electricgecko

April

Cory Doctorow auf der re:publica zuzuhören war eine Freude. Weil er klug und pointiert die Anliegen einer offenen Netzkultur identifiziert hat. Weil man sich wünschen möchte, jedes Unternehmen und jede sonstige Institution würde juristisch dazu gezwungen, Menschen wie ihm regelmäßig zuzuhören. Die gültige Formulierung seines Anliegens für die europäische, oder zumindest die deutschsprachige Webkultur hat allerdings Peter Glaser bereits am Vortag formuliert. Cory Doctorows großartiger Punchline Everything changes, all the time, forever hat er eine wundervolle prosaische Form gegeben1:

„Manche haben das Gefühl, nicht mithalten zu können mit den Beschleunigungen der digitalen Welt. Aber wir befinden uns in einem Übergang und die Beschleunigung gehört zu den Symptomen dieses Übergangs. Was wir erleben, ähnelt einem flimmernden Bildschirm, der so lange nervt, bis die Bildfrequenz über 72 Hertz steigt. Dann wird das Bild ruhig und klar. Beschleunigt man weiter, wird das Bild nur noch ruhiger und klarer.“

Wir alle sollten Peter Glaser lesen. Nicht, weil es neue Sachverhalte zu begreifen gäbe. Sondern weil wir bessere Formulierungen wie diese brauchen. Zum Erinnern. Und um sie unter Nasen zu halten.


  1. Den vollständigen Text seiner Rede auf der re:publica 09 gibt in seinem Blog bei der Stuttgarter Zeitung. ↩︎

Einige der am einfachsten im Web aufzutreibende Dinge sind Schreibtischhintergründe. Zwischen Deviantart und Interfacelift quietscht und schreit so viel Kitsch, Aqua-Style und Hochglanzphotoshop, dass man am lieber weiter auf sein neutrales dunkelgrau schauen mag. Um so erfreulicher, wenn im visuellen Datenstrom ansprechende, interessante und – vor allem – sinnvoll verwendbare Hintergründe auftauchen. Einige der schönsten Arbeitsumgebungen überhaupt bieten die Gestalter des fantastischen Studios Your Majesty an.Your Majesty desktop pictures

Ihre abstrakten Formen und mäandernden Renderings sind von fast architektonischer Qualität – hochwertige Texturen, komplexe Formen; sie wirken wie Visualisierungen unbekannter Datensätze. Gleichzeitig sind sie ruhig und minimal genug, um hinter all den Photoshop-Paletten und Social-Networking-Clients nicht abzulenken.

Eine Übersicht über alle Schreibtischhintergründe von Your Majesty sowie Downloads für verschiedene Bildschirmmaße gibt es hier. Außerdem prima und brauchbar:

We’re the waiting ones

Die re:publica 09, das ist zunächst einmal ein Ort, an dem sich Menschen treffen, die ein Set von Publikationstechnologien nutzen. Der gemeinsame Grund, das ist die erfolgreiche Annahne und Unterstellung, dass alle anderen zumindest bis zu einem bestimmten Punkt verstehen, wie diese Technologie funktioniert und wie sie Persönlichkeitskommunikation verändert. Das kann man auf den Gängen beobachten, bei Twitter (#rp09) oder daran erkennen, wie selbstverständlich alle über Memes und Applikationen sprechen.

Auf den Panels, an Wasserglastischen, unter den Scheinwerfen sitzen dennoch Menschen, die ihre Beiträge mit der Erläuterung der Techniken beginnen. Die Orte zu erklären, die Art ihrer Nutzung zu erläutern und sich in endlosen Fallbeispielen aus ihrem reizarmen Leben ergehen.

(Das mündet beispielsweise in marmeladigen Dialogen darüber, wie man Follower pflegt und ihnen etwas bieten kann. Die Handlungsmechanismen und die Grammatik ihrer Formulierung sind gleichermaßen einfach: „Wenn mir jemand nicht zurückfolgt dann habe ich ja nichts davon.“)

Sie sprechen über diese Themen, während um sie herum mehr als tausend Menschen die beschriebene Technik nutzen, publizieren, Mashups bauen, sich über ihr Nichtfunktionieren aufregen. Statt das zu berücksichtigen, gravitieren die Diskussionen des ersten Tages einmal mehr auf das große Schwarze Themenloch Blogs und die etablierten Medien zu, dessen Diskussionswert sich seit Jahren allein daraus ergibt, dass seine Fragen konsequent auf unterhaltsame Weise falsch gestellt werden. Same old, same old.

