electricgecko

März

Wir sollten alle die MARK lesen. Wir sind keine Architekten, jedenfalls nicht im engeren Sinne. Doch MARK, der Architektur-Ableger der Frame, bietet so viele Ecken und Kanten, dass sich die Auseinandersetzung aus jeder Perspektive lohnt. Zuerst: Die Gestaltung gehört zum Besten, was momentan auf dem europäischen Zeitschriftenmarkt zu bekommen ist, spielt also in einer Liga mit Fantastic Man, Apartamento und Neue Mode Magazine. Vielleicht ist sie sogar besser als diese Titel, weil sie anspruchsvollere Designaufgaben (will sagen: keine Modestrecken) mit unorthodoxeren Methoden auf spannende Weise löst. Doppelseite der aktuellen Mark

Zweitens: Die Breite der Themen und Perspektiven ist eine einzige Freude. Wie von den Damen und Herren in den schwarzen Rollkragen gewohnt, setzen sich die Inhalte zu gleichen Teilen aus ästhetischen Auseinandersetzungen mit Gegenwart und Zukunft, Architekturshowcases, sozialgeographischen Reportagen und haltloser Fabuliererei zusammen. Das ist eine sehr angenehme Mischung. Für den perfekten Sonntag fehlen dazu eigentlich nur noch ein Barcelona Chair und die notwendige Brille. Die Moderne rettet ihre Kinder. Und bis es so weit ist hat sie wenigstens etwas Vernünftiges zu Lesen für uns.

MARK – Another Architecture, circa 200 Seiten, Mark Publishers, 19.95 €.

Februar

Das ewige Nachdenken über die Zukunft! Neue Nanowerkstoffe und Lösungen für die Kommunikationsprobleme folgender Generationen denken sich nicht selbstständig aus, und die Miesere mit dem Klima mag auch noch nicht von der To-Do-Liste verschwinden. Um so angenehmer, wenn man sich zumindest nach Feierabend entspannenden Zerfallsgedanken widmen kann. Dystopien bieten eine willkommene Abwechslung. Bereits fertige Dinge kaputtdenken, das geht leicht und funktioniert auch auf der Couch. Bleibt der Geistesblitz aus, darf alles auch mal irgendwie auseinanderfallen.

Die Frage, was mit der Erde passiert, wenn all die Leute nicht mehr vorhanden sind, ist nur die Startoperation. Wölfe im Central Park, erodierende Glasfassaden, löwenbezahnte Autobahnen. Wohin mit all dem Plunder?

Die Tristesse von Morgen schon heute – die Gegend um Tschernobyl macht es vor. Seit der Katastrophe lässt sich in der Umgebung des alten Reaktors beobachten, was mit Infrastruktur und Zivilisationsmaterie passiert, wenn sie keiner mehr bewohnt, aufräumt und gelegentlich neu streicht. Hallenbad, Freizeitpark, Monumente – die Dinge verwandeln sich zurück in Natur. Architektur und Zivilisationsobjekte haben diesem Prozess weitaus weniger entgegen zu setzen, als man annehmen würde. Die Serie Life after People des History Channel geht von einigen tausend Jahren aus; bis dahin sollten die meisten Dinge das leidige Existieren aufgegeben haben. Abgesehen von wirklich monumentalen Strukturen (Pyramiden und ähnliche Größenwahnsinnigkeiten) werden sich wohl Gebäude aus den Chefmaterialien Glas und Stahl halten. Immerhin, na also: ein später Triumph der Moderne. Die Tiere werden die neue Situation übrigens unterschiedlich gut aufnehmen. Doch wir können aufatmen: die Katzen kommen durch.

Das komplette Pripyat-Set von Dazzababes gibt es bei Flickr. Das Thema wurde außerdem ausführlich im rumdherum exzellenten Space Collective behandelt. Dort lässt sich zumindest ein wenig Zeit mustergültig vernichten.

Als Begriff der Physik liegt Horror Vacui, die Angst vor dem Nichts, gemeinsam mit anderen schillernden Vorstellungen (Gegenerde, N-Strahlen) inzwischen auf dem nicht eben kleinen Kurioses-Stapel der Wissenschaftsgeschichte. Super Auskennerwissen, soweit.

