electricgecko

November

Unfähig irgendetwas als etwas anderes als Arbeit zu betrachten. Arbeit als Gemütszustand, als Weg, sich Dasein zu erlauben. Die Welt in Arbeit auflösen, die Welt als Arbeit einrichten. Arbeit und die Fragen: Ist es zu verantworten, jetzt nicht zu arbeiten? Wie lange kann man dann leben ohne dass das Universum hereinbricht und Tribut fordert? Ist es ein Katholizismus, der die Daseinsschuld aufgewogen wissen will? Protestantismus, der die Verweigerung des Lustprinzips zur Lust erklärt?

Es ist eine List (um sich zu umgehen), etwas großes in den Weg der Arbeit zu räumen, etwas das ihr ähnlich sieht, das stärker an ihre Rezeptoren bindet. Das sie besetzt und auslaugt, bis sich eine mittlere Intensität über alles legt und der Atem zu hören ist.

Und meine Unfähigkeit, Arbeit, wenn sie getan ist, als Triumph zu begreifen, sie auszustellen und davon zu erzählen. Allenfalls kann sie eingetragen werden in die Liste Getaner Dinge, aufgeführt im Resümee. In jedem Fall schnell vergessen und durch neue ersetzt, die Arbeit in Zeiten der Pest. (London)

September

View from Ennis House

Basis: Eine gewisse Sachlichkeit des Ausdrucks. Diese Musik ist konstruiert, sie folgt Regeln, sie nimmt sich zurück. Jeder Track ist ein System, und Spannung entsteht aus dem Durcharbeiten seiner möglichen Konstellationen. Gegenüber anderen Dial-Releases (inklusive seines eigenen Debütalbums) wirkt Efdemin hier kühler, mit größerem Interesse an Raum und Bau als an den Menschen. In dieser Hinsicht könnte das hier auch die dritte Auskopplung aus Chicago sein, dem Meisterwerk.

Herz: Diese ausbalancierte Unruhe, Drive spürbar vorhanden, aber gedämpft, als fände die eigene Wahrnehmung im Nebenraum statt. Jeder der drei Tracks nimmt eine Abfolge verschiedener Formen an, um schließlich auf befriedigende Weise die Dramaturgie zu schließen. Die kinetische Energie bleibt über drei Tracks erhalten.

Kopf: Alles klingt nach europäischer Moderne, vielleicht sogar universell, zumindest soweit man sich 2005 noch einreden konnte, dass es das gibt. Musik für Züge und Nächte, Fineliner-Musik, Musik zum Denken. Kammermusik für hohe Räume. Alles ohne Untermalung zu werden, belanglos oder falsch. Shout out if you listen to this in 2020.

Aufgeschrieben zu Efdemin’s Bruxelles 12″, deren Erscheinen ich erst 15 Jahre später mitbekommen habe. Ich bin mir allerdings sicher, zu Baumgartnerhöhe (Copy) in irgendeiner Nacht Drinks an der mit weißem Kunstleder gepolsterten Bar des Turmzimmers bestellt zu haben.

Ich hege eine gewisse Zuneigung an das Zurückkehren, an den zweiten Blick auf einen Ort. Markiert der erste Blick einen Punkt, das Eintreten des Neuen, beschreibt der zweite Blick eine Strecke: Sie schließt ein psychologisches Dreieck zwischen der ersten Wahnehmung, dem zurückgelegten Weg und dem zweiten Besuch. Erst das Wieder-Erkennen eines Ortes stellt eine Relation her, die über bloßes Betrachten hinausgeht1. Einmal irgendwo gewesen sein bedeutet nichts. Zurückkehren bedeutet alles.

Ich habe Oporto häufig besucht, einige Male der Liebe und der Arbeit wegen. Ich kehrte zurück wegen Álvaro Siza, Serralves, der Topographie und der Bruchteile verwitternden Grandeurs. Schließlich wegen des seltenen Verständnisses: Diese Stadt ist mir zu eigen. Da ist eine Version dieser Stadt für mich, und eine Version von mir für diese Stadt.

