http://electricgecko.de/ Version VI 6.6a 2004 — 2017
Persönliche Website von Malte Müller. Grafik/Code,
Free Agent. W.A.F. Operations.

electricgecko

Texte über Musik, Raum, Gestaltung und Kunst. Fotos.

http://electricgecko.de/tag/musik/page/2

Alle Texte zum Thema Musik.
Aktuelle Texte auf der Startseite.

6925

The Occult Apparatus

http://electricgecko.de/2016/occult-apparatus

Die Geschichte der Hexe Demdike ist eine überaus interessante, komplexe Geschichte von Angst und den niederen Affekten menschlichen Daseins, über die Fähigkeit zu gesellschaftlicher Düsternis, die mir in diesem Jahr nicht fern genug scheint. Abgesehen davon ist Demdike auch die Namenspatronin von Demdike Stare, also dem bestbetitelten aller Producer-Projekte – was einer mutmaßlich verdienten Rehabilitation sehr nahe kommt.

Demdike Stare veröffentlichen dieser Tage ein Studio-Album. Das ist selten und Grund zur Freude, weil es einen weiteren Schritt in der Progression des amorphen Projekts bedeutet, das mal mit genre- und styleblindem Crate Digging und extensiver Schichtverleimung der dabei vorgefundenen Samples begonnen hat. Demdike sind ein Apparat, ein Prinzip, das neuen Klang durch Ableitungen von bestehendem Klang herstellt. Entscheidend ist also das Editing, darin beweisen beide Produzenten maximale Tightness.

Wonderland greift auf das zurück, was Miles Whittaker bereits in seiner Kollaboration mit Andy Stott (c.f. Drop the Vowels, 2014) erprobt hat: Die Rückversetzung seines Versuchsaufbaus für das Experiment Techno auf den Dancefloor. Dazu gilt es, raue Texturen beizubehalten und gleichzeitig funktionale Strukturen einzuziehen – also in erster Linie Breaks und Spannungsbögen in gelernten Dimensionen.

Weiterhin bedeutet es Zugeständnisse im Ausgangsmaterial. Statt osteuropäische Folkplatten zu samplen, schöpfen Demdike Stare nun aus dem Fundus, der gleichzeitig nah und fern ihrer Heimat liegt: UK-Hardcore und Jungle samt ihrer prägenden Einflüsse Dub und Dancehall der West Indies. Ohne diese wäre britische Popmusik der vergangenen vierzig Jahre (von den Specials bis Actress) nicht das, was sie ist.

Der Demdike-Apparat verträgt auch diesen Input. Wonderland schleppt sich in kunstvoller Verwaschenheit durch dichten Nebel, gebrochen, abgerissen, Fragmente eines Monuments. Alles auf dieser Platte bleibt dabei vollkommen zugänglich und wahrt große Eleganz, die sich hinter der porösen Oberfläche verbirgt. Sprezzatura wäre wohl der treffende Begriff für diese Geste – wäre Wonderland keine so dezidiert britische Platte. Demdike Stare werden weiterhin besser mit jedem Release.

  • Demdike Stare – Wonderland. 2×LP/3×CD. Modern Love, 2016.
6753

Known pleasures

http://electricgecko.de/2016/known-pleasures

August. Die Studiotür fällt ins Schloss und die Nacht liegt weit und offen über der Stadt. Es ist unmöglich, jetzt nach Hause zu gehen. Zu einfach scheint die Welt und zu affirmativ der Sommer. Wir lassen los, passieren die Einfahrt zum Hinterhof und berühren Play: Shoom, dieser Track und TRST, das Album, Repeat in den wenigen warmen Wochen dieses grauenvollen Jahres.

Auf der About-Seite steht irgendwas über meine Vorliebe für sehr komplexe und sehr simple elektronischer Musik. TRST01 ist Letzteres: straighter Rave, geradeaus und wirkungsorientiert. Diese Form guter Musik ist selten. Möglicherweise erfordert die Fähigkeit, ein großes und dabei nicht triviales Gefühl zu erzeugen, bemerkenswerte Disziplin im künstlerischen Prozess und eine Form von Intuition, die sich in vielen Fällen gegenseitig ausschließen. Letztlich die Lösung der großem Aufgabe des Pop, also.

Trust (ergo: Robert Alfons) löst sie durch hinreichend düstere Textur, in seiner bemerkenswerten Stimme02 und den im Nebel verhallenden Sawtooth-Basslinien. Tiefe durch dunkle Blicke, Eyeliner und gute Kleidung, die Powermoves des Goth. Sind sind der Secret Handshake: Nachdem wir uns alle darauf verständigt haben, dass wir es ernst meinen, dass wir nicht zum Spaß hier sind, dass wir nicht anders können – dann, und nur dann können wir hier gemeinsam loslassen. Arpeggios und zu viel Hall auf allem, wir wissen ja, wie es gemeint ist. Das gefällt mir natürlich.

