electricgecko

März

Es ist Februar 2020, ich sitze in einem Fernzug durch die Steppe. Es sind dreißig Grad, die Sonne scheint durch stahlgefasste Fenster. Bevor sie aufging habe ich die neue Messerplatte bei iTunes gekauft, mit meinem Telefon. Ich höre sie zum ersten Mal, während nordafrikanische Landschaft vorbeizieht. Drei der sieben Stunden von Fes nach Marrakesch mit diesem Album über das Entkommen.

Die Misere des Jahres 2020 war zu diesem Zeitpunkt, obschon zu ahnen, nicht vorstellbar. Dennoch scheint der dieses Album bestimmende Eskapismus, vom März aus betrachtet, vollkommen adäquat. Eine Reaktion auf das Gefühl, eingeschlossen zu sein: nach drei Alben, in dieser Zeit, generell hier drin. Wir müssen raus. Das schlägt sich in einer gewissen Eeriness nieder, die ohne kontinentaleuropäische musikalische Entsprechung ist, und wohl auch ohne adäquate deutsche Vokabel1. Dieses Fernweh ohne Ziel, es ist wohl eher ein britisches Ding. Folgerichtig klingen Messer auf No Future Days, ihrem vierten Album, wie The Police, und wie die Specials in Ghost Town. Gefangen unter Thatcher, raus wollen und nicht raus können, eine Gruppe in ungewissen Zeiten.

Was bleibt, sind Texte als Türen und Orte, die blauen Augen in die ganz bestimmt sonnige, aber ebenso vage Ferne gerichtet. Das bedeutet eine Veränderung im Schreiben wie im Gesang von Hendrik Otremba – wurden auf Jalousie noch Geschichten erzählt, bewegen sich die Songs auf dieser Platte durch eine Welt aus wabernden Allegorien. Sie speist sich aus dem gleichen Universum wie Kachelbads Erbe, Protagonisten und Schauplätze finden hier ein unstetes Zuhause. Lena sagt, der Gesang sei noch mal ein Stück schnarrender geworden. Das ist nicht falsch, und es tut diesem Album gut. Text findet seine Entsprechung. Die Qualitäten der Gruppe Messer – Geschmack und Kohärenz – bestehen auch in dieser veränderten Form weiter.

Notizen aus dem Wüstenzug, vom ersten Hören der Platte.

