electricgecko

Dezember

Es ist zwei Jahre her, dass ich an dieser oder ähnlicher Stelle meine Platten des Jahres benannt habe. Die Gründe sind verschieden und uninteressant. In diesem Jahr tue ich es wieder, weil 2009 ein ausgezeichneter Zeitraum für gute Musik war. Nicht nur, weil eine ganze Reihe großartiger Tracks, EPs und Alben erschienen ist. Sondern auch und besonders für mein eigenes Verhältnis zu Musik im Allgemeinen, weil es seit 2005 nicht mehr so intensiv, vielschichtig und wichtig war. Fünf Platten für mein Jahr.

  • Fünftens: The Horrors – Primary Colours
    Dieses Album ist ein erstaunlicher Sprung nach vorne, von der themenfixierten Cramps-Coverband zur besten klassischen Rockband des Jahres. Sehr Bowie, sehr gute Stimmung.
  • Viertens: Marumari – Supermogadon
    Unzerfaserte Broken Beats, warm, interessant, kraftvoll. Als würde Flying Lotus nur die schönsten Soultracks samplen. Dabei unglaublich konsistent. Das ganze Jahr in meiner Playlist.
  • Drittens: Quad Throw Salchow – Speed
    Wie bereits erwähnt — ein der besten Neuentdeckungen des Jahres, völlig aus dem Nichts. Eiskalter Lo-Fi-Groove, heiße Frontfrau.
  • Zweitens: Various – Delsin 2.0
    Eine Detroit-Werkschau, kompiliert aus dem Katalog eines einzigen Labels. Wohl eine der Platten, die ich 2009 am häufigsten gehört habe, mit einem der schönsten Coverartworks des Jahres.
  • Erstens: Ja, Panik – The Angst and the Money
    Was kann ich sagen: All-Time Top-Ten. Ich weiß nicht, ob mir die Worte auf einer Platte jemals mehr bedeutet haben als diese hier. Jedes einzelne von ihnen ist wahr. Die Platte des Jahres, and it’s not even close.

Was noch? Die hier: Redshape – 2010 EP, The Robocop Kraus – Metabolismus Maximus 12″, Die Goldenen Zitronen – Die Entstehung der Nacht, The Mary Onettes – s/t, The Field – Yesterday and Today, VA – Ortloff Eins, Junior Boys – Begone Dull Care, Farben – Textstar

Schließlich: Besonderer Respekt und ebensolcher Dank gebührt Christian Löffler für die Heights EP. Diese Platte ist eine Pracht. Vier stille, kraftvolle, herausragende Tracks, die immer präsent waren, in den besten Momenten dieses Jahres. Die übrigen wichtigen Songs folgen am 30. Dezember. Kann, soll und darf ja schließlich noch was passieren, vor der großen Party.

Sie kommen spät, aber sie kommen rechtzeitig. Quad Throw Salchow sind die letzte Band des Jahres 2009, und auch die erste des Jahres 2010. Sie definieren den Sound dieses Winters, der nichts vom warmen, leichten Sommer zurückgelassen hat. Die minimale Instrumentierung aus Bass, Schlagzeug/Drummachine und Synthies ist kalt und klar separiert, jeder Sound schneidet, um dann in der Leere des Arrangements zu verhallen.

Das gilt auch für die Stimme von O, die sich windet, kiekst und quält, ohne jemals ihren mechanischen Groove zu verlieren. Als musikalische Referenz muss man darum auch eher Warsaw als Joy Division nennen — Quad Throw Salchow besitzen noch die Energie und spröde Konsequenz der ersten Platte. Ansonsten ist das natürlich Protowave, der hervorragend auf der zweiten, düsteren Tanzfläche funktioniert.

Überhaupt steht ihre sinistre Sexyness der Jahreszeit gut zu Gesicht, es mangelt ohnehin an Ernst und Distanziertheit und auch an echter Coolness. In diesem Kontext ist der Verweis auf Eiskunstlauf und seinen dominanten Protagonisten der 1910er Jahre, Ulrich Salchow geschmackvoll und damit funktional.

Ihre LP, Speed, ist wunderschön und bei Tummy Touch erschienen. Ich habe Ramon zu danken, für den Hinweis.

