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Texte über Musik, Raum, Gestaltung und Kunst. Fotos.

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Konstitutive Oberfläche

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Den in dieser Zeit stets mitzudenkenden Kontextverweis auf die politische Weltlage unterlassend, wies mich Hannes gestern auf den Ausspruch Andrei Sinyavskys hin, dass seine Differenzen mit dem sovietischen Regime in erster Linie ästhetischer Natur seien:

The writer Andrei Sinyavsky, perhaps the first person to become known as a Soviet dissident, once quipped that his ‘differences with the Soviet regime were primarily aesthetic.’ Buried in a dense autobiographical essay and qualified as a joke, the line nonetheless was and remains one of the most-repeated sentences among the differently minded in the Soviet Union and in Putin’s Russia.

Die Oberfläche ist der Ausdruck, also das Wahrnehmbare, zu Anschluss und Konstruktion entschieden Angebotene des Inneren. Die Entschiedenheit ist das Wichtige, also die Bewusstheit der Entscheidung nach Forschung, Überblick und Prüfung der Kriterien (welcher Kriterien auch immer). Nur was in eine Form gebracht wird, ist vorhanden und kann verwendet werden, für Kritik und Anschluss, im Gegenteil zum vermeintlich organisch Erspürtem. Das Innere ist die Leerstelle und die Kritik am wie, an Optics und Haptics der Macht und der Gesellschaft ist die Achse der Diskurse – hier geschieht Arbeit, die Aufmerksamkeit und Achtsamkeit verdient.

(Im Februar 2017)

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“2017”

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Ich bin generell interessiert an Material und Prozess, in Kunstarbeit wie in der Arbeit am Leben im Allgemeinen. Musik und Zustände, Konfiguration von Orten und Bewusstsein, gebaute Welt und erlebtes Unterwegssein als Material zu betrachten, das einer kognitiven Prozedur unterzogen wird, erscheint mir naheliegend und vertraut. Output, als Gelebtes und Veröffentlichtes, geschieht zeitversetzt und ist gebrochen durch die Bedingungen der handelnden Person.

Wenige Bearbeitungen der erlebten Welt fesseln mich so sehr wie der fortlaufende Narrativ von Wolfgang Tillmans. Tillmans-Ausstellungen sind Anlässe zum Abgleich und zur Rückschau. Sie sind die Resultate des Durcharbeitens von Gegenwart auf persönlicher, privater, öffentlicher, erotischer und politischer Ebene; des Zusammenfügens dieser Ebenen01. Tillmans‘ 2017 ist eine weitere Zäsur dieser Arbeit, die aktuelle Aufnahme dieser Zugangsrichtungen und Interessen. Es ist eine expansive Ausstellung, sie füllt drei Etagen der Tate Modern02. Hier sind fünf Jahre vergangen und zurückgeworfen, in die ganz bestimmte Form einer Installation präpariert, die das Medium des Künstlers Wolfgang Tillmans ist. Die Arbeiten des Fotografen Wolfgang Tillmans finden darin Verwendung, sie werden der architektonischen Anordung unterzogen und der Aufschichtung von Material hinzugefügt.

Das ist der Prozess, und 2017 durch die Hallen an der South Bank zu folgen bedeutet eine Pause der eigenen Bearbeitung der Gegenwart und ihrer nahen Vergangenheit, einen Abgleich und das in Frage stellen der eigenen Gedankenarbeit. Ich verbrachte einen Tag in der Ausstellung und im Untergeschoss des noch einigermaßen neuen Switch Houses, der freie Beton wie eine Leinwand für die Nachbilder der Ausstellung. Die Arbeiten und die Vielzahl der Verweise in 2017 ließen mich überwältigt zurück: Mehr das zu sehen, so vieles das noch zu wissen ist. Mehr noch war es die Einsicht in Material und Prozess, die seit dem als Kritik und Ermutigung mein eigenes Durcharbeiten der Welt und des Lebens begleitet.

2017 ist eine der wichtigen Ausstellungen meiner letzten Jahre. Ich empfehle sie jeder und jedem, der denkt und fühlt: Besucht sie unbedingt! Sie läuft noch bis zum 11. Juni 2017.

  1. Einen Auszug habe ich vor kurzem hier zitiert.↩︎
  2. Dazu ergänzt um die Installationen und Performances unter dem Titel South Tank, die ersten, die in diesem neuen Flügel im Untergeschoss des Switch House stattfinden.↩︎
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Beyond-Jalan-Tun-Razak
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Surfaces are ambiguous: the pattern in the underground trans in Berlin, for example, a so-called antigraffiti pattern (sic), could be a fashionable camouflage pattern but at the same time represents the suppression of youth culture. I am interested in this ambiguity of codes and surfaces, and the fact that they carry content. Since the early nineties, I have been working on an ongoing group of pictures called Faltenwurf, pictures of clothes as they hang to dry or lie abandoned. To me clothes have always been a significant part of the visual world. They are a major part of our surface, our membrane between the outside world and the body. They are a sensual surface as well as a sculptural surface, and they say a lot about the orginazation of human life in general.W.T., in einem der collagierten Fragmente im selbstreferentiellen Raum 12 der fantastischen Ausstellung Wolfgang Tillmans: 2017.