  1. Das verrückte Haus: Braune Schilder, Sand in der Luft, Wolken ziehen herauf und bleiben fern, Casablanca Voyageurs. Unzweifelhaft ein Messersong, allein diese insistierende Bridge, und doch geht hier vieles auf, für die nun folgende Platte. Es ist dunkel in der Sonne, in einer khakifarbenen Welt. Das verrückte Haus und das Haus der Lüge, sie mögen über ihre Keller verbunden sein. Es ist eine andere Zeit.
  2. Der Mieter: Der eckige Funk der Strophen verebbt im Refrain, und mit ihm jede Orientierung. Mir gefällt die Orgel, und die Wortwahl. Wem gehört dieser Kopf? Am Strand angekommen, vergisst man sofort alles. Am Ende ist klar, dass es auf dieser Platte kein zweites Die kapieren nicht geben wird.
  3. Tapetentür: Das blecherne Piano klingt nach Sehnsucht. Hier ist ein Stück dieser energiegeladenen Idleness, die die Specials zu ihren düsteren More Specials-Zeiten ausgemacht hat: Resignation und Energie, zusammenreißen und losbrechen. Ein Auflehnen gegen den Verlust des Selbst im dunklen Ende der achtziger Jahre. Ich hätte nicht gedacht, dass sich die Worte „ein Telefon schellt“ mit derartigem Effekt singen lassen.
  4. Anorak: Das ist wohl nun das Commitment zum Rhythmus, zu blue-eyed Rocksteady, zu diesem etwas zu kopflastigen Police-Groove. Pures Momentum. Ich liebe es natürlich, den ganzen Referenzrahmen und auch den Text. Uhren verstellen, und dann ist das Ding gelaufen. Klar.
  5. Tiefenrausch II: Sehnsucht, Fernsucht und ein kurzes Innehalten, bevor man ihr nachgibt. Ich muss unvermittelt an die Buchhandlungen meines Lebens denken, und die Flucht, die es dort zu kaufen gab. Dann daran, wie die Bücher auf der Kofferraumablage aus dichtem, schwarzen Textil im Passat meiner Eltern auf der Autobahn in der gleißenden Sonne liegen. Der Track ist voller Details. Dieser total gute VST-Drumsound!
  6. Tod in Mexiko: Ziemlich sicher der Song der Platte, der von dieser Zeit zu Beginn des Jahres 2020 im Gedächtnis bleiben wird. Zugleich ein Verweis auf eine der signifikanten Passagen aus Kachelbad’s Erbe. Diese Stimmung ist schön, und schwer zu ertragen, die wistfulness (noch so ein Wort ohne deutsche Entsprechung) in Musik und Text trifft einen schwer zu bestimmenden Punkt nah am Herz. Die Zeit ist eine Wunde, das Alter ist ein Ort. Merkenswert.
  7. Die Frau in den Dünen: Ein Drängen, ein Losbrechen, ein Reißen in Sprache und Sound, Messermusik. Bezeichnend ist das Wiederholen eines Kernbegriffs – immer sind es Universalismen, eher Universen als Worte, die sich gut proklamieren und schreien lassen. Bausteine von Parolen, die den Hörenden die Entscheidung überlassen, was denn nun genau gewollt werden soll: Alles, Lust, Sand. Arbeit am Wort. Das ist wohl der Hit der Platte, denke ich, jedenfalls die höchste Intensität bisher. Von hier kann ich das Ende des Zuges in der Kurve sehen.
  8. Stern in der Ferne: „Die Fauna vergibt nicht, sie passt sich nur an“. Ich realisiere jetzt noch nicht, wie zutreffend das in einem Monat sein wird. Es muss großen Spaß machen, diesen Song live zu spielen.
  9. Versiegelte Zeit: Schließlich ins Freie. Im großen Kreis gehen, den knirschenden Sand unter den Chelsea-Boots, ein bisschen Freakout, die letzte rauchend innehalten, in die Sonne schauen. Ein Aquarium aus Licht. Das Ende eines sanftes Albums, das schließlich auch vom Ende der Menschen handelt.

  1. Die Spex schreibt vom Rumgeistern, das ist zwar kein Adjektiv, aber schön und treffend gesagt. ↩︎

Imaginary Joy Division, barely audible in the background of Pro Quadratmeter, now in Almstadtstraße1, as the empty streets of this particular, unglamourous apocalypse remain wind-swept and rainy. Jackpot. Ich kaufe Miamification von Avanessian, so ein Stream-of-Consciousness-Ding bei Merve. Das scheint mir die einzig mögliche Handlung. (13. März)


  1. Seen from my inner 2005. ↩︎

Rick Owens FW20 Performa, Womens

Februar

Wind over water at the unornamented mirror lake of Menara Gardens. Built afar, adjacent the olive grove, by an imagined beduin cult of brutalist worshippers.

There is no photographic image, no advertisement, no glowing condensed corporate typography. Buildings seem to emerge directly from the reddish-brown ground, molding into soft cubes and boxes. The cityscape does not pry for attention, its decidedly nonmodern psychogeography seamlessly merges into a pastoral sprawl inflated to vast dimension and density.

I have a great affection for cats, as all tasteful and self-respecting humans do. Particularly, I cherish their arcane capability to offer a particular kind of intense, but silent companionship. Observing a city beneath a full moon, low and heavy, in quiet unison with a cat is a privilege quite uncomparable to anything else.

