electricgecko

August

Dark Flow, die Installation von Transforma im Untergeschoss des Atonal wird von ihren Urhebern beschrieben als as much an experiment in physics as it is a mystic shrine: Ein an- und abschwellender Strom dicker schwarzer Flüssigkeit läuft ein Betonmodul herab, das wenige Licht reflektierend, glänzend wie Chitin oder Maschinenöl.

Gegenüber der Installation spielte Acronym am Freitag ein Live-Set, das sich aus seiner neuen Platte (June) speiste – und seinem ästhetischen Kontext vollkommen entsprach. Das Schnittkreuz aus Mystik, Technologie, Natur und Industrie. Überaus interessant.

June beginnt in dunkler Natur, im schweren Wasser und mit dem Geruch nach süßem Tod; kondensierende Luft verfiltert die Sonne zu einer diffusen Scheibe. Ein Flussdelta in Laos zur falschen Zeit, so in etwa. Die ersten vier Tracks pulsieren und atmen, langsam und ölig. Sie vermitteln eine träge Schönheit, deren Subtext leise und deutlich sagt: lauf. Tiefer in das Herz der Finsternis.

Nach den massiven Drones von In the Swamp ist es schließlich Humid Zone, der den Zustand der Stasis beendet. Lähmende Parnoia schlägt um in Vorwärtsbewegung, und die eigentliche Dramaturgie der Platte beginnt. Die sorgsam entwickelte, organische Atmosphäre weicht der Präzision gerenderter Sounds. Der folgende Bogen von Centering über Realisation zu Back to Understanding dauert etwa zwanzig Minuten – und ist eines der hypnotischsten und kohärentesten Stücke Techno, das ich in diesem Jahr gehört habe. Jede Minute löst die überhitzte Atmosphäre der ersten Hälfte der LP ein. Die ungute Natur, sie ist nach wie vor vorhanden. In Fragmenten herauspräpariert und als Textur verbaut bestimmt sie die Stimmung dieser Tracks.

Schließlich die Auflösung. Tribal Drums, eine Enklave im tiefsten Dschungel, das Herz der Paranoia, die Erkenntnis. The Horror, the Horror (The Eye). Am Ende dringt das Licht hinein, direktes warmes Sonnenlicht und sauerstoffreiche Luft. Wir sind frei (Letting go of it all).

June ist eine cinematische Platte, die sich kaum beschreiben, nur nacherzählen lässt. Was sie hervorruft, ist mit Dark Flow angemessen machtvoll bezeichnet. Es ist diese Form von Kontext, die das Atonal planvoll zur Verfügung stellt.

Juni

Es gehört zu den Konstanten der Kulturproduktion, dass die ursprüngliche Formulierung einer Idee zu ihrer Messgröße wird. Sie markiert einen neuen Punkt im System des Gesamtwerks, von dem aus Fortschreibungen, Verbindungen und Revisionen möglich sind – doch es ist diese erste Formulierung, in der die Idee ihre größte Präzision und Wildheit erfährt. A.k.a.: Die erste Platte ist immer besser als alle Folgenden.

Case in Point: The KVB sind inzwischen zu einer Gebrauchsmusikband mit einem großen Repertoire aus Wave- bis Darkwave-beinflusstem Pop geworden. Ihre aktuelle Veröffentlichung (Mirror Being) ist das Joy Division Best-Of einer alternativen Timeline, in der sich Ian Curtis nicht in seiner Küche erhängt, sondern als ausgewaschener Mitfünfziger schließlich mit allem seinen Frieden gemacht hat. Klingt ganz gut, auch von oberflächlich interessierten Zeitgenossen ästhetisch decodierbar, egale Musik.