Oporto hat in den letzten zehn Jahren eine beständig wiederkehrende Rolle in meinem Leben gespielt, leise und absichtslos2. Ich werde nun also eine Zeit dieses an Zeiten nicht eben armen Jahres dort verbringen. Ich bereue, das Neubauten-Konzert in der Casa da Música um ein Jahr zu verpassen. Ich freue mich auf all die Aussicht, und die Nacht in der Straße. Ich erinnere mich an den Text über Xmal Deutschland, den ich in der Nacht an der Kammer am Fluss schrieb, und an den Tag danach, die Hallen von Campanhã. Mehr, eine entschiedenere Linie beschreiben.


  1. Ich neige dazu, signifikante Wege in Städten immer wieder zurückzulegen. Vermutlich ist es der Versuch, durch das Überlagern ganz verschiedener psychologischer Zustände und sich verändernder Orte eine Linie zu erzeugen, die aus großer Ferne sichtbar bleibt: Markierung und Verbindung von Raum und Zeit und Selbst. ↩︎

  2. Überrascht stelle ich fest, dass ich das vor sieben Jahren bereits ähnlich sah. Es ist irritierend und kostbar wenn sich Dinge meiner Entscheidungswut widersetzen. ↩︎

Juli

Interestingly, the contemporary focus on mood and vibe implies a certain speechlessness, or lack of articulation. The refusal of putting a context, a thing into words is the refusal to dissect it, which is the refusal to thoroughly understand it. Accepting a mood in this way (that is, to vibe with it) reflects the desire to interact with its context without letting it permeate one’s perceptive being. Vibing with (instead of understanding) situations is easier and requires less cognitive ressources – perception is delegated to layers closer to the biological firmware. Despite its emotional entanglement, it seems to allow more wide-ranging acceptance of varying contexts and – presumeably – easier engaging and diengaging with both aesthetic and social situations. It is, probably, adequate adaptive cognitive behaviour.

Juni

Es ist natürlich so eine Sommersache, alle WAX-Releases in Reihenfolge zu hören, und dann noch mal shuffle, an einem Tag, an dem der Wind durch die Wohnung geht und alle Räume offen sind. Das bemerkenswerte an Shed-Musik ist, wie singulär, unmittelbar lesbar, komplex und vielfältig sie ist. Sie ist der bemerkenswerte Fall des ein-Personen-Genres. Shed macht Shed-Musik: Floor-Shed, Dub Shed, Mood-Shed, Break-Shed, Shed-Shed.

Fortwährende Arbeit am Material, Forschung und Entwicklung, Freilegen immer neuer Facetten einer Musik, die unbregrenzte Freiheit innerhalb eines festgelegten Regelwerks findet. Wie ein Bildhauer, der ablässt und wiederkehrt. René Pawlowitz leistet serielle Arbeit, die in ihrer Gesamtheit ihren vollen Ausdruck erlangt.

Im Dezember schrieb ich über die kristalline Form von Shed-Musik – in diesen Tagen höre ich das andere Ende ihres Spektrums: WK7-Releases, Distance Dancer, Hoover, WAX6006(A). Gleiches Material, verschiedenes Resultat. Diese Tracks sind hart, klar, smooth und direkt, die Fortsetzung von Basic Channel mit anderen Mitteln, und nicht selten mit Gewalt. Der Sommer ist schön.

  • WAX – WAX60006, 12″, WAX, 2018
  • WK7 – Do it yourself, 12″, Power House Records, 2017
  • Distance Dancer – s/t, 12″, The Final Experiment, 2020

Mai

Versuch, über Environment zu schreiben, die 2019 erschienene LP von My Disco. Es ist ein Album, das die Prinzipien und den Sound der Gruppe weiter zu komprimieren versucht – und sie dabei splittern lässt, wie es extrem harte Dinge naturgemäß tun.

Ruhe, nicht zu verwechseln mit der Abwesenheit von Masse und Momentum: Die stete Flugbahn eines schweren Objekts am Himmel, der lautlose Beginn einer Lawine. Energie, die mit keinem Sinn wahrzunehmen und dennoch spürbar ist.

Reduktion, Entfernen um das Verbleibende zu betonen: Die entscheidende Bedeutung der Abwesenheit von Architektur in Tadao Ando’s Sayamaike Museum in der Nähe von Osaka. Die unerträgliche Dichte der Leere in dieser Musik1.

