electricgecko

Dezember

Veränderung wahrnehmen bedeutet Zeit zusammenpressen. Mehrere Ereignisse als miteinander verbunden interpretieren und sie auf eine Zeitachse abtragen, ein neues Ordnungskriterium einführen, taggen. Bevor das Hirn Ereignisse auf diese Weise verbindet, gibt es einen interessanten Moment, in dem zwar ihre Position in der Raumzeit klar markiert, aber das Tragwerk ihres Zusammenhangs nicht konstruiert ist. Es mag mit diesem Gedanken zu tun haben, dass meine Platten des Jahres zu großen Teilen mit Verortung und der präzisen Gestaltung eines Settings befasst sind. Es sind Alben, deren inhaltlicher Einfachheit ein überbordendes Materiallager an Kontext gegenüber steht: Fiktive Orte, Stimmungen, tastende semantische Anordnungen, provisorische ästhetische Vorschläge.

Auf diese Weise haben mich diese fünf Platten begleitet, auf den Reisen und Transformationen des Jahres. Poetry is how you fight it (Claude Draude), I guess.

  • Blixa Bargeld & Teho Tadao – Still Smiling

    Ein zweites Album, auf dem Blixa Bargeld nicht als Spiritus Rektor, sondern als Verwerter von musikalischen Vorschlägen auftritt. Nach elektronischen Stimmexerzizien mit Carsten Nicolai (als anbb), nimmt er nun die Angebote des Theatermusikers Teho Tadao auf inhaltlicher Ebene an. Das Ergebnis ist eine Suche nach Worten, so vielgestaltig und verweisreich, dass sie ab der Mitte des Jahres eine Vielfalt von Kontexten auskleidete. Es fällt mir schwer, die Wege durch die Nächte dieses Jahres ohne die schwebende Universalität von Nocturnalie vorzustellen. Schließlich war der Auftritt von Blixa Bargeld im Kampnagel einer der versöhnenden Momente im Jahr 2013. Klugheit und Schönheit existieren, und es hat Wert, für sie einzutreten.

  • The Black Dog – Music for Real Airports

    Eigentlich müsste ich an dieser Stelle Radio Scarecrow gleichberechtigt nennen. Denn es ist der grundsätzliche musikalische Entwurf von The Black Dog, der die Erwähnung in dieser Liste notwendig macht. Doch wie beschrieben – in erster Linie war es der Moment der Reise, mit allen Leerstellen und Brüchen, den The Black Dog auf so vollkommene Weise formuliert haben. Case in Point: Das Geräusch des analogen Besetztzeichens, aus dem sich der Beat von Sleep Deprivation 1 schält – oder ist es ein Irrtum, nach der fünften Stunde in der Abflughalle oder einem vergleichbaren nicht-Ort des Reisens?

  • Kangding Ray – The Pentaki Slopes

    Schließlich lautet das Genre des Jahres 2013: Techno. Unverstellt, mit größtmöglicher Aufmerksamkeit für Atmosphäre, Stimmung, Licht und, ja, Ort. Zusammengenommen ergeben diese Dinge im besten Fall einen konsequenten Narrativ, der parallel zum eigenen Erleben verläuft. Auf keine Veröffentlichung dieses Jahres treffen diese Gedanken mehr zu als auf diese EP von Kangding Ray. Geteilt in Aufstieg, Plateau und Abstieg entwickelt sie ein unnachgiebiges Momentum. Wohl auch wegen dieser kinetischen Energie ist diese eine meiner liebsten Platten für lange Zugfahrten und Fußwege durch die windige Stadt im Norden. Ich fand im März bereits bessere Worte.