Allerdings gab es den Punkt, an dem The KVB einen spannenden Vorschlag gemacht haben: Eine Reihe von Releases zwischen 2011 umd 2013, beginnend mit ihrem Debut Into the Night, über die exzellente Always Then bis zu Immaterial Visions. Alle diese Releases gingen zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung an mir vorbei. Die Folge: Ich verbringe den zögerlich beginnenden Sommer des Jahres 2015 mit den atmosphärisch vollkommen unpassenden Tracks Captives und For the Day, die eher in den dunklen Hamburger Oktober gehört hätten. Doch ich kann nicht anders; das ist ganz unwiderstehliche Musik. Präzise in ihrer Verrauschtheit, reduziert in ihrem Material, mit Atmosphäre, mit Nachdruck. Hinzu kommen einige unterhaltsame Überraschungen, wie etwa der Surf-Opener Shadows, der vor einigen Jahren so auch von den Horrors hätte kommen könnnen – hätten sie etwas mehr Humor.

Diese Alben sind kein Revival, sondern eine ziemlich gut verdichtete Idee zum Zeitpunkt ihrer ursprünglichen Formulierung.

Mai

Schreiben ist Gestalten. Je länger ich beides betreibe, desto weniger verstehe ich es, zwischen diesen beiden Tätigkeiten zu unterscheiden. Mir erscheint es sinnlos, eine Idee oder einen ästhetischen Vorschlag entweder visuell oder durch Sprache zu formulieren. Der Begriff Programmieren ist geeignet, um die Einheit von Gestaltung (als planvolles Arrangieren) und Text-Schreiben auszudrücken. Wenig zufälligerweise hat sich die Gestaltung von digitalen Dingen vom Grafikdesign gelöst und sich dem Produktdesign oder der Architektur genähert: Prototyping, Iteration, Gestaltung mit/im Code.

To program means to write something into existence.

In den letzten Monaten habe ich ein Programm geschrieben, um damit wiederum Texte schreiben zu können. In einem Anflug von Albernheit und überspannter Lust am personal Branding nannte ich dieses Programm DRKWRTR – in Verweis auf seine utilitaristische Ästhetik und Featurearmut. Beide Eigenschaften sind zu gleichen Teilen einem Mangel an Fähigkeiten und dem Drang zur Ästhetisierung geschuldet. DRKWRTR ist eine spartanische Umgebung für das Schreiben von Texten – das entspricht meinen Kriterien, um mich beim Schreiben wohlzufühlen. Im Einzelnen:

  • Ein invertiertes Farbschema: Helle Schrift auf dunklem Grund. Es erzeugt weniger Licht und verbraucht weniger Energie.
  • Eine funktionale, schöne und gleichsam ausdruckslose Schrift: Die Atlas Typewriter Light – sofern sie lokal installiert ist. Die Fallbacks sind Menlo, Monaco und Courier Prime.
  • Ein auf Shortcuts basierendes Interface, um die Hände nicht von der Tastatur nehmen zu müssen.
  • Markdown-Support und HTML-Export.

Wie so häufig hat der Versuch, ein limitiertes Featureset umzusetzen, zu einem anderen Ergebnis geführt, als ursprünglich beabsichtigt war. DRKWRTR ist ein eigensinniges Programm mit eigensinnigen Trade-Offs. Es ist ein simples Werkzeug zum Schreiben, wie ich es mir vorstelle, a writing environment for slaves in a brutalist spaceship1, aber sicherlich alles andere als flexibel einsetzbare oder gar sinnvolle Software.

DRKWRTR ist Open Source und basiert auf jQuery, Markitup und einigen anderen frei verfügbaren Javascript-Bibliotheken. Der Quelltext liegt bei GitHub. Ich freue mich über Kritik, Meinungen und Bugreports. Aus diesem Grund bin ich Alex sehr dankbar – für seine Hilfe und einige sehr gute Hinweise. Ich habe großes Interesse, aus DRKWRTR eine Offline-First-Applikation in seinem Sinne zu machen2. Mehr über das Programm steht in einer Datei namens Readme.md, auf drkwrtr.co/about und im User Manual, das beim ersten Öffnen angezeigt wird.