Einer der größten zeitgenössischen Generalauskenner ist Shaun Inman, vor allem in den Disziplinen Javascriptzauberei, Webgestaltung und Unfassbar Gute Applikationen Produzieren.1 In Kürze erscheint sein erstes Spiel namens Horror Vacui (und zwar für das iPhone beziehungsweise den iPod Touch). Wie gewohnt hat sich Shaun Inman dazu einige wenige, aber genau die richtigen Gedanken gemacht. Das Ergebnis basiert auf dem Gegensatz der Elemente Feuer und Wasser – und dem Faktor Temperatur. Simples, smartes Spielprinzip, großartiges 8-Bit-Artwork, Blindkauf.

Update: Horror Vacui liegt im App Store zum Kauf bereit.


  1. In erster Linie Mint und bald Fever ↩︎

Januar

Life's a Beach

Liebe Modebloggerinnen! Wir mögen euch. Weil ihr einen spannenden ästhetischen Diskurs führt, der das Thema Kleidung netzadäquat verhandelt und voranbringt. Weil es hübsch anzusehen ist, wie ihr die Füße eindreht und die engen Acnejeans tragt. Wir stehen gern mit euch auf der Vernissage oder anderen halbglamourösen, vollfiktionalen Gelegenheiten zusammen, bei denen andere die teuren Getränke bezahlen.

In unseren 95 79 Prozent Echtleben möchten wir aber lieber auf Mädchenfüße in High Tops, Limited Edition Vans und verschrumsten Lederschuhen schauen. Becks mit euch trinken und uns gemeinsam die eine oder andere gute Kleidungsidee von Lookbook klauen.

Schnürt die Schuhe, schickt Fotos an das großartige Sneakergirlsblog, lehnt euch an Tresen. Oder an uns. Wir lieben euch, Sneakermädels.

Speaking of Human Empire: das sympathischste aller Gestaltungskonglomerate veranstaltet momentan in seinen hamburger Geschäftsräumen eine kleine Ausstellung mit Großplakaten aus der Schweiz von 1955 bis 1965. Am Samstag habe ich mich kurz bei der Vernissage umgesehen.

Was auffällt: nicht alle schweizer Plakate der 50er sehen nach International Typographic Style und Müller-Brockmann aus (also etwa so). Selbstverständlich verwenden auch die ausgestellten Poster ein Raster und die Akzidenz und Helvetica Bold in ausreichender Menge – im Mittelpunkt stehen aber ganz klar freundliche, grafische Tiermotive und allerlei sympathietragende Maskottchen (Abbildung eins). Sie sind auf eine gute und unschuldige Art simpel und farbenfroh. Nicht einmal solche Adjektive gibt es ja heute noch. Außer in Beschreibungen der Arbeiten von Human Empire. Freundliche, offene Gestaltung ohne postmoderne Arglist, wie man sie von Morr-Music-Platten und T-Shirts guter Menschen kennt. Insofern dürfte die Ausstellung auch ein Knicks vor den eigenen Helden sein.

Zur Eröffnung der Ausstellung gab es angemessenerweise Fetenleckereien nach Rezepten der 50er: Käsespieße, Eierfliegenpilze und Gurkenboote mit Schinkensegel und Fleischsalatbesatzung (Abbildung zwei). In der Bartelsstraße gab es dazu noch einen flugs improvisierten Gelben Engel, ein herausragendes Partygetränk der fünfziger, bestehend zu gleichen Teilen aus Eierlikör und Zitronenlimo. Die Plakate haben mir aber sehr gut gefallen.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 18. April.

Ich verfolge das Tun des Kevin Hamann schon eine Weile. Früher hatte er mal keinen Bart und eine hinreißend verbastelte Website, auf der er unter seinem Nom de Guerre – erst Tom Bola, dann Click Click Decker – kratzige Tapes produziert und in die Welt versendet hat. In Münster hat er zu der Zeit einmal im halben Jahr sehr allein mit einer Gitarre auf einer überdimensionierten Bühne gestanden. Dort hat er seine Lieder gesungen, geschrieen und rumgelärmt. Das hat mir gut gefallen. Irgendwann kam dann die Nichts für Ungut. Die hatte ein gestaltetes Cover und klang produziert. Click Click Decker war eine Band geworden. Mit der durfte er sich die Kuschelbühne der Luna Bar teilen, um ein lautes, volles, hinreißendes Konzert zu spielen. Das hat mir außerordentlich gut gefallen.

