Und die Wärme purer Wille
Und die Wärme purer Wille
Eine Stadt aus Stahl und Schrottmetall stapft voran, zerklüftet und mechanisch. In ihren Rumpf schälen sich silberne Bahnen durch Neonlicht und Nebel, wie Shuttles oder mechanische Sandwürmer. Ihre Kontrollkonsolen sind kaputt, Kabelstränge und Platinensplitter überall. Dein Blick fällt durch gelbes Glas auf Stadtviertel, die schon vor Jahrhunderten verlassen wurden. Ein Fluss aus rostigem Wasser, das Ufer nichts als Sand und übrige Monumente. Raus aus der Bahn und über Feuerleitern eine Ebene hinab, die Luft ächzt unter elektrischer Ladung. Schweiß auf deiner Haut, Explosionen in der Ferne. Jedes Geräusch eine Gefahr, die Prachtstraße ist ein Minenfeld.
Der Weg durch Berlin, er sieht so anders aus zu Cyclotron1.
Ich habe ein Poster als Geburtstagsgeschenk für Kriesse gestaltet und direkt einige mehr drucken lassen. Freunde in Hamburg und Berlin: watch your mailboxes. Waldfoto von Sarah.
Solange der alte Allgemeinplatz vom Content als King und Kriterium noch wiederholt und geglaubt wird, solange werde ich nicht müde, dagegen zu halten. Zu behaupten, dass Form und Präsentation mindestens Queen und gleichberechtigt sind. Inhalte sind verfügbar und austauschbar, für wenig oder kein Geld zu haben. Es gibt mehr Mängelexemplartaschenbücher als reguläre Ausgaben. Doppeldigipack-Editionen relevanter Platten kosten einstellige Eurobeträge und damit weniger als ein Plastikessen in der Mönckebergstraße.1
Den Unterschied macht die Form, Inszenierung, Performance. Nichts kann mehr gut sein, das nicht gut aussieht (Credit: ZIA). Gestaltung ist nicht, was drumherum ist. Gestaltung ist, was den Inhalt zu etwas Relevantem macht. Zwei Beispiele, über die ich mich heute sehr gefreut habe.
Erstens, eine neue Reihe von Science-Fiction-Klassikern. Ich habe für diese Sorte Literatur recht wenig übrig. Doch die Art, mit der Sanda Zahirovic aus extremer Mittel- und Materialbeschränkung eine umwerfende Serie von Coverartworks kreiert hat, gibt der Auflage eine andere Qualität. Das Artwork für Eon von Craig Bear – ein Foto des Titelprints auf einem eingerollten Druckbogen – ist nichts weniger als grandios. Dabei ist der kurze Umweg über die dritte Dimension zurück in die Zweidimensionalität an sich ein simples Maneuver. Bonuspunkte für weitere Metaebenen im Umgang mit dem Romanwerkstoff Papier. Eine Freude.
Noch besser ist es, wenn die formalen Kriterien Teil des Inhalts werden. Ist beides verwickelt und ineinander verschlungen, wird die Sache mit der Abgrenzung so schwer, dass man eher von funktionalen Gesamtartworks sprechen sollte.
Ein schönes Beispiel ist das sehr gute Album Atavism des Elektroprojekts SND. Musik und Verpackung sind so streng in Konzepte und Regeln eingezwängt, dass größere Abstraktion und Spannung schwer vorstellbar sind. Die Musik setzt sich aus einer minimalen Menge Sounds zusammen, die allein durch Wiederholung und Überlagerung zu einem Groove zusammenfinden und wieder zerfallen. Das Cover verwendet Farbe ausschließlich auf den Innenseiten des CD-Sleeves und macht Informationen über Laufzeit und Titel des Albums als farblose Prägungen sichtbar. Die Platte gibt es bei Raster-Noton zu kaufen. Mehr Fotos der Verpackung hat ihr Gestalter, chokogin, bei Flickr hochgeladen.