November

Die Indiediskothek unserer späten Jugend, sie ist nicht tot. Es gibt noch die Tanzflächen mit den Teppichen, die langen Tresen und die Mädchen, denen du heimlich auf die Hälse gesehen hast. Drei, vier Chords, der traurige Refrain und eine gut gelaunte Bridge dazwischen existieren ebenfalls weiter. Jedenfalls so lange, wie es The Robocop Kraus gibt. So lange, wie sie Platten rausbringen, die Metabolismus Maximus heißen und auch so klingen.

The Robocop Kraus haben die Hysterie erfunden, das Gekreische, das Zuviele, wenn alles nicht mehr in einen reinpasst. Auch den Bruch, wenn Upbeat in Downbeat stürzt. Sie lärmen und zerren, und sie tun es auch in diesem Jahr noch, wenn das alles nun wirklich nicht mehr Bestandteil zeitgemäßer Musik sein sollte. Aber es geht eben immer noch; und man kann nichts sagen, solange diese Band dabei weiterhin so klug ist und alle Parolen zur richtigen Zeit parat hat. Great if you know what I’m talking about / If you don’t read more books. Geht! Passt! Ja!

Wie sagte man damals, vor wenigen Jahren? Die neue 12″ von den Robos ist auf Altin raus. Wie sagt man heute? Auf der Flip sind Technoversionen einiger Hits der letzten Platte. Schließt sich der Kreis.
Word up.

Oktober

In den letzten Tagen habe ich mich fern gehalten von den Linien, Flächen, den wenigen Farben und all den Buchstaben. Fern von FFFFOUND! und von Haw-Lin und den vielen tollen Magazinen. Statt dessen habe ich mich mit einem Gegenstand befasst, zu dem ich zwar interessante Auffassungen vertrete und jederzeit eine Meinung parat habe, für den mir jedoch jegliches praktische Talent fehlt: Musik.

Das Ergebnis ist ein Mixtape, etwa vierzig Minuten lang, voller Crossfades, Beatmatching und solchen Dingen. Es sind dilettantische Crossfades und holpernde Übergänge, zugegeben. Aber die Geschichte stimmt, es ist ein Mixtape und hat sogar einen Namen. Außerdem gibt es ein schönes Cover.

Rainfall Cover

So düster wie es auf den ersten Blick scheinen mag, ist Rainfall gar nicht. Es beginnt im Sommer bei Nacht und mit Hafenblick, auf den warmen Stufen neben dem Pudel und endet im Herbst, mit hochgeschlagenem Kragen und festem Schuhwerk. Zwischendurch wird getanzt und geträumt. Strände kommen auch vor und es darf gegrinst werden. So sieht es aus, in Hamburg, as of now.

Download (zip).

September

Das Vorhandensein der Musikgruppe Ja, Panik ist eine Freude. Das ist nicht neu, im Gegenteil, The Taste and the Money war eins der besten, wichtigsten und schönsten Alben des letzten Jahres. Weil es mit seinem strubbeligen Soul, der Lust an Parolen und der Wahrheit eine eigene Sprache gefunden hat. Eine Sprache für die albernen Situationen, in denen man sich als nicht mehr vollständig junger Stadtbewohner zwischen Wochenende und Wochentag wiederfindet. Weil ihr ein Manifest voranging, das mit Nachdruck den einzigen Ausweg forderte:

Glaubt an wenig! Glaubt an die Liebe! Fürchtet wenig! Fürchtet nur die erschreckenste, schlimmste Angst aller Ängste, den endlosen Kreislauf, die Wiederholung: the taste is familiar and so is the sound.

Sich als Musikgruppe Unklarheit und Unbestimmtheit nicht nur zu trauen, sondern sich ihr zu verschreiben — das ist nicht selbstverständlich, sondern gefährlich. Das Spiel mit übermütigen Ansprüchen, Manifesten und einer anmaßenden Grundhaltung wirkt geradezu albern in der musikalischen Umgebung der iTunes-Bibliotheken. Sinn machen einzig die Platten der Ronettes, von Martha Reeves und den Four Tops. Das ist Soulmusik. Ihren Tonfall besetzen Ja, Panik. Nur eben für eine andere Zeit und mit einem letzten Rest Wienerisch in den Stimmen. Damit kann man nur gewinnen. Folgerichtig heißt es in der Ansage zur neuen Platte:

Der Mangel ist unsere glänzendste Eigenschaft. Wir werden nichts erklären, nichts begründen, wir haben nichts verloren als unser Interesse.

