electricgecko.de

Antizipation Dial/Future Living Room Music

Dial habe ich damals unmittelbar verstanden, europäischer Technomodernismus und Detroit, hinreichend eigen – die Abwesenheit jeglicher Funkiness mit hamburger Verspultheit kompensiert. Ein Versteckspiel mit den unterkühlten Publika in den damaligen Clubs dieser früheren Stadt. Vieles an Dial war immer etwas verhalten, die Parties und die Passepartouts auf den Covern; diese Distanziertheit hat mir gut gefallen und sie entsprach mir, und meinen Vorstellungen von Clubs und Interaktion und Gestaltung.

Andere Dekade halt, in meinem Leben und in der Welt, und auf nicht ganz nachvollziehbare Weise ist Dial weiterhin hier. Es gibt ein paar Compilations und den Travel Almanac1 und Releases mit Gitarren und es gibt Lawrence-Singles (und noch mehr in Japan bei Mule), und irgendwie ist es genug, um den Vibe auf unanachronistische Weise zu erhalten, das Gefühl dieser Musik und ihre Zeit, ohne sie unter dem Druck der Gegenwart erstarren zu lassen.

Bald erscheint die neue Platte von Carsten Jost, mit der ich nach Perishable Tactics nicht gerechnet habe (ganz gut, nicht zwingend; der Werbebanner auf dem Bandcamp-Profil verweist noch immer darauf). La Collectionneuse VII hat direkt diese paradox unterkühlte Wärme, eine Fläche weit unten, eine entspannte Konstellation, von der aus sich operieren lässt, schauen was die nächsten Bars bringen. In diesem Fall Vangelis-Synths, sachlich eingesetzt, angenehm uncinematisch. Das ist kluge, ruhige, dunkle Musik die schon was will, aber halt nicht jetzt direkt um jeden Preis. Ich höre das und mir wird klar, wie sehr mir die Art von Nacht fehlt, die zu dieser Musik gehörte, und wie entscheidend Carsten Jost sie seit CC01 (Detroit) geprägt hat.

Ich freue mich auf den Release dieses Albums. Noch mehr freue ich mich darüber, dass der Dial-Vibe präsent und universell und zeitlos ist, in diesem Leben. Living Room Techno for future living rooms.

  1. Der vermutlich mein liebstes Magazin war, als es noch um Stimmungen in Lobbies, Bars und Spas ging, mit dieser spezifischen Schreibe, dem offenen Papier und den schwarzweiß-Fotos von Rick Owens. Leider findet man darin viel allzu Vergleichbares zu Magazinen mit glänzenderem Papier und größerem Format. Die wunderbaren Transit- und Aviation-Gefühle sind leider von den Seiten verschwunden. ↩︎

Foil

The inability of the culturally stratified human mind to grasp the freedom and flow of plants, perceiving them not as something that is assigned, cultivated, integrated or repressed, but as entities with agency, with the power to interfere and make decisions within and through human systems and spaces. The future requires deference to other rationales and the willingness to be overgrown, to coexist and mingle, to both exert control at different levels, leaving the concrete behind, metaphorically and physically.

The remnants of dissolving fog, barely visible, but sense-able in a drop of temperature, a ghost, a shiver, a haunted breath, the remains of sculpted time (the sculptural and technological work of Fujiko Nakaya).

Dinner, March 16th 2022

Ein besonderes Niveau Aufmerksamkeit, Detailversessenheit, Spezifizität und Handwerk ist notwendig, um die eigene Erzählung derart unbeirrt verfolgen zu können, dass sie Neues in die Welt bringt. Offenheit, Klarheit, Selbstvertrauen sind notwendig, um das Neue anschlussfähig zu machen. Der Rausch der Teilhabe an einem der großen kulturellen Werke unserer Zeit. Where language fails to capture the essence and breadth of perception, poetry creates language to expand understanding beyond perception, forming new inhabitable realities. Ein Besuch.

Psychological Bar Reviews (8)

The bar at August Antwerp forms a pleasing rotunda around the former chapel’s altar alcove, placing it at the aesthetic centre of the artfully desaturated former cloister. Golden stained-glass reflections and bulbous lamps in Vincent van Duysen’s dark bespoke fittings illuminate the white marble countertop.

