electricgecko

Juni

Das Langformat hat ausgedient, unter aktuellen Weltbedingungen des Beobachtens ist es nicht adäquat. Der permanente Wechsel zwischen Perspektiven und Kontexten ist die richtige Strategie; jedes Medienformat ist notwendigerweise ein Metaformat, das ein Bewusstsein aller gleichzeitig stattfindenden Formate einschließt. In Floor-bezogener Musik ist das nicht neu, das Einsteigen und Aussteigen aus der Dramaturgie der Nacht gehört dazu. Die kalte Luft atmen, jemanden küssen, Wasser trinken und zurückkehren in eine veränderte Stimmung ist essentiell. Kontextswitch, good entertainment.

Einem langen Format zu folgen, erfordert etwas anderes: Erscheinen, wenn die Tür aufgeht. Sich an den Schreibtisch setzen in der Nacht ohne Vorhaben. Fünf Stunden Zeit.

Das fünf-Stunden-Set ist bereits zu Beginn anders, sein Narrativ ist nicht zu überblicken, nach acht Minuten, aber dass er verschieden ist, ist klar. Ein fünf-Stunden-Set bewegt sich tastend durch Zeit und Raum, statt sich auf die Körper zu werfen (meist sind wenige vorhanden). Es verwebt die Leere zu etwas Fühlbarem, es definiert und kontrolliert den körperlichen und den emotionalen Vibe. Das fünf-Stunden-Set hat Zeit, den Raum zu durchmessen, sich zu entfernen und zurückzukehren – ohne die Spannung zu durchbrechen, wie es auf dem Floor gewöhnlich wäre.

Es ist eine meiner liebsten und seltenen Freuden, eine Nacht im Club mit ihrem Anfang zu beginnen. Dort sein, wenn die Türen aufgehen, so lange bleiben wie es mir gefällt. Ich habe das Warm-up oft mehr gemocht als die Party – die Antizipation, das Aufschichten, das Anstauen von Energie. Völlig klar einem langsamen Narrativ zu folgen, Zeit verwenden ohne Ablenkung, Alles fühlen, Freiheit im Gebundensein. Going through the motions, but doing so with increased mindfulness.

(Während ich das 5:34:14 lange Set von Pom Pom höre, das sich tastend durch große Hallen bewegt, ins Freie tritt, den aufwirbelnden Staub betrachtet, Linien auf dem Boden folgt, um schließlich nach zweieinhalb Stunden zu einem höllischen Basic-Channel-Groove zu finden, zur brutalen Gelöstheit der zweiten Pom-Pom-LP, in den Schluchten der Nacht. Buy the ticket, take the slow ride).

Dezember

My strength, and my problem, is that I usually know exactly what I want, which is this amazing gift, or a huge ego problem. It’s both, I’m sure, and I forgive myself if it’s an ego problem. I’ve learned to do that. So it’s not like I invite people to interpret my work. I hate that (…) Being able to do it all on my own, I’m able to set a standard.

Nihilism is a trapdoor but no one said the basement was inhospitable. Work with what you have. Make silk from the cobwebs.

März

Architectural volume sets me free. Something about the measured, decisive nature about the act of building seems to leave me in a calm state of mind. Event imagined architecture or music evoking vast spatial configurations affect me in this way. The oppresive void-weight of contained spaces frees my mind, as if its unfelt, but persistently imagined pressure is required to keep my thoughts together, to crystallize my brain and soul into a state of peaceful creativity. I wonder if this is a mere reminder of the only dream I can remember from my childhood: A gargantuan black ball of infinite mass and heaviness rolling or falling, ever coming close to destroy a small potted plant, but – to the best of my knowledge – never actually doing so. I remember the feeling of tremendous weight converging with total weightlessness. Complete stasis, black float.

August

  1. Every place is warmer and less windy than Hamburg (except for San Francisco on summer evenings).
  2. Whatever happens: One bag only. No checked luggage ever.
  3. You despise overpacked luggage more than you enjoy the greater flexibility of having more things with you.
  4. Everything made from cloth needs to be in a compartment in your bag, a mesh compartment, army-rolled or velcro-strapped.
  5. If you have to bring a heavy item, it should be the center of your travel wardrobe. It should be wearable every day, especially when in transit.
  6. If there is an occasion that requires a specific outfit or equipment, the rest of your luggage should be organized around that occasion.
  7. Your luggage and all compartments have to be light. No leather, no canvas. Use Xpac, Dyneema and Cordura.
  8. On the move, you will want to wear functional garments (~ light, warm, many pockets) disproportionally. Pack those, pack less of everything else (the ACRONYM® rule).
  9. Heavy and/or chunky footwear is only acceptable when you never have to carry it in your luggage. It needs to be versatile enough to be worn every day.
  10. If, in a fit of radical decision-making, you travel with one pair of shoes only, they need to be perfect in fit and optics.
  11. If you are on the move for more than five consecutive days, bring an electric razor to shave your head.

To be extended.

Dezember

Ich hege eine ausgeprägte Zuneigung für die Kombination aus Demut und Anmaßung. Sich den Dingen ohne Angst vor dem Scheitern zu nähern, wider besseren Wissens vorauszusetzen, die eigene Art und Weise zu handeln sei valide. Ein bisschen entspricht diese Haltung dem Konzept von 初心, also der Offenheit für Fehler und dem Ebnen eines eigenen Weges, so mangelhaft und erfolglos er von außen erscheinen mag. Es ist eine Strategie, die Handlungsfähigkeit herstellt. Das ist keine leichte Aufgabe unter den Bedingungen dieser Tage.

