electricgecko

Juni

Es ist ja nicht so, dass man die Antwort bereits ausformuliert hätte, als Textdokument auf der Dropbox oder Draft in WordPress. Sie hängt schließlich sehr am Moment, an der überblickbaren Raumzeit also, die Antwort auf die Frage Wie soll dein Leben sein?

Ich habe keine Antwort, so ganz und für alles; und ich bemitleide Menschen, die sie haben. Dennoch gibt es Settings, die sich plausibel und richtig anfühlen, wenn man sie erklärt oder über sie nachdenkt. Für mich gehört dazu seit etwa zehn Jahren die Vorstellung, eine Tür in urbaner Umgebung aufzuschließen, mein Fahrrad in einen klaren, kargen Raum an die Wand zu lehnen, ein Notebook aufzuklappen – und zu tun, was ich tue: Websites gestalten. Ein eigenes Designstudio, das ist eine Checkbox auf der To-Do-Liste. Ich setze einen Haken.

Im Juli werde ich – gemeinsam mit Andreas ein kleines Studio für digitale Gestaltung eröffnen. Meinen Job in der Agentur habe ich gekündigt.

Wir haben das vergangene halbe Jahr darauf verwendet, uns zu überlegen, was wir wollen, was wir nicht wollen und was wir am besten können. Wir haben uns dafür entschieden, Design als Handwerk zu betrachten. Wir haben uns für Hamburg entschieden, gegen größere Strukturen. Es sind Entscheidungen für und gegen einige Dinge mehr gefallen. Ich bin dankbar für die großartige Hilfe, die wir dabei hatten. Ich bin dankbar für eure Ratschläge, eure Bedenken und all das Vertrauen.

Im Juli werde ich mein Fahrrad an Betonwände lehnen. Ich werde mein Handwerk betreiben, on my own terms, ich werde tun, was mir am meisten bedeutet. Ich werde weiterhin in Hamburg leben. Und wenn das alles gut geht, werde ich mir neue Wünsche für die Zukunft überlegen müssen.

Be your own referenceClaude Draude.

Mai

Es gibt Momente, die setzen einen Ort auf die persönliche Landkarte. Oft sind es Augenblicke, in denen auf einmal Dinge zusammenkommen, in denen klar ist: das ist jetzt der Sound, das ist jetzt die Stadt, das sind die Menschen und hier ist mein Getränk. Es gab diesen Moment für mich, als ich gerade nach Hamburg gekommen war, am Ende eines langen Abends. Es war der Moment, in dem ich zum ersten Mal DJ Phonos Welcome to your Life gehört habe und dachte: Ah. Hamburg. Eine Begrüßung.

Seit dem folgenden Tag habe ich das Haus nicht mehr verlassen, ohne diesen Track bei mir zu haben, seine tiefen Flächen und das Läuten der Glocken des Michel am Ende. Im Grunde ist es Soulmusik – die Erkenntnis, alt geworden zu sein. Und das Bewusstsein, dass das nichts ändert.

Nicht nur wegen dieses Tracks (sondern auch wegen nicht eben wenigen Partys und Momente in der Sonne) ist es eine große Freude, dass Henning Besser im Juni sein erstes Album veröffentlichen wird. Und auch diese Platte ist eine Begrüßung, High-Five und Umarmung: Welcome to whereever you’re not. Ich habe bisher nur wenig gehört, doch was ich gehört habe, reicht aus um zu vermuten: Hier kommt eines der Alben des Jahres 2011. Eines, das spezifisch für Hamburg sein wird, weil es einem schwer macht, zwischen Traurigkeit und Schalk zu unterscheiden. Weil wir das hier so machen, in dieser Stadt. Diese Platte könnte den Sommer bedeuten.

  • DJ Phono – Welcome to whereever you’re not, LP/MP3, Diynamic. Release: 13 Juni 2011.
New York: Safety net

A fragile foundation for helpless dream/scapes.

April

Ich sage es oft, und manchmal sage ich es mit Nachdruck – das Allerbeste an unseren fragmentierten Lebensumständen sind die weak ties, die uns immer wieder in Projekten und Vorläufigkeiten zusammenbringen. Das Allerbeste sind das rohe Talent und die Motivation und die Energie – und die Dinge, die wir uns gegenseitig daraus bauen. Eine Gruppe guter Menschen in Hamburg hat Gottlob Lenz erfunden. Und sein Zuhause, das Chez Lenz.

