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electricgecko ist eine sehr subjektive Publikation über Gestaltung, Musik und das Leben in der Stadt. Beiträge erscheinen unregelmäßig.

Diese Seite begleiten ein visueller Stream of Consciousness, ein Flickr-Account und eine lose Reihe von Mixtapes.

Layers - 20/07/2014
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20/07/2014 — Hamburg

1974

Es gibt einen Grundsatz für die Animation von Special Effects: große Dinge bewegen sich langsam. Je größer ein Raumschiff, desto langsamer sind seine Maneuver. Je massiver die Explosion, desto zeitlupenartiger bersten die Einzelteile des vergehenden Planeten durch das All. Langsamkeit ist in der Lage, Gewicht und Dichte zu suggerieren – das gilt für visuelle CGI wie für Musik (c.f. Andy Stott).

Es ist diese massive Langsamkeit von Psychic, die der Debut-Platte des Duos Jaar/Harrington ihre Gravitas verleiht. Sie findet ihren Ausdruck in der Anwendung des unaufhaltsamen, sequentiellen Vorwärts des Krautrock auf ein technisiertes Hier Und Jetzt. Psychic ist ein Album voller programmierter Grooves, so langsam und nachdrücklich als bewege sich Leviathan in karibischem Wasser um die eigene Achse. Wir betrachten versonnen Spiegelungen der Sonne auf den Wellen, und massive Wärme sinkt vom ultramarinen Himmel.

Psychedelia, Krautrock, kurz vor Mitte der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Nach vorn, nach oben.

Psychic trifft seinen ästhetischen Moment: das Ende der Fiktion der Moderne, die Auflösung ihrer schlanken Eleganz in Breite und Nachdruck im Heck des Maserati Merak (1972). Filz und Pelz und die Revers von Joseph Beuys (1974) in der Kollektion für Herbst und Winter 2014 von Siki Im. Die Ablehnung der Ökonomie, die nachlässige Breite dieser Referenzen erscheint im Jahr 2014 wieder sinnvoll und passend. 1974 ist das zu samplende Jahr, und Nicolas Jaar wusste das früher und besser als wir.

Psychic könnte nicht treffender betitelt sein, sein Artwork nicht richtiger, seine Wucht und sein Tempo nicht zeitgemäßer. Es ist eine Platte für den dunklen Sommer: Sleazy, breit, schwer. Und da es sich um Krautrock handelt, findet sie erst mit dem letzten Track zu ihrem Höhepunkt. METATRON ist ein maximal volles und präzises Stück. Musik von derart zeitlupenartiger Wucht, dass ihr Titel nur in Versalien korrekt buchstabiert erscheint.

Psychic ist ästhetischer Zeitgeist, formuliert als Popmusik, Hits, interessant und neu. Ich halte dieses Album für eines der besten der letzten Jahre.

Asperitism

gltch
Von den digitalen Oberflächen, auf denen wir grafische Elemente arrangieren, Fotos bearbeiten und JavaScript schreiben, ist selten die Rede. Sie sind der Hintergrund eines sich ständig verändernden visuellen Pastiches, sie enthalten die Folge unserer Arbeiten, Zeichenreihen und noch zu verwerfender Daten. Im einfachsten Fall genügen sie den Mindestanforderungen an Klarheit und Ruhe. Im besten Fall werden sie zu einem kleinen Teil der Stimmung, die wir uns für das Ergebnis unserer Arbeit wünschen.

Bilder dieser Qualität sind leider schwer zu finden, denn entsprechende Sammlungen sind geschmacklos und uninteressant. Ich mag Bilder mit Textur und Weite, evokativ, harsch und unkonkret. Geeignetes Material transportiere ich seit Jahren von Computer zu Computer – eine meiner ersten Taten beim Einrichten eines neuen Systems ist es, die mitgelieferten Desktop-Bilder durch meine eigenen zu ersetzen. Acht dieser JPGs habe ich auf meinen Server geladen. Ihre Daten habe ich an verschiedenen Orten der Welt aufgenommen und in einem Fall aus dem Internet geladen.

