu Atmosphären und Soundarchitekturen, einen Schritt weg von den Ansprüchen des Floors:

    Umso mehr tritt in den Vordergrund, was mich seit den Staub-Releases fesselt: Die Poesie der Ebene, Sustain ohne Release. Auf Anima Mundi verhallen die Bars mit statischen hundert BPM im Rauch, ohne ihre deutlich spürbare, aber drastisch kontrollierte Energie einzulösen. Ihre meditative Qualität tritt in den Vordergrund.

    Anima Mundi war eine Quelle von Energie und Raum in diesem Jahr, stilles Momentum wo ich es am meisten brauchte, Wärme und Verständnis auf den langen Wegen. Wie häufig war ich dankbar für dieses verrauschte Tape.

  • Lee Gamble – Mnestic Pressure (Hyperdub)

    Ich habe viel Musik von Lee Gamble gehört, in den letzten Jahren, und ich habe überproportional viel darüber nachgedacht. Doch jetzt eben wird mir bewusst, dass es das szenische Weltentwerfen ist, das seine Arbeit so bedeutsam für mich macht. Lee Gamble baut den Kosmos seiner Releases vollständig aus, füllt ihn mit Vokabular, Satelliten, Architektur, Gadgets und Wurmlöchern. Hier besteht eine Parallele zu meinen liebsten Filmen, Geschichten und Büchern. Mich interessiert Ausstattung mehr als Handlung, Charakteranlage mehr als Charakterentwicklung.

    Mnestic Pressure ist das mit Abstand interessanteste Release des Jahres 2017 – und in seiner fraktalhaft ausufernden Kohärenz auch das schönste. Lee Gamble verwendet Material aus seinen weit reichenden Beobachtungsradien, um Musik zu erfinden, die mehr Sinn ergibt als die Quellen auf denen sie basiert.Da ist eine schlüssige Welt auf der anderen Seite des Covers, und es ist heilsam und inspirierend, sich dort mit halbem Bewusstsein aufzuhalten: Mnestic Pleasure, Soundtrack besserer Horizonte.

    Müsste ich erklären, wie ich mich 2017 in den komplexeren meiner emotionalen Konfigurationen gefühlt habe: You Hedonic, Ghost und A tergo Real wären wahrheitsgemäße Antworten. Was Lee Gamble hier entwirft, erscheint mir zutreffender und adäquater als das, was wir diesseitig als Realität zu akzeptieren haben. Es ist, wie ich im November schrieb: Das sind alles wahnsinnige Hits, nur halt nicht in der Welt, unter dem Atmosphärendruck des allzu Physischen.

Shortlist: Kangding Ray – Hyper Opal Mantis, Artefakt – The Mental Universe, Kyoka – Sh, Turinn ‎– 18 And A Half Minute Gaps?, Shed – The Final Experiment, Carsten Jost – Perishable Tactics, CO/R – Gudrun, Jesse Osborne-Lanthier – Unalloyed, Unlicensed, All Night!, Peter van Hoeen – Coast to Coast, Jacques Greene – Lucky Me, Gaika – Spaghetto

  1. Ich erinnere mich genau an den Equalizer an der Stereoanlage meines Vaters, an eine Folge von Flüssigkristallformen, die zu den bevorzugt abgespielten Reggaeplatten in geringer Varianz voranoszillierte. Ich war stets fasziniert vom repetitiven Momentum, und es scheint eine Vorliebe für Rhythmus, Echo und massiger Trägheit geblieben zu sein.↩︎
  2. Die unter den Bedingungen dieser Zeit angenehmerweise zusehends an Westlichkeit verliert, trotz aller Tendenzen hat diese Zeit ihr Gutes. Es geht voran.↩︎
  3. Beides Single-Release All-Star-Bands, beide einer meditativen post-elektronischen Langsamkeit verschrieben, beide singulär in Genre und Referenzraum.↩︎
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