  • Miles – Unsecured

    Unsecured, das ist zunächst einmal die EP, auf der Miles einen Track namens Plutocracy veröffentlicht hat – und allein dafür muss sie Teil dieser Aufzählung sein. Die Langsamkeit und Tiefe, der ungeheure Nachdruck, die vollkommene Konsequenz dieses Tracks war einer meiner eindrücklichsten Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit Kunst in diesem Jahr. Hi-hat, Baseline und der pechschwarze Rauch hintergründiger Atmosphäre erzeugen ein derart dichtes Bild, dass ein tiefes Gerüst verbauter Breakbeats beinahe unbemerkt bleibt. Ich nenne Plutocracy jederzeit als eines der besten Stücke Musik der letzten Jahre, und das jenseits aller Genres. Die Tatsache, dass Blatant Statement, Technocracy und vor allem Infinite Jest jeweils genau zutreffend betitelt und ebenfalls unglaublich gut sind, separiert diese Platte nur noch weiter vom Umfeld ihres Genres.

  • Kareem – Porto Ronco

    Ich habe keine Worte für diese Platte. Seit sie mir im Januar dieses Jahres in die Hände fiel, habe ich damit gerungen, sie einzuordnen, Bezeichnungen für meine eigene Resonanz auf diese Musik zu finden. Ohne Erfolg; Porto Ronco ist ein singuläres Release. Ein Track, 44 Minuten und 44 Sekunden lang. Eine Bewegung durch alles hindurch: Architekturen, entlang von Orten und Ereignissen, durch Geräte, Gewerke, Drones, Flimmern, statische Spannung, rekursive Strukturen. Dabei ist Porto Ronco gleichermaßen bedeutungsoffen und hyperpräzise, voller Verweise, ohne jeden Anschluss. Ich habe seit zwölf Monaten nicht damit aufgehört, diesen Track zu hören. Und ich bin sicher, dass dieser Zustand für eine lange Zeit anhalten wird. Dieses ist meine Platte des Jahres, und sie ist die Platte dieser Zeit und dieser Orte1.

Weiterhin relevant: Dadub – You are Eternity2, The Black Dog – Radio Scarecrow, Makeup and Vanity Set – 88:88, Kareem – Mesmer, Zomby – With Love, Demdike Stare – Test Pressing 003, Shigeto – No better Time than now, TM404 – TM404


  1. Es sollte mehr als eine Fußnote sein, dass Kareems Label Zhark viele der essentiellen Tracks dieses Jahres veröffentlicht hat – und zwar in den meisten Fällen bereits Mitte der neunziger Jahre. Ich sollte die Hip-Hop-Produktionen Kareems erwähnen und noch so viele Dinge aus einem frühen Zustand des Berliner Kosmos mehr. ↩︎

  2. Hätte ich etwas weniger Freude an sinnloser Konsequenz – diese Platte hätte die sechste meiner Liste sein müssen. Bei Discogs↩︎

Musik als Zustandsbeschreibung, wieder und wieder, auch zum Ende des Jahres 2013. Weil zum Lesen keine Ruhe bleibt, weil zum Aufschreiben keine Zeit bleibt. Um so schöner, sich inzwischen seit Jahren darauf verlassen zu können, das jeweils aktuelle Jahr (wer zählt noch einzelne Jahre?) ab Mitte Dezember als vorzügliches Musikjahr zu empfinden. Es bedeutet formale Passung, oder die Sensibilität, diese nach wie vor herstellen zu können.

Case in Point: Prurients EP Through The Window, deren Titeltrack und die B-Seite You Show Great Spirit zwei Beispiele für diesen langen und langsamen Narrativtechno sind, den dieses Jahr erfordert. In je über zehn Minuten verfaltet Dominick Fernow Lage über Lage dichter Atmosphäre. Themen, Vocals und Sounds erscheinen und verschwinden im Dub, verhallen im lichtlosen Grundrauschen. Phasenweise befreit sich die vier aus den Flächen und Filtern, sie vertreibt den Nebel, ihre Kraft und das schiere Momentum unwiderstehlich. So zu erleben nach dem Drittel von You Show Great Spirit.

Es ist keine monumentale Veröffentlichung, nicht die Begründung einer Stilrichtung, noch keine Wende. Aber Through The Window ist ein Release, das nicht besser in den verhalten beginnenden Winter 2013 passen könnte. In seine Zugfahrten, die Fußwege in der Dunkelheit und die Durchhalteparolen an Hamburgs Wänden.