Palais el Badi: Afroeuropean Mythologies

A gleaming S-Class in black and chrome is parked next to a reddish clay wall, passed by a kid on a creaking bicycle and a handsome old man in a grey kaftan (I take special note of his accurately groomed, short grey beard). The limousine’s presence marks the place as psychogeographic science fiction. It is an intruder, an object from another time and universe, one I seem to be strangely familiar with: NFC readers, softly organic trainers, caftans, dust, cooked wool, satellite dishes, Buckydomes, walled gardens, fliphones, iPhones, hairstyles, all somehow materializing in an unexpected kind of 2020.

Urban Moroccan housing defaults to a subtle ledge starting on the first floor. It offers shade to the life in the street, increases the size of the living quarters (ground floors are mostly used for storage or workshops) and lends an element of decided, simple ornamentation to the otherwise plain cube. This is usually mirrored by the roof construction: the top floor is reduced to about a third of the ground floor area, creating a large terrace. From this, the shape of the residential unit emerges: a soft-edged rectangular box, defined by two interrelating incisions.

A bed in the desert, nature in perfect silence. There is the soft sound of flocks of small puffy birds passing overhead, and a warm breeze. Sun sets over the ranges, the desaturated Atlas mountains loom in the background. Life is forced into equilibrium. Many ways to go from here. (02/10/20)

In Casablanca, architecture appears to be more substance than artefact. It seems to bee perpetually melting, flaking, merging with nature and civilisation. Many buildings echo a faint Art Deco heritage, misunderstood even by the foreigners that brought it to these parts. Since, the idea of the graceful line seems to have evolved into something more organic, matching northern African sensibilities and energies. Here, the new and modern appears as just another iteration, reintegrated into the profoundly social mechanics of the medinas and markets, all refinement reserved for two-storey courtyards, areas of consultation and quietness.

What would you go to Casablanca for? For two days? — Ingrid

Januar

On wearing wide black T-shirts with cut-off sleeves: Without sleeves, arms are bared, especially the pleasing section extending from the bicep, along the elbow to forearm. A wide, sleeveless shirt turns the upper body into a two-dimensional form – essentially a square – suggesting a mild inhuman abstraction and a graphical presence. Cutting the sleeves marks permanent ownership of the garment through inflicting it with personal codes and obsessions. Forcefully removing the sleeves adds an element of rawness, a camp brutality. It also ensures uniformity with other garments that have been treated similarly. Wide, black T-shirts with cut-off sleeves are the personal uniform covering my slender frame.

Dezember

Am letzten Tag der Dekade steht die Sonne tief, waagerecht zu den letzten schwarzen Oberflächen des Jahres 2019. So muss das sein, Echo einer Erinnerung an den Blick aus Kriesse’s Fenster in den Nuller Jahren. 2019 war ein Jahr mit hoher Dichte, das war klar, als es sich vor einer Ewigkeit über den Dächern der Stadt ausbreitete.

Die Konstanten in diesem Jahr waren Bewegung und Arbeit. Das war erwartet und geplant, und in der Kombination schöner und härter als vorgestellt. Ich habe in einem Hotelzimmer über Wilshire gearbeitet, in Garagen an den Westküsten der USA und Portugals, in einem Haus aus Holz am Tegernsee, auf einer Dachterasse über dem Beton Marseilles. Am Schreibtisch einer kolonialen Stube in Ho Chi Minh City, in einem sonnigen Innenhof in Paris. Neben dem Ofen in einer Scheune in Brandenburg. In Betten, Zügen, Nächten. An welchen Ort ich gelangte, Arbeit war bereits dort.

Vieles später: Los Angeles und seine Schatten, Sport1, Staples, Alkohol, schwarz weiß. Rave, Nebel Nebel, Love in a Basement. Eupalinos und die Wahrheit und Demut, die mich Web Design as Architecture gelehrt hat. Gebäude in Marseille, Rue Marengo. SEGMENT oder die Freude, Willen in Präsenz zu verwandeln. Wahre Partnerschaft. My life as perpetual experimental proof that a life can be lived this particular way.