Kurz: Man wundert sich über mangelnde Abstraktion und Prgressivität – wo, wenn nicht hier, auf dem Turf der „digitalen Avantgarde“ (tagesschau.de). Das ist keine Innenperspektive. „Die bisher auf der Konferenz geführten Debatten lassen keinen anderen Schluss zu. Sie hätten so auch vor einem Jahr stattfinden können. Oder vor zweien. Haben sie auch“. Das steht in der Zeit. Diese Dinge sind offensichtlich.

Während der Keynote von Jimbo Wales twittert Thomas Knüwer: „Jimbo Wales is explaining Wikipedia – did someone tell him who he’s talking to? #fail #rp09„. Fail re:publica 09. Man muss das auch anders sehen können.

Wir berichten und wiederholen die Eigenschaften und Reichweiten unserer Applikationen, Technologien und Websites immer und immer wieder. Und wir tun das für uns. Wir werden nicht müde, uns selbstflexiv die Funktionsweisen und sozialen Implikationen unserer eigenen Produkte zu erklären. Wir tun das, weil wir es immer noch nicht fassen können. Dass dieses mal wir etwas in den Händen halten, das Kommunikation, Wirtschaft und Wirklichkeit radikaler verändert als jedes andere technische Phänomen der Moderne. Die digitale Avantgarde des Netzes ist noch damit beschäftigt, sich mit großen Augen anzusehen. Das muss man ihr zugestehen.

Wir vergewissern uns immer noch, beständig und gegenseitig. „Man is this real?“ Einfach, weil wir begeistert sind.

Das ist deshalb noch kein re:publica 09 ftw und yay und w00t! Aber wenn die Webszene extrovertierte, ehrliche Begeisterung über eine relevante Sache generiert und reproduziert – dann ist das schon einmal mehr, als die meisten anderen Dinge und Themen unter postmodernen Bedingungen zu erreichen hoffen dürfen.

März

Sachinformation: Ab Mittwoch werde ich etwas sehr vorhersehbares tun; ich nehme an der re:publica 09 Teil. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit eines zufälligen Zusammentreffens in der Nähe der Veranstaltungsorte Friedrichstadtpalast und Kalscheune rapide an.

Ich bin mir noch nicht ganz sicher, welche Panels ich besuchen möchte – aber ich werde mich sehr wahrscheinlich beim 4chan-Talk, der Hype Machine, beim Mashupthema und selbstverständlich bei Cory Doctorow herumtreiben. Alles andere wird Zufall, Treibenlassen und Durcheinander. Ich freue mich aufs Händeschütteln, Zuhören und Rumlaufen. Schubst mich um, falls ich zwischen morgen Abend und Freitag zufällig wie taub und blind an euch vorbeilaufe!

Berlinerinnen/Berliner! Nach dem großen Mundwässrigmachen folgt das große Gutfinden und Genießen. Es geht um das neue Opak Magazin, das in den letzten Monaten seinem Namen alle Ehre gemacht hat. Und weil gute Zeitschriften wie alles andere auf der Welt eine Release-Party verdient haben, ist es nur angemessen, dass eben diese am Donnerstag in der Bar in der Karl-Marx-Allee 36 stattfindet. Ich werde leider nicht dort sein können – aber ihr, Berlinerinnen/Berliner, ihr solltet. Denn am Opak Magazin sind so viele entschlossene, fähige und schöne Menschen beteiligt, dass beides gut werden muss: Release-Party und Heft. Und: wenn das Editorial Design auch nur ansatzweise mit der Plakatgestaltung zu tun hat, folge ich Lisas Rat.

Feiert! Ich denke an euch.

Opak Release Party

Miyagi - How to do it EP
Es läuft, wie es immer läuft. Miyagi sind eine Gruppe, sie veröffentlichen Platten. Kriesse und ich sind Gestalter, wir denken uns auf Zuruf Zeug dazu aus. Für die neue How to do it EP ist uns was mit Weltall und Public-Domain-Fotos des Hubble-Telekops eingefallen. Die Zusammenhänge erschließen sich nicht auf den ersten Blick, aber es muss ja auch noch Gründe geben, diesen Tonträger samt digitaler Verpackung bei iTunes zu erwerben. Weitere Gründe: Neben dem Titelsong gibt es diverse hitfähige Remixe (unter anderem von Frittenbude) und eine vertrackte Liveversion von Sideways. Ich empfehle wärmstens.