Denn Gottlob Lenz kehrt in seine Heimatstadt zurück, um den Frühling zu feiern – mit Freunden des Hauses. Und das sind in diesem Fall alle. Im Sinne von Ihr alle. Denn das Chez Lenz ist ein Restaurant. Es befindet sich an einem Ort, den es vorher nicht gab, der von den großartigen Personen hinter Here We Go geschaffen wurde. Das Ergebnis ist wunderschön – etwas zwischen Restaurant mit Stern, Galerie, Fertigungshalle, Kontor und Club. Es gibt Kunst aus Gottlobs Leben, gutes Essen, Sonnenuntergänge an der Elbe, Konzerte, Lesungen, DJ-Sets.

Long Story short: das Chez Lenz eröffnet am 28. April mit einer leider bereits ausgebuchten Vernissage, dem ersten Menü sowie interessanter Tischmusik von Martin Leander (Snake’n’Tiger) und mir. Anschließend ist das Restaurant von Donnerstags bis Sonntags geöffnet – RSVP.

Hamburger: das ist für euch, und es ist wundervoll, ich weiß es.

New York ist auf viele Weisen ein mythischer Ort. Architektur, populäre Kultur, Hip-Hop, Urbanität, Basketball, Moderne – keines dieser Dinge nahm hier seinen Ausgang. Jedes dieser Dinge ist hier kulminiert. New York ist gewissermaßen der Prototyp der modernen Großstadt. Ein Sprawl, in dem alles vorhanden ist, das Menschen wie uns kümmert. In dem alles in Beziehung zueinander gerät – New York State of Mind. Ich habe im März einige Tage in der Stadt verbracht. Es waren zu wenige, um mir ein Urteil erlauben zu können. Doch genug, um zu wissen: New York ist wunderschön, vieles hier betrifft mich. Doch es ist nicht der Ort, an den mein Leben gehört. Aber mehr Besuche wird es geben müssen. Sechs besondere Orte in New York City, New York.

  • The Highline (Karte)
    Eine Sache, die mir vor meinem Besuch nicht bewusst war, ist die Anzahl, Vielfalt und Qualität öffentlicher Orte in dieser Stadt. Laufstrecken, Basketballcourts, Parks, Wiesen, Wasserflächen, Strände – New York stellt Räume zur Verfügung, in denen das Leben auf (ganz und gar uneuropäische Art und Weise) stattfindet. Der schönste dieser Räume ist Highline Park von Tribeca bis Soho, die zur Grünfläche umgewandelte alte Hochbahn. In drei Metern Höhe ist es die Kombination aus Perspektive, Architektur und Raum zum Atmen, die es in dieser Art nirgendwo sonst geben kann.
  • RBC NYC (Karte)
    Die Kaffeesache ist inzwischen fester Teil urbaner Kultur; jede moderne Stadt hat – inzwischen – ernstzunehmende Baristi und lokale Röster, seit wir alle nur noch hochwertiges Koffein akzeptieren. In New York sind RBC NYC eine der besten Anlaufstellen. Ihr Argument: Die Hardware und das Vorhandensein von wenig, das nicht unmittelbar der Zubereitung und Einnahme hochwertigsten Kaffees dient. Ich empfehle den Flat und White und einen Platz Blick auf eines der schönsten Gebäude der Stadt gegenüber.
  • OAK (Karte)
    Ja, es stimmt – es ist einfach, in New York große Mengen Geld in sehr kurzer Zeit auszugeben. Auch und vor allem für Kleidung. Die Ladenschilder in der Gegend um Crosby, Bond und Bowery lesen sich die Most Popular-Sektion von SVPPLYSaturdays Surf, Odin, Opening Ceremony. Erwartungsgemäß war es letztlich OAK, der mich und meine Kreditkarte am meisten beeindruckt hat. Eine herausragend kuratierte Kollektion, arrangiert in einem Ladenlokal, das der harschen Corporate Identity gerecht wird: Der Kassentresen ist zwei Meter hoch. Pflicht: eine Ausgabe des Oakazines.
  • Hudson River Park/Battery (Karte)
    Wie gesagt: New York ist wunderschön, überall und immer wieder zwischendurch. Doch an diesem Ort ist die Erkenntnis ganz klar und schwer zu widerlegen. Die Klarheit, mit der die Promenade am West Hudson den Sprawl dieser Stadt durchbricht, die Wucht des auf einmal unverstellten Blicks – sie sind zu groß. Ähnlich wie The Highline hinterlassen die öffentlichen Plätze in Battery ein Gefühl der Ruhe und der Involviertheit gleichzeitig: Alles andere ist auch da, aber es kümmert uns gerade nicht.
  • Chan Pa (Karte)
    Es ist wohl weniger Zufall als Kontingenz in einer Stadt wie dieser in einen fantastischen asiatischen Imbiss zu geraten, noch dazu in einer der Seitenstraßen Chelseas. Dennoch: Bei Chan Pa’s Noodles & Grill gibt es unglaublich guten Glasnudelsalat für sehr wenig Geld (wie an mehreren tausend anderen Orten auch) und einen spektakulär orangen thailändischen Eistee, dessen Geschmack mit nichts auf der Welt vergleichbar ist. Ich wäre bereit, größere Mengen Geld für einen Jahresvorrat dieses Getränks auszugeben. It’s that good.
  • New Museum, siebter Stock (Karte)
    Das New Museum zu nennen ist nicht sonderlich originell – es ist nicht nur einer der relevanten Orte für aktuelle Kunst in Nordamerika, sondern selbstverständlich auch ein Meisterstück des Teams von sanaa. Ich nenne es dennoch, um auf den Blick aus dem siebten Stock hinzuweisen. Freier Eintritt jeden Donnerstag Abend. Dass die Gegend um Bowery einen ausgedehnten Spaziergang mit offenen Augen wert ist, versteht sich von selbst.