Selbstdisziplin und Intensität sind berauschend, und berauschende Dinge darf man nicht übertreiben, sonst spürt man sie nicht. In den 2020er Jahren muss das Verschwinden gelernt werden. Langsamkeit, Intervall, den Kick der Disziplin rationalisieren. Mit den Jahren wird klar, dass diese Worte nicht das Gegenteil der Agenda sind, sondern ihr Endgame. Totale Intensität und völlige Ruhe als Einheit der Differenz, しんずい, following the material and guiding it at the same time, until coherence emerges organically. Musik kurz davor, am Ende der Zehner Jahre.

Winter

  • Boy Harsher – Run
  • VC-118A – Inside
  • Demdike Stare – At it again
  • Shed – Guile
  • Crack Cloud – Drab Measure
  • Schwefelgelb – Durch die Haare die Stirn
  • Lee Gamble – Moscow
  • STL – Silent State
  • Neustadt – Neustadt
  • Sei A – Mode Static
  • Forschung & Entwicklung – Premis II
  • Boy Harsher – LA
  • Flxk1 Ft. Wan.2 ‎- Antitheorie A1

Frühling

  • Die Goldenen Zitronen – Die Alte Kaufmannsstadt, Juli 2017
  • Rick Wade – The D
  • Vril – Incendium
  • Lord Apex – GTSA
  • Show & AG – Bounce to This
  • Zebra Katz – Blk & Wht
  • Zomby – Zexor
  • Major Dollar Bills – Midnight Fusion
  • Supreme The Rude Boy – Friday Nite Live
  • Rainer Veil – Gauze
  • Kareem – Inhale
  • Constantine – Cosmos
  • Acronym – Nemo

Sommer

  • Dasha Rush – Antares
  • Shinichi Atobe – Heat A1
  • TR/ST – Colossal
  • Belgrad – Westen
  • Franz Ferdinand – Take me out
  • Martyn – Rhythm Ritual
  • Pessimist – Through the Fog
  • Kareem – Rattle Disco
  • Topdown Dialectic – A1
  • Osaka – Love hurts
  • New Order – Hurt
  • Ministry – Everyday is Halloween
  • DJ Bogdan – Love Inna Basement (Midnite XTC)

Herbst

  • Messer – Anorak
  • The Police – Bring on the Night
  • Boy Harsher – Morphine
  • Topdown Dialectic – B4
  • Grauzone – Wütendes Glas
  • The Aim of Design is to Define Space – AIM #@%!$
  • The Aim of Design is to Define Space – Fanta Fear
  • Hoover1 – 1B
  • Shed – B1 (Anfang und Ende)
  • Wax – 70007B
  • Rainer Veil – Repatterning
  • Newworldaquarium – Trespassers
  • TR/ST – Iris
  • Shed – Menschen und Mauern

Winter

  • Lord Raja & Jeremia Jae – Van Go
  • Messer – Der Mieter
  • Siouxsie and the Banshees – Cities in Dust
  • Notorious Big & Method Man – The What
  • Iori – Spaciotemporal (Vril Remix)
  • Galcher Lustwerk – I see a Dime
  • Drab Majesty – Foreign Eyes
  • Shed – B2 (Anfang und Ende)
  • Alva Noto + Anne-James Chaton – CR-FO
  • Speedy J. – Krikc (Umek Remix)
  • Hiro Kone – Fabrication of Silence
  • STL – Good Wine (33.3rpm)
  • Schwefelgelb – In dem Laken
  • Blitz – Flowers & Fire

Sets


  1. I never lost my adoration for the lessons the sport taught me, about resilience and grace, about humbleness, the american myth of hard work, about getting up and not blaming anyone but your own body and mind. ↩︎