Oktober

Die Idee der reinen Form, also auf sich selbst bezogene Ästhetik, ist ein unterhaltsames Klischee der Designmythologie (aber bitte nicht mit „Kunst“ zu verwechseln). Es ist eine äußerst entspannende Tätigkeit, Fragen nach dem was mit einem wie zu beantworten. Also inhaltliche Fragen mit formalen Antworten zu versehen – nicht zuletzt, weil diesem Maneuver selbst eine gewisse Eleganz innewohnt.1 Um Kopfschmerzen am nächsten Morgen zu vermeiden, ist es darüber hinaus eine gute Idee, entsprechende Entwürfe von vornherein vom Anspruch auf Dauer zu befreien. Kunst des Verschwindens.

Ich meinem Kopf verwende ich seit einigen Jahren den Begriff des Pavillons, um Gestaltung, Gedanken und haltloses Fabulieren in diese Richtung zu benennen. In der Architektur ist der Pavillon eine maximal bedeutungsoffene Struktur. Er kann beliebigen Zwecken dienen oder nicht-dienen, seine Gestalt hat keine essentiellen Elemente. Sein späteres Verschwinden ist Teil des Plans. Der Pavillon ist die Lösung eines Problems, das (noch) nicht existiert, er ist in jedem Fall progressiv.

Im reißenden Bewustseinsstrom von Hans-Ulrich Obrist gibt es eine schöne Beschreibung dieses Gedankens (April Lamm [Ed.], Everything You Always Wanted to Know About Curating):

I think the most underrated aspects of architecture’s presence are pavillons and exhibition design. […] What’s interesting is that these ephemeral, nonpermanent architectures throughout history have very often created a lasting effect and contributed to the discourse of architecture. […] They become part of the canon and push the envelope of what architecture can be. […] Exhibition pavillons in the twentieth century acted as sites for the incubation of new forms of architecture that were sometimes so shocking original and so new that they were not even recognized as architecture at all.

Es sind mehr Pavillone zu bauen. Stilisierte Gebilde, geschichtet um eine leere Mitte. Gleichwohl nicht ohne Sinn, aber ohne unmittelbaren Sinn. Übungen für zukünftige Probleme. Eine Tätigkeit wie ein Dojo, das man besucht, um Kraft zu gewinnen. Ein Raum, in dem das Prinzip des Samurai Yamaoka Tesshū für kurze Zeit erreichbar ist – no-sword, no-enemy, purity of style is all that is needed.


  1. Derlei sind wiederum recht nah nah an der japanischen Idee Oku, die die Leere als idealen Kern für elaborierte Entwürfe begreift. ↩︎

Ich habe häufig von meiner Reise nach Japan erzählt, in den letzten Wochen. Mal kurz zwischen zwei Getränken und auch in rekursiver long form, die Selektivität und Gemachtheit der eigenen Erfahrungen ins Licht rückt. Aufgefordert, meinen Eindruck des japanischen Zustandes auf eine Pointe hin zu besprechen, sage ich: Alles sei considered. Also Plan- und absichtsvoll erdacht und anschließend ebenso umgesetzt – Bars, Dienstleistungen, Sitzgelegenheiten, Clubs, Kleidung, Rückzugsorte, Nahrungsmittel. Diese und viele andere Dinge sehen fantastisch aus und funktionieren exakt wie sie sollen.

Gemeinhin trinken die Zuhörer dann von ihrer Limonade. Ob das nicht furchtbar rigide sei, also nicht auf natürliche Weise gut, aus der freien, kreativen Natur der Menschen heraus? Sondern das Produkt reißbrettartiger Kreativität, also unlocker und damit klaustrophobisch ihre eigene Schönheit verneinend? Absichtsvolle Schönheit hat einen schlechten Ruf.1

Nein, absichtvolle Gestaltung und präzise Exekution sind keine Makel. Das gilt für die Schönheit tokyoter Stadtplanung, es gilt für grafische Gestaltung, für die Einrichtung von Bars und es gilt – wie immer alles – auch für Musik. Ich habe den Punkt überschritten, an dem ich gutes Sounddesign gutem Songwriting vorziehe. Relevante Musik muss Raum und Licht und Zeit definieren, und zwar ultrapräzise unterscheidbar. Situationen sind interessanter als Geschichten.