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Drei Orte in Kuala Lumpur

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Kuala Lumpur ist weniger eine Stadt als die südostasiatische Version des Sprawl – das Substantiv im Gibsonschen Sinne, nicht das Verb im Infinitiv. Es ist ein für europäische und (noch) zeitgenössische Verhältnisse unkontrolliert wachsendes Geflecht aus Tradition, Pragmatismus, dem Technologismus des vergangenen Jahrtausends und dem simplen Prinzip der Verdrängung: Masse erzeugt Druck und erschließt in der Folge Wege und Raum.

Somehow everything is infrastructure here01, und interessanterweise scheinen ihre Komponenten ihren eigenen Codices zu folgen. In dieser Hinsicht entspricht Kuala Lumpur seinem Land. Malaysia bezieht Identität aus Multikulturalität: muslimische Prägung, ethnische Bevölkerungsgruppen aus Indien und China sowie eine trotz allem spürbare indigene Präsenz.

In Kuala Lumpur ist das an wenigen Orten so evident wie am Central Market am Rande von Chinatown. Es ist sicherlich ein chinesisches Viertel wie es im ostasiatischen Raum häufig zu finden ist (think Garküche, tech repair shack, unlikely Yeezy colorways) – doch es ist durchdrungen von den Vibes und der Haptik des mittleren Ostens. Der Dayabumi-Komplex überragt das kleine Viertel wie ein Architektur gewordener Konjunktiv: Ein Turm ornamentierter Geradlinigkeit, ein entschlossener Entwurf, on point in seiner Slickness (und vermutlich eines der schönsten Gebäude, die ich gesehen habe).

Das Durcheinander Kuala Lumpurs ist bestimmt von Kontrasten wie diesen, zu denen mir kein adäquater Vergleich einfällt. Alles hier war niemals prä- oder post-, es ist urbane Biologie, das über-, unter- und ineinander Verwachsen in alle Richtungen, möglicherweise die Entsprechung des malayischen Dschungels. Drei Orte in Kuala Lumpur.

  • Lot 10 (Karte)

    Zu mehr oder weniger großen Teilen ist Kuala Lumpur ein Street Food Market, und war es bereits bevor dieser einigermaßen doofe Begriff existierte. Die Hawker Stalls (das ist ein Ausdruck) von Bukit Bintang (Jalan Alang und so weiter) durchzuprobieren ist eine lebensabschnittfüllende Aufgabe – und zugleich Kulisse für ein akkurates Cosplay der Ramen/Recruiting-Szene aus Blade Runner. Daher ist es praktisch, dass unter dem Namen Lot 10 eine Auswahl der besten und langlebigsten Street Food Stalls in den Keller einer Mall gedrängt wurde. Die Entscheidung zwischen Hokkien Mee, Roti Cannai, vielerlei Dumplings, Naan-Varianten und hundert anderen Optionen fällt dennoch hinreichend schwer. Alles hier ist von exzellenter Qualität und in vielen Fällen durch mehrere Generationen einer Familie erprobt und verbessert. Stressfreude erster Güte.

  • Feeka Coffee Roasters (Karte)

    Bukit Bintang ist das interessante Viertel in Kuala Lumpur – die Grenze zu unerträglich ist allerdings einigermaßen fließend, auf eine ähnliche Weise wie es in Itaewon der Fall ist. Beim Versuch, Amusement und expatkompatibler guter Laune aus dem Weg zu gehen, führte mich mein Weg an Feeka vorbei. Wie der Name vermuten lässt, handelt es sich um den lokalen Ort für Third-Wave-Kaffee, Gebäck und gute Vibes. Interessant, weil spezifisch, ist die Raumsituation: zwei kahle Geschosse, eine gerüstartige Terasse, Sitzplätze zwischen großen Blättern. Ruhe, wie sie nur in einem verlorenem Karton im tosenden Regen einer Stadt wie Kuala Lumpur existieren kann.

  • Tsujiri (Karte)

    In Kuala Lumpur gibt es eine Isetan-Dependance. Der Grund, auf dem dieses Kaufhaus steht, sollte japanisches Staatsgebiet sein – ein Besuch entspricht einem Augenblick Tokyo, in Ruhe und Schönheit. Das gilt im Besonderen für das Erdgeschoss und die Delikatessenabteilung im Untergeschoss. Abgesehen von 35 Sorten Junmai und Bento für Unterwegs gibt es hier in einem Halbrund eine Tsujiri-Filiale. Ihre Angestellten verkaufen die besten teebasierten Desserts der Welt. Chiffon-Kuchen, Hojicha-Bisquit, Matcha-Eiscreme, Matcha-Floats, Azuki – alles ist von perfekter Form und ebensolchem Geschmack. Eine Erinnerung an Omotesandō, samt seiner stillen Wärme und dem Grün und Schwarz. Unerwartet und in seiner gänzlich unmalayischen Auszeit-Erfahrung unbedingt einen Besuch wert.

  1. William Gibson – Disneyland with the Death Penalty, Wired (1993).↩︎
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