Ich fragte Kachelbad, ob er das Gefühl kenne, wenn man sich bewusst macht, dass man gerade in diesem einen Augenblick existiere, und Kachelbad wusste, wovon ich sprach: Es dauert nur wenige Sekunden, wenn man darüber nachdenkt und schon wird einem mulmig und bekommt das Gefühl, zu verschwinden. Als sei man immer weniger Körper und immer mehr Gedanke. Fast meint man, sich von hinten zu sehen, sich in Auflösung zu begreifen und nur noch zu denken. So ein Himmel und so eine Situation provozieren jenes Gefühl vielleicht auch. Doch seit meiner Kindheit überfallen mich derlei Gedanken. Ich mache mir bewusst, dass ich gerade nun in diesem Augenblick existiere, dass es all das gibt, was ich sehe und spüre und fühle, dass es die Physik gibt, dass Handlungen Konsequenzen haben, ich sehe meine Hände, begreife meine Augen und verstehe, dass niemand frei ist, weil alles Konsequenzen hat, auf die man reagieren muss. Doch das Denken bleibt abstrakt, so lange, bis ich fast mantrisch immer wieder um den Gedanken kreise, dass ich jetzt gerade hier in diesem einen Moment existiere und dass das nicht anzweifelbar ist, eben weil dieser Gedanke sich durch die Zeit bewegt und eine Geschichte und eine Zukunft hat, er steht vor der Geschichte und macht deutlich, dass Entscheidungen erforderlich sind (Atmung, Nahrung, Bewegung, Leben oder das Gegenteil), und mir wird mulmig zumute, noch mulmiger. Gleichzeitig aber gibt es keinen anderen Modus, in dem ich so deutlich meine Existenz spüre. Die Vorstellung, was wäre, wenn das nicht wirklich sei, was also die Alternative zum Dasein wäre, ist undenkbar, sie bleibt abstrakt.

Hendrik Otremba, Kachelbad’s Erbe, 369-370. Hoffmann und Campe, 2019.

Es ist eine einigermaßen spezifische Empfindung, und sie derart präzise formuliert zu lesen, macht ein bemerkenswert warmes und verstörendes Gefühl, der lebende Schatten des eigenen Inneren auf einem Display eines Ultraschallgeräts.

Carsten Nicolai, Retrospektive im K21, Düsseldorf. Dezember 2019.

2019 war das erste Jahr ohne die gedruckte Spex, also die Publikation, die (neben De:Bug und The Wire) meinen Zugang zu Musik wesentlich geprägt hat. Eigentlich nicht den Zugang, eher die Art, über Musik nachzudenken, darüber zu sprechen und zu schreiben. Über Musik schreiben, nicht um sie zu kritisieren oder öffentlich gut zu finden. Über Musik schreiben als Auseinandersetzung mit der Art, wie sie in die Welt und die eigene Psychologie passt. Darüber, was Musik empfindbar macht, also darüber, was Musik in der inneren Welt hervorbringt. Auf diese Weise über Musik zu schreiben, hat eine gewisse therapeutische Qualität. Über Musik schreiben ist auch immer: Die eigene Mythologie schreiben, eine Welt erfinden und dann darin leben.

Das Format der Fünf Alben des Jahres ist beliebig, inadäquat und überholt. Auf diese Weise vermeintliche Struktur schaffen zu wollen, ist müßig. Ich tue es weiterhin, weil es mir die Möglichkeit gibt, ein Jahr zu erinnern, anhand der Dinge, die wirklich zählen, eben weil sie keine Dinge, Momente, Tage oder sonstige Gegenstände sind. Sondern Prozesse, Loops, Echos, Perspektiven und Atmosphären, die nicht stattfinden, wenn Musik nicht stattfindet. Das Jahr ist nicht passiert ohne Musik, und es wird nicht erinnert ohne Musik.