Schließlich: Seit dem vergangen Herbst schrieb ich die Einträge dieser Seite mit verschiedenen rudimentären Versionen von DRKWTR. Es freut mich sehr, dass ich diesen Text nun in einer Umgebung schreiben kann, die trotz und wegen ihrer beschränkten Möglichkeiten und vielen Mängel meiner Art zu denken, zu schreiben und zu gestalten entspricht. Without further ado:

http://drkwtr.co

CNCRT


  1. Um diese schöne Formulierung ästhetischer und ethischer Ideale unverändert zu stehlen. C.F. ↩︎

  2. Weil es DRKWRTR auf Mobiltelefonen zu einem wesentlich sinnvolleren Programm machen würde. Momentan ist es ohne Webzugriff nicht verwendbar. ↩︎

März

Happening: appropriation and re-contextualisation in popular culture has eclipsed real-time, notierte ich vor einigen Tagen in der Datei namens 2015.md. Es ist eine Randbemerkung eines größeren Themas, keine besondere Erkenntnis, a fact of the matter. Die Gegenwart zieht sich – und ihre ästhetischen Vorschläge verlieren auch den Rest ihrer verbliebenen Linearität. So gesehen ist Lee Gambles exzellente Koch-LP eine Platte, die nahtlos an die Entwicklungen der letzten drei Monate anfügt – auch wenn sie bereits im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde.

Koch ist ein Album im Wortsinn, also eine zugleich vielfältige und konsistente Arbeit – und damit im Bezug auf elektronisch Musik eine rare Sache. Jeder der 16 Tracks ist notwendig, vom raumgreifenden Techno in Jove Layup bis zur Texturmedition Oneiric Contour. Zusammen wirken sie wie der Blick auf die nächtliche Topographie einer Metropole – kontrastreich, verschachtelt, voller Leerstellen und Strukturen in verschiedenen Zuständen des Auf- und Abbaus. Aus dieser Höhe treten Patterns und ihre Echos in den Vordergrund, das Gefühl für das Verhältnis des Raumes und die Texturen der Sounds. In keinem Track ist dies deutlicher zu spüren als in Nueme – dessen perfekte, wiederholungsfreie Dramaturgie in der kunstvollen Verstaubtheit seiner Oberflächen beinahe gar nicht auffällt.

Es ist die Porosität ihrer Oberflächen, die dieser Platte so anknüpfungsfähig macht: Sie lässt Raum für alles, sie stellt Verbindungen her, sie maximiert Komplexität, sie maximiert Reibung.

  • Lee Gamble – Koch. 2xLP. PAN, 2014.

Februar

I

Wie ein massiver Block organischer Technik duckt sich ein Gebäude unter dem niedrigen römischen Himmel, wie ein nasser Waran, seine graue Oberfläche im Regen schimmernd. Auf den ersten Blick ist es eine Schichtung kompakter Masse, breit und windend, die Hadid-Grundform.

Auf den zweiten weicht der Eindruck der Geschlossenheit. Das MAXXI ist destrukturierender Raum, es löst den Blick auf, die es löst die Wege auf, es löst die Zugänge auf. Jede Achse im und am Gebäude hat Parallelen, stellt alternative Routen für Blick und Körper zur Verfügung. Diese Verwindung bleibt auflösbar, jeder Zugang ist verständlich aus jeder Perspektive. Das alles folgt dem Flow der ins unendliche extrapolierten Zukunftsvision der neunziger Jahre. Jeder Winkel hat 45° und ist abgerundet, löst sich aus dem Ganzen, fließt ins Ganze zurück. Hangartreppen, schwarzer Kontrast gegen das Glas und den grünen Schimmer der Halogen-Reflektoren.

II

Das Ineinander-Setzen in der Architektur: Den Charakter eines Ortes entwerfen und ihm zugleich vehement widersprechen. Ihm auf Augenhöhe widersprechen, ihm so sehr widersprechen, dass es sinnlos wäre, den Widerspruch nicht als integralen Bestandteil des Entwurfs zu nennen.