Handlung, sich zu entschließen, in den Lauf der Welt einzugreifen: Environment befasst sich mit der Konzentration vor der Handlung. Keineswegs mit dem Zögern oder Überlegen, sondern mit dem Abwarten des richtigen Zeitpunkts. Schließlich: Die gemessene Handlung, den Raum abschreiten, einen Satz abschreiten, in Musik. Do I do enough?

Environment, die umgebende Welt: Ein treffender Titel für eine organische Industrial-Platte. So nah am Körper, zugleich auf sein Verhältnis zum Draußen bezogen (Forever, Equatorial Rainforests of Sumatra).

_This is temple music_, notierte ich vor zwei Monaten, unter dem Eindruck von Rival Colour, dem entscheidenen Track auf Environment. Es ist eine Musik, die Wahrnehmung und Körperhaltung verändert, wie das Betreten eines monumentalen Bauwerks oder eines alten Gartens. Während sie gehört wird, ist jeder Gedanke durch ihre Atmosphäre gefiltert. Jede Handlung trägt ihr Gewicht, its measured intensity, its rigour and concentration. Its all-leveling truth.


  1. Der dringende Wunsch dieser Gruppe, hier und jetzt nicht zu existieren, aufzugehen in konzentrierter Musik., schrieb ich auf während des My Disco-Gigs beim Atonal 2019. ↩︎

Frei Otto’s silent membrane and steel slopes woven into the grassy hills of Olympiapark are reminders of an optimistic time, of the idea that opposites could meet through the measured hand of engineering and design. An industrialized culture remembering its origins, the signifiers of which are never far in Bavaria. Organic spiderwebs made from steel and glass and concrete mimic the valleys and woods that were left behind.

While there is elegance to the engineering, and the optics are pleasing, the structures never achieve their goal of appearing unforced and natural. The park and its architecture appear sculpted without context. In an attempt to create something like nature, a sanitized spirit of nature, the sheer amount of force applied by its creators remains perceptible. Where the Japanese practiced bowing and weaving with the leaves and shrubs and moss for centuries, the germans knew only execution. All plans executed, no goals achieved.

März

Die undifferenzierte/nicht-dychotome, unabschabschaltbare Arbeitsfähigkeit (und ihr endlose Arbeitswille) der Algorithmen reflektiert die entscheidende Eigenschaft des Kapitalismus, die ihn über alternative Organisationsformen hat triumphieren lassen: Der Einschluss der Verneinung. Wenn es nicht um eine Leitdifferenz geht/wenn es nicht um Inhalte geht, sondern um Effizienz, ist auch Kritik in erster Linie eine Ressource für wirtschaftlichen Erfolg. Die Ablehnung des Kapitalismus zu einem vermarktbaren Produkt zu machen ist die rekursive Auflösung jeden Widerspruchs durch Einschluss in die Effektivitätslogik. Dass der Kapitalismus, und in seiner Folge der Algorithmus, seine eigene Verneinung einschließt (Abstand nehmen vom Algorithmus heißt, ihm rückschlussfähige Daten zur Verfügung stellen, man kann nicht nicht kommunizieren, man kann nicht nicht gelesen werden), ist der Grund für das Ende der Geschichten und Diskurse, und, in mittelbarer Folge, dem Rückzug ins Immaterielle und dem Beginn des Raubbaus an der letzten existierenden Ressource: Bedeutung.

Clothes as metaphysical objects, examined from two distinct angles. Groundwork towards a theory of my lifelong fascination.

01

The aesthetic perspective is rooted in communication. Garments of considered proportions and construction promise desireable narratives, ressources for cognitive dissonance, encapsulated, architectural, modular mini-worlds to place inside your reality. While escapistic in some sense, the aesthetic angle faces outwards, reflecting the world.

02

The fetishistic perspective is an entirely pragmatic one. Its fascination lies in the item as artefact, the detailed aspects of its construction and finishing. It aims to study obsessively, to examine every aspect of the object at hand, the imagineable universe around its constructive qualities. The fetishistic angle faces inwards, it concentrates on the object and the lessons it teaches.

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