Dies sind die fünf Alben, an denen sich kristallisiert, was ich in Zukunft 2019 nennen werde. Wie kann man das erklären, wer soll das lesen, wo soll das vorkommen? Danke, Spex.

  • Alva Noto + Anne-James Chaton – Alphabet (Noton)

    Meine kognitive und psychologische Fixierung auf die Wahrnehmung von Räumen im Allgemeinen und ihrer Atmosphäre im Speziellen sind wiederkehrende Motive dieser Texte. Es ist also wenig überraschend, dass ich in Musik raumhafte Qualitäten zu erkennen glaube und versuche, sie mit entsprechenden Begriffen und Perspektiven zu beschreiben. Es mögen False Positives sein, oder eine leichte Form pathologischer Synesthäsie. Im Fall dieser ersten gemeinsamen LP von Alva Noto und Anne-James Chaton erscheinen sie mir durchaus geeignet.

    Wie wenige andere Musikerinnen und Musiker ist Alva Noto in der Lage, Qualitäten von Raum-Atmosphären1 in seinen Tracks zu sammeln. Alphabet definiert eine psychologische Architektur mit der klaren Regelmäßigkeit eines Echolots – dass dabei die emotional empfundene Atmosphäre eine zentrale Rolle spielt, ist selbstverständlich (wenn auch für begrenzt empfindsame Hörer nicht immer evident). Alphabet ist eine angenehm temperierte Halle im grauen Vakuum einer imaginären CAD-Software. Anne-James Chaton schreitet diesen gezeichneten Raum beharrlich ab, auf geradezu konzentrische Weise. Eine Platte wie ein forschendes Gedicht, gleichermaßen geschlossen wie offen, white stasis, ein Refugium des späten Jahres 2019.

  • Shed – Oderbruch (Ostgut)

    Am Ende des Jahres bin ich, wo es begonnen hat: In Ruhe im Momentum. Der Thalys jagt über flandrische Felder, Wolken, Horizont. Ich spüre die Last des Jahres hinter mir, den Raum zwischen jedem Gedanken. Shed hat Anteil an Empfindungen wie diesen. Seit Shedding the Past setzen sich seine LPs mit einer spezifisch hochfrequenten Form der Stasis auseinander, in Ruhe, voller Energie. Waren es in den vorigen Alben in erster Linie die emotionalen und architektonischen Konstellationen der Städte, verlegt Oderbruch dieses Arrangement in die in Auflösung begriffene Natur, weist nach draußen, auf die Möglichkeit, inne zu halten. Die Motive sind vertraut: Lere als tragende Form, Rave-Introspektion, die Wiederholung, alles Sein ist eine bewegte, sich ununterbrochen verändernde Realität, Hineinziehen und Entfalten2.

    Ich bin nicht gut darin, Freiräume zu finden und sie zu schützen, in diesem Jahr weniger als in denen zuvor. Oderbruch ist ein Wegweiser, eine Art wie es gelingen kann, von der manischen Kognition, dem Hyperbewusstsein zurückzutreten. Vor einigen Wochen schrieb ich über das Innere, das in der Welt verdampft, ein ruhiger Gedanke, der unmittelbar aus B1 (Anfang und Ende) folgt, einem der Tracks des Jahres 2019. Leere, Ruhe, Momentum.

  • Rainer Veil – Vanity (Modern Love)

    Vanity erschien im Mai dieses Jahres. Mit dem Moment, in die LP auf dem Speicher meines Telefons ankam, schien sie dort bereits lange zuvor vorhanden gewesen zu sein. Es ist faszinierende Universalmusik, die sich trotz ihrer atmosphärischen Varianz in jeden Ort und jede Zeit dieses Jahres einfügte. Auf seiner ersten LP hat das Duo zu einer ruhigen, introspektiven Eigensinnigkeit gefunden. Die architektonischen Referenzen sind nun nuancierter als es noch auf New Brutalism (q.e.d.) der Fall war – das Zerlegen, Evaluieren, Re-Mixen und Re-Konstruieren des eigenen Materials (Third Sync, In Gold Mills) spielt auf Vanity eine große Rolle.