Das MACRO liegt in den Schatten, in der Tiefe des Raumes und der Tiefe des Schwarz an allen sechs Flächen seines Atriums. Darin: das Infrarot des Kubus, von Odile Dercq quasi als Readymade hineingesetzt, wie eine eigene Etage wirkend. Darüber: das bunt gefilterte Licht des Glasdaches. Zu allen Seiten: Filigrane Galerien aus schwarzem Stahl. Spitze Winkel, Halogen. Wieder diese Neunzigersache1. Die Wahl der Perspektive und des Zugangs zum Raum ist frei. Je nach Position und Wendung dominiert die schwarze Bühne oder der Wille zum Effekt und zum Übermut – aber nie ohne auf das jeweils Andere hinzuweisen.


  1. Eher: 1988, wie ja Jahrzehnte gemeinhin selten zur vollen Dekade beginnen, sondern einige Jahre früher oder später. ↩︎

Januar

Der Gedanke einer alternden Website ist nach wie vor ungewohnt; die Laufzeit hinterlässt keine Spuren in den Oberflächen, keine Patina, die auf das schon lang Vorhandene hinweist. Das Digitale entspricht dem Wandel, es füllt die gegenwärtige Form und war anschließend schon immer so.

Ich habe diese Website neu gestaltet. Ein weiterer Wechsel des Aggregatszustands ihrer Inhalte. Hoffentlich eine Komprimierung der Ideen, die ich verfolge (wohin?), idealweise eine Fortsetzung der vorigen fünf Versionen. Ich habe weitere Dinge entfernt, um dem Format der Loseblattsammlung näher zu kommen. Weniger Kontext, mehr Aufmerksamkeit für die einzige relevante Frage: Wie interessant ist die Geschichte?. Alles Weitere ist gutes Interaktionsdesign für eine simple Aufgabe und mein fortlaufender Versuch, eine eigene Sprache zu finden, für alles und in allem.

Dezember

Am Ende des Jahres finde ich mich vor den Fenstern eines hohen Raumes wieder, von dem ich vor zwölf Monaten nicht wusste, dass er existiert, nicht für mich und nicht in der Welt. In Ruhe gelassen in formloser Zeit, git push, die schweren Schuhe und Genmaicha einander abwechselnd. Gute Settings zu erkennen, sie herzustellen und ihnen zu folgen, das ist eine ernstzunehmende Aufgabe. Mit der Zeit scheinen die einfachen Ratschläge sinnvoll zu werden, und die Unterbrechung der Geschwindigkeit notwendig.

Ich habe einen großen Teil des Jahres 2014 damit verbracht, Musashi zu lesen, die große Erklärung des japanischen Weltzustands anhand seines prägenden Jahrhunderts. Es hat viele Stunden gedauert, diesen Text zu verstehen, seine Komplexität und seine Einfachheit anzunehmen und das eigene Verständnis zu finden. Die Lektüre war eines der signifikanten Ereignisse meines Jahres, und in seiner Langsamkeit und Routine maßgebend für vieles andere. Eat your rice, drink your tea, wear your clothes.

Schließlich: Jahreszeiten und ihre Tracks. Signifikant, Teil von Settings und Personen. Protokolliert in Transit, starrend auf die Devices, die alles enthalten sollen.

Winter

  • Mobb Deep – The Start of your Ending (41st Side)
  • Real Lies – North Circular
  • Laurel Halo – Ainnome
  • Patten – Re-Edit13
  • Peter van Hoesen – Seven, Green and Black (SCB Edit)
  • Samuel Kerridge – Death is upon us
  • Rainer Veil – Three Day Jag
  • Kareem – Downfall
  • Darkside – Metatron
  • Claude Young – Hawking Radiation
  • Ø – Syvyydessa Kimallus

Frühling

  • Messer – Staub
  • Polar Inertia – Antimatter
  • Manuel Göttsching – E2E4
  • Thompson Twins – Love on your Side
  • Efdemin – Track 93
  • Cold Cave – Don’t Blow up the Moon
  • Millie & Andrea – Stay Ugly
  • Pantha Du Prince – Lauter
  • Carsten Jost – Love
  • Rick Wade – Naomi
  • Kyoka – Flashback
  • Charizma & Peanut Butter Wolf – Methods
  • Messer – Lügen
  • Byetone – Black Peace