Die Auflösung reicht aus für kleine Notebooks und eine Ad-hoc-Studie meines digitalen Raumempfindens1. Im besten Fall dienen diese Bilder den Arbeiten, deren Kontext sie für einige Tage sind.

8 Desktopbilder (JPG) – 1440×900

  1. Ein Grund für diese Überlegungen ist das schöne Zeit-Online-Feature zum Thema Desktops vom vergangenen Wochenende. Dies ist mein Desktop in diesem Moment.

Flow Rate per Unit Area

Es ist interessant, sich selbst zu beobachten, wenn die Zeit knapp und der Raum eng wird. Eine Reise in der vollends überfüllten Bahn. Ein Monat, der keine unverplanten Stunden enthält, in dem die Suche nach der eigenen Sprache und die Auseinandersetzung zur Ruhe gezwungen sind. Wenn es wirklich und tatsächlich keinen Raum gibt für irgendetwas anderes, dann ist die Reaktion der Rückzug in das Innere, die zu großer Dichte aufgewickelte Dimension.

Das Innere: das Glück und die Fähigkeit, Gedanken haben zu können. Ein gedrucktes Kleinformat in der Innentasche der Jacke zu wissen. Ein Device mit Speichermedium und Interface, gleichermaßen auszulesen und zu beschreiben. Ein verhallter Chord, ein Buch, alle Ideen einer Zeit, das Instapaper-Backlog, Skizzen, ein Magazin, your private stash of words and fragments and lists and records and scraps and images, Material für die nächste Schicht.

Es bedeutet keine Unabhängigkeit vom Mangel an Zeit und Raum. Doch es bedeutet die Option, in einer weiteren Dimension zu skalieren, shrouded from everything and yourself.

Formative Strukturen

Die Missverständnisse der groben Bauweise: sie sei lebensfeindlich, unproportioniert und abstoßend. Ihren Oberflächen fehle es an Finish, zu Industriell und funktional, als dass hier jemand Freude empfinden könnte. Brutalismus hat einen schlechten Ruf. Seine Bemühungen um Schönheit, einfache Antworten und die Eleganz der Linie machen seinen Kern aus, sie sind konsequent auf die Struktur des Entwurfs gerichtet, nicht auf dessen nachträgliche Verkleidung.

In diesem Sinne hätten Rainer Veil den Titel für ihr zweites1 Release – New Brutalism – nicht treffender wählen können. Denn ihr ästhetischer Entwurf ist konzentrierte Struktur, im Mikro (in den Tracks) wie im Makro (in der Dramturgie der Platte). Auch hier: Grobe Bauweise. Rainer Veil schichten und konfrontieren Parts auf modulhafte Weise, gleichermaßen in sich geschlossen und auf die folgenden Formen verweisend.

Dabei bleibt die Arbeit von Liam Morley und Dan Valentine in allen fünf Tracks einem atmosphärischen Gebiet verbunden, und damit angeschlossen an das große Thema des vergangenen Jahres. Es ist die überproportionale Tiefe des Raumes, die Monumentalität der Fläche, in der die disparaten Vorschläge dieser EP ihr Fundament finden. Das gilt für den sonnenwarmen Beton in Strangers wie für das straighte Amen Break in Three Day Jag, dem ebenso spartanisch2 wie hyperpräzise konstruierten Hit der Platte. Run Out erlaubt schließlich den Weg zurück durch die zuvor passierten Strukturen und gibt den weiten Blick frei – ein Foyer, gewissermaßen.

Fokus, die Abwesenheit jeglicher Ornamentierung, der nicht nachgebende Wille zu struktureller Schönheit. New Brutalism indeed.

  1. Release eins, die deutlich humanistischer geratene Struck EP, ist ebenfalls unbedingt zu empfehlen.
  2. Ich wähle dieses Wort als unzulänglichen Ersatz für den sehr viel treffenderen englischen Begriff austere.
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