Dieses Konzept ist nicht neu und tritt immer wieder dann zu Tage, wenn neue Werkzeuge zur Verfügung stehen, die für einen Augenblick lang außerhalb reglementierter Räume ausprobiert werden. Software hatte diesen Moment, und ich bin alt genug, um mich daran zu erinnern. Computerprogramme waren etwas privates, selber herzustellendes.

Das ist lange her. Aber ich bin überzeugt, dass es seinen Teil zum eingangs Gesagten beigetragen hat. Die Tatsache, dass diese Website weiterhin existiert, mag eine Ausprägung meines Wunsches nach eigensinnigen Lösungen sein1. Letztlich verdanke ich es Devine Lu Linvega2, diesen Gedanken in diesem Jahr ein wenig in die Tat umgesetzt zu haben: Ich habe mir meine eigene Software zum speichern, sortieren und archivieren guter Bilder geschrieben.

Das Programm heißt M A R K. Es besteht aus einigen Front- und Backend-Komponenten in PHP und JavaScript, die sich auf den gängigen virtuellen Hosts installieren lassen. M A R K entspricht Kriterien, die ich in dieser Kombination in keiner existierenden Lösung gefunden habe:

  • M A R K stellt einen chronologischen Stream aller Inhalte dar – und damit ihre Ähnlichkeiten, Unterschiede und die Entwicklung meiner ästhetischen Vorlieben. Thematische Ordner gibt es zusätzlich.
  • Bilder werden nicht in einer Datenbank gespeichert, sondern in sinnvoll benannten Ordnern im Dateisystem des Servers organisiert. Die Benennung der Dateien ist chronologisch. Auf diese Weise bleiben Ordner unabhängig vom Programm und behalten ihre Ordnung – auch außerhalb von M A R K.
  • Die Größe der Bilder lässt sich über die Tasten + und – anpassen. Das ist entscheidend, um M A R K gleichermaßen als Moodboard wie als Bilderpool verwenden zu können.
  • Bilder lassen sich über ein Bookmarklet und durch Drag & Drop hinzufügen.

Eine ausführlichere Darstellung meiner Überlegungen habe ich in der Readme aufgeschrieben.

Es hat mir in diesem Jahr große Freude bereitet, an M A R K zu arbeiten und das Programm zu verwenden. Es entspricht meinen Vorlieben und Interessen. Es ist fehlerbehaftet und stets in Arbeit. Es ist diese Kombination, aus der ich viel gelernt habe. Adaptability, decentralisation, resilience, fun: D.I.Y. ist eine zeitgemäße Strategie.


  1. Oder, wie Ktinka in ihrem Aufruf zu #gobacktoblogging in diesem Jahr so treffend schrieb: the reach of your blog will be way smaller. However to a great extend it will be yours. ↩︎

  2. Devine ist vermutlich die Person, die den Weg der eigenen Lösung konsequent und am schönsten geht. Sein Universum an Darstellungsformen, Gestaltung und Programmen ist inspirierend wie wenig anderes. Case in point im Kontext dieses Textes: Ronin, eine idiosynkratische Bildbearbeitungssoftware, die notwendig wurde nachdem eines von Devines Notebooks auf hoher See kaputt ging. True Story↩︎

April

The way he has presently constructed it, his life is basically a scaffolding of steel will upholstered in sable fur […] both sober and decadent.

Ich bin ein ausgesprochen rationaler Mensch, aber ich habe viel übrig für interessante Arten von Wahnsinn. Was mir unterhaltsam erschien, habe ich mir angeeignet.

Februar

Will will will will kein Bestandteil sein
will will kein Bestandteil sein
kein Bestandteil sein

nicht von dem was war – es war nichts
nicht von dem was demnächst kommt
nicht von nichts davon, nicht von dem was ist
allemal nicht, nicht davon

will will will will will will will will will
will will will kein Bestandteil sein

kein Bestandteil sein
kein Partikel im Netz
kein Staub

September

Vor 738 Tagen saß ich in Ginza an einem niedrigen Tresen aus Holz, wenige Stunden vor meiner Abreise aus Japan. In einer Hand eine Lackschale, in der anderen Hand mein Telefon. Nachdem der Upload meines letzten Field Recordings abgeschlossen ist, trinke ich meine Akamiso aus, verlasse das aus Holz errichtete Restaurant und mache mich durch die Massen und den Regen auf den Weg nach Narita.

Es ist Japan für mich. Die Zurücknahme und der Exzess, die nahtlose Fügung. Die haptische Qualität der Realität. Das Gefühl, alles bestehe aus anderem Material, aus chemischen Elementen, die nirgendwo anders auf der Welt vorhanden sind. Mirror-World, Regressunterbrecher, Kontingenzeinsicht. Ich werde wieder Zeit in Japan verbringen, keine Reise, mehr anwesend sein, bevor es 800 Tage sind.

Ich werde wieder Calabi–Yau (Soundcloud, Tumblr) verwenden, um Ort und Zeit aufzuzeichnen. Geringe Ausschläge, aufgenommen mit unzureichendem Equipment und wenig Kenntnis: Das Atmen der Lichter, Miegakure, der leichte Wind im Hof von Omotesandō Coffee, die Abwesenheit von Allem.

„Whether the world exists or not, I don’t know. I saw things as they should have been, not as they are.“

Calabi—Yau (2015)

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