Inzwischen ist es Winter geworden, und dieses Album ist immer noch hier. Vielleicht, weil es eines der reinen, euphorischen Erlebnisse meines Jahres war. Vielleicht, weil mir diese Form affirmativer Begeisterung so selten zugänglich ist. Platten wie diese bedeuten mir viel, weil sie mich daran erinnern, dass wir nicht nur in einer Gedankenwelt leben, sondern auch in einer Welt der Dinge03. It’s about control and all the gazing afterwards.

  1. Die Naming-Konvention ist nicht ganz klar. Ich halte es so: Trust ist der Act, TRST das Debutalbum. Slashes verwenden und Vokale entfernen like it’s 2005, also wirklich.↩︎
  2. Deem him high/he’s bound to fall/When you say love/it sounds so good↩︎
  3. Aus: Christian Kracht – Die Toten↩︎
6789

Abmusik

http://electricgecko.de/2016/abmusik

Ich las einige Kritiken der Drangsal-Platte. Es scheint ein Missverständnis vorzuliegen. Entgegen verbreiteter Annahme ist das ja keine Musik, und Drangsal ist keine Musikgruppe. Max Gruber mit den Annahmen und Methoden der Musikrezension zu begegnen, führt zu wenig interessanten Resultaten und übersieht die ästhetischen Maneuver, die er als Drangsal betreibt. Mal sehen:

Da ist überhaupt kein ersthaftes Interesse an der Disziplin des Musik-Machens. Das ist alles Geste, ein Mittel zum Zweck. Was Drangsal zur Aufführung bringt, existiert als Grund, um jung da oben zu stehen, am Hemd zu zerren, bös zu schauen, am Mikroständer zu reißen. Das alles ist legitim. Hier geht es um ein Ganzes, einen kohärenten Vorschlag, wie man sein und aussehen und reden kann. Eine Möglichkeit, der Welt zu begegnen.

Man muss das natürlich extrem gut machen, sonst klappt’s nicht. Gut meint in dem Fall etwas anderes als das gut in gute Musik. Es hat eher der Art und Weise zu entsprechen, auf die gute bildende Kunst gut ist, also dem einzigen Paradigma des Zeitgenössischen zu genügen: Du sollst nicht langweilen.

Das ist also alles ziemlich kippenbergerhaft. Natürlich ist solcherart künstlerisches Handeln albern und ruinös01, aber es ist auch genuin, ernsthaft und aufrichtig02. Um im Vergleich zu bleiben: Es musste vor allem anderen Martin Kippenberger ermöglichen, an der Kunstwelt teilzunehmen. Also irgendwo rumzustehen, Gläser mit Crémant über den Tresen zu werfen und grandiose Scheiße zu reden. Der Welt zu begegnen. Dazu musste der Move halt gut sein, der Approach, die Gründe, das Material und die Referenzen. Hier bestehen Parallelen.

Ein Weiteres: Wer Drangsal als konstruiert und verkopft beschreibt, und das als Kritik aufgefasst wissen will, hat nicht verstanden, worum es geht. Denn Authentizität als Zwingendes, vorgeblich aus tiefster Seele Empfundenes existiert erstens nicht und ist zweitens nicht das Ziel. Drangsal bemüht sich nicht um den Sound von Tears for Fears und Prefab Sprout. Sie verwendet was vorhanden, wahr und effektiv ist, planvoll und mit Absicht. Das Ziel ist Recht haben und schön sein. Beides gelingt.

Harieschaim ist das Debutalbum als Greatest-Hits-Platte: Ernst und sorgsam entworfen, an den jeweils richtigen Stellen aufmerksam brillant und nachlässig beschissen. Futures invade and haunt the production of both present and past. This is post-contemporaryism I can get behind, um es mit Malik und Avanessian zu sagen.

  1. Das Bad painting setzt nicht auf Überraschungen durch mangelnde Beherrschung der Technik, es entspringt einer intellektuellen Distanzierung von der Eigengesetzlichkeit des Gut-Gemachten, ja des Vollendeten. Es will verhindern, daß schlechter Geschmack durch Gewöhnung zum guten Geschmack wird. Ruinieren wird zu einer erkenntniskritischen Haltung. Sie ist nicht mutwillig zerstörerisch, sondern konstitutiv. Sie definiert das Werk von vornherein gerade deswegen als interessant, weil es keinen Anspruch auf Endgültigkeit erheben kann. Bazon Brock, Bildjournalismus als ästhetische Macht (1986). ↩︎
  2. Ich weiß, dass meine Kunst albern wirkt, vielleicht sogar dämlich, oder dass das Gleiche schon gemacht worden ist, aber das bedeutet nicht, dass ich es nicht ernst meine. Robin van den Akker und Timotheus Vermeulen, Anmerkungen zur Metamoderne (2015).↩︎
6704