Fotos dieser und anderer Orte in New York gibt es in meinem NYC-Set bei Flickr.

Ich finde es unterhaltsam, Endgültigkeit zu beanspruchen, weil es sich dabei selbstverständlich nur um eine Farce, ein unernstes Maneuver handeln kann. Endgültigkeit bemisst in der Postmoderne genau die Endgültigkeit des aktuellen Moments, des aktuellen Prozesses. All we have is now und dann sollte es wenigstens für immer bleiben. Diesen Zusammenhang kann man auch eleganter ausdrücken.
Le Provisoire, c'est le Definitif – Cover

Dies ist im vergangenen Jahr auf räumliche Weise in Schloss Ringenberg geschehen; in der Ausstellung Le Provisoire, c’est Le Definitif. Hier hat Christoph Platz Arbeiten und Provisorien sehr verschiedener Künstler in Relation gesetzt und zu einer Ausstellung verarbeitet, die für einen Moment lang konsistent war.

Ich hatte – nach meiner Arbeit für Shifting/Positions – wieder die Freude, zur Ausstellungsdokumentation beizutragen. Für Le Provisoire, c’est Le Definitif habe ich einen Katalog gestaltet, der verschiedene Zugänge, Haptiken und Leserichtungen erlaubt. Statt, wie üblich, das definitive Wort zur Auseinandersetzung mit der Kunst zu beanspruchen. Er ist endgültig vorläufig. Das ist alles, worauf wir hoffen dürfen.

Fotos vom Katalog gibt es bei Flickr.

März

NYC

Let’s push things forward.

Hamburg! Ihr wisst, der Ort, an dem man wenig Aufhebens um die guten Dinge macht. Und die Zeit statt dessen darauf verwendet, sie noch etwas zu polieren, ihnen Eigenarten zu geben. Und weil ehrliche Hingabe glücklicherweise von kulturpolitischen Brandrodungen nicht betroffen ist, finden wir auf unseren Wegen, zwischen Altona, Bahrenfeld und Winterhude allerlei Schönes, Hingebungsvolles. Gründe zum Lächeln und Anlässe zum Tanzen.

Verantwortlich sind dafür immer wieder auch die wunderbaren Menschen bei I saw Music, die nicht nur relevante Popmusik veröffentlichen, sondern auch regelmäßige Soirées veranstalten, die in ihrer Konsequenz und Ausgestaltung zum Schönsten gehören, was die Nächte dieser Stadt zu bieten haben.

Am Freitag findet in dieser Tradition Auf den Trümmern statt, eine Tanzveranstaltung im Turmzimmer des Uebel & Gefährlich. Wäre das Lineup nicht so gut – man müsste die Nacht zum Sonnabend dennoch dort verbringen. Denn die Plakate und Mixtapes (von Lorin Sylvester Strom und Max Motor) zur Veranstaltung sind so liebevoll gestaltet, gedruckt, aufgenommen und in den Vierteln dieser Stadt verteilt worden; die Neugier hätte ausgereicht.

Mit etwas Glück finden sich in guten Cafés und Bars noch einige Exemplare der blauen Kasetten mit intelligenter elektronischer Musik. Alternativ weiß ich eine Abkürzung: Auf den Trümmern-Tape, zum Download. Viel besser als das ist nur eine Party in Hamburg. Und zwar diese.