Folgerichtig bestimmen zwei ältere Alben von The Black Dog mein Reisen, Leben und Arbeiten in der zweiten Hälfte des Jahres 2013. Music for Real Airports auf meiner Reise gen Osten und durch die Wartehallen von Dubai und Narita. Und Radio Scarecrow, das Magnum Opus der Produzenten-Boyband. Beide Platten markieren Wegpunkte zwischen Musik und vertonten Situationen, Präzise Syntax/diffuse Semantik.

Radio Scarecrow ist ein Musik-Album, auf dem die Hits orthogonal zu den Tracks verlaufen. Beim Skippen sind sie plötzlich unauffindbar; sie offenbaren sie sich nur als Teil der gesamten Arbeit. Einer der besten Parts der Platte verläuft irgendwo zwischen Short Wave Lies und Siiiipher (und von dort weiter zu Digital Poacher), ohne dass es beim Anspielen der einzelnen Tracks nachvollziehbar wäre. Nichts funktioniert ohne seine Umgebung.

Auf Music for Real Airports widmen sich The Black Dog schließlich vollends der Muzak, wie vom Titel impliziert. Es ist die Vertonung der Reisesituation, das Sound-Äquivalent zu Alain de Bottons The Art of Travel. Die LP wird bestimmt durch eine strukturierte Indexierung und Bearbeitung von Situationen. Es sind die Augenblicke und Nicht-Orte des Reisens, und zwar jeweils samt der ihnen eigenen Paranoia. Die fiesen Vibes des Unterwegs-seins werden nicht ausgeblendet, sondern effektvoll eingesetzt. Es handelt sich um zudringliches, ganz und gar diesseitiges Sounddesign – ein freundschaftlicher Stoß in die Rippen von Brian Enos fabelhaftem Nullkontaktutopia.

Radio Scarecrow und Music for Real Airports verweigern die Ausformulierung, das endgültige Aussprechen im Einzelnen zugunsten der Atmosphäre, der Verortung, der präzisen Gestaltung eines Settings. Sie sind Alben der Post-Album-Ära. Sie sind Orte, sie sind Zeiten, sie sind Erlebnisse.


  1. Nein, ich kann keinen Makel daran erkennen. Qualität ist wichtiger als Spontaneität. In der Kritik an wahrnehmbarer Gestaltetheit schwingt allzu häufig die bürgerliche Furcht vor Schönheit und Klasse mit; die Angst, ein zu schönes Café oder ein zu anspruchsvolles Geschäft zu betreten. Wird darauf hingewiesen, liegt eine Diskussion des leidigen Begriffs der Authentizität nicht fern. Und die ist ein probater Weg, sich gegenseitig den Abend zu ruinieren. ↩︎

August

Der Reiz der fotografischen Auseinandersetzung mit einem Ort, einem Ereignis, einem Ding ist ihre Direktheit (nicht etwa die Unmittelbarkeit!). Sie ist die Grundlage des iconoclastic Turn und dem, was danach kam. Live-Selbstverortung, Live-Kontextualisierung und der Semiotisierung des Bildes: Ich nehme wahr und beweise damit, dass ich XYZ kenne/besitze/verstehe/zu fühlen in der Lage bin.

Das ist alles prima, und ich wäre ein schlechter Vertreter meiner Arbeit, würde ich nicht daran glauben und teilnehmen. Für meine Reise nach Japan hatte ich das Bedürfnis nach einem weiteren Kanal dieser Art. Allein: es gibt so viele, und sie ähneln sich.

Etwas weniger Direktheit wäre schön. Ein Medium, das ich schlechter kontrollieren kann, das weniger zur Semiotisierung taugt, etwas, das oszilliert. Mit meinem Flug gen Osten beginne ich also einen Kanal namens Calabi-Yau.