Ich wüsste nicht, wer (außer vielleicht The Aim of Design is to define Space) momentan einen so klaren, nahen und überzeugenden inhaltlichen Entwurf von Popmusik anzubieten hat. Wie auch immer. Ich empfehle dringend das Video zur neuen Single Alles hin hin hin. Jedes Wort des Songs ist wahr.

Am 25. September erscheint das neue Album der Gruppe Ja, Panik. Es heißt The Angst and the Money. Man sollte ihnen zuhören.

August

Die Dinge laufen behäbig, aber sie laufen. Freie Stunden der letzten Wochen habe ich zu gleichen Teilen auf Wiesen, Picknickdecken und mit der Futura Condensed verbracht. Produktiv geht anders. Aber immerhin ist das ja auch ein Sommer, den man so nennen darf. Da muss es reichen, zu prokrastinieren, Produktivität also nur zu spielen. Und vollauf damit zufrieden sein, Neues vorzubereiten.

Will sagen: es gibt hier einen neuen Seitenkopf, Platz für schöne neue Navigationspunkte und einige weitere Kleinigkeiten. Das war nötig, um Platz für die eine oder andere Idee und neuen Content zu schaffen. Bis es damit soweit ist, dauert es allerhöchstens noch bis zum Herbst.

Bis dahin lege ich euch die schlicht betitelte gemeinsame Platte, die II von Lindstrøm & Prins Thomas an eure Herzen. Die Wolken und Picknickdecken, die ohne dieses Album gut sein sollen, die soll mir erstmal jemand zeigen.

Juni

Auch wenn Computerspiele inzwischen auf einem guten Weg in die Bewertungs- und Reflexionsmechanismen der Hochkultur sind (Game Studies, Ludologie, whatever) – Bestätigung als Schauplatz audiovisueller Innovation erhalten nur wenige. Wenn, dann geht es eher um gesellschaftliche Trends oder die unvermeidlichen gewalttätigen Jugendlichen. Halt um Tron und die Sims und World of Warcraft und das ist ja auch verständlich, man kommt ja nicht um sie herum, diese Holzhämmer jedes Soziologieseminars.

Für mich dürfen die Umwälzungen auch gern mal etwas kleiner sein und sich auf innovative Looks, Gameplay-Ideen oder gute Soundtracks beschränken. Was diese Dinge angeht, ist das iPhone momentan das relevante Device. Weil es seinen Entwicklern – Prozessorupdate hin oder her – nach wie vor interessante Beschränkungen in Hard- und Software auferlegt.

Edge ist ein großartiges Beispiel, das diese Beschränkungen nutzt, um Standards zu setzen. Das geometrische Stresspuzzle etabliert einen wunderschönen, auf das Wesentliche beschränkten visuellen Stil, der das Gameplay stützt, statt es mit Effekten und Farben zu verkleben. Das Beste an Edge ist jedoch der Soundtrack – eine solche Bandbreite toller elektronischer Musik für ein Drei-Euro-Spiel ist nicht beeindruckend, das ist kurz vor unglaublich. Waviges Weltraumzeug (Voyage Géométrique) wechselt nahtlos in vertrackte Beatskizzen (Pad) um schließlich im straighten Chiptunes-Banger Kakkoi! zu kulminieren. Das alles komprimiert und geradeaus auf den Punkt, eine Freude, ein Wahnsinn,

Alle 19 Tracks gibt es auf der Edge-Website als kostenlosen Download.

Eine Stadt aus Stahl und Schrottmetall stapft voran, zerklüftet und mechanisch. In ihren Rumpf schälen sich silberne Bahnen durch Neonlicht und Nebel, wie Shuttles oder mechanische Sandwürmer. Ihre Kontrollkonsolen sind kaputt, Kabelstränge und Platinensplitter überall. Dein Blick fällt durch gelbes Glas auf Stadtviertel, die schon vor Jahrhunderten verlassen wurden. Ein Fluss aus rostigem Wasser, das Ufer nichts als Sand und übrige Monumente. Raus aus der Bahn und über Feuerleitern eine Ebene hinab, die Luft ächzt unter elektrischer Ladung. Schweiß auf deiner Haut, Explosionen in der Ferne. Jedes Geräusch eine Gefahr, die Prachtstraße ist ein Minenfeld.

Der Weg durch Berlin, er sieht so anders aus zu Cyclotron1.