Skull Disco

http://electricgecko.de/2016/skulldisco

Da ist die andere Seite des Sommers, wenn die Hitze auf der Stadt liegt und dieser langsame, schwere Regen fällt. Nass und dunkel, lange Schatten, die Luft aus Blei: Zeit für zugleich matte und überhitzte Musik, die natürliche Umgebung für Black Devil Disco Club. Ein dunkler Freakout, der jede Albernheit mit messerscharfer Attitüde balanciert – jedenfalls das Reissue-Album (28 After), die folgende LP (Eight Oh Eight) und vor allem die zugehörigen Remixes und Dubs (diverse).

Aber man kann ja auch nicht immer das gleiche hören. Leider gibt es in diesem Genre wenige Releases, die Bernard Fevre qualitativ gerecht werden01. Darum freue ich mich dieser Tage sehr über die beiden Platten von Phantom Love, die mir beim Crate Digging an einem düsteren Abend im Mai in die Hände fielen.

Valentina Fanigliulo operiert an der Grenze zwischen Krautrock und Italo Disco, also definitiv weit draußen in der kosmischen Musik. Darum geht es um Atmosphäre, Raum und Weite – aber auch um die düstere Hitze, die Black Devil Disco Club ausmacht.

An Stelle der Italo-Hysterie tritt bei Phantom Love ein schleppendes Momentum, das den Tracks ein Gefühl der Unaufhaltsamkeit, ein unendliches Voran und Nach Oben verleiht. Case in Point: Power and Passion, ein auf sieben Minuten gestrippter Hit, der auch ein Snippet aus einem unendlichen Versuchsaufbau rekursiver Vocaldelays sein könnte.

Mit der zweiten, selbstbetitelten, 12“ bewegt sich Phantom Love in die erste Dekade des Ausverkaufs synthetischer Musik: Ziemlich straighter Italo Disco, der das stoische Momentum der früheren Tracks behält. Alles hier ist heiß, verschwitzt und angenehm paranoid. Das kosmische Element der Musik hat die Mystik verloren, in diesen Tracks sind es definitiv dunkle Sterne und klaustrophobische Räume. Die ersten anderthalb Sekunden von Tropic Illness klingen wie Crockett’s Theme, diese nachdrücklich anziehende, synthetische Fläche. Wo Jan Hammer in die Melodie übergeht, stürzt sich Phantom Love ins Unendliche. Die Achtziger endeten nicht gut.

Phantom Love ist einer dieser Funde, die am Ende des Jahres 2016 hängen geblieben sein werden. Weil diese Musik emotionales Vokabular für eine Stimmung bereitgestellt hat, die mir zuvor nicht greifbar war. Ich mag es sehr, wenn das passiert.

  1. Inklusive seiner späteren Arbeiten, die er im Anschluss an Eight Oh Eight bei Lo Recordings veröffentlicht hat. Alles leider äußerst richtungslos.↩︎
6599

Retroactive memory score

http://electricgecko.de/2016/memory-score

Faint memories of wood-panelled bars in Itaewon, absurdly coherent and outfitted in otaku-like manner, down to glinting silver tie pins and accurately replicated figure-eight moves of the Boston shaker, cheered on by three tipsy women in cream-colored dresses. The illusion of truthfulness and simplicity, of one here and one now, is profound. At the same time, a high-resolution rendering of a contemporary future is revolving on the other side of the sliding door.

Suspension monorailways moving in the distance, jittery graffiti illuminated by flickering xenon tubes. Square shoulders gently forcing their way. A multitude of scurrying feet in high heels and pristine white sneakers, knitted by servo arms in the not too distant factory halls of east Asia. The engine of a black Aventador revvs up into a booming drone. Billowing cargo trousers, heavy boots threading the ground with sawtooth soles, a squad of soldiers in mirage camouflage emerges and disappears in the crowd.

Many white stairs down, at Hangangjin station, aseptic cathedral spaces, cavernous and immaculately clean like the flight deck of a deserted space frigate. Both sound and silence are amplified. An escalator quietly lifts me towards the starry night sky. On the upper deck, the air is perfectly still.

Later, as my cab crashes into a small transporter, spatial memories whizz past. Exhaling, I leave the wreckage and join the bustling sidewalks and the lights of Night City, amidst everything and alone in the matte gray night.

(Über eine EP und einen Track von ASC, und über meinen Hang, Musik und Raumwahrnehmung miteinander zu verbinden.)

Neuere Texte Ältere Texte