Calabi-Yau

Calabi-Yau is a sonic journal. It documents my journey to Japan (at the age of thirty) through a series of field recordings. Each point in spacetime radiates its own complicated topology.

Der letzte Satz ist der entscheidende. Mich interessiert die Zuordnung von Sounds zu Orten1 (darum der Name), und zwar eher solchen der individuellen Psychogeografie als solchen, die mit Gradzahlen und Datumsangaben zu bestimmen sind. Keine Motive, nur Staub und Rauschen.


  1. Eigentlich der Raumzeit, aber das liest sich schlecht. Zum Thema siehe auch dieses↩︎

Juli

Dieses ist das Jahr in dem ich nach Japan reisen werde. Ich werde dreißig Jahre alt sein, wenn mein Flugzeug in Tokio landet, ich werde einen missglückten Versuch hinter mir haben, diese Reise anzutreten1. Ich bin kein sentimentaler Mensch und glaube nicht an Bestimmungen, Schicksal und ähnliche Kausalvereinfachungen. Aber ich habe mich hinreichend mit den Orten und Zeiten des Landes auseinandergesetzt und bin überzeugt, dass Japan bedeutsam und transformierend sein wird, un Rite de Passage.

Ich werde einige Tage in Tōkyō verbringen, mich in Daikanyama, Ginza und Harajuku verlieren. Dann werde ich einen Shinkansen nach Kyōto und weiter nach Ōsaka nehmen, um schließlich mit einer langsamen Bahn und einer Fähre einen Kai in Naoshima zu erreichen. Abgesehen von Tōkyō weiß ich keinen Ort auf der Welt, den ich dringender besuchen möchte.

Es fällt mir schwer, das Endes des Monats August abzuwarten. Ich kann es nicht erwarten, meinen Blick auf diese Orte und Konstellationen zu richten, meine Ausgabe von Yukio Mishima’s Kinkaku-ji an seinem Schauplatz zu lesen. Mirror-world, here I come.


  1. 2011 erfuhr ich in New York vom Reaktorunfall in Fukushima und stornierte alle Buchungen für Flüge, Hotels und Züge im Fenster meines Hotelzimmers in Manhattan stehend. ↩︎

Juni

Ein Text über die letzten beiden Releases auf Modern Love. Es mag das Alter sein, nachlassende Rezeptionsfähigkeit oder beginnende Ignoranz. Ich bin nicht mehr länger nur unwillens, sondern nicht in der Lage, mich mit der Musik auseinanderzusetzen, die größte Aufmerksamkeit und wirtschaftlichen Erfolg genießt. Sie ist mir zu hart, ihre Agressivität und Produziertheit überfordern mich. Sie verlangen strukturell wie inhaltlich nach spezifischen Reaktionen. Klanggestaltung und Performance dienen als Cues für den Abruf dieser – in spezifischer Abfolge und Wiederholung. Diese inhaltliche Rigidität und Härte macht mich fertig, innerhalb weniger Sekunden.

Dagegen: Musik, die sich auf den Raum bezieht. Nicht im im Sinne einer Zuordnung, sondern im Sinne eines Entwurfs. Plutocracy, die zweite B-Seite des neuesten Miles-Releases, ist ein solcher Track. Er markiert seine eigene Ausdehnung in der Welt auf klare, eindrückliche Art, er beschreibt den Rahmen seiner eigenen Performance. Plutocracy ist vermutlich das, was gemeinhin als harte Musik aufgefasst wird, doch alle Rigidität und Härte liegen im Sound, sie sind notwendig zur präzisen Vermessung der Oberfläche. Im Inneren ist Raum für Ambiquität, Deutungsoffenheit. Von Musik wie dieser geht große Ruhe aus, ihre Brachialität und Langsamkeit lässt Luftholen zu, und Ablehnung und Überlegtheit.