    Es führt Rainer Veil zu neuen Formen der Einheit von Leere und Raum im Sound. Es sind Intervalle, in denen sich empfinden und denken lässt: Etwa in der evokativen Texture von Gauze, einem der größten Hits und am häufigsten gehörten Tracks des Jahres. Oder in Elements – Musik, die Konzentration und Würde an jedem Platz in jedem Raum möglich macht. Konzentrierte, nach Innen gerichtete Musik, eine Art Audio-Eigengrau, not intricate but textural, schrieb ich im Sommer. Ein Album für dieses und die nächsten Jahre.

  • The Aim Of Design is to Define Space – Clean Bible, Dirty Christ EP (Monkeytown)

    Ich/Okay machine/Berlin burnout queen. The Aim of Design is to Define Space verschwinden im Nebel der Volksbühne und sind fortan nicht präsent in den 2010er Jahren, also nicht präsent in der Stadt, die Berlin heißt, es aber nicht mehr ist. Doch die 2010er enden nicht, ohne dass diese Gruppe, die Chronisten der richtigen Dinge, auftritt und das Wichtige sagt, wie gesagt. Letzlich sind es auch auf Clean Bible, Dirty Christ die Schönheit des Vokabulars3 und die Präzision der zusammensortierten Referenzen4, also wesentliche Aim-Sachen, die meine Erinnerung an das Jahr 2019 mit diesem Platte gewordenen Monolog verbinden werden.

    Das ist die richtige Message auf die richtige Weise. Es ist klug und es ist schön und es gibt aufs Maul. Das ist es, glaube ich: da ist zu wenig Auf-die-Fresse-Klugheit. Die Klugen zweifeln, statt auszuteilen, und die hören Nils Frahm und nerven fast so sehr wie die Idioten. Warum kann nicht alles so cool sein, schrieb ich Hannes über diese EP irgendwann kurz vor dem Konzert im SO36, und das ist meine Meinung. Musik über den Schmerz des Verlierers der Jugend, der Stadt, der Welt. Ende des Jahrs, Ende der Dekade, immer noch hier, raus raus.

  • Boy Harsher – Country Girl EP (Ascetic House)

    Schließlich: bei aller Tiefe und Bedeutsamkeit der Musik dieses Jahres, bei aller Komplexität und Raumwahrnehmung, Technohalluzination, Welterfindung, die ganze angriffslustige Freude an Auseinandersetzung – gegen die exzeptionell gut gemachten Wave-Repliken von Boy Harsher war ich machtlos. Meiner Lust an brachial doofer Affirmation habe ich weiterhin wenig entgegen zu setzen.

    Ich habe die Diskographie dieser Gruppe 2019 häufiger gehört als jede andere Musik. Die ausgedachte Düsternis (Yr Body is nothing), die viel zu gut programmierten Quincy-Jones-Basslines (Morphine, vermutlich der beste Popsong, den ich in diesem Jahr gehört habe), die arg übersexte Stimme von Jae Matthews (Westerners), all der Hall auf allem, das ewige cinematische Autogefahre (Run), der schwarze Sonnenschein – es macht schlicht zu großen Spaß. In dieser Hinsicht verhalten sich Boy Harsher zu den tatsächlichen Protagonistinnen und Protagonisten der eurozentrierten Synthwaveszene der frühen 1980er Jahre wie die inzwischen sprichwörtlichen Buzz-Rickson-Repliken zu den echten Fliegerjacken, die in 1950er Jahren in Japan verblieben: Das ist alles viel besser und auch darum kein bisschen so bedeutsam wie die Originale.