Ende des Monats erscheint eine neue Platte der Gruppe Click Click Decker. Das ist wichtig, weil es sich mit ein wenig Glück um ein Album in deutscher Sprache handelt, das man nicht nur anhören mag, sondern dem man zuhören möchte.1 Das ist außerdem wichtig, weil Human Empire ein Cover gestaltetet haben, dass das verlorene Bildbandgenre Tierbuch im beigen Einband wieder auf die visuelle Agenda setzt; unterschnittene Modern 20, entsättigte Tierschnipsel, einhundert Punkte. Liebevolle Gestaltung für liebevolle Musik.


  1. Das schaffen sonst ja nur Superpunk, Turbostaat, 1000 Robota und Tocotronic. ↩︎

Launchen und dann liegen lassen, ist man ja nicht anders gewohnt. Die viele schöne unverbrauchte Zeit verschwende investiere ich momentan zu gleichen Teilen gemeinsam mit Daniel im Maschinenraum von Was mit Medien sowie mit einigen Bugfixes hier. Letzteres erfolgreich: seit gestern Abend ist auch der Feed wieder alive and kicking.

In der Zwischenzeit könnt ihr ja mal beim funkelblitzenden Stay Indie don’t be a hater vorbeischauen und euch etwas guten Musikgeschmack abseits der Elektronik abschauen. Was Dani und Kate da drüben machen hat Hand und Fuß und Beat und Wumms.

reset
Zweitausendneun hat im neunzehnten Stockwerk und am Strand begonnen.

Dezember

Das Jahr hat mit wissenschaftlichen Phantomschmerzen begonnen; es endet gelassen und gewärmt in angenehmer Umgebung unter hohen Decken. Es war ein gutes Jahr für Platten und Clubs, für den Weg zur Bahn im T-Shirt, für DJ Phonos Welcome to your Life im Pudel. Was es zurücklässt: eine neue Stadt, eine selbstgebaute Umgebung, weitere Abstraktionen, Parties, Parties, Dächer, zerknitterte Jacketts, goldene Schuhe, ein Hochhaus, Gestaltung, Mopedos, Liebe zur See, eine Unersetzbare, Energie. Songs für 2008.

Winter

  • Explosion – Tocotronic
  • Tansmission – Joy Division
  • Like Knives (Tiger Baby Remix) – The Fashion
  • On Tape – The Pooh Sticks
  • And then our Thoughts became old again – Adam Kesher
  • Goblin City (Holy Ghost Disco Dub) – Panthers

Frühling

  • Two Steps, Twice – Foals
  • Sho-Ryu-Sdnmt – SDNMT
  • Geboren im Winter – The Aim of Design is to Define Space
  • C. 16th ± – These New Puritans
  • U.R.A. Fever – The Kills
  • Hamburg brennt – 1000 Robota
  • Where Da G’s (El-P Remix) – Dizzee Rascal
  • Quizshows – Ja, Panik
  • Space and the Woods – Late of the Pier

Sommer

  • Talk Like That (Miami Horror Remix) – The Presets
  • Fractales #1 – Apparat
  • Is Sorrow – Black Devil Disco Club
  • Cornflake Boy – Marbert Rocel
  • Olympic Airways – Foals
  • Kids – MGMT
  • Raise Me Up – Hercules And Love Affair
  • Welcome to your Life – DJ Phono

Herbst

  • Sexual Sportswear (SebastiAn Remix) – Sébastien Tellier
  • Bellona – Junior Boys
  • Comet Course – Flying Lotus
  • Beispiel – MIT
  • M.E.G.A.N. – Miyagi
  • Playboy – Jacque Palminger

Winter

  • Charlies House (Apparat Remix) – Nathan Fake
  • Parisian Goldfish – Flying Lotus
  • Das waren Mods – Superpunk
  • Stay The Same – Autokratz
  • 1St & 1St – Kieran Hebden & Steve Reid

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