electric
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electricgecko ist eine sehr subjektive Publikation über Gestaltung, Musik und das Leben in der Stadt. Beiträge erscheinen unregelmäßig.

Diese Seite begleiten ein visueller Stream of Consciousness, ein Flickr-Account und eine lose Reihe von Mixtapes.

SHDW - 19/09/2014
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19/09/2014 — Miami

Psychological Bar Reviews (1)

Delicately swooping lines in framed portrait drawings (all of them signed with “J.A.”) are contrasted by floor tiles that have been jointed with maximum accuracy. While the latter make up a neat grid, the former are distributed across the two-storey space in erratic fashion.

Ivory white dominates. Floor, walls and the marble counter – all shine freshly scrubbed. The mezzanine floor is lined with cast iron railing, its walls sporting further efforts from the steady hands of “J.A.”. A faint smell of cardamon lingers. The place feels vaguely colonial.

Patrons line the bar, opposed by a team of bulky bartenders, going about their business in bustling fashion. No fewer than two red T-Shirts and the simply flavoured drinks somewhat betray the room’s visual quality. A young woman and her date are seated in plain sight. On her left shoulder, a greenish blob of a bear is chasing a red balloon into great unknown plains.

  • Ramona, Green Point, New York.

Purposefully searching out the non-places of urban infrastructure. Not hidden behind walls and in concrete caves, but shrouded in plain sight. Resting in the spaces untouched by most eyes. The beauty and elegance of mute colours and mundane appearances, apparent to everyone with a heart to see and a trained perception to witness. (Berlin 2/8)

Irreversibel

Ich mag den Begriff Malerei, weil er neben seiner Trennschärfe als Genrebezeichnung auch eine taumelnde Unbestimmtheit enthält. Malerei liegt mir nah, als Orientierung in zwei Dimensionen mit welchen Mitteln auch immer. Dennoch geschieht es vergleichsweise selten, dass mich eine Serie ausgestellter Gemälde über einen längeren Zeitraum beschäftigt.1 Anders während meines Besuches in Leipzig, am Ende des vergangenen Jahres.

In einer menschenleeren Mærzgalerie (der graue Sonntag) geriet ich in die Irreversibel betitelte Ausstellung von Clemens Tremmel. Seinen Arbeiten war der kaum zwei Meter breite Seitenflügel der Galerie gewidmet. Tremmel füllte ihn mit Wucht und Nachdruck: Es ist Landschafts- und Stimmungsmalerei, weit, saturiert, schwer und straight romantisch. Sie trifft auf schwarze Rechtecke, Löcher und eingefügte Stahlplatten. Die Motive sind durch das Übermalen, die Entnahme oder sonstige Prozessierung einzelner Bildbereiche gelöscht und verarbeitet. Die Vorstellung einer verklärten organischen Umgebung wird mit ihrer eigenen Kontingenz konfrontiert.

Clemens Tremmels Interventionen in seinen eigenen Bilder sind nicht Abwesenheiten oder Leerstellen, sie sind Teile der Umwelt, Glitches in ihrer Repräsentation. Als Kontingenz-Marker legen sie die vielen Ebenen der Konstruiertheit offen, aus denen das Bilder-Machen und Bilder-Betrachten besteht. Es führt kein Weg hinter diese Einsicht zurück. Das ist ein riskanter Move, und dass er bei Clemens Tremmel so gut funktioniert, hat mit dem handwerklichen Niveau der Bilder zu tun. Caspar David Friedrich (als Klischee eines historischen Kontexts) aufrichtig zu zitieren, setzt großen Ernst und hartes Können voraus.2 Ebenso zentral ist es, dass Tremmel seine Interventionen – Flächen, Materialentnahmen, Stahlplatten – mit chirurgischer Präzision ausführt. Sie sind rigide und entschieden, ihrerseits scheinbar keiner Kontingenz unterworfen.

Diese Qualität setzt der Künstler in Ur fort – einer Ausstellung, die aktuell bei Morgen Contemporary in Berlin zu sehen ist. Hier findet sich Tremmels bewusstes Eingreifen in die Ganzheitlichkeit der Bilder (Sophie A. Gerlach im Ausstellungstext) in der Materialwahl: er malt auf verkratztem und anderweitig bearbeitetem Aluminium und verbindet die Materialität des Bild-Objekts mit den diffusen Nebeln und Lichtern des nordischen Himmels.

Meine Begeisterung für Clemens Tremmels malerischen Ansatz ist groß – ebenso der Wunsch, eine Arbeit wie Im Gebirge (3) in meine unmittelbare Lebensumgebung zu integrieren.

  1. Im Bezug auf tatsächlich zeitgenössische Malerei – von Kippenberger und Serra ist also nicht die Rede – war es zuletzt vermutlich die Atlas-Serie von Dragan Prgomelja und nicht wenige Arbeiten von David Ostrowski.
  2. Clemens Tremmel ist der Träger des Caspar-David-Friedrich-Preises 2013.

1974

Es gibt einen Grundsatz für die Animation von Special Effects: große Dinge bewegen sich langsam. Je größer ein Raumschiff, desto langsamer sind seine Maneuver. Je massiver die Explosion, desto zeitlupenartiger bersten die Einzelteile des vergehenden Planeten durch das All. Langsamkeit ist in der Lage, Gewicht und Dichte zu suggerieren – das gilt für visuelle CGI wie für Musik (c.f. Andy Stott).

Es ist diese massive Langsamkeit von Psychic, die der Debut-Platte des Duos Jaar/Harrington ihre Gravitas verleiht. Sie findet ihren Ausdruck in der Anwendung des unaufhaltsamen, sequentiellen Vorwärts des Krautrock auf ein technisiertes Hier Und Jetzt. Psychic ist ein Album voller programmierter Grooves, so langsam und nachdrücklich als bewege sich Leviathan in karibischem Wasser um die eigene Achse. Wir betrachten versonnen Spiegelungen der Sonne auf den Wellen, und massive Wärme sinkt vom ultramarinen Himmel.

Psychedelia, Krautrock, kurz vor Mitte der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Nach vorn, nach oben.

Psychic trifft seinen ästhetischen Moment: das Ende der Fiktion der Moderne, die Auflösung ihrer schlanken Eleganz in Breite und Nachdruck im Heck des Maserati Merak (1972). Filz und Pelz und die Revers von Joseph Beuys (1974) in der Kollektion für Herbst und Winter 2014 von Siki Im. Die Ablehnung der Ökonomie, die nachlässige Breite dieser Referenzen erscheint im Jahr 2014 wieder sinnvoll und passend. 1974 ist das zu samplende Jahr, und Nicolas Jaar wusste das früher und besser als wir.

Psychic könnte nicht treffender betitelt sein, sein Artwork nicht richtiger, seine Wucht und sein Tempo nicht zeitgemäßer. Es ist eine Platte für den dunklen Sommer: Sleazy, breit, schwer. Und da es sich um Krautrock handelt, findet sie erst mit dem letzten Track zu ihrem Höhepunkt. METATRON ist ein maximal volles und präzises Stück. Musik von derart zeitlupenartiger Wucht, dass ihr Titel nur in Versalien korrekt buchstabiert erscheint.

Psychic ist ästhetischer Zeitgeist, formuliert als Popmusik, Hits, interessant und neu. Ich halte dieses Album für eines der besten der letzten Jahre.

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