  • Auf den Trümmern – Tanzveranstaltung
    Sets von Sebastian Kokus und Lorin Sylvester Strohm, Max Motor und on:stop:off (live). 4. März 2011, Turmzimmer Uebel&Gefährlich, Doors: null Uhr.

Februar

Der Barbican-Komplex ist einer der erfreulicheren Orte, an denen man sich in London aufhalten kann – eine gleichermaßen schöne wie dysfunktionale Utopie urbaner Planung, eine Arkologie in einer organischen Stadt. Besonders schön ist es, dass auch das Barbican Art Centre als planvoll konstruierter Sozialraum die kompromisslose Formsprache fortsetzt. Besonders beachtenswert: Innenarchitektur und Leitsystem von AHMM.

Ich hatte im Januar das Glück, in diesem Kontext die Ausstellung Future Beauty: 30 Years of Japanese Fashion zu sehen. The first exhibition in Europe to comprehensively survey avant-garde Japanese fashion, from the early 1980s to the present, soweit die Ansage. Dann die Ausführung: der dreistöckige white cube des Barbican Art Centre zeigt – auf porzellanweißen Puppen – Looks von Rei Kawabuko, Yohji Yamamoto, Junya Watanabe und einigen weiteren Designerinnen und Designern, wobei die drei großen Namen den überwiegenden Teil der Arbeiten ausmachen. Der Fokus liegt eindeutig auf den achtziger Jahren; der Zeit, zu der die monochromen, formal minimalen Kollektionen zum ersten Mal auf den Shows in Paris zu sehen sind. Wie eindrucksvoll ihre Präsenz gewesen sein muss, lässt sich auch 2011 sehr leicht nachvollziehen: Die gezeigte Stücke der Comme des Garçons-Kollektion (1982, Frühling/Sommer) sind von derartiger Klarheit und Konsequenz, dass es einen Augenblick dauert, bis man die emotionale Qualität der Kleidungsstücke erkennt. Weil sie nicht Teil der Mode ist – sondern ihre Funktion.

Rei Kawabuko für Comme des Garçons, 1982

Im Zentrum des Interesses steht nicht die Gestaltung eines Produktes, sondern vielmehr die bewusste Entwicklung eines Prozesses: welche Rolle nimmt das Kleidungsstück ein? Wie verhält es sich im Raum und wie zu anderen Elementen der Mode? Wie zu den unbekleideten Teilen des Körpers? Die ausgestellten Designer betonen kulturgemäß nicht die Objekte selber, sondern die Räume zwischen ihnen – the space between two structural parts.

Es ist dieses Konzept von Ma, das die Ausstellung im Barbican eindringlich vermittelt. Ihre Stärke liegt in der Spannung zwischen den einzelnen Arbeiten, ihrer Einordnung und Auszeichnung, getrennt durch halbtransparente Papierbahnen. Dem fragilen Konstrukt, dem Gespinst der Ausstellung kommt dabei der brutalistische Charakter des Gebäudes entgegen. Er hält die Spannung.

Ich habe das Barbican sehr ruhig, voller Gedanken und mit einem vollgeschriebenen Notizbuch verlassen, fasziniert von der Perspektive und der Prozesshaftigkeit der ausgestellten Mode. Ihre Prämissen erscheinen mir intuitiv richtig; sie ist nicht sinnvoll – sie macht Sinn.

  • Future Beauty: 30 Years of Japanese Fashion, 15. Oktober 2010 – 6. Februar 2011, Barbican Art Gallery. Fotodokumentation der Ausstellung.

Ich sage es jedes Mal und entkräfte meine Aussage anschließend selbst. Die Ansage: Ich mag Konferenzen nicht sonderlich. Das Entscheidende (miteinander reden) wäre auch in anderen Rahmen möglich – und einen Punkt machen, eine Meinung vertreten, einen Votrag halten, das funktioniert auch im Web. Die Entkräftung: Ich werde in diesem Jahr zum SXSW fahren. Genauer gesagt in das Land, in dem es üblich ist, Städten ihren Bundesstaat nachzustellen. Noch genauer gesagt nach Austin, Texas.

Ich freue mich aufs Verlieren im Gewühl, auf wirklich kluge Menschen und Podien, die den Namen verdienen. Auf die Sonne und meine Mitreisenden Kriesse, Daniel, Max und Igor. Und ich freue mich über Anwesenheitsmeldungen, gemeinsame Flat Whites und Drinks in Texas. Meldet euch!1

Schließlich: Ich freue mich auf einige Tage in New York, auf Highline Park und ein Hotelzimmer im vierzigsten Stockwerk. Hoch, so Hoch.


  1. Zum Beispiel via Lanyrd oder Plancast↩︎

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