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electricgecko

Texte über Musik, Raum, Gestaltung und Kunst. Fotos.

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electricgecko – Coat

Your weakness is your strength.

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Poesie der Ebene

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Es ist eine große Konzentration in der Musik von Vril. Das war schon immer so, seit den ersten 12″ auf Staub: der lange, forschende Blick auf das Wenige, das da ist. In der tiefen Auseinandersetzung mit der Reduktion der Mittel findet sich in dieser Musik wieder fraktalhafte Komplexität – Minimal und maximaler Monumentaltechno sind hier identisch, es ist eine Frage der Auflösung im Sinne des Feinheitsgrades der Wahrnehmung01.

Anima Mundi, das zunächst als Tape veröffentlichte nächste Vril-Album, nimmt diese Konzentration deutlicher in den Blick: Es geht weniger um die Dramaturgie der Tracks, ihre affirmative Funktion auf dem Floor, Vril beraubt sich also seiner augenscheinlich größte Stärke.

Umso mehr tritt in den Vordergrund, was mich seit den Staub-Releases fesselt: Die Poesie der Ebene, Sustain ohne Release. Auf Anima Mundi verhallen die Bars mit statischen hundert BPM im Rauch, ohne ihre deutlich spürbare, aber drastisch kontrollierte Energie einzulösen. Ihre meditative Qualität tritt in den Vordergrund, es trifft auch hier die vollkommen grandiose Beobachtung von Rainald Goetz zu: “Kunst, die man nicht sieht. Musik, die man nicht hört. Ein Denken, das alles irgendwie denkbare schon erledigt hat und jedem dadurch alle Freiheit gibt”.

Ein stilles Release nach der großen Welle, dem Boiler Room und den Videofeatures. Ich hätte es gern als Album, für das Gefühl des nahenden Ende dieses Jahres.

  • Vril – Anima Mundi. Tape, LP (unveröffentlicht). Giegling, 2017.
  1. Ich hatte einen ähnlichen Gedanken zum Set von Fis + Renick Bell beim Atonal↩︎
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Psychological Transit Notes, Kuala Lumpur

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When I was a child, I would sneak from my room on saturday mornings, and switch on the TV. I would watch CNN World News, not catching much of its content, but savouring a diffuse internationalism that was lacking from my environment. It was of endless fascination to me. My favourite segment was the global weather forecast. It always included Kuala Lumpur, showing a hazy, grainy cityscape as filmed by some rooftop-mounted camera. The city’s name and its dreamy optics resonated with me every time, and I would give in to daydreaming about this place and others, that somehow were supposed to lie on this same earth I was beginning my life on. (03-31-17)

The specific south east asian rain poured down yesterday, observed from our condo on the 27th floor. The rain announced itself by a thick haze settling down in a matter of seconds, descending from the sky, filling the voids between arcologies. The light did not fade, but is dispersed, refractured in a different way. Then, the rain started. A grey veil, blending with KLCC’s monolithic architecture. With it come the lightning strikes and thunderclaps, feeling close, almost as if originating from inside our room. (01-04-17)

(Aus meinen Reisenotizen in Kuala Lumpur)

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Abstract Grace

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Der folgende Text ist eine längere Version meines Tweets vom 24. Oktober, mit dem im Grunde bereits alles gesagt war.

Lagrangian points are positions in an orbital configuration of two large bodies where a small object affected only by gravity can maintain a stable position relative to the two large bodies. The Lagrange points mark positions where the combined gravitational pull of the two large masses provides precisely the centripetal force required to orbit with them. There are five such points, labeled L1 to L5, all in the orbital plane of the two large bodies.

I

Lee Gamble bemüht sich in seiner Arbeit um eine Form abstrahierter Eleganz, eine Eleganz zweiter Ableitung. Bereits auf seinen frühen Releases ist die Musik stets die Funktion eines Anderen, generiert aus dessen Anwendung auf sich selbst – so unter anderem geschehen mit den Leerstellen und Abwesenheiten von Jungle (exzellent: Diversions 1994-1996) sowie den löchrigen Möglichkeiten generativen Renderings (Koch). In allen Fällen ist die Folge eine spezifische Art fragiler Schönheit, die bei aller Konzentration auf sich selbst immer auf den weiten Horizont ihres Schöpfers hinweist. Lee Gamble sieht weiter und schärfer als die meisten seiner Peers, und totz aller laddishness ist er sich seines ironiefreien Anspruchs bewusst:

He wanders into an extended metaphor involving the Voyager probe and space debris. I don’t know whether that just sounds utterly pretentious. At the end of the day, we’re in the arts, aren’t we? Allow it, man. It’s fucking dull otherwise. I mean, it’s not dull, but you know what I mean! (Lee Gamble im Gespräch mit Angus Finlayson bei RA).

II

Aus dieser Perspektive betrachtet ist die Bedeutung des Materials für Lee Gambles Arbeit evident – Themen mit hinreichender Tiefe werden gesammelt und auf Brauchbarkeit für die nächste Schicht untersucht, Worte in erster Linie nach ihrem assoziativen, weniger ihrem semantischen Wert beurteilt01. Seine Quellen wandeln sich, und mit ihnen die ästhetischen Schwerpunkte seiner Releases. Fixpunkte sind auszumachen: Technologie und die Arbeit der Menschen daran, Mimese, World Building, Rendering, Voyager 1 und überhaupt das All, Staub, analoge Schleifen.

III

Das Release von Mnestic Pressure ist nun eine weitere Ableitung in der Auseinandersetzung des angehäuften Materials. Im Vergleich zu Koch aus dem Jahr 2015 ist es konzentriertere, dichtere Musik, mit größerem Interesse an einer kohärenten Stimmungskurve. Dennoch bleiben die 13 Tracks auf sich selbst bezogen, mit der experimenthaften Untersuchung ihrer eigenen Prämissen befasst, ihr Groove nach Innen gerichtet. Das sind alles wahnsinnige Hits, nur halt nicht in der Welt, unter dem Atmosphärendruck des allzu Physischen.

Ich habe der Folge von You Hedonic und UE8 wenig entgegen zu setzen, das ist Musik, die mich unmittelbar in sich auflöst. Die Schönheit dieser Tracks speist sich bei aller Strenge aus der Offenheit ihrer Strukturen, bei aller Macht aus der Tiefe der Räume in denen sie verhallen (Ignition Lockoff). All diese abstrakten Maneuver bleiben dabei in der analogen Skala ihrer Ausgangsmaterialien verankert. Anders als auf dem vorangegangenen Album widmet sich Lee Gamble weniger der Output-Exegese digitaler Tools – an dessen Stelle tritt die Auseinandersetzung mit der durch diese Tools geformten Welt.

Dies mag ein Grund sein, warum Mnestic Pressure eine dieser Platten ist, die hilft, die Welt zu verstehen – oder sehr viel treffender: to make sense of the world. Da ist dieser unfassbare, völlig konkrete Groove, der die ersten 15 Sekunden des Albums einnimmt. Ein Fake-out, und so etwas wie die Passage aus der Welt der Dinge in die ungleich sinnvollere Welt von Mnestic Pressure.

  1. Jove Layup, 23 Bay Flips, Voxel City Spirals, You Hedonic, You Concrete, q.e.d.↩︎
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Whenever you make sense of the worlds, I fall silent, Odile Decq, Blixa Bargeld, Martin Kippenberger, Rick Owens, Danah Boyd, Wolfgang Tillmans, Rainald Goetz, Yohji Yamamoto, Michael Jordan, Christian Kracht, Siegfried J. Schmidt, Werner Herzog, Elfie Semotan. To be extended.

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