Ich werde das Wochenende und einige Tage drumherum in Berlin verbringen. Daniel, ich und unser ortloses, ausschließlich aus bekritzelten Zetteln und Milchkaffee bestehendes Webstudio werden die Orte dieser Stadt auf ihre Arbeitsplatzfähigkeit hin testen. Wir werden uns Gedanken machen, Limonade trinken und uns überlegen, was wir zum Web beitragen können. Berlin soll uns über die Schultern sehen, Steckdosen und kabellose Netzwerke zur Verfügung stellen und ansonsten vor allem das tun, was es am besten kann: inspirieren.

Am schönsten ist es, etwas Neues anzufangen. Vorläufig zu handeln und mittendrin alles wieder umzuwerfen1. Mit dem Web und im Web zu arbeiten ist ein großer Luxus. Weil Fehler nichts kosten, weil niemand verletzt wird, weil du nach einer Woche oder zwei Jahren alles wieder verändern kannst. Weil du das spätestens dann tun musst. Wir werden umwerfen und wir werden uns etwas Neues ausdenken.

Wer Lust hat, uns irgendwo auf einen Kaffee besuchen zu kommen, mitzugestalten, mitzucoden ist herzlich eingeladen. Wir freuen uns über Pings und Heyheyyeahs durch die angegebenen Kanäle. Die Überschrift erscheint mir im Nachhinein etwas pathetisch. Nun ja.


  1. Alles endgültig vorläufig, alles nur vorläufig endgültig. SJS. ↩︎

Was DJ Koze anfasst, wird zu Gold. Oder besser gesagt: Was DJ Koze anfasst, das wird zuerst ganz kantig und anschließend von einer besonders fürsorglichen Person mit violettem Samt überzogen. Musik beschreiben, das ist albern. Darum das Wichtigste in Nuce: Riesenmixtape von Stefan Kozalla im Podcast von Resident Advisor. Elektrokram, Field Recordings Skateboardrollen, Treppentreten, spanische Gitarre, Vertracktes, Albernheiten, alles vorhanden in einer Stunde bester Unterhaltung. Groß.

Nach einer (kostenlosen) Registrierung gibt es hier den Download und dort den Podcast-Feed (iTunes-Link). Via Jens Nikolaus.

Dass der seit Langem zum Bureau angewachsene Gestalter Mario Lombardo konsequent herausragende, manchmal atemberaubende Arbeit abliefert, ist nicht neu. Seine jahrelange Art Direktion für Spex, zwei herrliche Plattencover und diverse Tourplakate für die Gruppe Fotos, weitere Cover und Artworks für das inzwischen verloren gegangene Label Labels und zuletzt die Liebling – diese Dinge sind Dokumente eines visuellen Status Quo, das Mario Lombardo erst aus Köln, dann aus Berlin maßgeblich mitbestimmt hat.

Man durfte erwarten – oder zumindest hoffen – dass das Bureau wie viele andere Editorial-Designer am Web dauerhaft scheitert. Dem ist nicht so. Die neue Präsenz des, Achtung, Bielefelder Kunstvereins ist eine der wenigen Websites, die sich extrem hochwertig anfühlen und gleichzeitig dem ärgerlichen Plastikzuckergussmainstream zeitgenössischen Webdesigns widersetzen. Dass die Plakate ebenfalls ganz wunderbar sind, ist naheliegend.

Die Gestaltung tut alles, was eine Website dieser Art tun sollte. Sie erzeugt große visuelle Spannung. Sie ist so simpel wie möglich. Sie findet die einfachste und schönste Lösung für ihre Layoutfragen, wie der Umgang mit Fotografien in den Bereichen Ausstellungen und Institution beweist.

Das Video-Interview mit Mario Lombardo im Folge Mag ist zwar schon etwas älter, aber immer wieder mit Gewinn anzusehen. Der sehr gute Titel dieses Eintrags ist von der alten Website des Bureau gestohlen.

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