Dagegen: Musik, die sich auf Momentum bezieht. Dyslogy, ein Track, der Demdike Stare eindeutiger auf den Floor orientiert als sämtliche Releases zuvor. Dyslogy ist ein immersives Erlebnis – gebaut aus perkussiven Spuren, verwoben und geschichtet auf einem Jungle-Gerüst, allein das Wort schon. Wäre der Sound der Toms nicht so haargenau richtig und würden sie nicht erst bei 4:01 einsetzen – es wäre alles vergebens. Auch dieser Track wäre ohne seine Konzentriertheit und Rigidität weniger bedeutsam. Er schafft ein Momentum, physischen Vortrieb für jede Assoziation und jede Frage. Auch dieser Track fordert keine Reaktion zu keinem Zeitpunkt.

März

Der Winter hat sich festgebissen, in diesem Jahr. Einige Lagen dicht gesponnene Wolle bleiben zwischen mir und der äußeren Welt. Der Wärme wegen, sicherlich, aber auch, um innen Raum für ein anständiges Whiteout und bessere Kälte zu schaffen, die der Halbjahreszeit gerecht wird. Einen Ort, der nicht treffender zu benennen ist als mit The Pentaki Slopes. Die asymmetrischen Steilhänge des Pentaki. Aufstieg/Abstieg.

Ich bin Kangding Ray – der 2011 bei raster-noton eines der besten Alben des Jahres veröffentlichte – dankbar, für diesen Titel und die Platte (ebenfalls: raster-noton), die ihn trägt. Weil sie in drei Tracks das Gefühl auf den Punkt bringt, auf Reisen zu sein, in lebensfeindlicher Umgebung. Sie beschreiben den Aufstieg, die gespannte Stille des Plateaus, den Abstieg.

Considered as the ultimate goal by both psychedelic gurus and database optimization corporations, and as an ideal retirement destination for a couple of lost souls in search for coherence and objectivity, the source diffuses endless loops of haunted voices, apparently sampled from a discarded call center, running low on power, encouraging listeners to shorten cycles, deliver requests and improve user experience.

Die drei Zustände sind hypnotisch und atmosphärisch hochverdichtet. Sie strahlen Kälte, Anspannung und immanente Wärme aus, ununterscheidbar und zeitgleich, wie die ersten Momente einer Verbrennung oder Erfrierung. Tracks gemacht für Zugfahrten durch gefrorene Felder, straighter und unverstellter als der große Teil der Kangding-Ray-Releases. Grimmig, wärmend, wütend schritt ich voran.

  • Kangding Ray – The Pentaki Slopes. raster-noton. 10. Dezember 2012.

Allen Quantifizierungsbestrebungen zum Trotz erscheint mir nach wie vor Musik als das geeignete Medium, um Koordinaten des eigenen Lebens abzustecken. Eine Playlist, ein immer noch so genanntes Tape, ein Set – es sind Markierungen des Hier und Jetzt, im Wortsinn. Sie beschreiben einen Ort und eine Zeit, じくう, Raumzeit. Aus diesem Grund hole ich Rainfall, Revolve gern hervor. Darum notiere ich Tracks, die das Jahr gefüllt haben; zuletzt für 2012 und 2011, natürlich.

Auf Einladung von Freunde von Freunden habe ich einige Musik für die ersten beiden Monate des Jahres 2013 in einem Set verbaut. Es ist die Nummer 51, und sie ist – dank mangelnder Kunstfertigkeit und hinreichend Attitüde – angemessen roh geraten. Es ist eine Folge von Tracks, die dafür gemacht sind, in weiten Räumen gehört zu werden, raumgreifende Musik, sozusagen, auf die eine oder andere Weise. Um ihr meinen eigenen Titel zu geben: Das hier ist Rooms, hier ist der Soundcloud-Link. Enjoy.

Um besonders rohe Formate (YouTube-Videos, Bandcamp-Seiten) niederfrequenter Musik noch ein wenig schneller (sofort) als erinnerungswert zu markieren, habe ich in der vergangenen Woche SCHLUCHT gestartet. Mehr vom gleichen, mehr vom guten.