  1. Harmonic 313When Machines Exceed Human Intelligence, Warp. ↩︎

Mai

Solange der alte Allgemeinplatz vom Content als King und Kriterium noch wiederholt und geglaubt wird, solange werde ich nicht müde, dagegen zu halten. Zu behaupten, dass Form und Präsentation mindestens Queen und gleichberechtigt sind. Inhalte sind verfügbar und austauschbar, für wenig oder kein Geld zu haben. Es gibt mehr Mängelexemplartaschenbücher als reguläre Ausgaben. Doppeldigipack-Editionen relevanter Platten kosten einstellige Eurobeträge und damit weniger als ein Plastikessen in der Mönckebergstraße.1

Den Unterschied macht die Form, Inszenierung, Performance. Nichts kann mehr gut sein, das nicht gut aussieht (Credit: ZIA). Gestaltung ist nicht, was drumherum ist. Gestaltung ist, was den Inhalt zu etwas Relevantem macht. Zwei Beispiele, über die ich mich heute sehr gefreut habe.

Erstens, eine neue Reihe von Science-Fiction-Klassikern. Ich habe für diese Sorte Literatur recht wenig übrig. Doch die Art, mit der Sanda Zahirovic aus extremer Mittel- und Materialbeschränkung eine umwerfende Serie von Coverartworks kreiert hat, gibt der Auflage eine andere Qualität. Das Artwork für Eon von Craig Bear – ein Foto des Titelprints auf einem eingerollten Druckbogen – ist nichts weniger als grandios. Dabei ist der kurze Umweg über die dritte Dimension zurück in die Zweidimensionalität an sich ein simples Maneuver. Bonuspunkte für weitere Metaebenen im Umgang mit dem Romanwerkstoff Papier. Eine Freude.

Noch besser ist es, wenn die formalen Kriterien Teil des Inhalts werden. Ist beides verwickelt und ineinander verschlungen, wird die Sache mit der Abgrenzung so schwer, dass man eher von funktionalen Gesamtartworks sprechen sollte.

Ein schönes Beispiel ist das sehr gute Album Atavism des Elektroprojekts SND. Musik und Verpackung sind so streng in Konzepte und Regeln eingezwängt, dass größere Abstraktion und Spannung schwer vorstellbar sind. Die Musik setzt sich aus einer minimalen Menge Sounds zusammen, die allein durch Wiederholung und Überlagerung zu einem Groove zusammenfinden und wieder zerfallen. Das Cover verwendet Farbe ausschließlich auf den Innenseiten des CD-Sleeves und macht Informationen über Laufzeit und Titel des Albums als farblose Prägungen sichtbar. Die Platte gibt es bei Raster-Noton zu kaufen. Mehr Fotos der Verpackung hat ihr Gestalter, chokogin, bei Flickr hochgeladen.


  1. Fordern dafür allerdings den Weg in die Elektrodiscounterhölle. Das sollte man sich per Schadensersatzcoupon vergüten lassen können. ↩︎

Die Welt ist doch bunt und interessant. Zieht man an beliebiger Stelle einen losen Faden heraus und folgt ihm ein Stück – man kann sich darauf verlassen, an bekannten Orten und Icons vorbeizukommen. In Stockholm bin ich in dem sehr geschmackvollen Club Almänna Galleriet 925 in die Gewinnerausstellung des Kolla! Designpreises geraten. Zwischen viel guter Illustration, Fotoprojekten und einem Beerdigungs-CI von Kristian Möller bin ich in einer der wenigen Editorial-Arbeiten über das Cover der Heron Debut EP gestolpert. Spitzenname, Spitzencover. Beide landeten im Moleskine, for further reference.

Turns out: Heron ist ein Minimal-Projekt aus good old Münster. DIe Gestaltung kommt von Till Wiedeck, der nicht nur ein unfassbar gutes Portfolio vorweisen kann, sondern ebenfalls in Münster lebt (und dessen Arbeiten schon länger bei meinen liebsten Bookmarks liegen). Wer in Münster mit offenen Augen durch die Stadt geht, kennt zumindest seine Plakate und die CI für die Schaltkreis-Parties.

Eine Freude, wenn sich die Dinge so ministeckmäßig zusammenfügen, Schleifen drehen und im Zeichensystem des eigenen Lebens wild umherzeigen, wie es ihnen passt.

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