Sommer

  • Darkside – Heart
  • Circuit Diagram – Amanar
  • Inhalt – Black Sun (Timothy J Fairplay Remix)
  • Fennesz – Sav
  • Millie & Andrea – Spectral Source
  • Sleaford Mods – Tied up in Nottz
  • Diamond Version – Feel the Freedom
  • New Order – Turn the Heater On
  • Aoki Takamasa – Rhythm Variation 02
  • Carsten Nicolai – Zone 01
  • Messer – Gassenhauer (All diese Gewalt Remix)
  • Alva Noto – Xerrox Phaser Acat 1

Herbst

  • Atrium Carceri – Crusted Neon
  • Vril – Torus II
  • Lanzo – Hepburn
  • Giorgio Moroder – The Chase
  • The Horrors – Falling Star
  • Quiet Village – Desperate Hours
  • MIT – Elektronix
  • Matatabi & Madrob – Gong
  • Innerspace Halflife – Phazzled
  • Sendai – Triangle Solution
  • Von Spar – V.S.O.P.
  • Vril – Torus XXXII
  • SNTS – N4

Winter

  • Andy Stott – Science and Industry
  • Senking – Shading
  • Pantha du Prince – Satin Drone
  • Von Spar – One Human Minute
  • Objekt – Glanzfeld
  • DAF – Ich und die Wirklichkeit
  • New Order – Mesh
  • Silent Servant – Process
  • Dino Spiluttini – Anxiety
  • Kraftwerk – Musique Nonstop
  • Objekt – Strays
  • The Soft Moon – Black

Es gibt eine Spotify-Playlist, der vieles fehlt, was interessant und komplex ist. Flatrates sind kein Format für ernstzunehmende Musik.

Sets

Meine Auseinandersetzung mit Musik wurde langsamer in diesem Jahr, weniger kontinuierlich. Sie fand in Schüben statt. Es ist für mich zu einem bewussten Akt geworden, Rezensionen zu lesen, die Websites von Modern Love, Drone, PAN und Delsin zu öffnen und eine Stunde damit zu verbringen, neue Releases zu hören. Meine Wege in den Plattenladen sind Unternehmungen, keine Routine mehr auf dem Heimweg oder an Samstagen. Um so mehr habe ich die herausragenden Releases geschätzt und wahrgenommen. Sie wurden dauerhaft Teil der Playlists Commute und Psychospatial auf meinem Mobiltelefon1 – und damit zentrale Beiträge zu meinen ästhetischen Themen des Jahres 2014.

Ich habe mich für Gewicht und Nachdruck interessiert, für die Bedeutung von Masse und die Art von unnachgiebiger Schönheit, wie sie nur auf struktureller Ebene möglich ist.

Das willkürlich verdichtete Ergebnis sind fünf LPs, die mir geholfen haben, meine Umgebung wahrzunehmen, das Empfinden zu schärfen und neue psychologische Räume zu schaffen.

  • Vril – Torus (Forum)

    Die vielverklärte Geschichte vom großen Moment auf dem Floor ist wahr, und ich erlebte einen dieser Momente Anfang des Jahres in den Nebelschluchten des alten Heizkraftwerks am Wriezener Bahnhof. Vril brachte sein Gesamtkunstwerk zur Aufführung: ein Set wie ein Massiv aus schwarzem Quarz, kohärent und direkt. Torus ist der Zwischenbericht seiner langsamen Evolution: Harter, deeper, vollständig unironischer Techno. Es ist die Fortsetzung der 12″s auf Staub, die Konkretisierung eines ebenso simplen wie perfekten ästhetischen Vorschlags. Mit einiger Wahrscheinlichkeit werde ich 2015 an dieser Stelle die nächste LP namens Portal nennen.