Dezember

Es bedeutet keinen Unterschied, ein bestimmtes Alter erreicht zu haben. Keine gestiegene Reflektionsfähigkeit oder größere Klugheit. Der Unterschied ist vielleicht, sicherer zu wissen, was man gelernt hat. Es bedeutet: Ruhig auf subjektive Wahrheit bauen. Niederschreiben. Dem Momentum folgen, in der Arbeit und in allem.

Es ist richtig, grobe Werkzeuge zu verwenden. Ideen nicht auszuarbeiten, sondern sie in einem rohen, unverzierten Zustand zu belassen. Schönheit nicht in der Ausarbeitung finden, sondern in Energie und Krassheit. Wach bleiben. An allem zerren.

Im Mission District (wo ich meinen Pullover fast verlor), in Porto, im Winter, auf dem Dach des Standard in Downtown LA, den Platz der Santa Maria Novella in Florenz betretend, verschwitzt im Sonnenaufgang, in Hamburgs obersten Stockwerk, über Zürich.

Intensität ist für mich immernoch [sic] der einzige akzeptable Wert. Eben weil alle anderen Werte Betrug sind. […] Stahl auf die Finger hauen, heiser zusammenbrechend schreien. Oder, pathosfrei und noch richtiger: Strip it, boost it. Musik aus dem Jahr 2012.

Winter

  • Adam Marshall – Chord Tracking (Remix MS)
  • Onra – One for the Wu (alternate Version with ODB)
  • Andy Stott – Night Jewel
  • Claro Intelecto – New Dawn
  • G.H. – Earth
  • Nosaj Thing – Light #1 (Take Remix)
  • Hyetal – Beach Scene
  • Hate – Darkcore
  • Scuba – July
  • Smallpeople – Kind of Green

Frühling

  • CFCF – Arctic
  • Das EFX – Mic Checka
  • John Roberts – Crushing Shells
  • Claro Intelecto – Reformed
  • Pachanga Boys – Time
  • Army of God – Salvation (Spaventi d’Azzurro Remake)
  • Einstürzende Neubauten – Meyou & Youme
  • Oskar Offermann – Drive me Home please
  • The Rolling Stones – Jumping Jack Flash
  • DMX Krew – East Side Boogie
  • Palisade – 18:30
  • Einstürzende Neubauten – Selbstportrait mit Kater

Sommer

  • The Hundreds in the Hands – Keep it Low (Andy Stott Remix)
  • The Sight Below – Life’s Fading Light (Pantha du Prince Remix)
  • Chet Faker – No Diggity
  • Scuba – Never
  • NZCA/Lines – Nazca
  • Quasimoto – Broad Factor
  • T. Keeler & Capablanca – Acido (Name in Lights RMX)
  • Ital Tek – East District
  • The Dharma – Plastic Doll (Instrumental Version)
  • JJ Doom – Guv’nor
  • Todd Terje – Inspector Norse

Herbst

  • Einstürzende Neubauten – Ich gehe jetzt
  • Studio – Life’s A Beach! (Todd Terje Beach House Mix)
  • Yør – Rushed
  • Steffi – Schraper
  • Jan Jelinek – They, Them
  • Fort Romeau – Kingdoms
  • Andy Stott – Luxury Problems
  • Reverso 68 – Piece Together (Todd Terje Spinning Star Remix)
  • Hate – Pretty Boys Don’t Survive Up North
  • Beacon – Feeling’s Gone (Fort Romeau’s Shibuya Edit)
  • Joy Division – Transmission (1980 Martin Hannett Session)
  • Andy Stott – Sleepless

Winter

  • Covenant – Void
  • Kreidler – Deadwringer
  • Einstürzende Neubauten – Redukt
  • Andy Stott – Edyocat
  • alva noto – uni rec
  • The Soft Moon – Zeros
  • Redshape – Kung Fu
  • K.Flay & Michna – LA Again
  • Jane – Slipping Away
  • The Soft Moon – Lost Years
  • Bauhaus – Dancing
  • Method Man & Raekwon — Meth vs. Chef

Es gibt eine Spotify-Playlist, der einige der besten Tracks fehlen.

Sets

Neuere Texte über Basic

Ältere Texte über Basic