The mood is demure. Everyone is at dinner, leaving the bar to the dedicated few who skip it all in favor of a prompt digestif. The barkeeper is working a solo shift. His heavy-set frame, colourful tattoos and overall unkemptness add a welcome edge to the slightly too sober sage-green staff uniforms. Drinks are processed expertly and not without flair, in a mesmerizing swaying choreography between freezers, cutting boards and the stately, four-story bar shelf.

Bites appear on the counter: Sardines in oil, capers and shrimp croquettes, crispy fried bread, Bellotta ham. Their inherent naughtiness is effectively balanced by August’s soft architectural dignity and the flawless etiquette of its patrons, who nonchalantly handle advanced seafood and amber-hued alcohol in civilized ways.

From the dining-room, an older man in a brown glencheck sport coat and an angular moustache approaches. After some deliberation and sweeping gestures, first a ladder, then a stately bottle of scotch is procured from the topmost echelons of the shelf. Informed about its price per glass, the gentleman carefully puts down the bottle and elects to go for something more quotidien.

A well-appointed middle-aged couple finally empties their margaritas, finding each other’s eyes and their room key with some determination. As they leave, two scooped-out maracuja shells are filled with vodka and ignited, a subtle act of riot and mixologist pyrotechnics that is left uncommented by everyone.

August Bar, Zuid, Antwerp.

Stadt und Jahr

Das Jahr war Porto und Porto war das Jahr, die Stadt und die Arbeit und wenig anderes. Alles, was ich über 2021 zu erzählen habe, hat mit ihrem Licht zu tun, mit dem Meer und dem Granit, den Oberflächen und unvollendeten Dingen. Es ist das physisch wahrgenommene Potenzial des Rückbaus, ein Ende des Wachstums und die Chance auf größeres Gleichgewicht. Eine andere Art zu Atmen, eine andere Art zu bauen und eine andere Kognition. Dieses Jahr war Ausläufer einer Zukunft, die einmal unser Leben werden könnte. Es scheint möglich, jedes mal wenn ich den Flughafen verlasse.

Auch unter diesen Bedingungen bedeutet Arbeit Zugang zur Welt. Große Teile meines Jahres liegen verschüttet unter der Zeit, die notwendig war, Entropie in Entschlossenheit zu verwandeln, Konsenz zu organisieren und den Bau des Neuen zu ermöglichen. Es ist wundervoll und erfüllend, und ich konnte das Ende von hier aus sehen. Aus Notwehr habe ich einen eigenen Bau begonnen. The construction of the house itself is both a dream and a reality, and this reality is difficult to attain, it is not a peaceful process. Indeed it is not, doch Wahrheit ist Arbeit und Realität ist Konstruktion. Die Realität der Konstruktion ist zunächst vor allem weitere Arbeit, und ich gehe fest davon aus, dass sich alles auf elegante Weise aufheben wird.

Im Juni saß ich auf einem geborgten Handtuch in der Sonne am Ufer des Flusses, in Gedanken beim Grundstück einige Meter hinter mir. Weniger als 24 Stunden später ging ich verspult durch die Straßen des vierten Arrondissements, saß in einem dieser Metallstühle in den Tuileries und fand mich allein im Palais de Tokyo wieder. Ich musste selten zuvor Reißaus nehmen in meinem Leben, l’ai-je bien descendu? So war das dieses Jahr.

Im Juli ist Christian Boltanski gestorben. Meine Verbindung war selten aber präsent, seit ich Les Archives du Cœr auf Teshima besuchte. Katalogisierte Herzschläge am Ende des Meeres, am Ende der Welt, und meinen eigenen, das habe ich verstanden und nie vergessen. Archivieren, prozessieren, bearbeiten, Arbeit und Bau als Sein und Dasein. Musik in Porto und der Welt von 2021.

Winter

Frühling

Sommer

Herbst

Winter

Nach zwei Jahren ohne Clubs erscheint es mir fast normal, gute Playlists und Sets auf Videoplattformen zu finden. Menschen wollen Bilder (People don’t like clothes, they like images of clothes), ich will Dunkelheit, drei Wodka mit Mineralwasser und den Schweiß der anderen.

Ältere Texte zum Thema Basic