  • Millie & Andrea – Drop the Vowels (Modern Love)

    Eigentlich hätte ich Andy Stotts fantastische Faith in Strangers als Teil dieser Liste nennen müssen, für seine Bedeutung zum Ende des Jahres (und allein für Science and Industry), doch seine gemeinsame Arbeit mit Miles Whittaker erschien mir bezogen auf zwölf Monate als die signifikantere Platte. Drop the Vowels ist ein großer Fake. Eine zu hundert Prozent auf den Floor orientierte LP voller Hits, die so tut, als sei sie ein verstelltes, rohes Hardcore/Jungle-Album. Diese Anwendung des Miles/Demdike Stare/HATE-Sounds auf das Prinzip Peaktime hat mir große Freude bereitet – von den kaskadierten Breaks in Corrosive bis zur warmen B3 in Spectral Source. Stay Ugly, Motherfucker.

  • Von Spar – Streetlife (Italic)

    Von Spar sind einer der wenigen Acts, die es schaffen, sich kontinuierlich zu verändern ohne jemals schlechter zu werden. Jede Veröffentlichung ist konsistent, richtig und eine logische Folge ihrer Vorgänger. In diesem Zusammenhang ist Streetlife großer Pop – und die Folge der deutlich krautlastigeren Foreigner und den Electro/Math-Releases Von Spar2 und Die uneingeschränkte Freiheit der privaten Initiative. Streetlife ist eine durch und durch moderne Platte; die schönste und reinste Popmusik, die in diesem Jahr in der Reichweite meiner Wahrnehmung veröffentlich wurde. Dass Von Spar trotz dessen nicht ein Messerbreit and Präzision und Sharpness verlieren, ist Verweis an das Prinzip Krautrock und die Werte seines Düsseldorfer Ursprungs genug. Oh, und das Sax, Alter.

  • Messer – Die Unsichtbaren (This Charming Man)

    Ich schrieb es im November – es gibt immer Raum für rohe, kluge Gitarrenmusik in meinem Leben. Meine Faszination für Worte, ihre Bedeutung und ihre Verdichtung zu Parolen lässt mich an Gruppen wie Messer nicht vorbei: Ich habe kein Album in diesem Jahr häufiger gehört als Die Unsichtbaren, und das hat gleichermaßen mit seiner musikalischen Kohärenz wie der Klugheit seiner Worte zu tun. Die kapieren nicht, Lügen – Illustrationen einer Stimmung, des Regens auf den Straßen, des bösen Lächelns. Intensität, Disziplin, Klugheit.

  • Darkside – Psychic (Other People)

    Schließlich: Die Platte des Jahres, das Jahr des Jahres. Selten habe ich erlebt, dass mich die ästhetische Signifikanz eines Albums so unmittelbar und ohne eine Spur des Zweifels getroffen hat – Psychic hat mich tatsächlich umgehauen. Seine unglaubliche Langsamkeit, der Nachdruck, der monströse Groove (Case in Point: Metatron) sind musikalische Formulierungen einer Empfindung, für die mir bis dato Worte und formale Beispiele gefehlt hatten. In der Rückschau war dieses Album prägend für das Jahr 2014, für meine Interessen und meine Art mich durch die Welt zu bewegen. Ich halte Psychic für eine der singulären Platten der letzten Jahre.

Darüber hinaus wichtig: Andy Stott – Faith in Strangers, Alva Noto – Xerrox Vol. 2, Rainer Veil – New Brutalism, Efdemin – Decay, SNTS – Scene II, New Order – Peel Sessions, Fennesz – Bécs


  1. Wie falsch dieses Wort ist. ↩︎

  2. Xacapoya gehört nach wie vor zu meinen liebsten Tracks komplexer Gitarrenmusik – so viel Dichte, so viele Spannungen, so viele Hits in 22 Minuten. ↩︎