    Aber: Ich weiß nicht, wie viele Male ich in diesem Jahr zu dieser Musik Code schrieb, durch die Nacht nach Hause ging, gute Ideen hatte, aufgeben musste. The life needs to be lived, notierte ich im September in München. Das ist nicht leicht zu sehen, zumindest nicht für mich. Boy Harsher versetzen mich in eine Stimmung, in der ich dazu in der Lage bin. Beach Goth for life.

Weiterhin bedeutungsvoll, häufig gehört und hängen geblieben: TR/ST – The Destroyer 1&25, Messer – Anorak 7″, Pessimist – s/t, Wax – 70007, Demdike Stare – Passion, Topdown Dialectic – Vol. 2, Galcher Lustwerk – Information, Belgrad – s/t, Martyn – Odds against us, Hiro Kone – A Fossil begins to Bray, Pom Pom – Untitled (2019)


  1. Halbwegs nach Zumthor: Dimensionen und Materialien, Licht, Luft und Klang. ↩︎

  2. Aus einem Gespräch mit Yagasaki Zentarō, aus der exzellenten Interviewsammlung Die Lehre des Gartens↩︎

  3. Meine Überzeugung, dass es wichtiger ist, wie die Dinge gesagt werden als was gesagt wird, führt nicht selten zu Missverständnissen. Mit Einerseits völlig normal/andererseits a fucking tragedy ist wirklich restlos alles erklärt bevor die Worte überhaupt im Gehirn angekommen sind. Ich verdanke dieser Sprache viel, emotional und für’s große, ganze Weltverstehen. ↩︎

  4. Und – echt – die Melancholie der Standorte↩︎

  5. Music to dance and cry to. Wichtig und schön, aber leider auf Albumlänge nicht auf dem Niveau des ersten Albums↩︎

It’s remarkably silent as we slowly cross Beethoven Street. I ponder the gradually passing shadows and whether they are the most real thing I’ve seen today. Dry-clean smell permeates this black Kia Optima. We keep inching along Culver. Finally, the freeway sprawl, in front of us. I servo down a window in anticipation – only to find the freeway packed with the afternoon jam, and myself in stasis again.

Jon said that Uber has put a layer on top of the city, opened it up. It provides no freedom, replacing one rigged system with another. New economics, but no new access (economics newer create new things). Nothing improved, it’s a stall, sideways momentum. My driver is a quiet, chinese man, entirely clad in beige. He puts a Muji tray of caramel sweets on the handrest. I take one and never eat it.

Under the street lights, a Volkswagen Passat stops to pick me up. Its interior smells of industrial strawberries, the stereo playing progressive sidechain arpeggios. There is a moody iridiscent sliver in me that enjoys how well this music matches the ride, the nighttime tunnel flow. We are traversing the dark city in an almost meditative state. Gasoline Zen, I post to Twitter.

The music selection is an integral part of every ride, in a very different way than during Berlin Taxi rides. American radio stations somehow seem to have access to a deeper archive of 1980s rock classics, inacceptable music that seems strangely adequate in Californian air. Toto, Stones, The Wings, they all seem to complete a cliché that may be more real than the actual city.

Thomas is driving me. He is in a palm tree-patterned daishiki. He is listening to The Wave radio at full volume, some black-eyed R’n’B, and keeps humming along. The ever-present industrial strawberry smell mixes with his vanilla perfume. All of this is highly pleasant.

This one blasts trap beats, the stereo’s volume perfectly tuned. As the sun casts soft shadows onto my ankles, I notice yet another variant of the faint dry clean/dried fruit scent that I am unable to place (this country’s olfactory industry has long since emancipated itself from the limited selection of fruit available on earth, I scrawl into my notebook). The car is en route to Los Feliz, where I’d like to visit Ennis House, and stare at the cityscape in dusk and sun. On Glendower Avenue, the door closes and the Prius hums away. I remain by myself on a steep road, next to a vaguely Aztec structure.

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