Fordern dafür allerdings den Weg in die Elektrodiscounterhölle. Das sollte man sich per Schadensersatzcoupon vergüten lassen können. ↩︎
Ich könnte erzählen, wie es in Stockholm war, vor zwei Wochen für eine Woche. Ich könnte auf wenige Fotos verweisen und dazu sagen, dass nicht viel von der Stadt und ihrem Licht in ihnen steckt. Ich könnte auch versuchen zu erklären, was es mit der stillen Freundlichkeit Stockholms auf sich hat, der Präsenz hochwertiger Dinge und der Wertschätzung hochwertiger Gefühle.
Besser sagen und mehr zeigen als Sarahs Bilder es tun, das könnte ich nicht.
There Are Ghosts
Die Welt ist doch bunt und interessant. Zieht man an beliebiger Stelle einen losen Faden heraus und folgt ihm ein Stück – man kann sich darauf verlassen, an bekannten Orten und Icons vorbeizukommen. In Stockholm bin ich in dem sehr geschmackvollen Club Almänna Galleriet 925 in die Gewinnerausstellung des Kolla! Designpreises geraten. Zwischen viel guter Illustration, Fotoprojekten und einem Beerdigungs-CI von Kristian Möller bin ich in einer der wenigen Editorial-Arbeiten über das Cover der Heron Debut EP gestolpert. Spitzenname, Spitzencover. Beide landeten im Moleskine, for further reference.
Turns out: Heron ist ein Minimal-Projekt aus good old Münster. DIe Gestaltung kommt von Till Wiedeck, der nicht nur ein unfassbar gutes Portfolio vorweisen kann, sondern ebenfalls in Münster lebt (und dessen Arbeiten schon länger bei meinen liebsten Bookmarks liegen). Wer in Münster mit offenen Augen durch die Stadt geht, kennt zumindest seine Plakate und die CI für die Schaltkreis-Parties.
Eine Freude, wenn sich die Dinge so ministeckmäßig zusammenfügen, Schleifen drehen und im Zeichensystem des eigenen Lebens wild umherzeigen, wie es ihnen passt.
Arlanda
Formatevolution1 ist eine schöne Sache. Die neuen Dinge bekommen Flughöhe, bessere Interfaces und einen Haufen uninspirierte bis unerträgliche neue User. Die alten Dinge landen wieder in den Händen der Menschen, die Interesse an ihnen haben und etwas damit anstellen. Darum finde ich es eigentlich ganz schön, dass Weblogs ein wenig aus der Mode gekommen sind und die vielen Lehrbuchbelesenen, die nach Relevanz und Zielgruppen gieren, guten Gewissens wieder aufhören durften.
Darum verstehe ich Kai Müllers Aufruf nach einer Neuvernetzung der Blogger vor allem als eine gute Gelegenheit, wieder zu mehr Subjektivität, Merkwürdigkeit und Ablenkung zu finden. Weil ich keine Bloggerthemen und schon gar keine relevanten deutschen Blogs mehr lesen mag, weil ich kein verordnetes Wir-Gefühl möchte und auch keine langen Debatten. Lieber möchte ich mitbekommen, was kluge und interessante Menschen umtreibt, was sie ansehen und was sie so meinen. Es gibt eben nach wie vor nur cool, uncool, wie man sich fühlt, wie das aussieht, wie man das ausdrückt und warum mein WordPress-Plugin nicht läuft.
Ein Spitzenthema, dem man sich auch wunderbar visuell nähern kann, sofern man es etwas weiter fasst. ↩︎
Wenn die Summe der gefühlten Durchschnittstemperaturen an vier aufeinander folgenden freien Tagen größer ist als achtzig, sind ausschließlich Wiesen und Parks akzeptable Aufenthaltsorte. Faustregel. Man wirft sich tagsüber Frisbees zu und hört sich nachts eingängiges Zeug an dunklen Orten an. Das alleräußerste, was an Produktivität dabei herausspringen darf, ist ein launiger Relaunch des eigenen Tumblelogs.
Ich habe mich über das lange Wochenende einige Stunden lang meiner momentanen Freude an generischem Blau hingegeben und dem Seitenblog bei soc.electricgecko.de eine neue Form gegeben. Herausgekommen ist etwas, das meinem selbstveordneten Grundsatzcredo für alles (Schrottige Eleganz
) recht nahe kommt. Wer nur Feeds oder das Dashboard ließt kann ja kurz reinschauen und sich verwirren lassen. So sieht das aus.