Das Cover der Flatland-LP zeigt einen Strang glänzenden Tapes, das sich raumlos zu möbiusartigen Schleifen windet. Es ist ein überaus passendes Motiv für eine Platte, deren kinetische Energie sich ohne einen substanziellen Körper entfaltet. Auf seinem Full-Length-Debut baut T.J. Hertz (sic/alias Objekt) ein Mesh aus Drumpatterns, Klicks und Sounds, das ohne jede Fläche bleibt. Es ist ein körperloser Sound, dessen Punch mittelbar, aber um so massiver spürbar ist. Es braucht einige Sekunden, bis sich das Muster von Strays manifestiert – ein komplexer, gewichtsloser Hit, a force without a body. 11 Tracks mit wechselnden Parametern und Positionen im Raum, oder, wie die Selbstauskunft treffend beschreibt: A convoluted mess of elektrology and teknology.

November

Es ist eine andere Stadt, wenn es wieder dunkel ist, wenn der Regen zurückkehrt nach dem langen Sommer. Wenn die Tage ihre Verschalung ablegen und die grimmigen Fundamente aller Dinge wieder hart und schön zu spüren sind. Regen, Füße auf den Asphalt und eines der besten Gefühle: Dringlichkeit, a Sense of Urgency.

Rockmusik ist zurück in der Stadt, und mit ihr die Werte, die sie mich gelehrt hat. Das Zerren an der einen Stelle, der bedingungslose Drang nach vorne. Das Zersplittern. Die Freude am Unmittelbaren, an der Rohheit. Der Ekel vor den Idioten.

Die Jahre sind vergangen, und mein Zugang zu dieser Musik scheint sich inzwischen auf eine herausragende Gruppe zugleich zu beschränken. Messer sind diese Gruppe, in dieser Stadt, in diesem Wetter. Sie wäre es bereits länger, hätte ich Im Schwindel (2012) und Die Unsichtbaren (2013) nicht in den vergangenen beiden Jahren ungehört abgetan – als Veröffentlichungen eines Genres, in dem selbst die Jungen vorauseilend gehorsam konservativ sind. Sie wäre es bereits länger, hätte ich nicht erst das Konzert im Hafenklang im März besucht.

Messer sind nicht genreprägend. Sie sind bemerkenswert aufgrund der Art und Weise1 wie sie das Maneuver Punkrock vollführen. Ein großer Teil der Qualität der Gruppe Messer liegt darin, ihre überbordende Intensität ihrer Disziplin und Exaktheit zu unterwerfen – und im Verlauf von Songs und Alben genau daran zu scheitern. Hooklines und Bridges reißen sich frei, bevor die Gruppe sie scheinbar nur mühsam wieder in das Korsett des Songs zwingt2. Es sind Hits für einige Sekunden, Popmusik und keine Angst. Ein Moment grimmigen Triumphs im Licht der Straßenbeleuchtung, dann weiter in die Dunkelheit, entlang des Asphalts, der Regen.

Intensität, Disziplin, Klugheit. Messer wären eine geringere Band ohne ihre eigene Sprache. Hendrik Otremba schreibt Parolen, es sind Bildfolgen in kohärenten Settings, direkt, repetitiv und reduziert. Verben sind selten in diesen Vignetten. Messer bewegen und handeln nicht, sie beschreiben die Momente und Orte eines Lebens, seine Farben, eine Perspektive: Die Stadt im Sommer, die Stadt im Regen. Wasser auf Asphalt, der Geruch von Nebel/Ein Streuner auf der Straße, durstig, müde, schwach.

Ich habe die beiden Messer-LPs viele Monate dieses Jahres gehört. Doch es bleibt Musik für das Dunkle, für den Regen und für die grimmige Freude and der Unnachgiebigkeit der Welt, it came into its own, im November. Für das Heimkehren ins Helle, für den Ausbruch und das eigensinnige Schöne.

Intensität, Disziplin, Klugheit.


  1. Wiederum: how not what↩︎

  2. Cases in Point: Die letzte Minute von Die kapieren nicht, die letzten 30 Sekunden von Staub↩︎

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